{"id":19471,"date":"2013-11-01T16:14:32","date_gmt":"2013-11-01T16:14:32","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19471"},"modified":"2013-11-01T16:14:32","modified_gmt":"2013-11-01T16:14:32","slug":"die-show-beginnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19471","title":{"rendered":"Die Show beginnt"},"content":{"rendered":"<p>Die Krise des Variet\u00e9s ist vor\u00fcber, auch dank der vielen Frauen unter den G\u00e4sten. Im \u201eCrazy Horse\u201c liegt es au\u00dferdem an der Chefin: Andr\u00e9e Deissenberg l\u00e4sst das Cabaret in die Zukunft tanzen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Von ihren beiden Katzen und den H\u00fchnern, zu denen sie an den Wochenenden aufs flache Land im S\u00fcden von Paris f\u00e4hrt, erz\u00e4hlt Andr\u00e9e Deissenberg gern: in den kurzen Pausen zwischen den Proben. Tiere mag sie, bei denen erholt sie sich von der Stadt. Ohne die Katzen und ganz ohne B\u00e4ume kann sie nicht mehr sein, nach den Jahren in Las Vegas, Montreal oder Amsterdam und den monatelangen Tourneen mit dem Cirque du Soleil um die halbe Welt. Zw\u00f6lf Jahre war sie die Pressechefin des kanadischen Zirkusunternehmens, dann kam unerwartet, aber wohl im richtigen Augenblick, ein Angebot aus Paris, das sie nicht ablehnen wollte.<\/p>\n<p>Also \u00fcbernahm Andr\u00e9e Deissenberg, damals noch keine 40 Jahre alt, als Direktorin das Cabaret \u201eCrazy Horse\u201c, eines der letzten namhaften Revuetheater aus der Generation so bekannter Etablissements wie \u201eMoulin Rouge\u201c, \u201eLido\u201c, \u201eParadis Latin\u201c oder \u201eFolies Berg\u00e8re\u201c. Eine Herausforderung nennt es die Prinzipalin l\u00e4chelnd, die noch immer aussieht wie ein Model, die Figur eines Variet\u00e9-Girls besitzt und ein halbes Dutzend europ\u00e4ische Sprachen \u00fcberzeugend konfliktf\u00e4hig beherrscht. Dass sie beim Zirkus gelernt hat, wie Marketing funktioniert, mag den Ausschlag gegeben haben, als die beiden belgischen In vestoren Philippe Lhomme und Yannick Kalantarian sie im Juli 2005 zur Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin machten.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Das war elf Jahre nach dem Suizid von Alain Bernardin, dem 78 Jahre alten Gr\u00fcnder, Besitzer und k\u00fcnstleri schen Leiter des \u201eCrazy Horse\u201c, im September 1994. Am Abend gab es damals, was das Programm verhie\u00df: zwei Stun den Revue samt Striptease. Louis Camiret, Bernardins Teilhaber, wollte das so. Bernardin wurde mit einem Kopfschuss in seinem B\u00fcro tot aufgefunden, die Waffe neben sich. Suizid also, entschied Camiret. \u201eDie Show muss weitergehen, denn das hier ist eine St\u00e4tte des Am\u00fcsements.\u201c Das Geld f\u00fcr die Tickets und die halbe Flasche Champagner auf jedem Tisch mochte er unter diesen Umst\u00e4nden seinem Publikum nur ungern erstatten.<\/p>\n<h2>Fr\u00fchgeschichte als Bingo-Bude und Wildwest-Variet\u00e9<\/h2>\n<p>Das \u201eCrazy Horse\u201c, 1951 in einem leerger\u00e4umten Wein- und Kohlenkeller er\u00f6ffnet, war seinerzeit das j\u00fcngste und mit Abstand kleinste der Pariser Cabarets. Charles Aznavour hatte dort einen seiner ersten Auftritte, und der Modesch\u00f6pfer Jean Paul Gaultier war lange Stammgast in dem Haus, das am unteren Ende der Avenue George V liegt, nicht weit von der Seine entfernt, auf halber Strecke zwischen Eiffelturm und den Champs-Elys\u00e9es, schr\u00e4g gegen\u00fcber einem Laden von Yves Saint Laurent. Darauf legte schon Alain Bernardin gr\u00f6\u00dften Wert: vom Dunstkreis der Rotlichtviertel deutlichen Abstand zu halten.