{"id":19202,"date":"2013-10-26T17:15:51","date_gmt":"2013-10-26T17:15:51","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19202"},"modified":"2013-10-26T17:15:51","modified_gmt":"2013-10-26T17:15:51","slug":"ist-bindung-der-schlussel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19202","title":{"rendered":"Ist Bindung der Schl\u00fcssel?"},"content":{"rendered":"<p>Die Rolle von instabilen Beziehungen in der Kindheit wird in derpsychosomatischen Medizin zunehmend erforscht. Neue Studien versprechen etwa bei dem verbreiteten Schmerzsyndrom Fibromyalgie Hoffnung.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Zum Mainstream, sagte der Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch in seiner Er\u00f6ffnungsrede im Audimax der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen, geh\u00f6re die bindungsorientierte Herangehensweise in den deutschen Kliniken f\u00fcr Psychosomatik und f\u00fcr Psychiatrie noch lange nicht. Aber immerhin hat das Thema Bindung vor etwas mehr als einem Jahrzehnt den Sprung von der Grundlagenforschung in die Klinik geschafft. Wie bedeutsam es in einzelnen Bereichen schon geworden ist, wurde jetzt in den Vortr\u00e4gen des internationalen Kongresses \u201eBindung und Psychosomatik\u201c in M\u00fcnchen deutlich. Welchem Bindungstyp ein Patient angeh\u00f6rt und was er in seinem Leben f\u00fcr Erfahrungen mit Bindung machen konnte: F\u00fcr eine wachsende Zahl von \u00c4rzten und Psychotherapeuten \u2013 und f\u00fcr deren wissenschaftliche Arbeiten \u2013 sind diese Fragen entscheidend geworden. Denn man stellt inzwischen einen Zusammenhang mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern \u2013 von der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivit\u00e4tsst\u00f6rung ADHS \u00fcber Asthma bis hin zu Schmerzsyndromen \u2013 her. In manchen F\u00e4llen k\u00f6nnte der Erfolg der neuen Herangehensweisen einer bemerkenswert gro\u00dfen Zahl von Patienten Hoffnung geben.<\/p>\n<p>Ulrich Egle etwa, der \u00e4rztliche Direktor der psychosomatischen Celenus-Fachklinik in Gengenbach, berichtete in M\u00fcnchen \u00fcber die Chancen, die ein bindungsorientierter therapeutischer Ansatz bei Fibromyalgie bietet, einem Schmerzsyndrom, das zwischen zwei und vier Prozent der Bev\u00f6lkerung betrifft, neunzig Prozent der Patienten sind Frauen. \u201eDie Debatte \u00fcber Fibromyalgie hat sich in den vergangenen zehn Jahren verschoben\u201c, sagte Egle. \u201eDass es sich um eine zentrale Stressverarbeitungsst\u00f6rung in bestimmten Hirnbereichen handelt, wird zunehmend anerkannt \u2013 leider nicht in Deutschland, aber international.\u201cDie Diagnose Fibromyalgie wurde urspr\u00fcnglich von Rheumatologen eingef\u00fchrt, die damit Patienten belegten, die unter Muskel- und Gelenkschmerzen sowie h\u00e4ufig auch Abgeschlagenheit und Schlafst\u00f6rungen leiden, ohne dass beispielsweise orthop\u00e4dische oder immunologische Ursachen gefunden werden k\u00f6nnen. Im Jahr 1990 ver\u00f6ffentlichte das American College of Rheumatology einen Kriterienkatalog- hier wurde unter anderem gefordert, dass mindestens elf von achtzehn definierten Sehnenansatzpunkten am K\u00f6rper bei Druck durch den Arzt schmerzempfindlich sein sollten.<\/p>\n<h2>Zentrale Fehlregulation<\/h2>\n<p>\u201eSp\u00e4ter wurde deutlich, dass die Patienten \u00fcberall eine erh\u00f6hte Schmerzempfindlichkeit aufweisen und zudem besonders geruchs- und ger\u00e4uschempfindlich sind\u201c, sagte Egle. \u201eDas sind Indizien, die f\u00fcr eine zentrale Dysregulation sprechen, eine sensorische Schwellenverstellung.