{"id":19014,"date":"2011-11-28T16:10:00","date_gmt":"2011-11-28T16:10:00","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=19014"},"modified":"2011-11-28T16:10:00","modified_gmt":"2011-11-28T16:10:00","slug":"eine-wissenschaft-in-der-falle-der-eigenen-wichtigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=19014","title":{"rendered":"Eine Wissenschaft in der Falle der eigenen Wichtigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Die Hypothese, dass der Mensch das Klima ver\u00e4ndert, brachte die Klimaforschung auf den Gedanken, ihm ein neues Verhalten vorzuschreiben. Kritischer Blick auf den Erfolg eines Faches.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Von 1975 an hat Klaus Hasselmann das Hamburger Max-Planck-Institut f\u00fcr Meteorologie zu einem weltbekannten Zentrum der internationalen Klimaforschung gemacht. Ich m\u00f6chte eine Geschichte des MPI skizzieren, um vor diesem Hintergrund \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer nachhaltigen Nutzung der Ressource Klimawissenschaft im gesellschaftlichen Diskurs zu spekulieren. Wenn ich von \u201eeiner\u201c Geschichte spreche, dann um das subjektive Element zu unterstreichen- andere w\u00fcrden diese Geschichte sicher anders erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Zuerst gab es das stochastische Klimamodell, das 1976 ver\u00f6ffentlicht wurde: f\u00fcr einen theoretischen Physiker ganz naheliegend, f\u00fcr einen Meteorologen mit Interesse am Klima aber \u00fcberraschend. Da ist Rauch ohne Feuer, Wandel ohne Grund. Stochastizit\u00e4t eben. F\u00fcr einige Zeit waren es diese grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen, die die Arbeiten am neuen Institut bestimmten. Ohne erkennbare gesellschaftliche Relevanz &#8211; vor allem interessant, Spa\u00df am mathematisch-physikalischen Spiel.<\/p>\n<h2>Die gesellschaftliche Dimension war von Anfang an da<\/h2>\n<p>Dann kam die Wende, circa 1982, und sogar wir aus dem Uni-Institut &#8211; zwei, drei Stockwerke weiter unten &#8211; wurden dazugebeten. Der Chef wollte ein dynamisches Klimamodell, das auf dem Konzept der Zirkulationsmodelle f\u00fcr Atmosph\u00e4re und Ozean aufbaute. Erich Roeckner konnte das f\u00fcr die Atmosph\u00e4re, Ernst Maier-Reimer f\u00fcr den Ozean &#8211; die beiden Felsen, auf denen das Institut sp\u00e4ter stand. Die gesellschaftliche Relevanz r\u00fcckte n\u00e4her.<\/p>\n<p>Klaus Hasselmann behauptete sp\u00e4ter, es habe da einen gro\u00dfen Plan gegeben. So liest man in einem Interview von 2007, im Original englisch: \u201eAls das Institut gegr\u00fcndet wurde, hatte ich zwei Ziele. Das eine war, den Ursprung der nat\u00fcrlichen Ver\u00e4nderlichkeit des Klimas zu verstehen. Dieser wurde damals gar nicht verstanden, aber war offensichtlich ein wesentliches Thema, wenn wir zwischen nat\u00fcrlichen Klimaschwankungen und dem menschgemachten Klimawandel unterscheiden wollten.\u201c Was ja wohl bedeutet, dass Hasselmann von Anfang an das Thema des \u201ehuman made climate change\u201c im Sinne hatte und schon fr\u00fch \u201edetection &#038;amp- attribution\u201c (etwa: Aufdeckung und Ursachenbenennung) des menschgemachten Klimawandels in sein Programm aufnahm. So ganz glaube ich ihm das nicht- aber warum soll ein Forscher nicht auch einmal im Nachhinein ein bisschen rationalisieren? Wenn ich es mir genau \u00fcberlege, dann halte ich die beiden Konzepte, stochastisches Klimamodell und \u201edetection &#038;amp- attribution\u201c, f\u00fcr die wichtigsten seiner Leistungen, jedenfalls von denen, die ich verstehe.