{"id":19473,"date":"2013-11-01T16:14:32","date_gmt":"2013-11-01T16:14:32","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19473"},"modified":"2013-11-01T16:14:32","modified_gmt":"2013-11-01T16:14:32","slug":"das-dritte-ist-ein-offenes-geschlecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19473","title":{"rendered":"Das dritte ist ein offenes Geschlecht"},"content":{"rendered":"<p>Von diesem Freitag an m\u00fcssen Eltern nach der Geburt eines Kindes nicht zwingend das Geschlecht angeben. K\u00fcnftig reicht auch ein \u201eX\u201c im Pass. Vielen geht diese \u00c4nderung nicht weit genug.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Cal Stephanides war als Kind ein M\u00e4dchen namens Calliope. Als der Ich-Erz\u00e4hler aus Jeffrey Eugenides\u2019 Roman \u201eMiddlesex\u201c zu seiner Mutter Tessi zur\u00fcckkehrt, tr\u00e4gt er einen Oberlippenbart. \u201eIn Tessies Augen hatte meine Erscheinung etwas Kriminelles. Sie dachte, dass meine R\u00fcckkehr Teil einer gro\u00dfen Abrechnung war, dass jemand Milton bestraft hatte und ihre Strafe gerade erst begann. Aus allen Gr\u00fcnden stand sie versteinert, mit roten Augen, in der T\u00fcr.\u201c<\/p>\n<p>Nach Sch\u00e4tzungen des Ethikrates leben in Deutschland etwa 80.000 Menschen, die wie die Romanfigur Calliope, nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden k\u00f6nnen. Sie haben zum Teil sowohl weibliche, wie auch m\u00e4nnliche Geschlechtsorgane- zum Teil sind sie zwar anatomisch Frauen, verf\u00fcgen jedoch \u00fcber einen deutlichen \u00dcberschuss an m\u00e4nnlichen Geschlechtshormonen. Es gibt unz\u00e4hlige Formen von Intersexualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ein Ausschuss der Vereinten Nationen hatte die deutsche Bundesregierung im Jahr 2009 daf\u00fcr ger\u00fcgt, diese Menschen nicht hinreichend vor Diskriminierungen zu sch\u00fctzen, und zugleich aufgefordert, Ma\u00dfnahmen zum Schutz ihrer Menschenrechte zu ergreifen. Eine solche Ma\u00dfnahme entfaltet nun Wirkung. Von diesem Freitag an regelt das Personenstandsgesetz, dass Neugeborene, die weder dem weiblichen noch dem m\u00e4nnlichen Geschlecht zugeordnet werden k\u00f6nnen, ohne Angabe des Geschlechts in das Geburtenregister einzutragen sind. Zuvor mussten Eltern innerhalb des ersten Lebensmonats angeben, ob ihr Kind ein M\u00e4dchen oder ein Junge ist. Auch im Reisepass, der anders als der Personalausweis eine Angabe \u00fcber das Geschlecht enth\u00e4lt, kann vom 1. November an statt \u201eF\u201c und \u201eM\u201c auch ein \u201eX\u201c eingetragen werden. Zwar wurde das Passgesetz selbst nicht ge\u00e4ndert- diese M\u00f6glichkeit ist aber in einer europ\u00e4ischen Verordnung vorgesehen, die wegen des Anwendungsvorrangs des Europarechts die Regelung des deutschen Passgesetzes verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Die gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sieht in den Neuerungen einen wichtigen Schritt f\u00fcr die Abschaffung der Diskriminierung: \u201eF\u00fcr Intersexuelle bedeutet das eine gro\u00dfe Erleichterung, f\u00fcr unsere Gesellschaft eine wichtige Modernisierung\u201c, sagte sie dieser Zeitung und forderte, dass sich \u201ediese Haltung\u201c k\u00fcnftig \u201eauf alle Bereiche der Rechtsordnung erstrecken\u201c.