{"id":19549,"date":"2013-10-29T15:19:01","date_gmt":"2013-10-29T15:19:01","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19549"},"modified":"2013-10-29T15:19:01","modified_gmt":"2013-10-29T15:19:01","slug":"eine-frau-und-ihr-mannifest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19549","title":{"rendered":"Eine Frau und ihr Mannifest"},"content":{"rendered":"<p>Seit 25 Jahren entwirft V\u00e9ronique Nichanian die Herrenkollektion im Traditionshaus Herm\u00e8s. P\u00fcnktlich zum Jubil\u00e4um findet der Mann modisch seinen Platz genau dort, wo ihn die Designerin schon immer gesehen hat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">\u00dcberall in Paris kleben jetzt diese Plakate mit unbekleideten M\u00e4nnern, an jeder Stra\u00dfenecke, in gef\u00fchlt jeder U-Bahnstation. Die entbl\u00f6\u00dften Herren sind so allgegenw\u00e4rtig wie Selbstverst\u00e4ndlichkeiten, ihre Anmutung ist hochoffiziell. Doch wird da nicht auf einen Schuppen im Rotlichtviertel verwiesen, sondern auf die Ausstellung \u201eMasculine\/Masculine\u201c im stattlichen Pariser Mus\u00e9e d\u2019Orsay. Eine Ausstellung \u00fcber nackte M\u00e4nner ist selbst in Paris so ungewohnt wie der Anblick gutgekleideter M\u00e4nner auf der Stra\u00dfe. Zumindest Letzteres soll sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>\u201eIn der Bekleidung, die sie w\u00e4hlen, f\u00fchlen sich M\u00e4nner zunehmend wohler. Das sieht dann auch gut aus\u201c, sagt V\u00e9ronique Nichanian, Chefdesignerin des Herrenuniversums von Herm\u00e8s. Nichanian muss es wissen, sie ist ein Profi. Von M\u00e4nnerbildern hat sie ein besseres Verst\u00e4ndnis, als die meisten Herren es wohl selbst jemals haben werden. Kistenweise hortet Nichanian kleine M\u00e4nnerportr\u00e4ts, \u201e400 bis 500 sind es jetzt\u201c. Sie sammelt l\u00e4nger, als sie bei Herm\u00e8s arbeitet, und allein dort kommt sie auf 25 Jahre.<\/p>\n<h2>Die Mode entdeckt den Mann wie einst Kolumbus Amerika<\/h2>\n<p>V\u00e9ronique Nichanian, selbst Ende 50, feiert dieser Tage gewisserma\u00dfen Silberhochzeit beim franz\u00f6sischen Traditionshaus. Das Jubil\u00e4um hat eine besondere Bedeutung: \u201eAlle sprechen pl\u00f6tzlich \u00fcber M\u00e4nner\u201c, sagt sie und lacht herzlich. Das Gerede &#8211; dazu z\u00e4hlen auch die Aktportr\u00e4ts im Mus\u00e9e d\u2019Orsay oder die Mode, die den Mann gerade entdeckt wie einst Kolumbus Amerika &#8211; k\u00f6nnte seine Spuren hinterlassen: Wie der Mann sich selbst sieht, wie er mit seiner Gestalt umgeht und was er damit aussagen m\u00f6chte, \u00e4ndert sich gerade.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>F\u00fcr Nichanian ist der Mann nach 25 Jahren zumindest modisch endlich derjenige, als den sie ihn schon immer gesehen hat: jemand, der ein zunehmend selbstverst\u00e4ndliches Gef\u00fchl f\u00fcr Stil entwickelt, der zugleich nicht jedem Trend hinterherl\u00e4uft, sondern wei\u00df, was ihm steht. Jemand, der sich selbst, seinen K\u00f6rper, seinen Lebensstil gut genug kennt, um dazu die passende Kleidung auszusuchen. Und sich, wenn es passt, durchaus bewusst ist, dass er in den richtigen Jeans zum richtigen Rollkragenpullover ebenso ernstgenommen werden kann wie im Nadelstreifenanzug. \u201eAus ihm ist ein ganz neuer Kunde geworden\u201c, sagt Nichanian. \u201eAls ich im Haus begann, kauften M\u00e4nner ein, wenn sie etwas Neues brauchten, einen Anzug, einen Mantel. Heute kaufen sie, wenn sie Lust dazu haben. Und sie kaufen alleine.