{"id":19475,"date":"2013-10-31T16:14:33","date_gmt":"2013-10-31T16:14:33","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19475"},"modified":"2013-10-31T16:14:33","modified_gmt":"2013-10-31T16:14:33","slug":"ich-bin-kein-prufungs-junkie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19475","title":{"rendered":"\u201eIch bin kein Pr\u00fcfungs-Junkie!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Augenarzt Dr. Dr. Eckhard H. Roth aus D\u00fcsseldorf hat noch einmal Abitur gemacht &#8211; und deswegen \u00c4rger mit den Beh\u00f6rden bekommen. Im Interview spricht er \u00fcber lebenslanges Lernen und neue Herausforderungen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\"><strong>Herr Dr. Dr. Roth, Sie sind Diplom-Mathematiker, Diplom-Physiker, Augenoptiker-Meister, wurden in Medizin und Physik promoviert und f\u00fchren seit vielen Jahren in D\u00fcsseldorf eine eigene Praxis f\u00fcr Augenheilkunde. Und trotzdem haben Sie jetzt noch mal Abitur gemacht. Ist das nicht ein bisschen viel lebenslanges Lernen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Sache ist aus einer Stammtisch-Laune heraus entstanden. Im Sommer vor einem Jahr sa\u00df ich mit f\u00fcnf meiner Schulfreunde in der Kneipe \u201eDie Blende\u201c in D\u00fcsseldorf zusammen, mit denen ich 1976 am Geschwister-Scholl-Gymnasium die Hochschulreife erworben hatte. Die Vorl\u00e4uferin dieser Schule hat \u00fcbrigens vor 100 Jahren Heinrich Spoerl besucht, der Autor der \u201eFeuerzangenbowle\u201c.<\/p>\n<p><strong>Und dann kam Ihr Freundeskreis darauf, Sie als moderne Version des Johannes Pfeiffer noch mal auf die \u201ePenne\u201c zu schicken?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht ganz. Es ging \u00fcber einen Umweg. Wir sprachen dar\u00fcber, dass in Deutschland fast alles lebenslang vergeben wird: F\u00fchrerschein, Facharztpr\u00fcfung. Irgendwann landeten wir beim doch ziemlich prestigeumwitterten Abitur. Und dann sagte mein Freund R\u00fcdiger, der Lehrer geworden ist: Wenn wir f\u00fcr dich die Pr\u00fcfungsf\u00e4cher aussuchen, w\u00fcrdest du es heute bestimmt nicht mehr schaffen. Da habe ich nat\u00fcrlich sofort dagegen gewettet.<\/p>\n<p><strong>Es war also der Lehrer-Freund, der dem Naturwissenschaftler Eckhard Roth einen geisteswissenschaftlichen Kanon zusammengestellt hat?<\/strong><\/p>\n<p>Genau. Und zwar noch direkt am Kneipentisch! Als Leistungskurse Deutsch und Philosophie. M\u00fcndlich sollte ich mich in Geschichte, evangelischer Religion, Latein und als kleines Eingest\u00e4ndnis in Biologie examinieren lassen. Eines der beiden schriftlichen Grundkursf\u00e4cher musste laut Pr\u00fcfungsordnung dann Mathematik sein, wor\u00fcber ich nat\u00fcrlich sehr froh war. Als zweites schriftliches Grundkurs-Pr\u00fcfungsfach wies mir R\u00fcdiger Franz\u00f6sisch zu. Das war wirklich richtig fies. Franz\u00f6sisch habe ich n\u00e4mlich nie gehabt.<\/p>\n<p><strong>Welche Schule macht denn so eine Aktion Abi 2.0 mit?<\/strong><\/p>\n<p>Es war einfacher, als ich dachte. Ich musste mich bei der Bezirksregierung D\u00fcsseldorf bewerben. Allerdings mit einem frisierten Lebenslauf. Ich gab an, meine Eltern seien mit mir einst nach Singapur ausgewandert. Dort sei ich von Privatlehrern unterrichtet worden. Sp\u00e4ter schlug ich mich angeblich als Schiffskoch auf den Weltmeeren herum. Ich bin ja recht kr\u00e4ftig, da wirkt das glaubw\u00fcrdig. Ich legte dann noch meine Geburtsurkunde bei. Meinen Ausweis mit dem Doppeldoktor wollte nie jemand sehen. Als Anschrift nutzte ich die Adresse einer Freundin in Oberhausen, wo ich zur Sicherheit einen Zweitwohnsitz angemeldet hatte. Ich bekam dann das staatliche Niederrhein-Kolleg in Oberhausen zugewiesen.