{"id":19746,"date":"2013-11-11T14:30:38","date_gmt":"2013-11-11T14:30:38","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19746"},"modified":"2013-11-11T14:30:38","modified_gmt":"2013-11-11T14:30:38","slug":"aufstand-am-ende-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19746","title":{"rendered":"Aufstand am Ende der Welt"},"content":{"rendered":"<p>Die Landwirte in der Bretagne f\u00fchlen sich von der Regierung in Paris im Stich gelassen. Ihre Betriebe sterben, ihre Wut richtet sich auch gegen Europa \u2013 und gegen Deutschland, mit seinen Werkvertragsarbeitern aus dem Osten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Der Bummelzug h\u00e4lt inmitten von Ackerland. Ein Bahnhofsgeb\u00e4ude gibt es nicht, nicht einmal einen Unterstand f\u00fcr wartende Reisende. Nur ein windschiefes blaues Schild: \u201eGuimiliau\u201c. \u201eBienvenue\u201c, ruft da schon B\u00fcrgermeister Jean-Marc Puchois. Willkommen am Ende der Welt, \u201efinis terrae\u201c, wie die alten R\u00f6mer diesen Landstrich am Westzipfel Frankreichs tauften. Finist\u00e8re ist daraus in modernem Franz\u00f6sisch geworden, ein D\u00e9partement mit einem aus Paris entsandten Pr\u00e4fekten, der genau wie die r\u00f6mischen Besatzer in \u201eAsterix und Obelix\u201c die Bewohner nicht recht versteht. Das erz\u00e4hlt B\u00fcrgermeister Puchois, ein drahtiger fr\u00fcherer Marineoffizier, Anfang 50, als er sein Auto vor dem schmucken, wei\u00df get\u00fcnchten Rathaus von Lampaul-Guimiliau geparkt hat. Nie h\u00e4tte er sich tr\u00e4umen lassen, dass er einmal auf die Barrikaden gehen w\u00fcrde, sagt er. Bis das Drama mit Gad begann.<\/p>\n<p>Louis Gad ist einer der gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Bauern, die schon immer des Dorfes ganzer Stolz waren. Wo heute die Apotheke steht, schlachtete er nach dem Krieg Schweine, erst wenige, dann immer mehr, in Lastwagen karrten die Z\u00fcchter aus der Umgebung die Tiere heran. Das Unternehmen \u201eGad\u201c wuchs und wuchs. Auf 22 Hektar erstreckt sich heute das Firmengel\u00e4nde, l\u00e4ngst ein Dorf im Dorf, mit Schlachthof, moderner Kl\u00e4ranlage und Hallen, in denen das Fleisch ger\u00e4uchert, gep\u00f6kelt, eingefroren oder anders weiterverarbeitet wird. Eine bretonische Erfolgsgeschichte, die Ende November abrupt endet. Der Schlachthof wird geschlossen, die 890 Besch\u00e4ftigten werden entlassen. \u201eDas haben die neuen Besitzer entschieden. Denen sind wir egal, die schreiben unseren Firmennamen G.A.D, weil sie nicht einmal wissen, dass der Gr\u00fcnder so hei\u00dft\u201c, sagt Alexandra. \u201eSechs Jahre Gad\u201c habe sie auf dem Buckel. Die junge Frau steht rauchend vor der Mehrzweckhalle, in der sie sich noch einmal treffen, die Gad-Besch\u00e4ftigten, geschlagen, aber kampflustig.<\/p>\n<h2>Der unfaire Wettbewerb mit deutschen Schlachth\u00f6fen<\/h2>\n<p>Wochenlang hatten die Mitarbeiter auf dem Parkplatz vor dem Betriebsgel\u00e4nde gezeltet, am Abend Spanferkel gegrillt und gehofft, dass ihre Blockade die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung umstimmt, dass Rettung kommen m\u00f6ge, vielleicht sogar aus Paris. Doch niemand kam, selbst die sozialistische Ministerin Marylise Lebranchu, deren Wahlkreis in Morlaix nur 20 Kilometer entfernt liegt, lie\u00df sich bitten, und als sie endlich da