{"id":19553,"date":"2013-11-02T15:19:44","date_gmt":"2013-11-02T15:19:44","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19553"},"modified":"2013-11-02T15:19:44","modified_gmt":"2013-11-02T15:19:44","slug":"es-muss-nicht-gleich-das-skalpell-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19553","title":{"rendered":"Es muss nicht gleich das Skalpell sein"},"content":{"rendered":"<p>Standortbestimmung in Berlin: Noch immer erhalten zu wenige Patienten mit R\u00fcckenschmerzen eine sanfte Medizin.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die Orthop\u00e4den sehen sich dem hartn\u00e4ckigen Vorwurf ausgesetzt, zu viel zu operieren. Lange Zeit standen vor allem die hohen Versorgungszahlen f\u00fcr H\u00fcfte und Knie in der Kritik, inzwischen ist es die Vielzahl an Wirbels\u00e4ulenoperationen. W\u00e4hrend die Implantation von H\u00fcft- und Kniegelenken seit f\u00fcnf Jahren auf hohem Niveau stagniert, haben sich die Wirbels\u00e4ulenoperationen in den vergangenen acht Jahren mehr als verdoppelt. Nach einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion vom vergangenen August wurden im Jahr 2011 insgesamt 734 644 Eingriffe an der Wirbels\u00e4ule vorgenommen. Im Jahr 2005 waren es \u201enur\u201c 326 962 Operationen. Die Daten aus einem Versorgungsatlas der Krankenkasse AOK malen ein \u00e4hnliches Bild.<\/p>\n<p>Der diesj\u00e4hrige Kongress f\u00fcr Orthop\u00e4die und Unfallchirurgie in Berlin reagiert auf die Vorw\u00fcrfe mit einem Pl\u00e4doyer f\u00fcr die konservativen Verfahren. Die Patienten sollten erst dann operiert werden, wenn die M\u00f6glichkeiten der Physio- und Schmerztherapie ausgesch\u00f6pft seien, sagte Bernd Kladny, Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Orthop\u00e4die und Orthop\u00e4dische Chirurgie in Berlin. Mit Kladny steht zum ersten Mal kein operativ t\u00e4tiger Orthop\u00e4de an der Spitze der einflussreichen Fachgesellschaft, sondern der Chefarzt einer Rehabilitationsklinik in Herzogenaurach.<\/p>\n<h2>Alles eine Frage der Bezahlung<\/h2>\n<p>Nach der Zusammenf\u00fchrung von Orthop\u00e4die und Unfallchirurgie habe es eine \u00dcberbetonung der Chirurgie gegeben, r\u00e4umt Kladny im Gespr\u00e4ch ein. F\u00fcr ihn ist der Griff zum Skalpell nur die zweite Wahl. \u201eWer nur operieren lernt, wird auch nur operieren.\u201c Daher m\u00fcsse bei der Weiterbildung zum Facharzt mehr Wissen zu konservativen Behandlungsverfahren vermittelt werden, so Kladny weiter. \u00c4hnlich hat sich Mitte des Jahres auch der Deutsche \u00c4rztetag ge\u00e4u\u00dfert. Es wurde beschlossen, die Vermittlung konservativer Verfahren \u00fcberall dort zu st\u00e4rken, wo sowohl konservativ behandelt als auch operiert wird. Kladny pl\u00e4dierte zudem f\u00fcr eine angemessene Verg\u00fctung konservativer Verfahren. \u201eWenn die Behandlung eines Patienten langer als drei Monate nicht besser bezahlt wird als ein Haarschnitt\u201c, sagte er, \u201eerschwert dies eine vern\u00fcnftige konservative Behandlung.\u201c Au\u00dferdem bestehe die Gefahr, dass die \u00c4rzte die Kosten f\u00fcr Medikamente und Physiotherapie wegen der \u00dcberziehung ihres Budgets selbst bezahlen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ein Schwerpunkt des diesj\u00e4hrigen Kongresses bildete auch die Versorgung der bis zu 35 000 Schwerverletzten in Deutschland. Dass das Niveau hierzulande recht hoch ist, hat mit den Traumanetzwerken und dem Traumaregister der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Unfallchirurgie zu tun. Das Traumaregister besteht seit zwanzig Jahren. Zum Jahresende werden sich alle an der Schwerverletzten-Versorgung beteiligten Kliniken einem der 39 regionalen Traumanetzwerke angeschlossen haben und ihre Daten an das Traumaregister melden. Damit wird es in Deutschland erstmals eine repr\u00e4sentative Darstellung der gesamten Schwerverletzten-Versorgung geben.