<\/p>\n<p class=\"ArtikelMultimediaComment\">S\u00fcdafrika: Klimakonferenz beginnt<\/p>\n<p>Mit anderen Worten, die gesellschaftliche Dimension war von Anfang an da. Und damit die Falle, in die wir gingen, unser Chef voran. Zusammengefasst wurde das in einem Diagramm, in dem zum einen ein interagierendes Gesellschaft-Umwelt-System seiner eigenen Dynamik folgt, aber durch geeignete Ma\u00dfnahmen, seien es Abgaben oder Gebote, gesteuert werden kann. Ohne Steuerung f\u00fchrt das System in f\u00fcr die Gesellschaft nachteilige Bedingungen- durch geeignete Ma\u00dfnahmen, vor allem durch die Minderung der Emissionen von Treibhausgasen, kann diese Entwicklung eingeschr\u00e4nkt werden.<\/p>\n<h2>Inzwischen gilt die Ma\u00dfgabe als wissenschaftlich richtig<\/h2>\n<p>Bei Vorgabe eines gesellschaftlichen Willens zum hinnehmbaren Umfang der negativen Klima\u00e4nderungsfolgen reicht es, dass \u00d6konomen die Kosten f\u00fcr Anpassung und Vermeidung berechnen- am Ende wird vern\u00fcnftigerweise jener Ma\u00dfnahmenkatalog implementiert, der mit minimalen Kosten einhergeht. In diesem \u201eGlobal Environmental Society Model\u201c findet sich der demokratische Willensbildungsprozess nur bei der Festlegung der akzeptablen \u00c4nderungen und der Metrik, wie diese zu messen sind. Der Rest folgt zwingend aus dem wissenschaftlich generierten Wissen. Die Wissenschaft wird zum Strategiegeber f\u00fcr die globale Gesellschaft.<\/p>\n<p>Diese Sichtweise wird heute von Klimaforschern weitgehend geteilt. In diesem Bild wird der Zwang zur Implementierung der richtigen Politik konterkariert durch die Unsicherheit des wissenschaftlich konstruierten Wissens sowie durch moralisch fragw\u00fcrdige Vertreter engstirniger Interessen. Die Herausforderung besteht darin, die absolut richtige Wahrheit einer oft dummen und von b\u00f6sen Kr\u00e4ften irregeleiteten Masse nahezubringen. Inzwischen hat die Wissenschaft auch die urspr\u00fcngliche Frage an den Souver\u00e4n, die nach dem akzeptablen Umfang der \u00c4nderungen, selbst entschieden: zwei Grad und Stabilisierung zum Ende des Jahrhunderts. Wir hatten dieses Szenario als M\u00f6glichkeit durchgespielt, inzwischen aber gilt die Ma\u00dfgabe als wissenschaftlich richtig und zwingend. Das demokratische System hat nur noch zu vollziehen, und wenn es das nicht tut, dann sind die Leute bl\u00f6d oder unzureichend gebildet.<\/p>\n<h2>Verschl\u00fcsselten Hinweise in den Medien<\/h2>\n<p>Ist diese Beschreibung zutreffend oder nur eine \u00dcbertreibung, geboren aus der Lust am Zweifel und Widerspruch? Ich habe nichts dagegen, wenn man meine \u00dcberlegungen so abtut. Ich habe nicht den Anspruch, die Welt zu retten.<\/p>\n<p>In meinen Augen ist hier die Denkschule des klimatischen Determinismus am Werk. Das Klima bestimmt, wie wir leben sollen: wie wir Energie nutzen, ob wir vermehrt Nierensteine oder h\u00e4ufiger Depressionen bekommen. Eine Denkschule, die unter Naturwissenschaftlern h\u00e4ufig anzutreffen ist &#8211; und wir sind in diese Falle getappt, wussten wir doch damals gar nichts von solchen Ideen, obwohl wir sie mit uns latent herumschleppten, als integralen Bestandteil unserer westlichen Kultur. Nico Stehr, ein f\u00fcr uns seinerzeit merkw\u00fcrdiger Besucher aus der sozialwissenschaftlichen Welt, machte uns fr\u00fch auf diese Falle aufmerksam, aber wir verstanden das nicht. Wir sind physikalische Naturwissenschaftler, unsere Kultur hat keinen Einfluss auf unsere wissenschaftliche Praxis, wir verk\u00fcnden Wahrheit.<\/p>\n<p>Und zu dieser Wahrheit geh\u00f6rte die moralische Verpflichtung des Aufr\u00fcttelns. Das taten wir, auch wenn wir dann und wann \u00fcber das Ziel hinausschossen, etwa wenn wir den Peak der Sturmt\u00e4tigkeit Anfang der neunziger Jahre voreilig zum Beleg f\u00fcr den menschgemachten Klimawandel ausriefen und uns mit verschl\u00fcsselten Hinweisen in den Medien interessant machten, wonach dieses oder jene Extremereignis zwar nicht nachweisbar auf den Klimawandel zur\u00fcckgehe, de facto aber jeder wisse, dass es doch so sei.