war, \u201e30 Minuten, nicht viel l\u00e4nger\u201c, stand das Aus f\u00fcr den Schlachthof schon fest. Nat\u00fcrlich haben sie sich rote M\u00fctzen aufgesetzt und in Quimper protestiert mit allen anderen, die um ihre Zukunft in der Bretagne f\u00fcrchten, sagt Rachel, die ihre rote Kopfbedeckung nicht mehr absetzt. Lampaul-Guimiliau sei nur der Anfang. \u201eEin Dorf nach dem anderen wird aufbegehren, die ganze Bretagne und vielleicht ganz Frankreich\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Schon haben sie Kontakte gekn\u00fcpft mit den anderen Betrieben in der Umgebung, denen es schlecht geht, mit den Leuten von \u201eTilly Sabco\u201c, einem Gefl\u00fcgelproduzenten, der einen Sozialplan angek\u00fcndigt hat, den Besch\u00e4ftigten von \u201eMarine Harvest\u201c, dem Lachsfabrikanten, denen auch die Entlassung droht, und nat\u00fcrlich mit den Mitarbeitern des insolventen H\u00fchnerfabrikanten Doux. L\u00e4ngst geht es nicht mehr um die \u00d6kosteuer genannte Lastwagenmaut, sondern um die Zukunft einer ganzen Region, die sich von der Regierung alleingelassen f\u00fchlt.<\/p>\n<p>\u201eWir stehen zusammen, egal, was kommt\u201c, ruft B\u00fcrgermeister Puchois den etwa 400 M\u00e4nnern und Frauen der Gad-Belegschaft zu, die in der Halle eng gedr\u00e4ngt auf Plastikst\u00fchlen sitzen und mit wildem Klatschen zustimmen. Einige haben ihre Kinder mitgebracht und Stifte und Malhefte, die meisten ihren letzten Lohnzettel und viele Fragen. \u201eNiemand von uns will die H\u00e4nde in den Scho\u00df legen und auf Almosen vom Staat warten. Wir wollen arbeiten, einfach nur arbeiten\u201c, sagte Jo\u00eblle, 51 Jahre alt, davon 17 Jahre bei Gad. Sie steht dem Verein \u201eRettet Lampaul\u201c vor, der sich als gro\u00dfes Selbsthilfe-Netzwerk versteht. Sie und andere Ehrenamtliche organisieren Rechtsberatung und Hilfen bei der Jobsuche, aber auch einfach nur Treffen bei Kaffee und bretonischen Kuchen, \u201edamit niemand sich alleingelassen f\u00fchlt\u201c. B\u00fcrgermeister Puchois \u00fcbergibt der Vereinsvorsitzenden einen Scheck \u00fcber 1.000 Euro, den haben die <i>Anciens Combattants<\/i>, die Kriegsveteranen von Lampaul, gespendet. \u201eDabei sind sie nur noch zwei Dutzend\u201c, sagt er. Dann spricht er \u00fcber Europa und dass gerade die Bretonen mit \u201edieser sch\u00f6nen Idee\u201c etwas anderes im Sinn hatten als \u201eunfairen Wettbewerb\u201c. Die Werkvertragsarbeiter aus dem Osten, die an deutschen Schlachth\u00f6fen f\u00fcr drei oder vier Euro Stundenlohn schuften, seien dabei, die bretonischen Schlachtbetriebe zu ruinieren, ja den ganzen Agrarzweig, klagt er an \u2013 und wieder wird heftig geklatscht.<\/p>\n<h2>Wie gef\u00e4hrliche Gewaltverbrecher behandelt<\/h2>\n<p>Auf die Konkurrenz aus Deutschland ist auch Sebastien Cueff nicht gut zu sprechen, obwohl er dort die meisten der Agrarmaschinen und Ger\u00e4tschaften bezieht, mit denen er handelt. \u201eDie Zukunft der Agrarwirtschaft in der Bretagne ist d\u00fcster\u201c, sagt der junge Unternehmenschef. Das liege nicht nur an den deutschen Billigl\u00f6hnen, mit denen \u201ewir einfach nicht mithalten k\u00f6nnen\u201c, sondern auch an der Regierung in Paris, die aus der Bretagne lieber ein Ferienidyll mit ein paar Kleinbauern \u201ewie im Museum\u201c entwickeln wolle. Der Standort Bretagne mit intensiver, moderner Viehwirtschaft aber werde systematisch kaputtgemacht, sagt Cueff und zeigt auf den benachbarten Gad-Schlachthof. Als in der N\u00e4he die erste Kontrollstation f\u00fcr die Lastwagenmaut aufgestellt wurde, sei ihm der Kragen geplatzt. Zusammen mit seinem Bruder ging Unternehmer Cueff protestieren, auf der Nationalstra\u00dfe nahe der Kontrollstation, die von einigen Demonstranten schwer besch\u00e4digt wurde.