{"id":18982,"date":"2013-05-06T16:09:54","date_gmt":"2013-05-06T16:09:54","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18982"},"modified":"2013-05-06T16:09:54","modified_gmt":"2013-05-06T16:09:54","slug":"wohl-dem-der-in-den-richtigen-operationssaal-findet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18982","title":{"rendered":"Wohl dem, der in den richtigen Operationssaal findet"},"content":{"rendered":"<p>Chirurgenpfusch an Lungenkrebskranken: Tausende sterben zu fr\u00fch, weil sie an den  falschen Operateur geraten. Der Versuch derThoraxchirurgie, f\u00fcr Qualit\u00e4t zu sorgen, wird von Kliniken sabotiert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Gro\u00dfe Chirurgen wollen ungern etwas abgeben, und f\u00fcr gro\u00df h\u00e4lt sich gerne jeder, der alles operiert. Weil nun dies besonders in kleinen Krankenh\u00e4usern der Republik oft der Fall ist, dass der Chirurg also alles von den Gef\u00e4\u00dfen, der Lunge, den Eingeweiden bis zu Herz und Hirn operieren k\u00f6nnen soll, deshalb ist m\u00f6glich geworden, was die Thoraxchirurgie lange Zeit als unterschwelligen Skandal vor sich her geschoben hat: den Chirurgenpfusch an Abertausenden Patienten. Allein unter den j\u00e4hrlich 45 000 an Lungenkrebs neu erkrankenden Patienten k\u00f6nnte einem gro\u00dfen Teil der vorzeitige Tod erspart bleiben, wenn sie nicht in die H\u00e4nde unspezialisierter, \u00fcberforderter Operateure fallen w\u00fcrden. Das betrifft zumindest das eine Drittel, dessen Lungentumoren noch in einem operablen Stadium entdeckt werden.<\/p>\n<p>Ein unhaltbarer Zustand, so findet das jetzt zumindest der Freiburger Chirurg Bernward Passlick, Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Thoraxchirurgie. Auf der Jahrestagung der Chirurgen in M\u00fcnchen brachte er die Dinge auf den Punkt, die nicht jedem seiner Kollegen schmecken d\u00fcrften: \u201eWer alle zwei Wochen eine Lunge operiert, kann nicht gen\u00fcgend Training haben.\u201c Im Jahr 2010 wurden an 319 deutschen Kliniken Lungen operiert, 209 von ihnen hatten weniger als 25 Eingriffe im Jahr. Zusammen genommen haben die kleinen Krankenh\u00e4user damit zwar nur etwa 15 Prozent der 10 400 Lungeneingriffe, aber die Sterblichkeit nach einem chirurgischen Eingriff liegt dort bei sechs Prozent &#8211; und damit doppelt so hoch wie in den Krankenh\u00e4usern, wo mindestens 75 Lungenoperationen stattfinden.<\/p>\n<p>Das sind Auswertungen von Daten des Statistischen Bundesamtes, mit denen Passlick nun zum ersten Mal national zu zeigen versuchte, was Studien in den Vereinigten Staaten und Kanada schon eine geraume Zeit nahelegen: In gro\u00dfen Zentren mit hoher Spezialisierung sind die Operationsergebnisse deutlich besser. Mehr, als die Vermutung vieler zu best\u00e4tigen und die alte Mindestmengen-Diskussion wieder anzuheizen, verm\u00f6gen die Zahlen allerdings nicht. Denn was der Thoraxchirurgie fehlt, sind erstklassige kontrollierte Studien nach den Anforderungen der evidenzbasierten Medizin. In Deutschland hat das auch historische Gr\u00fcnde. Die Thoraxchirurgie war aus den ehemaligen \u201eHustenburgen\u201c hervorgegangen, jenen au\u00dferhalb der St\u00e4dte angesiedelten Tuberkulose-Spit\u00e4ler, die an den Universit\u00e4ten nie eine starke Position hatten &#8211; und bis heute nicht haben. Den vier Lungenkarzionomzentren an deutschen Universit\u00e4ten stehen etwa allein sieben Zentren f\u00fcr Pankreaskrebs gegen\u00fcber, und das, obwohl Lungenkrebs gut zehnmal so h\u00e4ufig vorkommt.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df der Bedarf an spezialisierter Thoraxchirurgie ist, l\u00e4sst sich an kro\u00dfen H\u00e4usern wie den Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden zeigen. Auf dem Weg zur Organspezialisierung ist in der Thoraxonkologie die Patientenzahl von 823 im Jahr 2000 auf mehr als 1700 im Jahr 2010 gestiegen, und insbesondere auch die Zahl der operierten Lungenkarzinome ist massiv auf mittlerweile 750 pro Jahr gesteigert worden. Joachim Schirren, der Leiter der Thoraxchirurgie und ein ausgeweisener Spezialist f\u00fcr komplexe Lungenresektionen, trifft auf seiner Station auf Patienten aus weiten Teilen des Bundesgebietes.