<\/p>\n<p><strong>Wie lange haben Sie dort die Schulbank gedr\u00fcckt?<\/strong><\/p>\n<p>Keine Minute. Ich habe das als \u201eexterner Autodidakt\u201c erledigt. Rund 150 Stunden lang habe ich mich nach der Sprechstunde in meiner Praxis vorbereitet. Ich habe mich in allen F\u00e4chern mit den vorgeschriebenen Textsammlungen besch\u00e4ftigt. F\u00fcr Deutsch habe ich unter anderem Thomas Manns \u201eBuddenbrooks\u201c, Wolfgang Koeppens \u201eDie Tauben im Gras\u201c und Sekund\u00e4rliteratur gelesen, um die Werke miteinander vergleichen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr Latein habe ich mich eingehend mit Seneca besch\u00e4ftigt. Franz\u00f6sisch lag mir nat\u00fcrlich im Magen, da ging es um Chansons. Ich habe mir im Wesentlichen Filme mit Untertiteln angeschaut. Man entwickelt da schon ein Sprachgef\u00fchl.<\/p>\n<p><strong>Welche Note haben Sie in Franz\u00f6sisch bekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Naja, es war dann doch mein schlechtestes Fach. Eine F\u00fcnf plus. Daf\u00fcr habe ich in Mathe ohne gr\u00f6\u00dfere Vorbereitung eine Zwei geschafft. Das wurmt mich als Mathematiker ein bisschen, zeigt aber auch, dass es beim Abi nicht nur um Fachwissen, sondern um eine Lernroutine geht. Wenn Sie bestimmte Aufgabentypen pauken, sind Sie einfach im Vorteil. Jedenfalls habe ich auch in den anderen F\u00e4chern ganz ordentlich abgeschnitten. Die Gesamtnote ist eine 3,0.<\/p>\n<p><strong>Das ist aber f\u00fcr jemanden, der schon so viele Pr\u00fcfungen wie Sie bestanden hat, nicht wirklich berauschend. Medizin k\u00f6nnten Sie mit ihrem Zweit-Abi nicht studieren.<\/strong><\/p>\n<p>In meinem Erst-Abi vor 37 Jahren erreichte ich eine 1,8. Auch das w\u00fcrde nicht mehr f\u00fcr Medizin reichen. Was ich schlimm finde, weil bei diesem 1,0-Regime heute ganz viele junge Talente gar keine Chance haben. Ich glaube, in Deutschland wird zu viel rumgepr\u00fcft und zu wenig gelernt.<\/p>\n<p><strong>Ausgerechnet Sie sagen so etwas? Sie selbst scheinen doch mit einer regelrechten Pr\u00fcfungs-Lust gesegnet zu sein.<\/strong><\/p>\n<p>Das h\u00f6rt sich jetzt aber sehr ironisch an. Ich bin wirklich kein Pr\u00fcfungs-Junkie!<\/p>\n<p><strong>Hatten Sie vor ihrem Abi 2.0 wenigstens ordentlich Pr\u00fcfungsangst?<\/strong><\/p>\n<p>Doch, doch. Mir ging ganz sch\u00f6n die Flatter. Zuletzt dachte ich, o Gott, wenn du jetzt durchrasselst, verlierst du auch deine beiden Doktortitel. Aber es ist ja dann doch alles gutgegangen. Ich war \u00fcbrigens der einzige von insgesamt zw\u00f6lf \u201eexternen Autodidakten\u201c, die es geschafft haben.<\/p>\n<p><strong>Ein Abi-Scherz nach Abschluss der Pr\u00fcfungen hat sich in Ihrem Fall ja er\u00fcbrigt. Haben Sie wenigstens eine Art Abi-Ball veranstaltet?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. Meine Frau hat mir auch keinen gebrauchten Kleinwagen als Belohnung vermacht. Und auf die Heckscheibe unseres Autos habe ich auch nicht \u201eAbi 2013\u201c geschrieben. Aber mit meinen Freunden habe ich in der Kneipe \u201eDie Blende\u201c schon ein bisschen gefeiert.<\/p>\n<p><strong>Wann haben Sie sich dem Niederrhein-Kolleg als moderner Johannes Pfeiffer zu erkennen gegeben?<\/strong><\/p>\n<p>Als ich das Zeugnis hatte. Ich habe die Lehrer, die wirklich hervorragende Arbeit geleistet haben, sogar um Entschuldigung gebeten. Aber die haben dann gar nicht reagiert. Stattdessen habe ich einen Brief von der Bezirksregierung D\u00fcsseldorf bekommen. Sie forderte das Zeugnis \u201eunverz\u00fcglich\u201c zur\u00fcck. \u201eIhr \u201aFeuerzangenbowlen-analoger\u2019 Einfall hat gut 25 Lehrkr\u00e4fte in Anspruch genommen, die eine betr\u00e4chtliche Anzahl von Arbeitsstunden investiert haben\u201c, lie\u00df mich ein Beamter wissen. \u201eIhrem Vorschlag, dem f\u00fcr das Land NRW entstandenen Schaden angemessen zu begegnen, sehe ich entgegen\u201c, hie\u00df es noch in dem Schreiben.