{"id":19396,"date":"2013-10-31T16:54:20","date_gmt":"2013-10-31T16:54:20","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19396"},"modified":"2013-10-31T16:54:20","modified_gmt":"2013-10-31T16:54:20","slug":"geschichten-erzahlen-immer-von-der-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19396","title":{"rendered":"\u201eGeschichten erz\u00e4hlen immer von der Ewigkeit\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Schauspielerin Isabelle Huppert ist nicht nur f\u00fcr Franzosen eine Ikone. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Frauen und Freiheit, Unschuld und Skandal, die Gunst der Publikums und das Erstaunen des Schauspielers.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Filme, in denen Isabelle Huppert mitspielt, sind ja immer ein Ereignis. Und selbst wenn diese vielleicht franz\u00f6sischste aller franz\u00f6sischen Schauspielerinnen versichert, dass sie sich an das, was diese Ereignisse an Beifall, Bewunderung, Applaus, manchmal auch an Kritik provozieren, noch nie gew\u00f6hnen konnte, dass vielmehr jede Reaktion immer eine \u00dcberraschung sei, so pflegt sie doch einen bewundernswert gelassenen Umgang mit dem Wirbel, der um ihre Person schnell entsteht.<\/p>\n<p>Vor dem Gespr\u00e4ch, zu dem wir verabredet sind, sitzt sie &#8211; sehr d\u00fcnn, sehr klein &#8211; jedenfalls seelenruhig in einem edel gepolsterten Sessel in der Lobby des Hotel Adlon. Es gibt Tee. Um sie herum: die Agentin, Freunde, Familie, Chargen. Isabelle Huppert geht keinen Schritt allein. Sie ist die Hauptperson in diesem nachmitt\u00e4glichen Berliner Sittengem\u00e4lde, aber nicht nur dort. In \u201eDie Nonne\u201c, dem Film, der jetzt in den deutschen Kinos anl\u00e4uft und die Geschichte der jungen Suzanne Simonin erz\u00e4hlt, die sich (letztlich erfolgreich) dagegen wehrt, ihr Leben in einem Kloster verbringen zu m\u00fcssen, spielt Huppert die Vorsteherin dieses Klosters mit einer Unbedingtheit, die auf seltsame Weise resolut und verletzlich wirkt und die ihren Auftritt zum, nat\u00fcrlich, Ereignis des Films macht.<\/p>\n<p>Man vergisst dar\u00fcber fast, dass der Film auf einem Buch basiert, das Denis Diderot Ende des achtzehnten Jahrhunderts geschrieben hat und das schon einmal verfilmt worden ist, 1967 von Jacques Rivette. Auch dass Regisseur Guillaume Nicloux, der sich nun noch einmal an dieses Werk wagt, den Text vielleicht ein bisschen zu werkgetreu in Szene setzt, bis man vor lauter gest\u00e4rktem Mieder und gepuderten Per\u00fccken zuweilen verdr\u00e4ngt, dass dieser Film immerhin im Jahr 2013 in unseren Kinos l\u00e4uft, ist etwas, das man angesichts ihrer verzweifelten \u00c4btissinnen-Miene fast vergisst. Nur fast, wie gesagt. Aber daf\u00fcr kann sie nichts. Isabelle Huppert.<\/p>\n<p><strong>Madame Huppert, Guillaume Nicloux hat erz\u00e4hlt, dass er, bevor er mit den Dreharbeiten begann, das Buch von Diderot seiner Tochter zu lesen gegeben habe, um zu h\u00f6ren, was sie davon halte. Und sie meinte wohl, sie finde gar nicht, dass sich sehr viel ver\u00e4ndert habe, sondern dass es eigentlich immer noch aktuell sei. Finden Sie das auch?<\/strong><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, denn Frauen, die zu irgendetwas gezwungen werden, die gequ\u00e4lt werden, denen man keinerlei Hoffnung auf Freiheit gew\u00e4hrt &#8211; man muss sich ja nur die Weltkarte anschauen, um zu sehen, dass es das leider noch h\u00e4ufig gibt. Nicht in derselben Konstellation, aber die Verbote, gerade im Namen der Religion, gibt es doch. Wenn auch nicht dort, wo wir leben.<\/p>\n<p><strong>Aber das Buch und der Film spielen im sp\u00e4ten achtzehnten Jahrhundert, und ich finde, dieser Kontext bleibt auch in der Verfilmung sehr pr\u00e4sent.