\u201c<\/p>\n<h2>Nichanian trotzt dem \u201eB\u00e4umchen, wechsel dich\u201c-Spiel<\/h2>\n<p>Nichanian r\u00fcckt den Stuhl in ihrem B\u00fcro in der Herm\u00e8s-Firmenzentrale, direkt an der Rue du Faubourg Saint-Honor\u00e9, zurecht. Hier f\u00fchrt keine Vorzimmerdame in ihr B\u00fcro. Nichanian begr\u00fc\u00dft den Gast selbst im Flur, f\u00fchrt durch einen verwinkelten Gang, am Schreibtisch der Assistentin vorbei und an einen runden Konferenztisch. M\u00f6glich, dass eine so erfrischend unpr\u00e4tenti\u00f6se Art dazugeh\u00f6rt, wenn man ein Vierteljahrhundert lang im selben Haus arbeiten m\u00f6chte, als Teil der so schnelllebigen Mode.<\/p>\n<p>Allein in den vergangenen zwei Jahren lief das \u201eB\u00e4umchen, wechsel dich\u201c-Spiel der Designer n\u00e4mlich so: Der Belgier Raf Simons verlie\u00df die Marke Jil Sander und ging zu Dior, denn Jil Sander pers\u00f6nlich kehrte in ihr Haus zur\u00fcck. Hedi Slimane \u00fcbernahm das Ruder bei Saint Laurent, dessen Kopf der Marke fr\u00fcher Stefano Pilati hie\u00df, der nun bei Ermenegildo Zegna arbeitet. Der junge Designer Alexander Wang ging zu Balenciaga, wo er Nicolas Ghesqui\u00e8re abl\u00f6ste, der wiederum Marc Jacobs bei Louis Vuitton nachfolgen k\u00f6nnte. Ganz anders dagegen Nichanian: Im Jahr 1988 kam sie zu Herm\u00e8s &#8211; und blieb. Zuvor arbeitete sie, die Pariserin, bei Cerruti &#8211; auch immerhin zw\u00f6lf Jahre lang.<\/p>\n<h2>Bei M\u00e4nnern wird das Bild gerade immer stimmiger<\/h2>\n<p>Wenn man also verstehen m\u00f6chte, wie der Mann von heute mit Mode umgeht, dann spricht man am besten mit jemandem wie Nichanian, die ihn noch von gestern kennt. \u201eIch sage seit 25 Jahren dasselbe. Ich mache keine Mode, ich arbeite am ganzen Look, am Mann und an seiner Kleidung.\u201c Alles zusammen muss stimmig sein.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Bei M\u00e4nnern wird das Bild gerade immer stimmiger. Und warum Stimmigkeit so wichtig ist, wissen dabei mitunter auch Frauen: Ein Kleid kann noch so sch\u00f6n sein, wenn man sich darin unsicher f\u00fchlt. Wenn es nicht zu einem passt, wird man sich darin kaum sch\u00f6n f\u00fchlen k\u00f6nnen. Gut m\u00f6glich, dass M\u00e4nnern bis vor wenigen Jahren gar nicht die Chance gegeben wurde, einen entspannten Umgang mit dem Thema Mode zu haben. Es mangelte einfach an Entw\u00fcrfen, wie man aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h2>Verr\u00fcckte Vorschl\u00e4ge: Mode, die Musik macht<\/h2>\n<p>\u201ePl\u00f6tzlich gibt es viel mehr Vorschl\u00e4ge von Herrendesignern\u201c, sagt Nichanian, die betont, dass sie auch nur Vorschl\u00e4ge unterbreitet. \u201eVorschl\u00e4ge dar\u00fcber, was zum Jahr 2013 passt.\u201c Anfangs habe sie sich vor jeder Kollektion Gedanken gemacht: \u201eIst das nun Herm\u00e8s, oder ist es nicht Herm\u00e8s? Langsam verschwand diese Frage.