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Dabei waren die Anf\u00e4nge des Traumaregisters durchaus holprig. In den ersten Jahren wurden lediglich einige Hundert Datenbl\u00e4tter per Hand eingegeben. Noch vor acht Jahren lag die Registrierung unter zehn Prozent. Die Meldungen schnellten erst mit der Einrichtung der Traumanetzwerke in die H\u00f6he. Die daran beteiligten Kliniken m\u00fcssen die von ihnen versorgten Schwerverletzten an das Traumaregister melden. Finanziert wird das Register \u00fcber die Beitr\u00e4ge der involvierten Kliniken. Derzeit nehmen 572 deutsche sowie einige ausl\u00e4ndische Krankenh\u00e4user aktiv an der Registrierung teil. Im Jahr 2012 wurden knapp 29 000 Meldungen abgegeben. \u201eIn den neunziger Jahren starb etwa jeder Vierte an den Folgen seiner schweren Verletzungen. Heute \u00fcberleben neun von zehn Schwerverletzten\u201c, sagte Reinhard Hoffmann von der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik in Frankfurt und Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Unfallchirurgie \u00fcber die Bilanz der Versorgung in Deutschland.<\/p>\n<h2>Erfahrungen mit dem Traumaregister<\/h2>\n<p>Die Erfolge f\u00fchrt Hoffmann auf den Vergleich der Kliniken untereinander und die Registerforschung zur\u00fcck. Das Traumaregister bietet den teilnehmenden Kliniken jederzeit die Gelegenheit, sich online \u00fcber ihre Ergebnisse zu informieren. Einmal j\u00e4hrlich erhalten die Krankenh\u00e4user zudem einen individuellen Jahresbericht, in dem ihre Resultate mit den Referenzwerten anderer Kliniken verglichen werden. Eine Klinik sehe dadurch, wo sie im bundesweiten Vergleich stehe, und sei so in der Lage, ihre Abl\u00e4ufe gezielt zu verbessern, sagte Hoffmann weiter. Durch die Auswertung der Registerdaten habe man zum Beispiel gelernt, dass mehr Schwerverletzte \u00fcberleben, wenn im Schockraum fr\u00fchzeitig eine Ganzk\u00f6rper-Computertomographie gemacht werde und wenn Rettungshubschrauber zum Einsatz k\u00e4men. Allerdings hat sich die Zeit zwischen dem Unfall und der Aufnahme in die Klinik seit dem Jahr 2001 nicht reduziert. Sie liegt nach wie vor im Schnitt bei 71 Minuten.<\/p>\n<p>Die Orthop\u00e4den wollen ihre Versorgungsqualit\u00e4t mit dem Endoprothesenregister verbessern, in das zurzeit die ersten realen Daten eingegeben werden. An dem Probebetrieb nehmen vierzig Kliniken teil. Vierzig weitere Kliniken stellen gerade ihre Systeme auf die Registrierung um. Im kommenden Jahre werden weitere 150 Kliniken hinzukommen. Vierhundert der knapp 1200 Kliniken, die hierzulande Prothesen implantieren, haben bereits Interesse bekundet. Die Teilnahme ist freiwillig. Joachim Hassenpflug vom Universit\u00e4tsklinikum Schleswig Holstein, Campus Kiel und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Register-GmbH, h\u00e4lt nichts von einem Zwangssystem. \u201eMit einer Teilnahmepflicht st\u00fcnden wir heute nicht da, wo wir stehen\u201c, sagte er im Gespr\u00e4ch. Hassenpflug glaubt nicht, dass sich die Kliniken auf Dauer der Registrierung entziehen k\u00f6nnen, weil die \u00d6ffentlichkeit diese Daten einfordern wird. Zugzwang entsteht auch durch das seit einem Jahr angebotene Zertifizierungssystem Endocert der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Orthop\u00e4die und Orthop\u00e4dische Chirurgie. Wer dort mitmachen will, muss nicht nur spezielle Anforderungen an die Ausstattung und die Sachkunde der \u00c4rzte erf\u00fcllen, sondern seine Daten auch an das Endoprothesenregister melden.