<\/strong><\/p>\n<p>Die St\u00e4rke einer Geschichte wie dieser besteht darin, gleichzeitig aus der Zeit zu erz\u00e4hlen, in der sie spielt, und \u00fcber sie hinaus zu weisen. So wie \u201eMadame Bovary\u201c. Das Buch erz\u00e4hlt auch aus einer bestimmten Zeit und von dem Kampf der Frauen zu allen Zeiten. Solche Geschichten erz\u00e4hlen immer von einer Epoche und von der Ewigkeit.<\/p>\n<p><strong>Diderots Buch war, schon als es erschien, satirisch zu verstehen. War es das, was Sie an diesem Film und an Ihrer Rolle vor allem gereizt hat?<\/strong><\/p>\n<p>Sie haben Recht, was den satirischen Aspekt angeht. Deswegen fand ich meine Rolle auch in mehrerer Hinsicht komisch. Man kann sie sich als eine literarische T\u00e4uschung vorstellen, die einem viel Distanz gestattet, eine ironische, humoristische Distanz. Aber die Art, in der Diderot sein Buch geschrieben hat, geht Hand in Hand mit der Best\u00fcrzung, mit der Unschuld, in der all diese Personen stecken. Wie die Hauptfigur Suzanne, die von Pauline Etienne gespielt wird, versteht auch meine Figur nicht, wie ihr geschieht. Ich wei\u00df nicht, ob das dem Film eine Modernit\u00e4t verleiht, aber in jedem Fall f\u00fcgt es sich in das Projekt von Diderot ein. Es verleiht den Personen eine Art von Unschuld, von Zerbrechlichkeit und auch von Arglosigkeit.<\/p>\n<p><strong>Und wie haben Sie sich der Rolle gen\u00e4hert? Wie haben Sie sie sich angeeignet?<\/strong><\/p>\n<p>Also, es geht um eine lesbische Nonne, die ein Kloster leitet und sich in ein M\u00e4dchen verliebt. Es geht dann darum, die Dinge so zu gestalten, wie man sich diesen Skandal vorstellt. Der Skandal entsteht ja nicht aus dem Willen heraus, jemandem zu schaden, oder aus einer anderen \u00dcberlegung. Er erw\u00e4chst aus der Nat\u00fcrlichkeit dieses Gef\u00fchls. Das ist das Interessante. Diese Vorsteherin kniet sich neben ein junges M\u00e4dchen, sieht sie mit starrem Blick an und sagt: K\u00fcssen Sie mich! Sie sagt nur: K\u00fcssen Sie mich! Das ist der Skandal.<\/p>\n<p>**<\/p>\n<p>Und wie sie jetzt da sitzt, Isabelle Huppert, und ihr Gesicht nur ganz leicht zu Seite dreht, dabei aber weder den Mund verzieht noch sonst irgendetwas an ihrer Mimik ver\u00e4ndert, sondern einfach nur den Blick starr auf einen fiktiven Haltepunkt in dem get\u00e4felten Adlon-Raum richtet, in dem wir sitzen, da sieht man diese verwirrte Nonnenoberin augenblicklich wieder vor sich: ihre Verzweiflung, ihre Gier, ihre verlorene Unschuld &#8211; ausgedr\u00fcckt in einem einzigen Augenaufschlag.<\/p>\n<p><strong>Wie haben Sie diese Frau verstanden? Was ist sie f\u00fcr eine?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe sie nicht als professionelle R\u00e4uberin gesehen, die es gewohnt ist, sich auf die jungen Nonnen in ihrem Kloster zu st\u00fcrzen. Ich glaube, sie ist jemand, der ungeheuer erschrocken ist, \u00fcber das, was geschieht. Es ist die Best\u00fcrzung vor dem Unbekannten. Das ist es, was der Film erz\u00e4hlt: Der Film erz\u00e4hlt von diesem M\u00e4dchen, das alle destabilisiert, weil sie anders sein will. Und dar\u00fcber sind all diese Menschen in der Strenge der Welt, in der sie leben, sehr erstaunt.<\/p>\n<p><strong>Sie ist, wie viele andere Figuren, die Sie gespielt haben, eine, die zwischen einem Freiheitswillen und einer gro\u00dfen Beklemmung schwankt. Wieso fasziniert Sie das immer wieder?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist es letztlich, was man in allen Rollen spielt. Ob in den leichtesten Kom\u00f6dien oder dem tiefsten Drama . . . Weil ich die bin, die ich bin, weil ich dieses und jenes auf eine Person projiziere, habe ich vielleicht immer die Neigung, aus den Personen diese Problematik des Eingeschlossenseins und der Freiheit herauszuholen. Gut, das ist nicht bei allen Figuren so, aber doch der grundlegende menschliche Weg, den jede Person in einem Film in einem bestimmten Moment erlebt. Ob es jemand ist, der um sein \u00dcberleben k\u00e4mpft oder darum, jemand anders zu sein, als er ist &#8211; das kann auf ganz unterschiedlichen Ebenen stattfinden, auf sehr leichten, anmutigen, dramatischen, heftigen oder auch sehr tragischen. Denn immerhin, die arme Vorsteherin stirbt ja daran. Sie stirbt, sie kann nicht anders. Sie ist das echte Opfer in dieser Geschichte.