\u201c Sie h\u00f6re den M\u00e4nnern zu, lasse sich von ihren m\u00e4nnlichen Freunden erz\u00e4hlen, wie die Hose ihrer Tr\u00e4ume ausschaut. Manchmal beobachte sie M\u00e4nner beim Einkaufen. \u201eGut, bis in die Umkleidekabine bin ich ihnen noch nicht gefolgt\u201c, sagt sie. Wieder das herzliche Lachen. \u201eMeine Aufgabe ist es zu ersp\u00fcren, was M\u00e4nner erwarten. Es geht mir nicht um Trugbilder. Wenn man sich ein paar der Damendesigner anschaut, machen die ja komplett verr\u00fcckte Vorschl\u00e4ge.\u201c<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Allein an diesem Dienstag, am vorletzten Tag des Pariser Pr\u00eat-\u00e0-porter der Damen, kann man einen Geschmack von diesen verr\u00fcckten Ideen bekommen: Die Amsterdamer Modemacherin Iris van Herpen zeigt Lederkleider, die nicht nur schr\u00e4g aussehen, sondern auch so klingen. Sie machen wirklich Musik. Wenn man auf die im Material eingearbeiteten Tasten tippt, ert\u00f6nen Kl\u00e4nge wie von einem Keyboard.<\/p>\n<h2>Im Zentrum steht das Wohlbefinden<\/h2>\n<p>Oder die Chefdesigner von Valentino: Sie zeigen Hosen, die so opulent sind wie Abendroben. In V\u00e9ronique Nichanians Mode soll der Mann er selbst sein &#8211; nur besser. \u201eFunktionalit\u00e4t und Bequemlichkeit sind f\u00fcr meine Arbeit von h\u00f6chster Wichtigkeit\u201c, sagt die Chefdesignerin. Womit nat\u00fcrlich nicht gleich Jogginghosen gemeint sind. Ein Smoking, der zum Beispiel perfekt sitzt und aus einem neuen, leichten Material gefertigt ist, hat in Bequemlichkeitsfragen nichts mit einem Smoking aus den drei\u00dfiger oder vierziger Jahren zu tun. Oder eine Jacke: An sie h\u00f6chste Anspr\u00fcche zu stellen, bedeute unter anderem Federleichtigkeit. Man k\u00f6nne die heutigen Jacken nicht mit denen vergleichen, die ihr Vater getragen habe, sagt Nichanian: \u201eWir haben heute ganz andere M\u00f6glichkeiten, was die Elastizit\u00e4t von Kleidung anbelangt, es gibt neue Beschichtungen und wasserabweisendere Materialien.\u201c<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Unter M\u00e4nnern w\u00e4chst das Gef\u00fchl f\u00fcr Mode somit in einer Zeit, da sich ihre Kleidung bei Regen nicht mehr vollsaugt wie ein Schwamm. In ihren neuen gro\u00dfartigen Jacken, tollen M\u00e4nteln, in den Hosen, von denen sie so begeistert sind, k\u00f6nnen sie sich leicht f\u00fchlen, allein schon, weil die Stoffe wirklich leicht sind. Schon als Kind hat sich Nichanian f\u00fcr Materialien interessiert. \u201eIch habe oft Stoffe gekauft und irgendwann dann gemerkt, dass man in der Herrenmode noch so viele Aussagen treffen kann, die sich mit der Geschmeidigkeit des Materials besch\u00e4ftigen, mit der Spannkraft, der Bequemlichkeit\u201c &#8211; dem Wohlbefinden.<\/p>\n<h2>Shopping im Netz etabliert sich &#8211; gerade bei M\u00e4nnern<\/h2>\n<p>Wird man in der Mode der Zukunft, in vielleicht weiteren 25 Jahren, also geradezu vor Bequemlichkeit wegd\u00f6sen k\u00f6nnen? \u201eAls ich noch ein Kind war, hat ein kleines M\u00e4dchen dazu mal etwas im Fernsehen gesagt. Sie meinte: ,Vielleicht wird im Jahr 2000 alles blau sein.\u0091 Ich glaube, wir werden uns \u00e4hnlich kleiden wie heute, nur die Stoffe werden sich ver\u00e4ndern.