{"id":18994,"date":"2011-12-19T16:09:56","date_gmt":"2011-12-19T16:09:56","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18994"},"modified":"2011-12-19T16:09:56","modified_gmt":"2011-12-19T16:09:56","slug":"was-lesen-sie-aus-dem-eis-monsieur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18994","title":{"rendered":"Was lesen Sie aus dem Eis, Monsieur?"},"content":{"rendered":"<p>Der Eismann aus Paris: Jean Jouzel findet in der Arktis den Schl\u00fcssel zur Erdgeschichte. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber das Gesp\u00fcr f\u00fcr Eis, die Zukunft der Arktis und Kinder als Umweltsch\u00fctzer.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\"><em>Jean Jouzel wartet vor der Steinpforte des Forschungsministeriums in Paris. Im Bistro gegen\u00fcber bestellt er einen kleinen Schwarzen und sagt: \u201eSch\u00f6n, dass Sie da sind.\u201c<\/em><\/p>\n<p><strong>Sie kennen wahrscheinlich Peter H\u00f8gs Kriminalroman \u201eFr\u00e4ulein Smillas Gesp\u00fcr f\u00fcr Schnee\u201c. Der d\u00e4nische Schriftsteller erz\u00e4hlt darin, wie eine Wissenschaftlerin mit Hilfe ihrer Kenntnisse \u00fcber die verschiedenen Strukturen des Schnees einen Mordfall aufdeckt.<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe von der Geschichte geh\u00f6rt, das Buch aber noch nicht gelesen. Ich denke, ich werde es mir endlich mal besorgen m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Ihre Kollegen unter den Meteorologen und in der Klimaabteilung des Centre national de la recherche scientifique, des CNRS in Paris, behaupten, Dr. Jouzels Gesp\u00fcr f\u00fcr Eis sei legend\u00e4r. Was bedeuten Schnee und Eis f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Mich hat das Eis schon immer interessiert. Mich fasziniert, dass es ein Tresor ist, ein Archiv der Natur, das wir nur \u00f6ffnen m\u00fcssen, um in die Vergangenheit des Planeten, aber auch in unsere Zukunft blicken zu k\u00f6nnen. Glaziologie ist l\u00e4ngst eine interdisziplin\u00e4re Wissenschaft geworden, in der Geologie, Geographie, Hydrologie und Meteorologie zusammenkommen. Vor allem f\u00fcr die Klimatologie ist sie eine fast unersch\u00f6pfliche Datenquelle. Wir lesen im Eis wie in einem Buch, und es ist ein Buch, das viele Lehren bereith\u00e4lt. Wir machen uns zunutze, dass es eine wissenschaftlich nachgewiesene Beziehung gibt zwischen den Temperaturschwankungen auf unserem Planeten und den Eisstrukturen, die wir heute in den Polargebieten noch vorfinden. Diese Beziehung untersuchen wir und ziehen aus den h\u00f6chst interessanten Ergebnissen Schl\u00fcsse, die wir &#8211; zum Beispiel &#8211; auch an die Politik weiterreichen.<\/p>\n<p><strong>Was lesen Sie konkret aus dem Eis?<\/strong><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen aus der Beziehung zwischen den auf dem Planeten herrschenden Temperaturen und der Eisstruktur R\u00fcckschl\u00fcsse auf das Klima in Vergangenheit und Zukunft ziehen. Wir k\u00f6nnen in Staubablagerungen das Datum und die Herkunft der Verunreinigung untersuchen, wir k\u00f6nnen auf das Ausma\u00df und den Ort von Vulkanausbr\u00fcchen schlie\u00dfen, wir k\u00f6nnen Naturkatastrophen verschiedenster Art rekonstruieren, und wir k\u00f6nnen den Verschmutzungsgrad der Atmosph\u00e4re w\u00e4hrend bestimmter Erdzeitalter einsch\u00e4tzen. Dieses Wissen ist im Eis gespeichert.<\/p>\n<p><strong>Aber nur, solange das Eis noch da ist. Einer Ihrer Kollegen, der Ozeanograph Wieslaw Maslowski von der Marinehochschule im kalifornischen Monterey, hat vor kurzem erkl\u00e4rt, dass die Arktis &#8211; eines Ihrer Spezial- und Hauptforschungsgebiete &#8211; zumindest im Sommer des Jahres 2016 komplett eisfrei sein k\u00f6nnte. M\u00fcssen Sie sich also beeilen, wenn Sie noch wissenschaftlichen Nutzen aus dem Polareis ziehen wollen?