<\/p>\n<p><strong>Sie haben nicht nur etliche verschiedene Frauen gespielt, sondern auch mit einer Reihe von Regisseurinnen gearbeitet, zuletzt etwa mit Anne Fontaine und Eva Ionesco. Unterscheidet sich die Arbeit mit ihnen in irgendeiner Art von der mit den M\u00e4nnern?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist schwierig, nat\u00fcrlich gibt es Unterschiede zwischen den M\u00e4nnern und den Frauen, aber ich kann gar nicht sagen, worin sie liegen. Auch das, was den neuen Film ausmacht, ist nicht so sehr die Tatsache, dass es sich bei den Hauptfiguren \u00fcberwiegend um Frauen handelt, sondern dass sie Nonnen sind in dieser Uniformit\u00e4t der Kost\u00fcme &#8211; das ist ja etwas, was alle Unterschiede verwischt. Wenn man diese Figuren in normaler Kleidung spielen m\u00fcsste, w\u00fcrde man sie ganz anders darstellen. Was sie von vornherein definiert, sind diese Kost\u00fcme, das Eingeschlossensein &#8211; das Drama, wenn ich das so sagen kann, liegt in diesem Zwang. In der Zwanghaftigkeit des Ortes, der Kost\u00fcme, der Regeln. Man muss da gar nicht viel machen, denn angesichts der Pr\u00e4gnanz dieser Beschr\u00e4nkung nimmt die kleinste Geste die Gestalt einer Naturkatastrophe an. Die Vorsteherin muss sich Suzanne gar nicht an den Hals werfen, es gen\u00fcgt, dass sie sie ein bisschen entz\u00fcckt anschaut.<\/p>\n<p><strong>Sie haben mittlerweile ungef\u00e4hr sechzig Filme gedreht. Stellt sich mit der Zeit eigentlich so etwas wie Gewohnheit ein angesichts der Gunst des Publikums, der Kritik, aber auch angesichts der Tatsache, dass immer wieder Regisseure auf Sie zukommen, die Sie haben wollen?<\/strong><\/p>\n<p>Mit der Zeit k\u00f6nnte man das denken, aber das ist nichts, woran man sich gew\u00f6hnt. Es sind immer \u00dcberraschungen, die guten Ereignisse wie die schlechten. Ob gut oder schlecht, es sind immer \u00dcberraschungen. Wenn jemand Sie w\u00e4hlt, ist es eine \u00dcberraschung, aber wenn es jemand nicht tut, ist es auch eine. Es gibt immer eine Art Erstaunen \u00fcber das, was einem geschieht.<\/p>\n<p><strong>Von Ihnen wird immer behauptet, Sie w\u00e4ren k\u00fchl und distanziert. St\u00f6rt Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Eine Schauspielerin besteht aus ihren Rollen und ihren Filmen.<\/p>\n<p><strong>Aber Sie haben ja keineswegs nur k\u00fchle, distanzierte Figuren gespielt. <\/strong><\/p>\n<p>Nein, aber doch mehrere. Und es ist einfach das, was die Leute zur\u00fcckbehalten. Wenn man sich ein bisschen anstrengt, sieht man nat\u00fcrlich, dass meine Filme viele Facetten haben, denn ich habe alles M\u00f6gliche gespielt. Aber ich glaube schon auch, dass das, was man von einer Schauspielerin beh\u00e4lt, in gewisser Weise auch das ist, was man von ihr erwartet. Dagegen kann ein Schauspieler nichts tun. Und letzten Endes ist der Zuschauer selbst in diesem Bild gefangen. Mir ist das vollkommen egal. Manchmal nervt mich das auch. Aber es ist ein Problem der Zuschauer, nicht meines.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/isabelle-huppert-im-gespraech-geschichten-erzaehlen-immer-von-der-ewigkeit-12635621.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/isabelle-huppert-im-gespraech-geschichten-erzaehlen-immer-von-der-ewigkeit-12635621.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schauspielerin Isabelle Huppert ist nicht nur f\u00fcr Franzosen eine Ikone. 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