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Jetzt sitzt Cueffs Bruder Mikael im Werksb\u00fcro. Wo noch vor zwei Wochen seine rechte Hand war, ist ein wei\u00dfer Verband \u00fcber den Armstumpf gewickelt. Eine Tr\u00e4nengasgranate, die nerv\u00f6se Gendarmen in die protestierende Menge schleuderten, hat Mikael Cueff getroffen und seine Hand zerfetzt. Er habe die hinter ihm stehenden Kinder sch\u00fctzen wollen, sagt Mikael, der nicht im Familienunternehmen arbeitet. \u201eIch war ja nur aus Solidarit\u00e4t mit meinem Bruder da, aber die Gendarmen sind auf uns losgegangen, als seien wir gef\u00e4hrliche Gewaltverbrecher.\u201c Vater Ren\u00e9 Cueff hat auch im geheizten B\u00fcro seine rote M\u00fctze aufbehalten, er hat das Unternehmen gegr\u00fcndet, \u201eimmer meine Steuern und Sozialabgaben gezahlt\u201c, aber jetzt ist er au\u00dfer sich vor Wut auf den Staat. \u201eKein Wort der Entschuldigung oder des Mitleids\u201c habe der Pr\u00e4fekt gefunden, sagt er, und lediglich darauf verwiesen, dass er \u201ein laufende Ermittlungen\u201c nicht eingreife.<\/p>\n<h2>Mit neuen Vorschriften aus Paris zugrunde gerichtet<\/h2>\n<p>Nur die Leute von Lampaul-Guimiliau und andere wildfremde Bretonen h\u00e4tten spontan ihre Solidarit\u00e4t bekundet und sich ersch\u00fcttert gezeigt vom Schicksal seines Sohnes, der seine vier Jahre alte Tochter nun nicht mehr mit beiden H\u00e4nden in den Arm schlie\u00dfen kann. \u201eAber Sie werden sehen, wir werden uns wie ein Block aus Granit der Regierung entgegenstellen, die uns immer neue Steuern abpressen will\u201c, sagt Vater Cueff und l\u00fcftet die rote M\u00fctze.<\/p>\n<p>Die Kirche von Lampaul-Guimiliau, eine der ber\u00fchmten, mit Granitmauern umfriedeten Pfarranlagen, stand schon, als die Bretonen 1675 zum ersten Mal rote M\u00fctzen aufsetzten und gegen die Steuermarken (\u201epapier timbr\u00e9\u201c) protestierten, die der Finanzminister K\u00f6nig Ludwig XIV. ausgeheckt hatte. B\u00fcrgermeister Puchois will in dem stolzen Kirchenbau ein Wahrzeichen f\u00fcr die unersch\u00f6pfliche Anpassungsf\u00e4higkeit seiner Kommune sehen. \u201eErst hat uns der Tuchhandel gro\u00dfen Reichtum beschert, sp\u00e4ter waren es die Gerbereien, dann sicherten Schweinezucht und Fleischverarbeitung unseren Wohlstand. Es muss uns etwas Neues einfallen\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Dem jungen Schweinez\u00fcchter Florian Abgrall aber ist bislang nichts eingefallen, \u201enur der Regierung sind immer neue Vorschriften eingefallen, die uns langsam zugrunde richten\u201c, sagt er. Vor f\u00fcnf Jahren hat er den elterlichen Hof \u00fcbernommen und die Stallungen renoviert. Es riecht nicht mehr nach Schwein, und \u201eniemand kann behaupten, dass wir die Fl\u00fcsse und das Grundwasser verpesten, alles ist kontrolliert\u201c. Nur die neuen, noch strengeren Richtlinien der Regierung k\u00f6nne er nicht einhalten, ohne in eine neue Kl\u00e4ranlage zu investieren. \u201eDaf\u00fcr muss ich einen hohen Kredit aufnehmen\u201c, sagt Abgrall und spricht vom Teufelskreis aus niedrigen Einnahmen und hohen Kreditzinsen, in den so viele bretonische Landwirte geraten seien. Sein Vertrauen in den sozialistischen Landwirtschaftsminister St\u00e9phane Le Foll sei \u201egleich null\u201c.