<\/p>\n<h2>Register mit wenig Aufwand<\/h2>\n<p>F\u00fcr die Registrierung m\u00fcssen die Kliniken den Barcode aller implantierten Komponenten ablesen, einige Fragen beantworten und die Datens\u00e4tze in verschl\u00fcsselter Form an die Registerstelle senden. Dort werden sie mit den pseudonymisierten Patientendaten der Krankenkassen und einer weltweit einzigartigen Produktdatenbank abgeglichen. \u00dcber die fortlaufend aktualisierte Produktdatenbank kann jede implantierte Prothese genau identifiziert werden. Dadurch werden Materialschw\u00e4chen schnell zu erkennen sein. Die betroffenen Patienten k\u00f6nnen dann kontaktiert und \u00fcber die Probleme mit ihrer Prothese informiert werden. Aus dem Endoprothesenregister wird man auch ablesen k\u00f6nnen, welche Kliniken die eingebauten Implantate rascher wechseln m\u00fcssen als andere Kliniken. Nach einer Einarbeitungsphase sei der Aufwand f\u00fcr die beteiligten Einrichtungen gering, erkl\u00e4rt Hassenpflug, weil einige Daten direkt aus der Software der Kliniken herausgefiltert werden. Er ist auch der Ansicht, dass man mit dem Endoprothesenregister eine strukturierte Einf\u00fchrung von Implantaten begleiten k\u00f6nnte. Derzeit kann jedes Implantat, das eine CE-Kennzeichnung erhalten hat und damit f\u00fcr den deutschen Markt freigegeben worden ist, sofort und \u00fcberall verwendet werden. Es spricht einiges daf\u00fcr, neue Implantate zuerst in wenigen Kliniken testen zu lassen. Das Endoprothesenregister k\u00f6nnte die notwendige Auswertung \u00fcbernehmen. Allerdings hat jedes Register auch Grenzen. Man kann damit nicht feststellen, ob die Operation \u00fcberhaupt n\u00f6tig gewesen w\u00e4re. Den Vorwurf, zu schnell zum Skalpell zu greifen, k\u00f6nnen die \u00c4rzte mit einem Register nicht entkr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Eine Sitzung besch\u00e4ftigte sich auch mit der Unzufriedenheit vieler Patienten nach einem Kniegelenkersatz. J\u00f6rg Jerosch vom Johanna-Etienne-Krankenhaus in Neuss nannte \u00fcberzogene Erwartungen als wichtige Ursache. Die Zufriedenheit h\u00e4nge nicht von dem Prothesenmodell, dem Operationsverfahren oder dem gewonnenen Bewegungsumfang ab, sondern davon, ob das erreicht worden sei, was dem Patienten vor der Operation versprochen worden sei, so Jerosch in seinem Vortrag in Berlin. In der Vergangenheit seien von den Herstellern und Zeitungen immer \u00fcberzogenere Bilder vom Leben mit einem Kunstgelenk gezeichnet worden. Er verwies auf Fotos von Senioren, die mit einem k\u00fcnstlichen Kniegelenk Ski fahren oder einen Marathonlauf bestreiten. Aber auch die \u00c4rzte h\u00e4tten eine Mitschuld an den \u00fcberzogenen Erwartungen, so Jerosch in Berlin. Viele w\u00fcrden klare Aussagen vermeiden, damit sie keinen Patienten an eine andere Klinik verlieren. Der Orthop\u00e4de nannte einige realistische Ziele. Die Zeit bis zur vollen Rekonvaleszenz dauere nicht vier, sondern sechs Monate. Nur jeder zweite Patient sei mit einem k\u00fcnstlichen Kniegelenk v\u00f6llig schmerzfrei. Nur vierzehn Prozent der Patienten w\u00fcrden nach f\u00fcnf Jahren alle Aktivit\u00e4ten wie erwartet aus\u00fcben k\u00f6nnen. Und: Viele \u00e4ltere Patienten h\u00e4tten dauerhaft Schwierigkeiten, mit dem k\u00fcnstlichen Kniegelenk auf unebenem Boden zu gehen.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/operieren-orthopaeden-zuviel-es-muss-nicht-gleich-das-skalpell-sein-12638304.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/operieren-orthopaeden-zuviel-es-muss-nicht-gleich-das-skalpell-sein-12638304.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Standortbestimmung in Berlin: Noch immer erhalten zu wenige Patienten mit R\u00fcckenschmerzen eine sanfte Medizin.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[525,429],"tags":[374,292,293,266,1742],"class_list":["post-19553","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-medizin","category-wissen","tag-aok","tag-berlin","tag-bundesregierung","tag-deutschland","tag-herzogenaurach"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19553","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19553"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19553\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19553"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19553"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19553"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}