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Dass die Damen im \u201eCrazy Horse\u201c mehr oder weniger nackt zu tanzen pflegen, gewisserma\u00dfen ihr \u201eFreistellungsmerkmal\u201c, durfte durchaus frivol erscheinen, aber doch nicht ordin\u00e4r und erst recht nicht obsz\u00f6n. Unter den vornehmen B\u00fcrgerh\u00e4usern im achten Arrondissement mit den ger\u00e4umigen Wohnungen, vielen passablen Restaurants, Kneipen und den kleinen Hotels wirkt der schmale Eingang zum \u201eCrazy Horse\u201c unmittelbar neben einem Restaurant, das seine Tische gern nach drau\u00dfen stellt, wie ein in charmante L\u00e4nge gezogenes Augenzwinkern, das trotz leuchtend rotem Kussmund Dezenz und Diskretion in Aussicht stellt. Der Zugang zur Treppe in den Keller ist mit einem armdicken Seil symbolisch versperrt, ein baumlanger Kerl in Ranger-Uniform regelt den Zutritt. Zwei Shows gibt es t\u00e4glich, samstags zus\u00e4tzlich eine dritte. Das geht bei vollem Haus ohne geordneten Sitzplatzwechsel offenbar nicht vonstatten. Der Ranger ist eine sentimentale Reminiszenz an die unsortierte Fr\u00fchgeschichte des \u201eCrazy Horse\u201c als Bingo-Bude und Wildwest-Variet\u00e9.<\/p>\n<h2>Mehr Frauen und mehr Franzosen unter den G\u00e4sten<\/h2>\n<p>Die allgemeine Krise der Pariser Revuetheater am Anfang dieses Jahrhunderts, deren Beginn gern auf den 11. September 2001 datiert und mit dem massenhaften Fernbleiben der amerikanischen Touristen begr\u00fcndet wird, scheint inzwischen vor\u00fcber. Seit vier oder f\u00fcnf Jahren geht es in fast allen Cabarets wieder aufw\u00e4rts. Die Asiaten wie die Amerikaner sind zur\u00fcckgekehrt, wenn auch nicht mehr in gro\u00dfen Scharen. Daf\u00fcr sind die Europ\u00e4er in der \u00dcberhand, und in manchen Shows sitzen mehr Frauen als M\u00e4nner, p\u00e4rchenweise und in gemischten Gruppen, wenn nicht als geschlossene Damenriegen &#8211; ein vollkommen neues Ph\u00e4nomen. Vor 50 Jahren wurden ungebunden auftretende Damen von den reinen Herrengesellschaften noch mit aufmunternden Pfiffen begr\u00fc\u00dft. Jetzt sind P\u00e4rchen die Regel &#8211; und allein reisende Herren, einsam und ernst vor einer Flasche Champagner, die Ausnahme.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Und die G\u00e4ste werden j\u00fcnger. \u201eAls ich hier anfing, lag das Durchschnittsalter zwischen 40 und 55 Jahren, eher bei 50 als bei 40. Jetzt sitzen auch Zwanzigj\u00e4hrige in unseren Shows\u201c, sagt Andr\u00e9e Deissenberg. \u201eMich macht das stolz, wenn ich die M\u00e4dels mit ihren hohen Hacken sehe. Die kommen in Gruppen, trinken Champagner und haben Spa\u00df, das freut mich. Amerikaner und Asiaten sind weniger geworden, das stimmt, daf\u00fcr kommen mehr Frauen und mehr Franzosen, bis zu 70 Prozent. Noch vor f\u00fcnf oder sechs Jahren waren es weniger als die H\u00e4lfte. Da wird ein Neo-Feminismus sp\u00fcrbar, den ich oft als Burlesque-Movement bezeichne, auch wenn das Wort vielen M\u00e4nnern nicht gef\u00e4llt.\u201c Beim Gastspiel in Kiew habe man es ebenso angetroffen wie unl\u00e4ngst in Cannes, wo die \u201eCrazy Girls\u201c w\u00e4hrend des Sommers auf der Festival-Terrasse in einem Spiegelzelt mit 4000 Pl\u00e4tzen gastierten.