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt verschiedene Theorien, was das Verschwinden des Arktik-Eises anbetrifft. Die einen, wie Maslowski, f\u00fcrchten, dass es sehr schnell gehen und das Eis w\u00e4hrend des Sommers vielleicht nur noch wenige Jahre halten wird. Ich selbst neige eher dazu, die Schmelzdauer auf einige Jahrzehnte zu veranschlagen, bis 2050 etwa &#8211; so wie viele andere meiner Kollegen auch.<\/p>\n<p><strong>Sie leiten als Forschungsdirektor das Institut Pierre Simon Laplace, in dem \u201eglobale \u00c4nderungsprozesse\u201c untersucht werden. Was tun Sie und Ihre Kollegen, um diese Ver\u00e4nderungen zu erkennen und zu bewerten?<\/strong><\/p>\n<p>Wir bohren im Eis, und mit den dabei gewonnenen zahlreichen Eisbohrkernen &#8211; wir nennen sie in Frankreich einfach Karotten, das Bohren nennen wir \u201ecarottage\u201c &#8211; arbeiten wir. Diese Bohrkerne sind ein sehr genaues und umfangreiches Archiv, das wir nach und nach auszuwerten haben. Sie sind im Lagerhaus einer gro\u00dfen Schlachterei auf Gr\u00f6nland untergebracht: Unter unserer wissenschaftlichen \u201eProduktion\u201c, den Eiskarotten im ersten Stock, h\u00e4ngen im Erdgeschoss Rinderviertel und Schweineh\u00e4lften. Die Auswertung erfordert pr\u00e4zise Arbeit. Wir d\u00fcrfen uns keine Fehler erlauben. Denn Fehler, etwa wie jene Vorhersage, dass Holland demn\u00e4chst unter Wasser stehen k\u00f6nnte, wirken sich in der praktischen Politik meist katastrophal aus.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr die Erforschung dieser Bohrkerne sind Sie im Jahr 2002 mit der Goldmedaille des CNRS ausgezeichnet worden, dem h\u00f6chsten franz\u00f6sischen Preis in Ihrer Disziplin. Ihre gr\u00f6\u00dfte Ehrung war aber der Friedensnobelpreis, den der UN-Klimarat, das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), 2007 zusammen mit dem ehemaligen amerikanischen Vizepr\u00e4sidenten Al Gore in Empfang nehmen durfte.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das hat mich stolz gemacht. Ich war damals Vizepr\u00e4sident des IPCC und Autor der Klimaberichte 2 und 3, am vierten Sachstandsbericht war ich dann abermals verantwortlich beteiligt, und ich arbeite auch aktuell f\u00fcr den n\u00e4chsten Bericht. Der Nobelpreis, wenn er auch nicht direkt f\u00fcr eine wissenschaftliche Einzelleistung vergeben wurde, sondern f\u00fcr einen Beitrag zum Frieden auf der Erde, war eine Anerkennung, die wir Klimaforscher, die Ozeanographen, die Meteorologen brauchten. Sie hat unsere Arbeit ins Bewusstsein der \u00d6ffentlichkeit ger\u00fcckt. Wir wurden, gemeinsam mit Al Gore, aus 510 Nominierungen ausgew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><strong>Das verpflichtet, nicht wahr?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz gewiss. Es verpflichtet in h\u00f6herer Weise zu jener Arbeit, f\u00fcr die uns der Preis zugesprochen wurde. Wir m\u00fcssen dem gerecht werden, was man von uns erwartet: Informationen und genaue Analyse dessen, was diesen Planeten bedr\u00fcckt. Und was wir ihm schuldig sind. Das ist am Ende auch eine Frage der wissenschaftlichen Ehre.<\/p>\n<p><strong>Geht das \u00fcber Zahlen, Statistiken und rein wissenschaftliche Erkenntnis hinaus?