{"id":19178,"date":"2013-10-26T17:15:13","date_gmt":"2013-10-26T17:15:13","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19178"},"modified":"2013-10-26T17:15:13","modified_gmt":"2013-10-26T17:15:13","slug":"mein-freund-gerda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19178","title":{"rendered":"Mein Freund Gerda"},"content":{"rendered":"<p>Ein Kind kommt mit Hoden und Geb\u00e4rmutter zur Welt. Die \u00c4rzte sagen, sie k\u00f6nnten es entweder zum M\u00e4dchen oder zum Jungen operieren. Die Eltern wollen das nicht. Ihr Kind ist beides.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Als Gerda geboren wurde, lie\u00df das deutsche Recht den Eltern eine Woche, um Fakten zu schaffen. Die Standesbeamten wollten es ganz eindeutig wissen, fragten nach Ort und Zeit der Geburt, dem Namen des Kindes* und nach dem Geschlecht. \u201eWeiblich\u201c lie\u00dfen die Eltern damals eintragen. Fast neun Jahre ist das her. Dabei waren sie sich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht sicher, ob sie damit \u00fcberhaupt richtig lagen.<\/p>\n<p>\u201eEin Junge\u201c, hatte die Hebamme verk\u00fcndet, als die Mutter nach dem Kaiserschnitt aus der Narkose erwachte. \u201eWahrscheinlich ein M\u00e4dchen\u201c, sagte der Arzt zu ihrem Mann.<\/p>\n<h2>Kein Junge, kein M\u00e4dchen \u2013 sondern beides<\/h2>\n<p>Sp\u00e4ter \u00e4u\u00dferten sich die Mediziner etwas genauer: Gerda ist kein Junge, kein M\u00e4dchen, sondern beides. Gerda hat einen m\u00e4nnlichen XY-Chromosomensatz, aber der Penis ist nur schwach ausgebildet, man kann genauso gut vergr\u00f6\u00dferte Klitoris dazu sagen. Die Hoden befanden sich nach der Geburt im Bauchraum, einer ist nicht vollst\u00e4ndig entwickelt, der zweite nur als Gewebestrang ausgebildet. Das Kind hat au\u00dferdem eine Geb\u00e4rmutter und eine Vagina.<\/p>\n<p>\u201eGonadendysgenesie\u201c diagnostizierten die \u00c4rzte. Dabei handelt es sich um eine der zahlreichen Varianten von Intersexualit\u00e4t. Gerda ist ein Kind, das sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen l\u00e4sst. Fr\u00fcher h\u00e4tte man Zwitter gesagt.<\/p>\n<p>Die Eltern hatten zun\u00e4chst ganz andere Sorgen. Gerda war drei Monate zu fr\u00fch auf die Welt gekommen, sie lag noch im Brutkasten, als die \u00c4rzte mit betretenen Mienen in den Raum traten und sagten, Gerda sei intersexuell. \u201eEhrlich gesagt: Die 920 Gramm waren der gr\u00f6\u00dfere Schock\u201c, sagt Anna Pietersen, die Mutter. Die 920 Gramm verschafften den Eltern allerdings Zeit, sich mit der Intersexualit\u00e4t ihres Kindes auseinanderzusetzen.<\/p>\n<h2>Chirurgen fiel es leichter, eine Vagina zu erschaffen<\/h2>\n<p>Vor fast einem Jahrzehnt, als Gerda auf die Welt kam, h\u00e4tten sie wenig \u00fcber Intersexualit\u00e4t gewusst, sagt die Mutter. Es gab noch keinen \u201eTatort\u201c, der das Thema aufgriff, keine Debatten \u00fcber Sportlerinnen wie die Sprinterin Caster Semenya, die laut Chromosomensatz eigentlich ein Sprinter ist. \u201eMiddlesex\u201c, der Roman des Amerikaners Jeffrey Eugenides, der sp\u00e4ter zum Bestseller wurde, war gerade erst erschienen. Und der Ethikrat des Deutschen Bundestages, der viele Facetten von Intersexualit\u00e4t aufarbeiten wollte, trat zum ersten Mal im Jahr 2010 zusammen.<\/p>\n<p>Zuf\u00e4llig kannte sich eine Freundin der Mutter ein wenig mit dem Thema aus. \u201eSie hat uns geraten, behutsam vorzugehen &#8211; und vor den \u00c4rzten auf der Hut zu sein.\u201c Woher ihr Unbehagen r\u00fchrte, erfuhren die Pietersens im Gespr\u00e4ch mit erwachsenen Intersexuellen, die sie \u00fcber die Elternselbsthilfegruppe der \u201eXY-Frauen\u201c kennenlernten. Sie geh\u00f6rt zum \u201eDachverband Intersexuelle Menschen\u201c. Viele waren durch die H\u00f6lle gegangen, litten an den Folgen fr\u00fchzeitiger Operationen und Hormonbehandlungen, die sie wahlweise zum Jungen, meistens zum M\u00e4dchen machen sollten &#8211; weil es Chirurgen leichter fiel, eine Vagina als einen Penis zu erschaffen.