<\/p>\n<h2>Die industrielle Produktion von Szenarien verliert an Bedeutung<\/h2>\n<p>Das MPI wurde bekannt als die Kaderschmiede der weltrettenden Klimaforschung in Deutschland. Tats\u00e4chlich gab es weniger und weniger Arbeiten, die nichts mit dem immer dominanteren Thema des menschgemachten Klimawandels zu tun hatten. In dieser Zeit trug Hasselmann aber noch einmal dazu bei, den Hype zu begrenzen &#8211; durch die Durchsetzung des Prinzips samt einer Methodologie von \u201eDetection &#038;amp- Attribution\u201c. Aber aus dem Triumph, der \u00d6ffentlichkeit erkl\u00e4ren zu d\u00fcrfen, dass der gegenw\u00e4rtige Temperaturanstieg unplausibel im Rahmen der nat\u00fcrlichen Variabilit\u00e4t ist und mit dem derzeitigen Wissen ohne die Kausalit\u00e4t der Wirkung der Treibhausgase nicht erkl\u00e4rt werden kann, wurde der Niedergang der Eisb\u00e4ren. Aus der Irrtumswahrscheinlichkeit f\u00fcr die Detection-Aussage von weniger als 5 Prozent wurde: 95 Prozent des derzeitigen Wandels sind auf die Treibhausgase zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Im Grunde konnte es von dort aus nur noch zwei Wege gehen &#8211; n\u00e4mlich die Bestimmung der Downstream-Effekte von Klimawandel und -variabilit\u00e4t auf andere Systeme, sei es Seegang, die Apfelproduktion oder die Verbreitung von Malaria. Diese Aufgabe ging an das Potsdam-Institut f\u00fcr Klimafolgenforschung- ich nahm diese Thematik im begrenzten Umfang &#8211; auf K\u00fcsten bezogen &#8211; mit ins GKSS-Forschungszentrum Geesthacht. Dem MPI blieb die andere Richtung, die Erdsystemmodellierung. Heute hat das Institut eine neue Richtung aufgenommen- die industrielle Produktion von Szenarien verliert an Bedeutung, und \u201einteressante Fragen\u201c nach der Dynamik der Erdoberfl\u00e4che im Klimasystem oder nach dem Mechanismus und der Vorhersagbarkeit des \u201eMeridional Overturning Current\u201c im Atlantik oder auch das Studium kleinskaliger atmosph\u00e4rischer Prozesse mit h\u00f6chstaufl\u00f6senden Modellen beginnen das Gef\u00e4ngnis der gesellschaftlichen Relevanz zu sprengen. Ein neues Forschungsprogramm wird demn\u00e4chst ver\u00f6ffentlicht werden.<\/p>\n<h2>Teil unserer Kulturen<\/h2>\n<p>Die Einbettung von Wissenschaft in einen gesellschaftlichen Kontext wird zum Gef\u00e4ngnis, wenn die N\u00fctzlichkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse f\u00fcr eine bestimmte Politik in den Vordergrund tritt, die Angst vor vermeintlichem Missbrauch durch politische Feinde die Feder f\u00fchrt. Dann werden einige Gedanken inopportun und a priori unplausibel, aber andere opportun und a priori plausibel. Verschiedene Wissensformen mischen sich, und andere \u201eWissensbest\u00e4nde beeinflussen den wissenschaftlichen Erkenntnisakt\u201c, um Ludwig Fleck zu zitieren. Was ist Wissen? Nico Stehr bestimmt Wissen als \u201eF\u00e4higkeit zu handeln\u201c und \u201eM\u00f6glichkeit, etwas in Bewegung zu setzen\u201c. Wissen ist laut Stehr ein \u201eModell f\u00fcr Wirklichkeit\u201c. Dieses Wissen darf auch \u201ewahr\u201c sein, muss aber nicht. Aber es ist handlungsleitend.<\/p>\n<p>Ebenso bei Ludwig Fleck. Sein Buch \u201eEntstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache\u201c von 1939 stellt fest: \u201eWas Wissen ist, wird von dem jeweiligen kulturellen und sozialen Kontext festgelegt.