<\/p>\n<p>Auch Schirren versucht wie Passlick bei jedem seiner Vortr\u00e4ge klarzumachen, dass Qualit\u00e4t erst mit viel \u00dcbung und den geeigneten Strukturen in den Kliniken kommt. Die Bereitschaft, an hochwertigen klinischen Studien teilzunehmen und sich auf Qualit\u00e4tskriterien zu einigen, fehlt Schirren zufolge ganz allgemein. So kommt es, dass man sich bei den Qualit\u00e4tsindikatoren auf Studien aus dem Ausland verlassen muss. Und die gehen ausnahmslos in eine Richtung: Qualit\u00e4t kommt mit der Operationsroutine und Spezialisierung. In eine Metaanalyse, die niederl\u00e4ndische Mediziner unl\u00e4ngst im \u201eJournal of Thoracic Oncology\u201c ver\u00f6ffentlicht haben, sind neunzehn einigerma\u00dfen brauchbare Vergleichsstudien einbezogen worden. Ergebnis auch hier: Hohe OP-Zahlen bringen die besten Resultate.<\/p>\n<p>Klare Indizien, wie unbefriedigend die chirurgische Versorgung der Lungenkrebspatienten im eigenen Land ist, liegen allerdings durchaus schon l\u00e4nger vor. Schirren zitiert nieders\u00e4chsische Zahlen aus der \u201eKrankenhaus-Umschau\u201c von vor zehn Jahren: Von den 107 Kliniken hatten 72 weniger als zwanzig Eingriffe und eine Sterblichkeit von im Mittel 15,4 Prozent &#8211; verglichen mit 5,4 Prozent bei den sechs Zentren mit mehr als 150 Operationen im Jahr.<\/p>\n<h2>Vorsicht vor zweitklassigen Zertifikaten<\/h2>\n<p>Die L\u00f6sung liegt also auf der Hand: Konzentration. Tats\u00e4chlich scheint sich Passlick als Pr\u00e4sident der Fachgesellschaft genau das vorgenommen zu haben. Der Weg dahin geht \u00fcber die Zertifizierungen. Vierzig zertifizierte Thorax-Zentren strebt Passlick bundesweit an. Doch wer legt die Qualit\u00e4tskriterien fest, wenn kontrollierte Studien fehlen? Wenn die verf\u00fcgbaren Daten zwar einen Zusammenhang zwischen Eingriffszahlen und Spezialisierungsgrad erkennen lassen, aber eine eindeutige Mindestmengen-Grenze kaum zu erkennen ist? \u201eDie besten Ergebnisse finden wir ab 75 Eingriffen im Jahr, aber entscheidend sind die verf\u00fcgbaren Klinikstrukturen\u201c, sagt Passlick. Ohne einen Stab an Pneumologen, spezialisierten Thorax-An\u00e4sthesisten, Physiotherapeuten und eine spezialisierte Intensivmedizin im Krankenhaus, da ist sich Passlick sicher, sind die chirurgischen M\u00f6glichkeiten nicht auszusch\u00f6pfen. Wie gro\u00df die sind, hatte Joachim Pfannschmidt auf dem Fr\u00fchjahrssymposion des Nationalen Centrums f\u00fcr Tumorerkrankungen in Heidelberg deutlich gemacht: Die F\u00fcnf-Jahres-\u00dcberlebensraten k\u00f6nnen mit einer geschickten Operation selbst bei ausgedehnter Metastasierung in einem Lungenfl\u00fcgel um ein Drittel gesteigert werden. Auch dies sind durch Studien nur schwach belegte Zahlen, doch f\u00fcr Schirren sind Befunde wie dieser ein wichtiger Ansatzpunkt. \u201eEntscheidend ist, dass sich die besten Chirurgen auf die klinische Forschung einlassen und sich \u00fcber die Qualit\u00e4tskriterien abstimmen.\u201c Mit anderen Worten: Harte Zertifizierungen bringen nichts, wenn man sich auf niedere Standards einigt. Passlick bereiten in dem Zusammenhang vor allem die Tr\u00e4ger der kleineren Kliniken Kopfzerbrechen: \u201eEs gibt Bestrebungen, die Kriterien f\u00fcr die Zertifizierung aufzuweichen.\u201c Zuverl\u00e4ssig seien die Zertifikate der Deutschen Krebsgesellschaft, die bisher 28 Lungenkrebszentren f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Thoraxchirurgie selbst hat mit ihren noch restriktiveren Anforderungen an die Klinik-Infrastruktur bisher elf Zentren zertifiziert. Zur Bedrohung wird das Zertifizierungssystem, glaubt Schirren, wenn es zu einem Instrument des Markting wird. Bezeichungen wie \u201eLungenzentrum\u201c, die hinter dem Namen verschiedener Kliniken schon kleben, sind generell nicht gesch\u00fctzt. Verf\u00fchrung, so Schirren, wird in dem Fall zu einem handfesten Risikofaktor f\u00fcr den schwerkranken Patienten.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/lungenkrebs-wohl-dem-der-in-den-richtigen-operationssaal-findet-12174982.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/lungenkrebs-wohl-dem-der-in-den-richtigen-operationssaal-findet-12174982.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chirurgenpfusch an Lungenkrebskranken: Tausende sterben zu fr\u00fch, weil sie an den falschen Operateur geraten. 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