{"id":19402,"date":"2013-10-28T16:54:21","date_gmt":"2013-10-28T16:54:21","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19402"},"modified":"2013-10-28T16:54:21","modified_gmt":"2013-10-28T16:54:21","slug":"dealer-bekampfen-suchtigen-helfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19402","title":{"rendered":"Dealer bek\u00e4mpfen, S\u00fcchtigen helfen"},"content":{"rendered":"<p>Als Vertreter des \u201eFrankfurter Wegs\u201c fliegt der Polizist Thomas Zosel durch die Welt &#8211; und organisiert die erste  Drogenkonferenz in seiner Heimatstadt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Vor der T\u00fcr des Druckraums Niddastra\u00dfe 49 stehen die S\u00fcchtigen schon seit Stunden, als Thomas Zosel sich den Weg durch die Gruppe bahnt. Er tr\u00e4gt Jeans und ein gestreiftes Hemd, die Jacke h\u00e4lt er l\u00e4ssig in der Hand. Wie ein Polizist sieht der hochgewachsene Frankfurter nicht aus, als er an diesem Nachmittag durch die Stra\u00dfen l\u00e4uft. Doch vermutlich ist es gerade das, was ihm im Bahnhofsviertel, dem noch immer rauhesten aller Reviere, den n\u00f6tigen Respekt verschafft. Man kennt ihn dort seit Jahren. Der Polizist war fr\u00fcher Drogenfahnder und ist nun Verbindungsbeamter, ein Vermittler zwischen Stadt und Polizei &#8211; und somit daf\u00fcr zust\u00e4ndig, dass die st\u00e4dtische Drogenpolitik funktioniert. Unter dem Namen \u201eFrankfurter Weg\u201c hat sie den Konsum mit Hilfe der Dr\u00fcckerstuben f\u00fcr Langzeits\u00fcchtige legalisiert, um Beschaffungskriminalit\u00e4t zu minimieren und die \u00f6ffentlichen Gr\u00fcnanlagen \u201edrogenfrei\u201c zu halten.<\/p>\n<p>An diesem Nachmittag ist es ruhig im Viertel. Keine Beschwerden von Anwohnern, keine gr\u00f6\u00dferen Vorkommnisse in der Szene selbst. Zosel sagt, wenn alles seinen gewohnten Gang gehe, und das m\u00f6glichst ger\u00e4uschlos, seien das wirklich gute Tage. Doch es gebe auch andere. Die, an denen es zu Gewaltt\u00e4tigkeiten in der Szene komme. Oder an denen verunreinigtes Heroin im Umlauf sei. Insgesamt aber, sagt Zosel, k\u00f6nne vieles viel schlimmer sein. In Frankfurt habe man die Situation schon seit Jahren im Griff. \u201eDie, die trotzdem meckern, m\u00fcssen sich nur die Zust\u00e4nde in den sp\u00e4ten achtziger und fr\u00fchen neunziger Jahren ins Ged\u00e4chtnis rufen, als sich bis zu tausend Abh\u00e4ngige in der Taunusanlage versammelten.\u201c Die Stadt sei \u00fcberschwemmt gewesen mit Heroins\u00fcchtigen. Allein 1991 wurden 147 Drogentote gez\u00e4hlt. Mittlerweile liege die Zahl bei etwas mehr als zwanzig im Jahr. Der Polizist will aber auch deshalb nicht von \u201eElend\u201c sprechen, weil er ganz andere Drogenviertel kennt, in denen die Not der Menschen augenf\u00e4lliger sei &#8211; und die Begleitkriminalit\u00e4t um ein Vielfaches h\u00f6her.<\/p>\n<h2>Unterwegs in Vilnius, Riga und Kiew<\/h2>\n<p>Im November 2011 war Thomas Zosel in Rio. Die dortige Polizei und die Nichtregierungsorganisation Viva Rio hatten ihn dorthin eingeladen, damit er vom \u201eFrankfurter Weg\u201c erz\u00e4hlt. Es gebe schon seit einigen Jahren ein gro\u00dfes Interesse anderer L\u00e4nder, zu sehen, wie in Frankfurt das Drogenproblem gel\u00f6st worden sei, sagt Zosel. Vor allem s\u00fcdamerikanische und osteurop\u00e4ische Staaten fragten bei ihm an, ob er als Referent bei Tagungen auftreten wolle. Zuletzt war er in Vilnius, davor in Moldau, Kiew und Riga &#8211; entweder auf Einladung der Europ\u00e4ischen Union oder der Vereinten Nationen. \u00dcberall stelle sich die Szene anders dar, berichtet der Polizist. Rio de Janeiro \u00fcberschatte jedoch alles, was er bisher gesehen und erlebt habe.<\/p>\n<p>In den Elendsvierteln herrsche ein wahrer Drogenkrieg. In den Favelas, die nicht befriedet seien, gebe es ein eigenes Rechtssystem. Zosel hat dort Kollegen besucht, die in den Favelas Wachposten bezogen haben. Der \u201eFrankfurter Weg\u201c hat sich offenbar bis dorthin herumgesprochen. Zosel sagt, es sei bemerkenswert, wie sich die brasilianische Polizei trotz ihrer eher repressiven Haltung f\u00fcr die Abh\u00e4ngigen einsetze, damit sie nicht in die K\u00e4mpfe verfeindeter Drogenclans hineingezogen w\u00fcrden. \u201eDie Polizei patrouilliert dort bewaffnet bei 30 Grad Hitze f\u00fcr Menschen, die gerade mal ein Blechdach \u00fcber dem Kopf haben.