<\/p>\n<h2>Feste Stiefel tragen die Damen &#8211; mehr nicht<\/h2>\n<p>Die Chefin vom \u201eCrazy Horse\u201c hat die Geschichte ihres Hauses gr\u00fcndlich studiert, sie beschr\u00e4nkt ihre Ausk\u00fcnfte eloquent aufs Anekdotische, das Zwischenfragen meist schon vorwegnimmt. Warum Alain Bernardin ganz fr\u00fch auf die Burlesque gesetzt und damit seinem Cabaret bis heute eine Nische ge\u00f6ffnet hat, die das \u201eCrazy Horse\u201c sch\u00e4rfer profiliert als andere Revuetheater? Von den eigenwilligen B\u00fchnennamen seiner T\u00e4nzerinnen bis zu den ausgefallenen Accessoires und den choreographischen Akzenten besa\u00df alles einen ironischen Beiklang. Nicht blo\u00df der schieren Nacktheit verlieh das einen vers\u00f6hnlich heiteren Anstrich. Anr\u00fcchig war da nichts. Denn \u201eL\u2019Art du Nu\u201c, die Kunst des Nackten, die Bernardin zum \u00e4sthetischen Prinzip erkl\u00e4rte, mag vielleicht provokant sein &#8211; zweideutig ist sie nicht. Sondern so offen wie ehrlich und dazu entwaffnend defensiv. Mit einem der sch\u00f6nsten Auftritte, dem Einmarsch der B\u00e4renfellm\u00fctzen, f\u00e4ngt die Show gew\u00f6hnlich an. Ein weithin unbekannter Soldat, Oberleutnant der britischen Armee, hat sie vor Zeiten einstudiert, seitdem gilt die Nummer \u201eGod Save Our Bareskin\u201c als einer der Klassiker im \u201eCrazy Horse\u201c. Feste Stiefel tragen die Damen, aber sonst sind sie nackt. Abgesehen davon, dass auch ihnen die raffinierte Lichtregie gelegentlich virtuelle H\u00fcllen auf die sch\u00f6nen K\u00f6rper wirft.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Alain Bernardin, so raunt Andr\u00e9e Deissenberg mit leisem L\u00e4cheln, habe stets von der Kunst der Frustration gesprochen: \u201eDu glaubst, ich gebe dir alles, aber du bekommst nichts. Du denkst, du siehst etwas, aber du siehst nichts. Das ist die feine Frustration, aus der Imaginationen, Tr\u00e4ume und Phantasien entstehen.\u201c Da sie gern von Tieren erz\u00e4hlt, folgt zur Erl\u00e4uterung die Geschichte vom Floh, auch ein Klassiker, den die T\u00e4nzerinnen schon aufsagen k\u00f6nnen, bevor sie das erste Mal auf der B\u00fchne stehen.<\/p>\n<h2>Schiere Nacktheit reicht nicht aus<\/h2>\n<p>Der Floh spielte die Hauptrolle im ersten Striptease, den es im \u201eCrazy Horse\u201c gab, in den fr\u00fchen f\u00fcnfziger Jahren, als der Keller schon nicht mehr als \u201eWestern Saloon\u201c dekoriert war, sondern fast \u00fcber Nacht zum Variet\u00e9 geworden war. Den Wandel zur Striptease-B\u00fchne hatte der S\u00e4nger Bing Crosby seinem Freund Alain Bernardin ans Herz gelegt: \u201eWenn Du die M\u00e4dchen nicht nackt auf die B\u00fchne schickst, gibt das hier nie etwas\u201c, hatte er prophezeit, als Bernardin mit seinem trendfernen Schuppen zum zweiten Mal auf eine Pleite zusteuerte. Der Burlesque-Striptease, f\u00fcr Paris damals fast so neu wie der French Cancan, musste aber regelrecht ertanzt, wenn nicht \u00fcberhaupt choreographisch plausibel aufgef\u00fchrt werden. Schiere Nacktheit reichte da nicht aus, best\u00e4tigt die Prinzipalin am\u00fcsiert. Man m\u00fcsse sich nat\u00fcrlich dazu bewegen k\u00f6nnen &#8211; mit allem, was man hat. \u201eAlso hat das M\u00e4dchen in seinen imaginativen Kleidern aufgeregt und immer ungest\u00fcmer nach dem Floh gesucht: so lange, bis er endlich gefunden war.