<\/p>\n<p>Mit gr\u00f6\u00dferer Zur\u00fcckhaltung reagiert das Bundesinnenministerium, das f\u00fcr das Personenstandsrecht zust\u00e4ndig ist. \u201eDie Neuregelung erschafft keine neue Geschlechtskategorie\u201c, sagte ein Sprecher. Sie soll lediglich den Druck von den Eltern nehmen, sich vorschnell auf ein Geschlecht festzulegen und geschlechtsangleichende medizinische Operationen an ihrem Kind vornehmen zu lassen. Die Idee sei aber schon, dass zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt eine Entscheidung zugunsten eines der beiden Geschlechter getroffen werde \u2013 auch wenn das Gesetz sie zu einer solchen Entscheidung nicht zwinge. \u201eIn der gesamten Rechtsordnung, insbesondere im Verfassungs- und Zivilrecht, existieren nur die Geschlechter m\u00e4nnlich und weiblich\u201c, hei\u00dft es zur Begr\u00fcndung aus dem Bundesinnenministerium.<\/p>\n<p>Michael Wunder, Leiter der Arbeitsgruppe Intersexualit\u00e4t im Ethikrat, bezeichnete die Gesetzes\u00e4nderung daher als \u201ehalbherzig\u201c. Der Ethikrat, der im Auftrag der Bundesregierung eine Stellungnahme zur Intersexualit\u00e4t erarbeitete, hatte vorgeschlagen, dass im Geburtenregister neben \u201em\u00e4nnlich\u201c und \u201eweiblich\u201c auch die Kategorie \u201eanderes\u201c zur Verf\u00fcgung steht \u2013 wie das etwa in Australien der Fall ist. \u201eEine Nichteintragung im Geburtsregister trifft die Sache nicht\u201c, sagt Wunder, der in seiner T\u00e4tigkeit als Therapeut h\u00e4ufig mit Intersexuellen zu tun hat. \u201eDiese Menschen haben nicht kein Geschlecht, sondern es kommen vielgestaltige Geschlechter vor. Daher sage ich auch nicht ,drittes Geschlecht\u2018, es gibt ein viertes, f\u00fcnftes und sechstes.\u201c So sei die Sch\u00f6pfung, und es gehe darum, sie zu akzeptieren. Und das bedeute in der Konsequenz eben auch, das Versicherungsrecht, das Familienrecht und andere Rechtsbereiche zu reformieren.<\/p>\n<p>Der Ethikrat hatte in seiner Stellungnahme vom Februar 2012 nicht nur eine \u00c4nderung des Personenstandsrechts vorgeschlagen. Noch wichtiger sei den Mitgliedern der Arbeitsgruppe eine \u00c4nderung der Regelungen zur medizinischen Behandlung gewesen, berichtet Wunder. Operative Ma\u00dfnahmen bei Menschen mit weiblichen und m\u00e4nnlichen Keimdr\u00fcsen ist nach Ansicht des Ethikrats ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in das Grundrecht auf k\u00f6rperliche Unversehrtheit und das Recht auf Wahrung der sexuellen Identit\u00e4t. F\u00fcr eine solche Operation d\u00fcrfe sich nur der Betroffene h\u00f6chstpers\u00f6nlich entscheiden, wenn er in ein entscheidungsf\u00e4higes Alter kommt. Die Eltern sollten nur dann entscheiden k\u00f6nnen, wenn das Kindeswohl ohne Operation massiv gef\u00e4hrdet w\u00e4re.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher waren Operationen an Neugeborenen mit doppeltem Geschlecht die Regel. In den meisten F\u00e4llen wurden sie zu M\u00e4dchen umoperiert \u2013 mit teilweise gravierenden gesundheitlichen und psychischen Folgen f\u00fcr die Betroffenen. Interessenvertretungen intersexueller Menschen gei\u00dfeln solche Eingriffe daher als \u201egenitale Verst\u00fcmmelungen\u201c. Bei einigen Medizinern hat in den vergangenen Jahren ein Umdenken eingesetzt. \u201eEs gibt jedoch keine repr\u00e4sentative Studie, die belegt, dass es tats\u00e4chlich weniger Operationen als fr\u00fcher gibt\u201c, sagt Wunder. Daher sei auch hier eine gesetzliche Regelung notwendig.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/intersexualitaet-das-dritte-ist-ein-offenes-geschlecht-12642963.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/intersexualitaet-das-dritte-ist-ein-offenes-geschlecht-12642963.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von diesem Freitag an m\u00fcssen Eltern nach der Geburt eines Kindes nicht zwingend das Geschlecht angeben. K\u00fcnftig reicht auch ein \u201eX\u201c im Pass. 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