\u201c Schon jetzt geh\u00f6rt beispielsweise ein Neoprenstoff zum festen Bestandteil vieler Designerkollektionen. \u201eAnfangs, vor f\u00fcnf Jahren, war es schwierig, eine Jacke mit diesem steifen Material zu verbinden\u201c, sagt Nichanian. Oder die Hosen aus ihrer Fr\u00fchjahrskollektion: Die Modelle aus Leder schmiegen sich ebenso sanft um die Beine der Models wie die aus Seide, als w\u00fcrden beide Stoffe gleicherma\u00dfen flie\u00dfen. \u201eModernit\u00e4t bedeutet f\u00fcr mich heute, verschiedene Dinge miteinander zu verbinden, mit ihnen zu spielen. Es gibt keine Grenzen zwischen dem Sport, der Freizeit, den Traditionen.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr M\u00e4nner, so scheint es, gibt es indes keine \u00d6ffnungszeiten oder Orte, an denen sie einkaufen. Sie schnappen sich ihr iPad, und los geht\u2019s. Je mehr sich das Shopping im Netz etabliert, desto klarer wird, dass das Konzept des Boutique-Einkaufes, die Beratung, das Heraustreten aus der Umkleidekabine und das Schw\u00e4tzchen am Tresen eigentlich auf die W\u00fcnsche und Bed\u00fcrfnisse von Frauen abgestimmt ist. \u201eM\u00e4nner kaufen viel online\u201c, sagt auch Nichanian. \u201eDieses Verhalten nimmt gerade eine neue und interessante Richtung an. Niemand schaut dir zu, wenn du etwas anprobierst. Es ist bequem.\u201c<\/p>\n<h2>\u201eEs ist eine Frage des Charmes\u201c<\/h2>\n<p>Da k\u00f6nnte man das Herm\u00e8s-Fest, das am vergangenen Donnerstagabend in Frankfurt den Mann modisch hochleben l\u00e4sst, beinahe f\u00fcr ein \u201eiFest\u201c halten. Erst beim zweiten Blick auf die Einladung wird der Titel deutlich &#8211; \u201eMannifest\u201c hei\u00dft es und soll die Welt der Herrenmode von Herm\u00e8s feiern, Nichanians Arbeit, von der es in den kommenden zwei Wochen in der Frankfurter Boutique eine noch gr\u00f6\u00dfere Auswahl gibt. \u201eDas ganze M\u00e4nner-Universum\u201c, die Chefdesignerin l\u00e4sst es sich auf der Zunge zergehen. In Deutschland macht es immerhin 25 Prozent des Gesamtumsatzes aus.<\/p>\n<p>Und wirklich, hier beim \u201eMannifest\u201c sehen die G\u00e4ste aus, wie Nichanian sie beschreibt: Sie tragen d\u00fcnne schwarze Rollkragenpullover unter schwarzen Jacketts oder rote Schleifen zu kobaltblauen Chinos. Die M\u00e4nner setzen sich &#8211; wie selbstverst\u00e4ndlich &#8211; H\u00fcte auf oder schlingen sich bordeauxfarbene Schals zu bordeauxfarbenen Krawatten um und lassen sich in dem Aufzug fotografieren. \u201eEs ist eine Frage des Charmes\u201c, sagt Nichanian. \u201eWir leben jetzt in einer Zeit, in der sich M\u00e4nner modisch wie sie selbst f\u00fchlen und ihrem ganzen Potential gerecht werden. 25 Jahre lang habe ich daran gearbeitet.\u201c Die Mode gibt ihr recht. Die M\u00e4nner geben Nichanian recht.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/hermes-chefdesignerin-eine-frau-und-ihr-mannifest-12625178.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/hermes-chefdesignerin-eine-frau-und-ihr-mannifest-12625178.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 25 Jahren entwirft V\u00e9ronique Nichanian die Herrenkollektion im Traditionshaus Herm\u00e8s. 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