{"id":19499,"date":"2013-11-03T15:17:59","date_gmt":"2013-11-03T15:17:59","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19499"},"modified":"2013-11-03T15:17:59","modified_gmt":"2013-11-03T15:17:59","slug":"tooor-tooor-tooor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19499","title":{"rendered":"Tooor, Tooor, Tooor!"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Besuch bei Whistleblower Edward Snowden hat Hans-Christian Str\u00f6bele einen echten Coup gelandet. Der linke Gr\u00fcne ist ein Meister der Selbstinszenierung.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Nach knapp sechzig Jahren hat es Hans-Christian Str\u00f6bele seinem Onkel gleichgetan, einem ber\u00fchmten deutschen Radiomoderator. Jener Herbert Zimmermann hatte 1954 in Bern ins Mikrofon geschrien: \u201eAus dem Hintergrund m\u00fcsste Rahn schie\u00dfen, Rahn schie\u00dft \u2013 Tooor, Tooor, Tooor!\u201c Deutschland war \u00fcberraschend Fu\u00dfballweltmeister geworden, Zimmermann war berauscht und mit ihm Millionen Deutsche, die neun Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs endlich mal wieder stolz sein konnten auf ihr Land.<\/p>\n<p>Neffe Hans-Christian, der mittlerweile 74 Jahre alt ist, hat heute noch mit seinen Geschwistern die Rechte an der Reportage Zimmermanns. Den Stolz auf Deutschland hat er in seiner langen Zeit als Anwalt und Politiker nicht in den Vordergrund seiner Rhetorik gestellt. Vielmehr entschied er sich daf\u00fcr, RAF-Terroristen wie Andreas Baader als Wahlverteidiger zur Seite zu stehen.<\/p>\n<p>\u00dcber das Toreschie\u00dfen kann Str\u00f6bele sich allerdings mindestens ebenso freuen wie sein Oheim. Vor allem, wenn er selbst getroffen hat. Das wurde selten so deutlich wie am Freitagmittag, als die Bundespressekonferenz Str\u00f6beles Stadion war, bis \u00fcber den Rand gef\u00fcllt mit Zuschauern, als w\u00e4re die Kanzlerin aufgelaufen. Str\u00f6bele selbst spielte Rahn und Zimmermann in einer Person.<\/p>\n<h2>Keine Schwierigkeiten mit Widerspr\u00fcchen<\/h2>\n<p>Aus dem Hintergrund, ganz im Stillen, hatte er \u00fcber Monate einen Besuch bei Edward Snowden in Moskau vorbereitet. Alle Beteiligten hatten dichtgehalten, so dass am Donnerstag, als Str\u00f6bele Snowden traf, die \u00dcberraschung perfekt war. W\u00e4hrend Str\u00f6bele am Freitag vor mehr als zwanzig Kameras und zweihundert Journalisten seinen Auftritt genoss, war sein Gesichtsausdruck ein einziger Jubelschrei: \u201eTooor, Tooor, Tooor!\u201c<\/p>\n<p>Mit seinem Instinkt f\u00fcr publikumswirksame Auftritte hatte der zum linken Fl\u00fcgel der Gr\u00fcnen geh\u00f6rende Bundestagsabgeordnete eines rasch begriffen: Snowden ist derzeit auf der weltweiten Prominentenskala die unbestrittene Nummer eins, klar vor Sebastian Vettel, Barack Obama und dem Papst. Mit dem Label \u201eder Mann, der Edward Snowden traf\u201c w\u00fcrde er nicht nur in der deutschen Politik zum Star werden.