\u201c<\/p>\n<h2>Fortschritte in der eigenen Stadt<\/h2>\n<p>Wie schnell man zwischen die Fronten geraten kann, wei\u00df Zosel aus eigener Anschauung. An einem der Nachmittage war er beim Schlendern durch die Stadt in eine Stra\u00dfe geraten, in der offenbar Gangs das Sagen hatten. \u201eIn einem Moment war ich noch auf einem wundersch\u00f6nen Markt mit freundlichen Menschen, die einem zugel\u00e4chelt haben, weil man ein Fremder war. Aber kaum, dass ich um die Ecke bog, war ich mittendrin.\u201c M\u00e4nner in kleinen Gruppen h\u00e4tten dort gestanden und sich nach ihm umgedreht. \u201eMein Bauchgef\u00fchl sagte, dass ich besser gleich wieder umkehren soll. Ich war froh, als ich dort heil davongekommen war. Wenn man als Ausl\u00e4nder so etwas erlebt, kommt einem das Frankfurter Drogenviertel pl\u00f6tzlich ganz harmlos vor.\u201c<\/p>\n<p>Die Erfahrungen, die Zosel in den L\u00e4ndern macht, die er bereist, tun ihm gut, wie er sagt. \u201eWeil man dadurch auch immer die Fortschritte in der eigenen Stadt reflektiert.\u201c In Riga und Vilnius etwa sehe man kaum S\u00fcchtige auf den Stra\u00dfen, der Konsum finde im Verborgenen statt. Die Polizei gehe dort noch immer zum Teil rigoros gegen die Abh\u00e4ngigen vor, obwohl auch diese L\u00e4nder sich schon ge\u00f6ffnet h\u00e4tten. \u201eAuch aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden w\u00e4re es deshalb w\u00fcnschenswert, wenn diese St\u00e4dte zumindest einige Elemente des \u201eFrankfurter Wegs\u201c \u00fcbern\u00e4hmen.\u201c<\/p>\n<p>Nicht in allen europ\u00e4ischen Staaten w\u00fcrden S\u00fcchtige als Kranke angesehen. \u201eIn der Regel werden sie kriminalisiert\u201c, sagt Zosel. Wenn er Vortr\u00e4ge in Litauen oder Lettland h\u00e4lt, bekommt er immer wieder genau jene Fragen gestellt, \u00fcber die in den neunziger Jahren auch in Frankfurt diskutiert wurde: Ist es vorstellbar, dass Sozialarbeiter mit der Polizei kooperieren, um die Drogensucht einzud\u00e4mmen und Beschaffungskriminalit\u00e4t zu bek\u00e4mpfen? \u201eIn Frankfurt hat es ja gut funktioniert\u201c, sagt Zosel. \u201eVor allem deshalb, weil der politische Wille vorhanden war. Man mag vom ,Frankfurter Weg\u0091 halten, was man will, aber er ist aus Sicht der Polizei bisher der einzige, der zum Erfolg gef\u00fchrt hat.\u201c<\/p>\n<p>In zwei Wochen spricht Zosel abermals \u00fcber seine Erfahrungen. Diesmal aber nicht in S\u00fcdamerika und auch nicht in den baltischen Staaten, sondern in Frankfurt &#8211; auf der ersten Frankfurter Drogenkonferenz. Die Idee kam Zosel auf seinen zahlreichen Reisen. Wenn das Interesse an der Frankfurter Drogenpolitik so gro\u00df sei, dachte er, dann sei es nur sinnvoll, auch an Ort und Stelle dar\u00fcber zu diskutieren.<\/p>\n<h2>\u201eKeine Toleranz f\u00fcr Dealer\u201c<\/h2>\n<p>Geplant ist unter anderem ein Besuch in einer Heroinambulanz. Zudem sollen auch f\u00fcr andere Staaten Modelle entworfen werden, wie die Polizei mit Suchtkranken verfahren kann. \u201eDie Frage wird au\u00dferdem sein, wie die Polizei mit Drogenverst\u00f6\u00dfen generell umgeht\u201c, sagt Zosel. Es stehe au\u00dfer Frage, dass Rauschgifthandel mit allen Mitteln bek\u00e4mpft werden m\u00fcsse. \u201eF\u00fcr Dealer darf es keine Toleranz geben. Denjenigen jedoch, die an einer Sucht erkranken, m\u00fcssen wir mit einem menschlichen Auge begegnen.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/frankfurter-weg-dealer-bekaempfen-suechtigen-helfen-12638390.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/frankfurter-weg-dealer-bekaempfen-suechtigen-helfen-12638390.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Vertreter des \u201eFrankfurter Wegs\u201c fliegt der Polizist Thomas Zosel durch die Welt &#8211; und organisiert die erste Drogenkonferenz in seiner Heimatstadt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[361,362],"tags":[284,1660,270,1661,536,1076],"class_list":["post-19402","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesellschaft","category-menschen","tag-eu","tag-heroin","tag-polizei","tag-riga","tag-un","tag-vilnius"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19402","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19402"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19402\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19402"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19402"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19402"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}