<\/p>\n<p><strong>Klingt humorlos.<\/strong><\/p>\n<p>Fand ich auch. Ich habe dann an Ministerpr\u00e4sidentin Hannelore Kraft geschrieben. Die antwortete: \u201eMag der Unterschied zum Dr. Johannes Pfeiffer (mit drei \u201af\u2018) auch darin liegen, dass dieser seine Identit\u00e4t nicht preisgegeben hat, so finde ich Ihren fingierten Lebenslauf \u00fcberaus kreativ und \u00fcberzeugend.\u201c Das hat mich wieder vers\u00f6hnt. Zumal ich mich seit Jahren f\u00fcr das Land engagiere. Ich gebe ehrenamtlich Mathematik-Unterricht und bereite kostenlos Feuerwehrleute auf ihre Sanit\u00e4ter-Pr\u00fcfungen vor.<\/p>\n<p><strong>Sind Examina der rote Faden in Ihrem Leben?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist schon wichtig, sich ernsthaft mit Standards und Ma\u00dfst\u00e4ben zu befassen.<\/p>\n<p><strong>Das ist ziemlich theoretisch. Warum tun Sie sich den ganzen Pr\u00fcfungsstress an? Gibt es da vielleicht ein Trauma?<\/strong><\/p>\n<p>Das Physik-Vordiplom habe ich im ersten Durchgang nicht bestanden. Es hakte bei der Mechanik. Aber als Trauma habe ich das nie empfunden. Es ist ja irgendwie auch gut zu wissen, wie sich so ein R\u00fcckschlag anf\u00fchlt.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie manchmal Albtr\u00e4ume, in denen Sie durch eine Pr\u00fcfung fallen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, hab ich noch nie gehabt.<\/p>\n<p><strong>Was war bisher Ihre Lieblingspr\u00fcfung?<\/strong><\/p>\n<p>Eine meiner sch\u00f6nsten Pr\u00fcfungen habe ich in Gro\u00dfbritannien gemacht. Ich bin seither Mitglied des \u201eRoyal College Ophthalmology\u201c in London, also der k\u00f6niglichen Akademie f\u00fcr Augenheilkunde. Ich darf jetzt zu Tagungen, bei denen immer auch Mitglieder der Royal Family teilnehmen. Ich m\u00fcsste im freilich sehr unwahrscheinlichen Fall der F\u00e4lle sogar die K\u00f6nigin augen\u00e4rztlich behandeln. Und ich d\u00fcrfte jetzt auf meine Karte deshalb \u201eon her majesty\u2019s service\u201c schreiben. Das w\u00e4re in Deutschland aber irgendwie merkw\u00fcrdig. Deshalb habe ich es lieber gelassen.<\/p>\n<p><strong>Gibt es so etwas wie eine ultimative Pr\u00fcfungs-Herausforderung, der Sie sich noch stellen wollen?<\/strong><\/p>\n<p>Nun gut. Es gibt da schon was, aber das ist eigentlich noch nicht spruchreif.<\/p>\n<p><strong>Wollen Sie Ihren Abi-Schnitt noch mal verbessern?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, mit dem Abi bin ich jetzt wirklich durch. Ich interessiere mich auch sehr f\u00fcr Gerichtsmedizin. Ich w\u00fcrde gerne noch eine juristische Dissertation schreiben. \u00dcber die R\u00fcckwirkung fiktionaler Gerichtssendungen im Fernsehen auf das amerikanische Justizsystem. So ein juristisches Rigorosum aber ist dann bestimmt eine ganz harte Nuss. Da reichen 150 Stunden Vorbereitung nat\u00fcrlich nicht. Das ist ein Projekt f\u00fcr viele Jahre.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/zweifacher-doktor-macht-abitur-ich-bin-kein-pruefungs-junkie-12642884.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/zweifacher-doktor-macht-abitur-ich-bin-kein-pruefungs-junkie-12642884.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Augenarzt Dr. Dr. Eckhard H. Roth aus D\u00fcsseldorf hat noch einmal Abitur gemacht &#8211; und deswegen \u00c4rger mit den Beh\u00f6rden bekommen. 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