<\/strong><\/p>\n<p>O ja. Man entwickelt ein Denken, das weit \u00fcber die Tagesergebnisse und die Tagespolitik hinauszielt. Am Ende steht an herausragender Stelle die Moral: Wir werden die Klimaver\u00e4nderung nicht vermeiden k\u00f6nnen, aber wir m\u00fcssen als Forscher unser Bestes tun, um die entscheidenden Informationen f\u00fcr eine moralisch vertretbare Bewirtschaftung des Planeten an die Politik liefern zu k\u00f6nnen. Das sind wir der Menschheit schuldig. Unsere Botschaft lautet: Wir m\u00fcssen alles vermeiden, was den Planeten in Schwierigkeiten bringt.<\/p>\n<p><strong>Wir wurden k\u00fcrzlich von der Nachricht aufgeschreckt, dass ein amerikanisch-russisches Konsortium mehrere Milliarden Dollar in die Ausbeutung der Arktis investieren will. Es geht um Erd\u00f6l und wahrscheinlich auch um Erdgas &#8211; also um das, was auf dem weltweiten Energiemarkt immer schwerer zu bekommen und daher immer teurer zu verkaufen sein wird. Hat Sie die Nachricht erschreckt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich will es so sagen: Ich habe Vertrauen in die Energiepolitik der Europ\u00e4er. Ich freue mich, dass meine Kollegen in Deutschland immer mehr auf erneuerbare Energie setzen und dass die Politik ihnen seit einiger Zeit dabei folgt. Ich pers\u00f6nlich hoffe sehr, dass die Deutschen diesen Kurs werden halten k\u00f6nnen. Auch wir in Frankreich haben ziemlich schnell losgelegt, und ich hoffe, dass wir nicht pl\u00f6tzlich gebremst werden, sondern die begonnenen Projekte fortsetzen k\u00f6nnen. Was nun die Nachricht von einer m\u00f6glichen Ausbeutung der Ressourcen in der Arktis anbetrifft: Das macht mir als Forscher tats\u00e4chlich zu schaffen, ich bin \u00e4u\u00dferst besorgt. Es geht dabei nicht einmal vordringlich um die technischen Risiken &#8211; die sind sicher auch vorhanden. Es geht haupts\u00e4chlich um die psychologischen Folgen solcher Aktionen, also die Nachricht, dass so etwas \u00fcberhaupt passieren k\u00f6nnte. Danach erst um die m\u00f6gliche Verwirklichung eines solchen Projekts. Sehen Sie, die Arktis hat hohen Symbolwert f\u00fcr die Menschheit. Wir stellen uns die Frage: D\u00fcrfen wir im Rahmen der Erforschung des Planeten wirklich an jedem Ort, in jeder Region, wo das technisch m\u00f6glich ist und von wirtschaftlichem Profit gekr\u00f6nt werden k\u00f6nnte, die Ausbeutung vorhandener Bodensch\u00e4tze vorantreiben? D\u00fcrfen wir \u00fcberall bis an die Grenzen des M\u00f6glichen gehen? Zumal in den Eisregionen, wo sich die Ver\u00e4nderungen zweimal so schnell vollziehen wie in den \u00fcbrigen Regionen der Erde? D\u00fcrfen wir das?<\/p>\n<p><strong>Am selben Tag, an dem das National Snow and Ice Data seine Zahlen \u00fcber das Gr\u00f6nlandeis ver\u00f6ffentlichte, war in einigen europ\u00e4ischen Zeitungen zu lesen, dass die Wirtschaftsmacht China Probleme mit der Durchsetzung ihrer \u201egr\u00fcnen Energiepolitik\u201c habe. \u201eDer Sektor Gr\u00fcne Technologie wird von Spekulationsblasen bedroht\u201c, hie\u00df es in \u201eLe Monde\u201c. Die chinesischen Beh\u00f6rden lie\u00dfen schon vorsorglich Zeitungsmeldungen verbreiten, wonach das Land den Bau von Windr\u00e4dern in weiten Teilen des Landes vorl\u00e4ufig eingestellt habe.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das habe ich auch gelesen. Es scheint, dass sogar solche Projekte unter unverantwortlicher B\u00f6rsenspekulation leiden.<\/p>\n<p><strong>Die Finanzm\u00e4rkte bedrohen das Klima?<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin kein Wirtschaftsexperte, und der von Ihnen zitierte Satz machte nur einen kleinen Teil des Artikels aus. Die \u00dcberschrift lautete \u201eNouveau coup de pouce aux entreprises vertes\u201c &#8211; neuer Anschub f\u00fcr die Gr\u00fcne Energie. Der Staat \u00fcbernimmt in China Anteile an der Produktion von sauberer Energie. Das ist zun\u00e4chst doch eher positiv, oder? Doch zur\u00fcck zur Arktis: Es ist unglaublich wichtig, was immer auch dort passieren wird, dass wir Wissenschaftler in der Arktis bleiben und die sich beschleunigende Entwicklung beobachten.