<\/p>\n<h2>Intersexualit\u00e4t ist kein Tabu-Thema mehr<\/h2>\n<p>Die Pietersens h\u00f6rten von Zwangskastrationen und Sterilisationen, von Eierst\u00f6cken oder Hoden, die den Patienten herausgeschnitten wurden, von Kindern, die sich irgendwie als Jungen f\u00fchlten, aber in rosa Kleidchen gesteckt wurden. Sie h\u00f6rten von Kindern, die Gruppen neugieriger \u00c4rzte immer wieder nackt vorgef\u00fchrt wurden, und von Eltern, die ihren Kindern nicht erz\u00e4hlten, was mit ihnen war &#8211; bis sie als Jugendliche zuf\u00e4llig, zum Beispiel nach einer Blinddarm-OP, erfuhren: \u201eDu bist keine Frau.\u201c Oder: \u201eDu bist gar kein Mann.\u201c<\/p>\n<p>Jahrzehntelang war Intersexualit\u00e4t mit einem Tabu belegt. Inzwischen kann man die Leidensgeschichten nachlesen: in zahlreichen Berichten von Betroffenen, in Internetforen von Selbsthilfegruppen oder in der Stellungnahme des Ethikrates. Man kann auch Hertha Richter-Appelt fragen, stellvertretende Direktorin des Instituts f\u00fcr Sexualforschung und Forensische Psychiatrie der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. \u201eDas Vorgehen der Medizin hat sich aus heutiger Perspektive als falsch erwiesen\u201c, sagt sie. Doch man m\u00fcsse es aus dem Kontext der Zeit verstehen.<\/p>\n<h2>Gro\u00dfes Leid durch Streben nach Eindeutigkeit<\/h2>\n<p>Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts waren Mediziner und Psychologen der Auffassung, ein Kind m\u00fcsse dringend und am besten stillschweigend an ein Geschlecht angepasst werden, um sich \u201enormal\u201c zu entwickeln. Richter-Appelt sagt, dass dieses Streben nach Eindeutigkeit und Normalisierung vielen Patienten enormes k\u00f6rperliches und seelisches Leid beschert habe: \u201eZum Beispiel wurde vielen Kindern sehr fr\u00fch eine Vagina eingesetzt, damit sie sp\u00e4ter einmal heterosexuellen Geschlechtsverkehr haben k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Weil das k\u00fcnstliche Organ aber schrumpft, wenn es nicht regelm\u00e4\u00dfig benutzt wird, muss es immer wieder geweitet werden. Meist haben die Eltern den Kindern jahrelang einen Stab eingef\u00fchrt. \u201eBougieren\u201c hei\u00dft das im Fachjargon. Der gew\u00fcnschte Effekt, n\u00e4mlich eine Frau zu schaffen, die den Sex mit M\u00e4nnern genie\u00dfen kann, trat nach diesen Erfahrungen meistens nicht ein: \u201eStudienteilnehmer erz\u00e4hlten, das Schlimmste sei f\u00fcr sie die Penetration.\u201c<\/p>\n<h2>Die Eltern lassen Gerda und ihren Geschlechtern freien Lauf<\/h2>\n<p>Als Gerda kr\u00e4ftig genug war, die Klinik zu verlassen, und die Eltern sie mit nach Hause nahmen, war den Pietersens klar: Prozeduren wie diese wollen wir unserem Kind unbedingt ersparen. Sofern kein medizinischer Notfall vorliegt, sind Mediziner inzwischen zu Zur\u00fcckhaltung bei geschlechtsver\u00e4ndernden Eingriffen aufgerufen, die nicht r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen sind. Dennoch machte der Arzt in der Spezialklinik von Rotterdam den Pietersens ein verlockendes Angebot: \u201eWir haben alle M\u00f6glichkeiten: Wir k\u00f6nnen Ihnen einen Jungen oder ein M\u00e4dchen machen.\u201c<\/p>\n<p>Die Pietersens haben es ausgeschlagen. Und sich entschieden, abzuwarten. Das fiel nicht immer leicht. Bei einer Gonadendysgenesie besteht zum Beispiel ein erh\u00f6htes Risiko, dass sich an den Gonaden Tumore bilden. Die Pietersens mussten also abw\u00e4gen: Entartungsrisiko gegen ein Leben mit Medikamenten und die Festlegung ihres Kindes auf das weibliche Geschlecht. Sie w\u00e4hlten das Risiko, haben aber zugestimmt, dass die \u00c4rzte Gerdas Hoden aus dem Bauchraum in die Leistengegend verlegen und fixieren. \u201eIn der Leiste haben wir das Tumorrisiko etwas besser im Griff\u201c, sagt Anna Pietersen. Einmal im Jahr hat Gerda einen Termin zum Ultraschall, jeden Monat kontrolliert ihre Mutter, ob sich eine Ver\u00e4nderung ertasten l\u00e4sst. Ansonsten lassen die Eltern Gerda und ihren Geschlechtern freien Lauf.<\/p>\n<h2>Mit dem Anderssein hausieren gegangen<\/h2>\n<p>\u201eDu bist beides\u201c, haben sie Gerda gesagt. \u201eDu kannst dir dein Geschlecht sp\u00e4ter aussuchen.