\u201c Damit w\u00fcrde die Krankheit aus der rheumatologischen Zust\u00e4ndigkeit herausfallen. Ob eine solche Herausl\u00f6sung gerechtfertigt w\u00e4re, ist noch immer umstritten. Immer wieder wird vermutet, dass doch Nervensch\u00e4digungen in der Peripherie des K\u00f6rpers \u2013 und nicht im Zentralnervensystem \u2013 verantwortlich f\u00fcr die chronische St\u00f6rung sind. Zuletzt beschrieben Forscher der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg Anfang des Jahres im Fachmagazin \u201eBrain\u201c Sch\u00e4digungen im Bereich der kleinen schmerzleitenden Nervenfasern, die in der Haut enden, bei Betroffenen (doi:10.1093\/brain\/awt053).<\/p>\n<p>Egle vertritt hingegen den Standpunkt, dass die Patienten in psychosomatischen Kliniken am besten aufgehoben sind. Er sieht hinter der Debatte einen berufspolitischen Konflikt: \u201eEs gibt in Deutschland zu viele Betten in rheumatologischen Fachkliniken. Ohne die Fibromyalgie-Patienten k\u00f6nnten sie nicht mehr gef\u00fcllt werden.\u201c F\u00fcr Aufsehen sorgte Egle gemeinsam mit acht anderen deutschen Wissenschaftlern im Juni mit einer Studie, die im Fachmagazin \u201eRehabilitation\u201c erschien. Die Autoren verglichen anhand von Frageb\u00f6gen mehr als 600 Fibromyalgie-Patienten, die ihre Rehama\u00dfnahmen an drei Rheumakliniken und an drei psychosomatischen Kliniken erhielten. Einen Fr\u00fchberentungswunsch \u00e4u\u00dferten f\u00fcnfzehn Prozent der Patienten in der Psychosomatik \u2013 aber achtzig Prozent derjenigen, die eine rheumatologische Reha durchliefen (doi: 10.1055\/s-0032-1330006).<\/p>\n<h2>Stress in der Vergangenheit<\/h2>\n<p>In Rheumakliniken, so Egle, werde vor allem ein Schmerzbew\u00e4ltigungstraining angeboten. \u201eDie Patienten lernen, dass sie Bewegung nicht vermeiden d\u00fcrfen und wie sie sich vom Schmerz ablenken k\u00f6nnen.\u201c Egle stellte ein anderes Konzept vor: eine \u201einteraktionelle Gruppentherapie\u201c w\u00e4hrend sechs Wochen station\u00e4rer Behandlung. \u201eWir untersuchen die Beziehungsmuster der Patienten im Umgang mit sich und mit anderen\u201c, erkl\u00e4rte Egle. \u201eFibromyalgie-Patienten gehen mit sich und mit anderen so um, dass sie sich selbst stressen. Sie haben in der Vergangenheit famili\u00e4re Situationen erlebt, die durch Stress und Unkalkulierbarkeit gepr\u00e4gt waren \u2013 beispielsweise durch einen alkoholabh\u00e4ngigen Vater. Die Patienten regulieren gegen, indem sie versuchen, alles zu kontrollieren.\u201c<\/p>\n<p>Bindungserfahrungen spielten bei den meisten Patienten eine zentrale Rolle. Daran sind auch \u00fcberkommene Erziehungsprinzipien schuld, etwa, dass schreiende S\u00e4uglinge mit dem Kinderwagen in den Garten gestellt wurden, ein Vorgehen, das in Erziehungsratgebern noch bis in die zweite H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu finden war. \u201eSchreien ist ein Bindungssignal\u201c, erkl\u00e4rte Egle. \u201eWenn ein Kind durch Schreien aber immer auf der Terrasse landet, gew\u00f6hnt es sich das ab und macht alles allein.\u201c Als Erwachsene sind die Betroffenen nicht nur perfektionistisch, sie versuchen auch, nie jemanden um etwas zu bitten, und grenzen sich so selbst aus- sie suchen Aufmerksamkeit durch Altruismus und versuchen, immer zu funktionieren und ihre Gef\u00fchle abzuschalten. \u201eDas Kind vermeidet so Ausgrenzung\u201c, sagt Egle. \u201eIn der Therapie geht es darum, das kindliche Verhalten abzul\u00f6sen durch ein erwachsenes Verhalten. Gelingt das, endet der Schmerz.