<\/p>\n<p class=\"ArtikelMultimediaComment\">Str\u00f6bele in der Bundespressekonferenz<\/p>\n<p>Str\u00f6bele feierte den ehemaligen amerikanischen Geheimdienstmann, der so gro\u00dfz\u00fcgig aus dem Innenleben der NSA berichtet, genau daf\u00fcr: dass er sich \u00fcber alle Geheimhaltungsgebote hinwegsetzt und die Welt endlich mit der ganzen Wahrheit \u00fcber die Abh\u00f6raktivit\u00e4ten der Vereinigten Staaten versorgt. Als Str\u00f6bele dann gefragt wurde, was er in seinem mehrst\u00fcndigen Gespr\u00e4ch mit dem Whistleblower erfahren habe, was es inhaltlich also Neues gebe, war ganz schnell Schluss mit dem Geheimnisl\u00fcften. Ob volle Offenheit gut oder b\u00f6se ist, scheint f\u00fcr Str\u00f6bele keine Prinzipienfrage zu sein, sondern ausschlie\u00dflich davon abzuh\u00e4ngen, wer welches Geheimnis l\u00fcftet und dabei wem schadet oder n\u00fctzt. Mit Widerspr\u00fcchen hatte er noch nie Schwierigkeiten.<\/p>\n<p class=\"ArtikelMultimediaComment\">Bundesregierung will mit Snowden sprechen<\/p>\n<p>Den beeindruckendsten Beleg daf\u00fcr, dass er widerspr\u00fcchliche Ziele in Einklang bringen kann, solange es seinen Interessen dient, lieferte Hans-Christian Str\u00f6bele Ende des Jahres 2001. Nach den Terroranschl\u00e4gen des 11. September zog Amerika in den Krieg gegen die Taliban.<\/p>\n<p>Der damalige Kanzler Gerhard Schr\u00f6der wollte, dass die Bundeswehr mitzieht. Acht Gr\u00fcnen-Politiker stemmten sich kurz vor der Abstimmung noch gegen dieses Ansinnen, einer von ihnen war Str\u00f6bele. Weil Schr\u00f6der wusste, dass er keine eigene rot-gr\u00fcne Mehrheit f\u00fcr den Bundeswehreinsatz zusammenbekommen w\u00fcrde, falls alle acht Gr\u00fcnen mit Nein stimmten, verband er die Sachfrage kurzerhand mit der Vertrauensfrage. Von jenem Moment an wussten die acht Widerstrebenden von den Gr\u00fcnen, dass sie das vielzitierte rot-gr\u00fcne Projekt nach nur drei Jahren versenken w\u00fcrden, blieben sie hart.<\/p>\n<h2>In Jeans und Pullover<\/h2>\n<p>Str\u00f6beles Verhalten war an Eindeutigkeit nicht zu \u00fcberbieten. Er wollte partout verhindern, dass die Regierung zerbricht. In dieser Hinsicht stand er Schr\u00f6der in nichts nach. In internen Gespr\u00e4chen lie\u00df er daran keinen Zweifel. Gleichzeitig legte er sich vor Kameras und Mikrofonen (die mochte er schon damals sehr!) bretthart fest, er werde im Bundestag am 16. November mit Nein stimmen. Fortan bearbeitete er diejenigen in der kleinen Gruppe, von denen er sich erhoffte, sie k\u00f6nnten den Kampf gegen ihre schweren Zweifel an dem Milit\u00e4reinsatz so entscheiden, dass sie sich zu einem Ja durchringen. Da agierten der gr\u00fcne Au\u00dfenminister und Oberrealo Martin Joseph Fischer und das selbsternannte linke Gewissen der Partei Str\u00f6bele genau gleich. Die Sache gelang bekanntlich im Sinne der Machtpolitiker.<\/p>\n<p>Es fanden sich vier Kriegsgegner, die zustimmten. Str\u00f6bele stimmte mit Nein, die rot-gr\u00fcne Koalition als B\u00fchne blieb ihm erhalten. Vielleicht ahnte er da schon, dass er die Rolle als linker Kriegsgegner bald brauchen w\u00fcrde, um seine politische Existenz zu retten. Denn im Januar 2002 stand er politisch auf wackeligen Beinen. Ausgerechnet der gr\u00fcne Superrealo Werner Schulz verdr\u00e4ngte ihn von einem aussichtsreichen Platz auf der Berliner Landesliste f\u00fcr die Bundestagswahl im Herbst des Jahres. Str\u00f6bele bewies Wagemut und bewarb sich um das Direktmandat im Wahlkreis Kreuzberg-Friedrichshain.