\u201c<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne tragen die M\u00e4dchen Phantasienamen wie \u201eFuzzy Logic\u201c oder \u201eNooka Karamel\u201c, \u201eVenus Ocean\u201c oder \u201eCandy Saint Louis\u201c. Sie d\u00fcrfen nicht kleiner als 1,66 Meter und nicht gr\u00f6\u00dfer als 1,75 Meter sein, sind meist zwischen 20 und 22 Jahren alt und haben eine klassische Ballettausbildung. Als Nooka im Juli ihr zehnj\u00e4hriges Jubil\u00e4um bei \u201eCrazy Horse\u201c beging, durfte sie ihre Eltern und ihre besten Freunde in die Show einladen und sich eine Sp\u00e4tvorstellung lang feiern lassen. So lang wie Nooka, einer der Stars hier, bleiben aber nicht alle bei der Stange.<\/p>\n<h2>Die kleinste und feinste Pariser Cabaret-B\u00fchne<\/h2>\n<p>Und danach? Viele werden Physiotherapeutin, Choreographin, er\u00f6ffnen eine Tanzschule oder werden Yoga-Lehrerin. Angehende Architektinnen oder Rechtsanw\u00e4ltinnen sind die Ausnahme. \u201eDie meisten bleiben im Showgesch\u00e4ft\u201c, sagt die Chefin, die beil\u00e4ufig durchblicken l\u00e4sst, dass die T\u00e4nzerinnen selbstverst\u00e4ndlich nach den Tarifen der Gewerkschaft entlohnt werden. Schwarze Kassen wie beim v\u00e4terlich-f\u00fcrsorglichen Alain Bernardin, der f\u00fcr die M\u00e4dchen 20 Prozent der B\u00fchnenl\u00f6hne auf die hohe Kante legte, sind verboten. Zum Corps de ballet geh\u00f6ren 18 T\u00e4nzerinnen, von denen sich zw\u00f6lf von Show zu Show abwechseln. Zehn weitere springen als Freelancer bei Ausf\u00e4llen durch Krankheit oder Verletzungen ein und verst\u00e4rken die Truppe bei Gastspielen wie in Las Vegas (2001) oder M\u00fcnchen (2012) und den vergeblichen Anstrengungen, dem Cabaret Filialen in Singapur oder South Carolina einzurichten, die oft mit dem Original nur den Namen gemeinsam hatten.<\/p>\n<p>                \t                                                <!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Andr\u00e9e Deissenberg hat das Haus umgebaut und die B\u00fchnentechnik von Grund auf renoviert. Mit den B\u00fcros und Werkst\u00e4ttten wird sie demn\u00e4chst an die Peripherie ziehen, um mehr Platz f\u00fcr die kreativen Abteilungen zu schaffen. Ein Gl\u00fccksgriff war die Entscheidung, den T\u00e4nzer und Choreographen Philippe Decoufl\u00e9 als Show-Produzenten zu verpflichten. Decoufl\u00e9 hat schon Abschlussfeiern bei Olympischen Spielen organisiert, kommt aber auch mit kleinen R\u00e4umen und wenig Akteuren aus, wie seine Inszenierungen f\u00fcr das \u201eCrazy Horse\u201c zeigen. Was man auf den ersten Blick f\u00fcr ausgekl\u00fcgelte Lichteffekte halten mag, ist die subtile Inkarnation von \u201eL\u2019Art du Nu\u201c: ein Schattenspiel mit wundersch\u00f6nen Figurinen, die mal nur als Konturen sichtbar sind, mal nur vermeintlich vom K\u00f6rper gel\u00f6ste Arme oder Beine vorzeigen.<\/p>\n<p>Das \u201eCrazy Horse\u201c besitzt keine Eisfl\u00e4che wie das \u201eLido\u201c, kein Wasserbassin wie das \u201eMoulin Rouge\u201c und kein Hochseil wie das \u201eParadis Latin\u201c. Es bietet vor der Show nur ein Dinner im Restaurant nebenan, dar\u00fcber hinaus allerdings reichlich Champagner. Daf\u00fcr sitzt man dort ganz nah an der kleinsten, feinsten Pariser Cabaret-B\u00fchne. Anzuschauen ist \u201eL\u2019Art du Nu\u201c, ganz buchst\u00e4blich. Nicht mehr. Weniger auch nicht.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/variete-im-crazy-horse-die-show-beginnt-12639331.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/variete-im-crazy-horse-die-show-beginnt-12639331.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Krise des Variet\u00e9s ist vor\u00fcber, auch dank der vielen Frauen unter den G\u00e4sten. 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