<\/p>\n<h2>\u201eHandeln, aber nicht schwatzen\u201c<\/h2>\n<p>Zwar habe der Minister ein Haus ganz in der N\u00e4he, aber \u201edas ist eine Ferienresidenz mit ein paar Hippiebauern rundherum\u201c, sagt Abgrall. F\u00fcr die echten Landwirtschaftsbetriebe aber interessiere sich der Minister nicht. \u201eSeit Jahren haben wir Schweinez\u00fcchter einen schlechten Ruf. Uns macht man f\u00fcr die Algenpest verantwortlich\u201c, sagt der Landwirt. Die Regierung r\u00fchre sich auch deshalb nicht. Mit anderen Mitgliedern der Landwirtschaftsgewerkschaft FNSEA will Abgrall sich gegen das langsame Sterben seines Berufs aufb\u00e4umen. \u201eAuch wenn wir nach Paris ziehen m\u00fcssen, ich bin dabei\u201c, sagt er, reibt die schwieligen H\u00e4nde und grinst: \u201eIch kann auch nicht ausschlie\u00dfen, dass ich Marine Le Pen w\u00e4hle, nur damit die in Paris mal aufwachen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir haben immer brav f\u00fcr Europa gestimmt, und das haben wir jetzt davon\u201c, sagt Yvonne, deren Blumengesch\u00e4ft nicht weit von der Kirche von Lampaul liegt. Sie kreidet es der \u201edeutschen Dominanz\u201c an, dass die bretonischen Betriebe darben. Eigentlich wollte sie eine Verk\u00e4uferin einstellen, aber daran sei jetzt gar nicht mehr zu denken nach der Schlie\u00dfung des Schlachthofes. \u201eDie Gad-Besch\u00e4ftigten sind meine Hauptkundschaft\u201c, sagt sie, w\u00e4hrend sie einen Strau\u00df Rosen mit Seidenpapier umh\u00fcllt. Touristen w\u00fcrden keine Blumen kaufen, ohnehin seien sie nur im Sommer da. \u201eWir wissen nicht, wie es jetzt weitergehen soll\u201c, sagt sie. \u201eIch habe Angst, dass die Kunden ausbleiben\u201c, sagt auch Christine, die einen Friseursalon in Lampaul betreibt. Arbeitslose w\u00fcrden auf alle \u00fcberfl\u00fcssigen Ausgaben verzichten, und leider geh\u00f6re der Friseurbesuch f\u00fcr viele auch dazu. \u201eSchauen Sie\u201c, und sie zeigt auf drei Frauen, die unter gro\u00dfen F\u00f6hnhauben sitzen, \u201ealles Gad-Besch\u00e4ftigte.\u201c Auch sie hat von den Billiglohnarbeitern in Deutschland geh\u00f6rt und spricht von Anstand und W\u00fcrde und dass sie nicht wolle, dass \u201esolche Verh\u00e4ltnisse bei uns einkehren\u201c. Die Regierung, findet sie, m\u00fcsse da etwas tun. \u201eWof\u00fcr haben wir sonst Europa gegr\u00fcndet?\u201c<\/p>\n<p>B\u00fcrgermeister Puchois aber will Ideen sammeln, wie das Schlachthofgel\u00e4nde genutzt werden kann. \u201eTevel hag hober\u201c, sagt er, laute die Devise von Lampaul auf Bretonisch: \u201eHandeln, aber nicht schwatzen.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/bretagne-aufstand-am-ende-der-welt-12657320.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/bretagne-aufstand-am-ende-der-welt-12657320.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Landwirte in der Bretagne f\u00fchlen sich von der Regierung in Paris im Stich gelassen. 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