\u201c Wissen ist somit, wie Sylwia Werner und Claus Zittel, die Herausgeber einer Anthologie \u00fcber Fleck, erl\u00e4utern, nicht wie in der philosophischen Tradition als wahre und gerechtfertigte Meinung definiert, sondern als \u201efixation of belief\u201c. Sie fordern im Sinne Flecks: \u201eDaher m\u00fcssen nun die kulturellen Faktoren und Praktiken untersucht werden, die solche Fixierung von Wissen herbeif\u00fchren. Je nach kulturellem und sozialem Kontext kommt es zu pluralen Wirklichkeitsentw\u00fcrfen, deren Geltung nur innerhalb des jeweiligen Denkstils verhandelt werden kann, und das gilt auch f\u00fcr die harte Wissenschaften.\u201c<\/p>\n<p>Das Ergebnis unseres Wissensschaffens ist Wissen. Aber es gibt Alternativen zu unserem Wissen, Alternativen, die auch etwas in Bewegung setzen k\u00f6nnen, aber eben anders. Wir Wissenschaftler werden auch gesteuert von kulturellen Wissenssystemen, in denen es um gut und nicht gut geht, also um Wertfragen. Dagegen k\u00f6nnen wir nicht wirklich etwas tun, weil wir ja Teil unserer Kulturen sind, denen wir nicht entkommen k\u00f6nnen und auch nicht wollen. Aber wir k\u00f6nnen uns dar\u00fcber klarwerden, wie dieser soziale Prozess des Wissensschaffens konditioniert wird durch kulturelles Wissen- wir k\u00f6nnen versuchen, dem Anspruch der Objektivit\u00e4t n\u00e4herzukommen.<\/p>\n<h2>Wissenschaftliches Kapital<\/h2>\n<p>Wir sollten uns auch fragen: Welche Rolle wollen wir in der Gesellschaft spielen? Und andersherum: Was erwartet die Gesellschaft von uns? Sollen wir Ja-Sager f\u00fcr den Zeitgeist sein- sollen wir daf\u00fcr sorgen, dass soziale Prozesse z\u00fcgig in eine bestimmte Richtung laufen, oder sollen wir durch ungefiltertes Fragen zur Kakophonie der Unsicherheit beitragen und so eher Sand in das Getriebe werfen, um einen breiteren demokratischen Prozess zu erm\u00f6glichen? Ich denke: Letzteres.<\/p>\n<p>Wie jeder soziale Prozess kann Wissenschaft nachhaltig oder nicht nachhaltig durchgef\u00fchrt werden- man kann netto Kapital aufbauen oder verbrauchen. Das Kapital ist in diesem Falle: die Autorit\u00e4t der Wissenschaft, komplexe Vorg\u00e4nge zu erkl\u00e4ren mit einem Produktionssystem, das sich zumindest prinzipiell einer Ethik des arbeitsteiligen, uneigenn\u00fctzigen Skeptizismus im Sinne von Robert Merton unterwirft. Durch Opportunismus oder wahrgenommenen Opportunismus wird dieses Kapital verbraucht. Als wir in der Vergangenheit nicht gegen alarmistische Exzesse aufgetreten sind, haben wir Kapital verbraucht- als neulich der \u201eTimes\u201c-Atlas fehlerhafte Angaben zur Verminderung des gr\u00f6nl\u00e4ndischen Eisschildes machte, standen sofort kompetente Leute auf und widersprachen- da wurde Kapital erzeugt.<\/p>\n<h2>Neben der Klimaproblematik weitere Herausforderungen<\/h2>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir uns die Zukunft der Klimaforschung vorstellen? Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich davon ab, wie sich der Klimawandel entfalten wird. Ich erwarte, dass es den Gesellschaften in wenigen Jahrzehnten gelingen wird, das Anwachsen der Emissionen von Treibhausgasen deutlich abzubremsen &#8211; aber es wird wohl kaum eine Stabilisierung geschweige denn eine Trendwende geben. Der Klimawandel wird sich daher gegen\u00fcber den pessimistischsten Perspektiven etwas verlangsamen, sich aber dennoch auf absehbare Zeit ziemlich stetig weiter entfalten. Im letzten Jahr sind die Emissionen wieder erheblich angewachsen, st\u00e4rker als zuvor. Der menschgemachte Klimawandel wird sich wohl deutlich heraussch\u00e4len, mit den Attributen einer generellen Erw\u00e4rmung, einer polw\u00e4rtigen Verschiebung der Klimazonen und eines verst\u00e4rkten hydrologischen Zyklus. Ich erwarte keine dramatischen \u00dcberraschungen &#8211; abgesehen von Phasen, in denen die Erw\u00e4rmung mal schneller, mal langsamer vonstattengeht.