{"id":18976,"date":"2013-05-17T16:09:53","date_gmt":"2013-05-17T16:09:53","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18976"},"modified":"2013-05-17T16:09:53","modified_gmt":"2013-05-17T16:09:53","slug":"anderungen-in-letzter-minute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18976","title":{"rendered":"\u00c4nderungen in letzter Minute"},"content":{"rendered":"<p>Morgen wird das kontrovers diskutierte amerikanische Psychiatrie-Handbuch DSM-5 erscheinen. Wolfgang Gaebel hat als einer der wenigen deutschen Wissenschaftler daran mitgewirkt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\"><strong>Herr Gaebel, Sie haben als einer der wenigen deutschen Wissenschaftler an der Neufassung des amerikanischen Diagnose-Handbuchs DSM mitgewirkt. Am kommenden Samstag wird es nun erscheinen. Die Inhalte wurden intensiv \u00f6ffentlich diskutiert. Gibt es noch \u00dcberraschungen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Mitglieder der Arbeitsgruppen sind verpflichtet worden, vor dem 18. Mai kein Wort \u00fcber die endg\u00fcltigen \u00c4nderungen mehr preiszugeben. Eine Sache ist allerdings jetzt schon breiter bekannt: Urspr\u00fcnglich sollten diagnostische Kategorien durch eindimensional strukturierte psychopathologische Symptomprofile erg\u00e4nzt werden, das hie\u00df unter anderem, dass individuelle Symptomauspr\u00e4gungen f\u00fcr die St\u00f6rungen h\u00e4tten angegeben werden m\u00fcssen. Das hat man aus berufspolitischen Gr\u00fcnden in letzter Minute fallengelassen und die Vorschl\u00e4ge zur Dimensionalit\u00e4t in den Forschungsanhang geschoben. Die Gefahr, dass eine falsche Einstufung durch den Arzt und eine darauf basierte falsche Therapie Schadenersatzforderungen nach sich ziehen k\u00f6nnten, erschien dem letztendlich entscheidenden Gremium zu gro\u00df.<\/p>\n<p><strong>Viele urspr\u00fcnglich geplante Neuerungen sind zur\u00fcckgezogen worden. Wo sehen Sie die Gr\u00fcnde daf\u00fcr?<\/strong><\/p>\n<p>Bei den ersten Vorbereitungen der Neufassung Ende der neunziger Jahre war der Optimismus noch sehr gro\u00df, dass man neurowissenschaftliche Befunde hinter den psychiatrischen Diagnosekonstrukten w\u00fcrde ber\u00fccksichtigen k\u00f6nnen. Aber die bisherigen Befunde erlauben eine solche klassifikatorische Rolle noch nicht. Wir brauchen k\u00fcnftig mehr solcher Zusatzinstrumente, etwa Genetik, Bildgebung und andere Biomarker. Davon konnte bisher zu wenig auf das revidierte System durchschlagen.<\/p>\n<p><strong>Welche Konsequenzen hat die Ver\u00f6ffentlichung der f\u00fcnften Fassung des DSM f\u00fcr Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Das DSM-5 wird insbesondere im Forschungsbereich wichtig sein. Die international geltende Klassifikation ICD hingegen ist vor allem administrativ von Bedeutung. Nur wenn Diagnosen in Deutschland nach der ICD verschl\u00fcsselt sind, flie\u00dft das Geld der Krankenkassen. Die Diskussion, die sich in Deutschland \u00fcber die Neufassung des DSM abspielt, ist im Wesentlichen durch Allen Frances ins Rollen gebracht worden, der sich mit seinem Buch \u201eNormal\u201c, das als Erstes auf Deutsch erschienen ist, als Kritiker positioniert hat. Seine These ist, dass die Normalit\u00e4t geopfert wird auf dem Altar der Psychiatrie, weil man viele nur unterschwellig vorhandene Krankheitsbilder zu Diagnosen erhebt. Ich denke allerdings, wenn es um Pr\u00e4vention geht, kommt man nicht umhin, auch fr\u00fche Formen von Krankheiten in den Blick zu nehmen. Das vieldiskutierte \u201eAbgeschw\u00e4chte Psychose-Syndrom\u201c hat die DSM-Arbeitsgruppe \u201ePsychosen\u201c, zu der ich geh\u00f6re, letztlich in den Forschungsanhang verlegt, weil viele eine vorzeitige Stigmatisierung und medikament\u00f6se Behandlung bef\u00fcrchteten. Auf der anderen Seite wissen wir, dass f\u00fcnf Jahre ins Land gehen, bevor eine Psychose manifest wird. Da w\u00e4re es doch sch\u00f6n, wenn man diese f\u00fcnf Jahre nutzen k\u00f6nnte. Ich w\u00fcrde daher das Vorgehen, Fr\u00fchformen zu klassifizieren, nicht per se verdammen wollen und nicht nur die Tendenz sehen, dass man dort neue Behandlungsm\u00e4rkte schafft.<\/p>\n<p><strong>Sie sind auch Vorsitzender der Arbeitsgruppe \u201ePsychosen\u201c f\u00fcr die Neufassung der ICD. Wie geht es mit diesem Manual weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Im Moment ist die Sch\u00e4tzung, dass die ICD-11 2015 erscheinen wird, was manchen Kollegen etwas fr\u00fch erscheint. Es m\u00fcssen noch umfangreiche \u201eField Trials\u201c durchgef\u00fchrt werden. Bei diesen Felduntersuchungen werden Psychiatern und Psychologen unter anderem standardisierte Patientenvideos und Fallvignetten mit Beschreibungen von Patienten vorgelegt. Es geht dabei darum, ob mehrere der Gutachter anhand der im Manual festgelegten Kriterien zur gleichen Diagnose kommen. Ich hoffe auch, dass die dimensionale Struktur in etwas vereinfachter Form Eingang in die ICD-11 finden wird. Man kann damit als Behandelnder die Indikationsstellung f\u00fcr eine differentielle Therapie besser gewichten.<\/p>\n<p><em>Die Fragen stellte Christina Hucklenbroich.<\/em><\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/interview-mit-wolfgang-gaebel-aenderungen-in-letzter-minute-12181199.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/interview-mit-wolfgang-gaebel-aenderungen-in-letzter-minute-12181199.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgen wird das kontrovers diskutierte amerikanische Psychiatrie-Handbuch DSM-5 erscheinen. 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