<\/p>\n<p><strong>Sie werden nach dem Ende unseres Gespr\u00e4chs in die Provinz aufbrechen und vor Schulkindern und Erwachsenen zum Thema Klima und Umwelt sprechen. Geh\u00f6rt das ebenfalls zu dem, was Sie unter dem Stichwort Moral versammeln?<\/strong><\/p>\n<p>Das Interesse an unserer Arbeit und deren Ergebnissen ist in den vergangenen Jahren gewaltig gestiegen. Das zeigt, dass sie eine moralische Dimension erreicht hat. Meine kleinen und gro\u00dfen Zuh\u00f6rer sind \u00fcberzeugte Umweltsch\u00fctzer &#8211; und in der Regel sehr gut informiert.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet diese sicher anstrengende Freizeitbesch\u00e4ftigung Ihnen pers\u00f6nlich?<\/strong><\/p>\n<p>Meine Vortr\u00e4ge in der \u00d6ffentlichkeit und in Schulen helfen mir, meine Arbeit aus einer anderen Perspektive zu sehen: der eines B\u00fcrgers. Die Beitr\u00e4ge und Fragen, selbst die Vorw\u00fcrfe, die gegen unsere Prognosen erhoben werden k\u00f6nnten, erneuern meine Motivation. Es sind Ausfl\u00fcge, die hinausf\u00fchren aus der Theorie, hinaus auf das harte Pflaster der t\u00e4glichen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Wir m\u00fcssen unbedingt unsere Freiheit als Forscher sch\u00fctzen, aber wir brauchen genauso sehr den Kontakt mit der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p><strong>Und welche Rolle spielt die Politik am Ende?<\/strong><\/p>\n<p>Die Ergebnisse dieser Arbeit in Politik umzusetzen ist nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe lautet heute &#8211; das wird immer wichtiger -, die Politik mit den bestm\u00f6glichen, weil pr\u00e4zisen Informationen zu versorgen. Wir wurden bisher immer eingeladen zu den Klimakonferenzen, ich pers\u00f6nlich wurde bisher immer eingeladen &#8211; zu allen Konferenzen seit zehn Jahren. Das hei\u00dft, dass die Politik begriffen hat, dass sie unsere Arbeit braucht, um den Planeten mit m\u00f6glichst weisen Entscheidungen vor noch gr\u00f6\u00dferem Schaden zu bewahren. Das gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr die im Zusammenhang mit China erw\u00e4hnten \u00d6konomen. Meiner Ansicht nach brauchen wir auch auf diesem Sektor die besten, weil pr\u00e4zisen Informationen, damit aus diesen Informationen zun\u00e4chst Erkenntnisse werden, danach eine tragf\u00e4hige Philosophie und am Ende vielleicht moralische Politik.<\/p>\n<p><strong>Wie lange werden Sie in Gr\u00f6nland noch arbeiten k\u00f6nnen? Was wird aus der Arktis, wenn das Eis nicht mehr da sein wird?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt dort noch viel zu erforschen, auch ohne Eis. Fragen Sie die Ozeanographen, die Meteorologen, die Geologen. Uns interessiert beispielsweise die Frage, warum Gr\u00f6nland fr\u00fcher kleiner war als jetzt. Und wenn ich das von Ihnen erw\u00e4hnte Buch \u00fcber \u201edas Gesp\u00fcr f\u00fcr Schnee\u201c erst gelesen haben werde <i>(lacht)<\/i>, dann k\u00f6nnten sich mir vielleicht Fragen stellen, die ich bisher noch gar nicht in Erw\u00e4gung gezogen hatte. Wer wei\u00df?<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/klima\/im-gespraech-jean-jouzel-was-lesen-sie-aus-dem-eis-monsieur-11566045.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/klima\/im-gespraech-jean-jouzel-was-lesen-sie-aus-dem-eis-monsieur-11566045.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Eismann aus Paris: Jean Jouzel findet in der Arktis den Schl\u00fcssel zur Erdgeschichte. 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