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wird deutlich werden, dass es neben der Klimaproblematik weitere Herausforderungen geben wird, die das globale Wohlergehen beeinflussen: vielleicht Nachwirkungen der Wirtschaftskrise, Gesundheitsgefahren, Bev\u00f6lkerungszuwachs, soziale Ungleichheit, Armut, Hunger, Ressourcen\u00fcbernutzung, radikal verschiedene Weltsichten oder ganz neue Probleme<\/p>\n<h2>Optimist in Bezug auf den Einsatz der Vernunft<\/h2>\n<p>Auf der Wissensbedarfsseite wird das Interesse an Szenarien f\u00fcr zuk\u00fcnftige Entwicklungen weiter zunehmen. Die Aufgabe der Szenarienerstellung wird aber von einer wissenschaftlichen Herausforderung zur rein technischen Aufgabe degenerieren. Der Hype um katastrophale Entwicklungen wird sich legen, allein schon wegen einer Erm\u00fcdung des Publikums und des Generationswechsels in der Wissenschaft. Insofern wird sich die naturwissenschaftliche Klimaforschung auf legitim neugiergetriebene Fragen, etwa zur Erdgeschichte, fokussieren, w\u00e4hrend eine de facto ingenieurwissenschaftliche Richtung sich auf klimatechnische Fragen kaprizieren wird: Ableitung von Szenarien, Klima-Monitoring, lokale und regionale Anpassung und Klimasteuerung. Dazu wird sich eine aktive, anwendungsorientierte sozial- und kulturwissenschaftliche Klimaforschung entwickeln.<\/p>\n<p>Ich erwarte au\u00dferdem, dass die Gesellschaften dieser Welt zu einem vern\u00fcnftigeren, auch praktisch realisierbaren Umgang mit dem Klimaproblem \u00fcbergehen. Dass erreichbare Ziele formuliert werden und Antworten auf die Frage der zuk\u00fcnftigen Entwicklung diverse sich \u00e4ndernde Faktoren neben dem Klima ber\u00fccksichtigen. Dieses Szenario einer m\u00f6glichen Zukunft weist mich als Optimisten in Bezug auf den Einsatz der Vernunft aus. Das ist in sich selbst nicht sonderlich vern\u00fcnftig und konsistent, verweisen die Erfahrungen aus der Vergangenheit doch plausiblerweise auf eine Zukunft, die ebenso wenig vern\u00fcnftig wie die Gegenwart und Vergangenheiten sein wird.<\/p>\n<h2>Wenig ist so gef\u00e4hrlich wie der Wille zur Weltverbesserung<\/h2>\n<p>Welche Alternativen sehe ich? Eine pessimistische Zukunftserwartung ist, dass das Klimathema nicht mehr wirklich ernst genommen wird, eventuell noch zur Motivation f\u00fcr eine allgegenw\u00e4rtige Regulierung fast aller Lebensbereiche instrumentalisiert werden k\u00f6nnte. Die Klimaforschung w\u00fcrde die gegenw\u00e4rtige Aufmerksamkeit der \u00d6ffentlichkeit verlieren &#8211; trotz oder auch wegen eines langen Feuerwerks immer wieder neu entdeckter Gefahren und in Aussicht gestellter Weltunterg\u00e4nge. Am Ende st\u00fcnden ein R\u00fcckzug auf die von Wetterdiensten betriebenen \u00dcberwachungsaufgaben, spannende Nischenforschung im Elfenbeinturm und versprengte \u00fcbrig gebliebene Alarmisten. Gleichzeitig w\u00fcrde der Platz der Angst vor der Klimakatastrophe durch die Angst vor etwas anderem \u00fcbernommen werden, hoffentlich ohne wirklich drastische Folgen f\u00fcr den friedlichen Umgang der Menschen untereinander.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte aber den Standpunkt des Optimisten einnehmen, gerade weil ich glaube, dass wenig so gef\u00e4hrlich ist wie der Wille zur Weltverbesserung. Was aber der Tatsache keinen Abbruch tut, dass die Zeit mit Klaus Hasselmann am MPI f\u00fcr Meteorologie eine wunderbare und aufregende Zeit war.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/klima\/klimaforschung-eine-wissenschaft-in-der-falle-der-eigenen-wichtigkeit-11544483.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/klima\/klimaforschung-eine-wissenschaft-in-der-falle-der-eigenen-wichtigkeit-11544483.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hypothese, dass der Mensch das Klima ver\u00e4ndert, brachte die Klimaforschung auf den Gedanken, ihm ein neues Verhalten vorzuschreiben. 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