\u201c<\/p>\n<h2>Bindungsstile von Kindern<\/h2>\n<p>Den Bindungsstil, den diese Patienten erlernt haben, nennt man \u201evermeidende Bindung\u201c. Es ist ein Ausdruck, der in die Fr\u00fchzeit der Bindungsforschung zur\u00fcckreicht, zu der amerikanischen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, die in den siebziger Jahren den \u201eStrange Situation Test\u201c entwickelte, der bis heute gro\u00dfe Bekanntheit besitzt, weil noch h\u00e4ufig Filme dieses Tests vor Eltern in Krabbelgruppen und Kinderg\u00e4rten gezeigt werden. Ainsworth plazierte M\u00fctter mit deren Kleinkind und einer anderen Person in einen Raum und lie\u00df die Mutter nach einiger Zeit den Raum verlassen. Je nachdem, wie das Kind reagiert, ordnet man es seit Ainsworth\u2019 Studien dann einem von vier Bindungstypen zu: sicher gebunden, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent oder desorganisiert. Sicher gebundene Kinder weinen, lassen sich von der Betreuungsperson tr\u00f6sten und freuen sich \u00fcber die R\u00fcckkehr der Mutter. Unsicher gebundene Kinder ignorieren die Trennung und auch die zur\u00fcckkehrende Mutter, oder aber \u2013 bei einem ambivalenten Muster \u2013 sie zeigen sich aggressiv bei der R\u00fcckkehr. Der desorganisierte Typ zeigt \u00dcbersprungshandlungen, Erstarren oder Stereotypien.<\/p>\n<p>Lang war der Weg von den Pionieren der Bindungsforschung bis zu neuen Therapiemethoden, die deren Erkenntnisse integrieren. Karl Heinz Brisch, der Leiter der Abteilung P\u00e4diatrische Psychosomatik im Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU M\u00fcnchen, erinnerte in seinem Er\u00f6ffnungsvortrag daran, dass es noch in den f\u00fcnfziger Jahren \u00fcblich war, Eltern, deren Kinder ins Krankenhaus kamen, keine Besuche zu gestatten. Beim Wiedersehen reagierten die Kinder apathisch und desinteressiert, eine Strategie, mit der sie auf den Stress der Trennung zu reagieren gelernt hatten.<\/p>\n<h2>Bedeutung bei Hyperaktivit\u00e4t?<\/h2>\n<p>Nevena Vuksanovic vom Uniklinikum M\u00fcnchen stellte in ihrem Vortrag eine Verbindung her zwischen ADHS und Bindungsst\u00f6rungen. Vuksanovic fand heraus, dass Jungen mit ADHS mit starkem Anstieg des Stresshormons Cortisol auf bindungsspezifische, emotionale Stressoren reagieren, etwa Bilder von Gesichtern mit negativen Emotionen. Auf kognitive Stressoren \u2013 etwa Rechenaufgaben \u2013 reagieren sie hingegen vergleichbar stark wie gesunde Kontrollkinder. \u201eWas f\u00fcr einen Unterschied w\u00fcrde es machen, wenn die Kinder neue Bindungserfahrungen machen k\u00f6nnten\u201c, ist Vuksanovic \u00fcberzeugt. Inzwischen gibt es erste Stationen wie die von Brisch in M\u00fcnchen, auf denen mit \u201ebindungsorientierten Settings\u201c gearbeitet wird. In vielen Kinder- und Jugendpsychiatrien und Jugendhilfeinrichtungen sei noch der sogenannte \u201eTime-Out\u201c \u00fcblich, so Brisch: Ein schwer gestresstes Kind, das schreit und \u201eausrastet\u201c, wird allein in einen separaten Raum geschickt. In M\u00fcnchen arbeitet man stattdessen mit einem \u201eTime-Intensive\u201c. \u201eZwei oder mehrere Therapeuten gehen empathisch auf das Kind ein- es wird so lange gecoacht, bis es wieder runterkommt\u201c, erkl\u00e4rt Brisch. \u201eDie Phasen nehmen dann ab, das Kind kann lernen, seine Affekte besser zu kontrollieren.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/psychosomatik-ist-bindung-der-schluessel-12627780.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/psychosomatik-ist-bindung-der-schluessel-12627780.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rolle von instabilen Beziehungen in der Kindheit wird in derpsychosomatischen Medizin zunehmend erforscht. 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