{"id":19555,"date":"2013-11-04T15:20:11","date_gmt":"2013-11-04T15:20:11","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19555"},"modified":"2013-11-04T15:20:11","modified_gmt":"2013-11-04T15:20:11","slug":"nicht-nur-fur-gekronte-haupter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19555","title":{"rendered":"Nicht nur f\u00fcr gekr\u00f6nte H\u00e4upter"},"content":{"rendered":"<p>Auf fast allen Gebieten setzte der vor einem halben Jahrhundert vorgestellte Mercedes-Benz 600 neue Standards. Eine Sternstunde sozusagen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die Daimler-Benz AG, stets vornehmer Zur\u00fcckhaltung verpflichtet, lie\u00df diesmal f\u00fcnfe gerade sein: \u201eDer Mercedes-Benz 600 ist das technisch fortschrittlichste Automobil unserer Zeit\u201c, hie\u00df es vollmundig in einem Prospekt. Eine solch offensive Feststellung des honorigen Hauses aus Stuttgart-Untert\u00fcrkheim mag verwundert haben. Noch erstaunlicher freilich war, dass niemand widersprach. Im Gegenteil. Fachleute rund um den Erdball waren sich schnell einig, dass dies m\u00e4chtige, intern W 100 genannte Monument auf vier R\u00e4dern nicht nur das technisch Machbare verk\u00f6rperte, sondern seine gl\u00fccklichen Besitzer mit h\u00f6chstem Komfort, feinster Verarbeitung sowie enormer Leistung bei souver\u00e4nem Fahrverhalten verw\u00f6hnte. Fast folgerichtig ging der inoffizielle, aber eben auch klangvolle Titel \u201eBest Car in the World\u201c von Rolls-Royce an den \u201eGro\u00dfen Mercedes\u201c \u00fcber, wie der schw\u00e4bische Autobauer sein Prunkst\u00fcck in Anlehnung an den von 1930 bis 1943 gebauten 770 (W 07 bzw. W 150) nannte.<\/p>\n<p>Vorgestellt im September 1963 anl\u00e4sslich der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt am Main, r\u00fcckte der pomp\u00f6se Deb\u00fctant sofort in den Mittelpunkt. Seine betont sachliche, glattfl\u00e4chige Au\u00dfenhaut mit ihrer niedrigen G\u00fcrtellinie und den schw\u00fclstigen Chrom-Ornamenten orientierte sich stilistisch am kurz zuvor gezeigten Mercedes-Benz 230 SL und war, wie der sportliche Zweisitzer, das Werk von Karosserie-Versuchschef Karl Wilfert sowie den Designern Friedrich Geiger und Paul Bracq. Wirklich aufregend aber ging es unter dem selbsttragend ausgelegten, mit der Rahmenbodenanlage verschwei\u00dften Blechkleid zu.<\/p>\n<h2>Der \u201eGro\u00dfe Mercedes\u201c<\/h2>\n<p>Die Mercedes-Konstrukteure hatten alle Register gezogen und dem 600 ein hochkar\u00e4tiges V8-Triebwerk spendiert, das &#8211; hochtouriger ausgelegt &#8211; jedem Spitzensportwagen zur Ehre gereicht h\u00e4tte. Zur Ventilsteuerung stand eine obenliegenden Nockenwelle je Zylinderbank bereit, die Gemischaufbereitung \u00fcbernahm eine Saugrohreinspritzung von Bosch, und die Leistung des 6,3-Liter-Aggregats wurde mit 250 DIN-PS bei gelassenen 4000 Umdrehungen pro Minute angegeben &#8211; genug f\u00fcr eine H\u00f6chstgeschwindigkeit von gut 200 km\/h. Eine Viergang-Automatik mit hydraulischer Kupplung, ein Sperrdifferential, eine Zweikreis-Scheibenbremsanlage mit Druckluft-Bremshilfe sowie eine aufwendige Luftfederung mit Niveauregulierung und w\u00e4hrend der Fahrt verstellbaren Teleskop-Sto\u00dfd\u00e4mpfern waren weitere Merkmale des Mercedes 600.<\/p>\n<p><!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Stichwort Druckluft und \u201eKomfort-Hydraulik\u201c (so die Mercedes-Terminologie). Durch den Organismus des 600 zog sich ein mehrere hundert Meter dichtes Geflecht aus \u00d6l- und Luftdruckleitungen, das mittels Pumpen und Kompressoren das Leben der Passagiere erleichterte. Es zog die T\u00fcren und den Kofferdeckel ins Schloss (um sie pneumatisch zu verriegeln und zu \u00f6ffnen), hob und senkte die Seitenfenster, bewegte Sitze, Schiebedach und Bel\u00fcftungsklappen. Erg\u00e4nzt wurde dieses komplexe System durch zahlreiche elektronische Helfer, deren Stromversorgung zwei Drehstromgeneratoren mit je 490 Watt sicherten.<\/p>\n<h2>Enormer Prestigegewinn<\/h2>\n<p>Den in Handarbeit zusammengef\u00fcgten, auf Wunsch gepanzerten \u201eGro\u00dfen Mercedes\u201c gab es serienm\u00e4\u00dfig als viert\u00fcrigen, 5,54 Meter langen F\u00fcnfsitzer sowie als noch gewaltigere, sieben- bis achtsitzige Pullman-Limousine, die sich auf 6,24 Metern streckte und schon bald auch mit sechs T\u00fcren zu haben war. Das f\u00fcr Staatsoberh\u00e4upter und Potentaten gedachte, Landaulet genannte Halb-Cabriolet auf Basis der Langversion war dagegen nur auf Bestellung lieferbar. Als die Serienfertigung des 600 1964 anlief, schlugen der F\u00fcnfsitzer bei uns mit 56.500 Mark und der Pullman mit 63.500 Mark zu Buche. Das war viel Geld &#8211; damals, als ein gehobener Mercedes 200 10 800 Mark kostete. 1979, als der bis Mai 1981 gebaute 600 letztmals in den Preislisten auftauchte, wurden 141 232 Mark f\u00fcr die Normalausf\u00fchrung und 171.920 Mark f\u00fcr den Sechst\u00fcrer aufgerufen.<\/p>\n<p>Insgesamt entstanden bei Mercedes 2190 Normal- und 428 Stretch-Limousinen, 59 Landaulets sowie zwei Coup\u00e9s. Obwohl ein Zuschussgesch\u00e4ft, d\u00fcrfte die Daimler-Benz AG durch den enormen Prestigegewinn dennoch auf ihre Kosten gekommen sein: K\u00f6nigsh\u00e4user, Staatsm\u00e4nner und Diktatoren, der Stellvertreter Gottes auf Erden, Playboys, Filmstars und Showgr\u00f6\u00dfen schm\u00fcckten sich neben betuchten B\u00fcrgern mit einem \u201eGro\u00dfen Mercedes\u201c. Mindestens mit einem: Mao Tse-tung best\u00fcckte seinen Fuhrpark mit gleich elf Exemplaren. Kapitalismus kann eben sehr reizvoll sein.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/technik-motor\/auto-verkehr\/mercedes-benz-600-nicht-nur-fuer-gekroente-haeupter-12645797.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/technik-motor\/auto-verkehr\/mercedes-benz-600-nicht-nur-fuer-gekroente-haeupter-12645797.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf fast allen Gebieten setzte der vor einem halben Jahrhundert vorgestellte Mercedes-Benz 600 neue Standards. 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