\u201c Die Pietersens wissen, dass sie ein Wagnis eingehen, das vielen Eltern, die sie aus der Selbsthilfegruppe kennen, zu gro\u00df ist. Manche entscheiden sich zu medizinischen Behandlungen, die ihre Kinder mehr zum M\u00e4dchen oder zum Jungen machen. Anna Pietersen hat daf\u00fcr Verst\u00e4ndnis: \u201eWir leben in einer Gesellschaft, die nur weiblich und m\u00e4nnlich kennt.\u201c Eine andere Mutter erz\u00e4hlt: \u201eAls ich mit dem Kinderwagen spazieren ging, kamen die Leute und fragten zuallererst: ,Was ist es denn: M\u00e4dchen oder Junge?\u0091 \u201c Sie habe geantwortet: \u201eIch kann es nicht sagen. Aber habt keine Scheu, mich zu fragen.\u201c<\/p>\n<p>Den Pietersens hatte eine Psychologin gesagt: \u201eWenn Sie Ihr Kind offen erziehen, wird es immer anders sein. Und Kinder wollen nicht anders sein.\u201c Bislang haben die Pietersens andere Erfahrungen gemacht: Gerda rede sogar sehr gerne dar\u00fcber, dass sie beides sei, als w\u00e4re sie stolz auf ihr Anderssein. Im Alter von sechs Jahren, erz\u00e4hlt die Mutter, sei das Kind gewisserma\u00dfen mit seiner Intersexualit\u00e4t hausieren gegangen. \u201eDu musst ja nicht unbedingt jedem Wildfremden davon erz\u00e4hlen\u201c, habe sie ihm damals gesagt.<\/p>\n<h2>Entscheidung f\u00fcr die Jungen-Umkleide<\/h2>\n<p>Gerda hat lange blonde Haare und mag keine Kleider. Einen rosa Pulli, sagt ihre Mutter, trage sie aber ab und zu ganz gern. Fr\u00fcher liebte sie alles, was glitzert. \u201eAber das tat ihr gro\u00dfer Bruder auch, als er j\u00fcnger war\u201c, erinnert sich die Mutter. Er wollte eine Kette tragen. Ihm habe sie damals gesagt: \u201eNee, das ist doch eher was f\u00fcr M\u00e4dchen.\u201c Heute sei ihr klar, dass man seine Kinder ganz subtil zu M\u00e4dchen und Jungen erziehe.<\/p>\n<p>Die Pietersens haben immer wieder gesagt bekommen, wie grausam Kinder zu Kindern sein k\u00f6nnen, die von der Norm abweichen. \u201eIch erlebe Gerdas Schulkameraden und Freunde aber als sehr verst\u00e4ndnisvoll\u201c, sagt Anna Pietersen. Momentan spielt Gerda lieber mit Jungen, und als sie vor der Wahl stand, wo sie sich vor dem Sportunterricht umziehen wolle, habe sich die Achtj\u00e4hrige f\u00fcr die Umkleidekabinen der Jungs entschieden. Einer der besten Freunde ihres Kindes, erz\u00e4hlt Anna Pietersen und muss lachen, sage \u201eGerda\u201c und spreche dann ganz selbstverst\u00e4ndlich weiter von \u201eihm\u201c.<\/p>\n<h2>Pubert\u00e4t: Gerda wird wohl verm\u00e4nnlichen<\/h2>\n<p>Nat\u00fcrlich liegt die kritische Zeit noch vor ihnen. Wenn Gerda auf die h\u00f6here Schule wechselt und dort auf Kinder trifft, die von Intersexualit\u00e4t noch nie etwas geh\u00f6rt haben. Wenn die Hormone ins Spiel kommen, kann sich ohnehin alles \u00e4ndern. Dann geht es vermutlich nicht blo\u00df um pinke Accessoires. Die \u00c4rzte haben Gerdas Gonade getestet: Sie wird in der Pubert\u00e4t im durchschnittlichen Ma\u00dfe m\u00e4nnliches Testosteron produzieren. Gerda wird also verm\u00e4nnlichen, obwohl die Geburtsurkunde von einer weiblichen Person k\u00fcndet.<\/p>\n<p>Vielleicht wird Gerda ihren Eltern sp\u00e4ter Vorw\u00fcrfe machen, warum man sie nicht schon fr\u00fch zum Jungen gemacht habe. Oder doch zum M\u00e4dchen. Anna Pietersen wei\u00df um das Risiko. \u201eAber es ist doch so: Wir h\u00e4tten bei allen Entscheidungen wahrscheinlich immer f\u00fcnfzig Prozent danebengelegen.\u201c Man habe als Eltern doch ohnehin keine Garantie, dass man alles richtig mache.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/gesundheit\/intersexualitaet-mein-freund-gerda-12625194.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/gesundheit\/intersexualitaet-mein-freund-gerda-12625194.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kind kommt mit Hoden und Geb\u00e4rmutter zur Welt. Die \u00c4rzte sagen, sie k\u00f6nnten es entweder zum M\u00e4dchen oder zum Jungen operieren. Die Eltern wollen das nicht. 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