<\/p>\n<p>In Jeans und Pullover fuhr er mit dem Fahrrad kreuz und quer durch den Wahlkampf. Er versuchte auf die traditionelle Methode, seine Popularit\u00e4t zu steigern. Er spielte sich als Rebell in den eigenen Reihen auf. Sein Slogan hie\u00df damals: \u201eStr\u00f6bele w\u00e4hlen hei\u00dft Fischer qu\u00e4len.\u201c Diese Masche konnte nur funktionieren, solange Fischer Au\u00dfenminister war. Sich an einem nach drei Regierungsjahren in die Opposition zur\u00fcckkatapultierten Ex-Promi zu reiben h\u00e4tte kaum Funken geschlagen. Der Plan ging auf. Zur allgemeinen \u00dcberraschung wurde Hans-Christian Str\u00f6bele als erster Gr\u00fcner direkt in den Deutschen Bundestag gew\u00e4hlt. Dieses Kunstst\u00fcck konnte er seither bei jeder Wahl wiederholen.<\/p>\n<h2>An der Gr\u00fcnen-Spitze hielt Str\u00f6bele nur kurz durch<\/h2>\n<p>Str\u00f6bele ist weit \u00fcber die Grenzen Berlins hinaus bekannt, nicht nur bei Gr\u00fcnen-Sympathisanten. Zumindest f\u00fcr diejenigen unter den W\u00e4hlern, denen die einstige Anti-Parteien-Partei zu weit von links in die Mitte gerutscht ist, d\u00fcrfte er ein Argument sein, die Stimme doch noch einmal den Gr\u00fcnen zu geben. Obwohl er gern gegen das Parteiestablishment zu Felde zieht, um seinen eigenen Ruf zu pflegen, hilft er also dem ganzen Verein, an dessen linkem Rand er herumturnt.<\/p>\n<p>Einmal war Str\u00f6bele sogar Vorsitzender der Gr\u00fcnen, also in der Gesamtverantwortung. Er hielt nicht mal ein Jahr durch. Im Juni 1990 war er gew\u00e4hlt worden. Die Zeichen standen damals nicht gut f\u00fcr die \u00d6ko-Partei. Am Ende des Jahres scheiterten die Westgr\u00fcnen bei der Bundestagswahl an der F\u00fcnf-Prozent-H\u00fcrde. Auch f\u00fcr Str\u00f6bele lief es schlecht. Der Friedensk\u00e4mpfer beteiligte sich an der Diskussion \u00fcber den Irak-Krieg.<\/p>\n<p>Mit einer Delegation der Gr\u00fcnen reiste er im Februar 1991 nach Israel. In der \u201eJerusalem Post\u201c erschien ein Interview des Parteisprechers, wie die Vorsitzenden damals hie\u00dfen. Str\u00f6bele antwortete darin auf die Fragen des Journalisten Henryk M. Broder. Es ging um einen m\u00f6glichen Zusammenhang zwischen Angriffen des Irak auf Israel und der Pal\u00e4stina-Politik Israels. Str\u00f6bele sagte: \u201eDie irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels.\u201c Broder fragte nach, ob also Israel selbst schuld daran sei, dass es mit Raketen beschossen w\u00fcrde. Str\u00f6bele wiederholte seine Auffassung. Im Vorstand der Gr\u00fcnen sorgte das f\u00fcr m\u00e4chtig Streit. Str\u00f6bele trat zur\u00fcck. Nicht immer hat er mit Auslandsreisen so viel Gl\u00fcck wie mit seinem j\u00fcngsten Abstecher nach Moskau.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/hans-christian-stroebele-tooor-tooor-tooor-12645464.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/hans-christian-stroebele-tooor-tooor-tooor-12645464.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Besuch bei Whistleblower Edward Snowden hat Hans-Christian Str\u00f6bele einen echten Coup gelandet. 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