{"id":18974,"date":"2013-05-14T16:09:53","date_gmt":"2013-05-14T16:09:53","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18974"},"modified":"2013-05-14T16:09:53","modified_gmt":"2013-05-14T16:09:53","slug":"kleine-narben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18974","title":{"rendered":"Kleine Narben"},"content":{"rendered":"<p>Hollywoodstar Angelina Jolie nimmt ihr genetisches Schicksal selbst in die Hand. Sie will leben, ohne Krebs. Sicher sein kann sie auch jetzt nicht. Aber die OP war es wert. Ein Kommentar.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Angelina Jolie hatte Angst vor Krebs. Berechtigte Angst. Und sie wollte mit einem schlechten Blatt in der Hand nicht pokern. Nicht, wenn es um ihr Leben geht. Die attraktive 37 Jahre alte Hollywood-Ikone hat sich nach einem Gentest im Fr\u00fchjahr vorsorglich ihre Br\u00fcste entfernen und plastisch rekonstruieren lassen. Sie wollte auch, dass die Welt dar\u00fcber spricht \u2013 nicht unbedingt, dass sich die Leute das Maul dar\u00fcber zerrei\u00dfen, aber nat\u00fcrlich ist genau das auch passiert, auf Facebook und Twitter, am laufenden Band. In der \u201eNew York Times\u201c hat sie unter dem Titel \u201eMeine medizinische Wahl\u201c ihre Geschichte in einem so verbl\u00fcffend unaufgeregten, unverbl\u00fcmten und pers\u00f6nlichen Stil aufgeschrieben, dass sich Zuspruch und Aufschrei wenigstens in etwa die Waage hielten. W\u00e4re es von investigativen Journalisten in die \u00d6ffentlichkeit gezerrt worden, die Wirkung und die Behandlung des Themas w\u00e4re mutma\u00dflich eine ganz andere.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nicht die Geschichte geworden, wie sich eine selbstbewusste, kluge Prominente hat beraten lassen und sich dann selbstbestimmt, ohne jeden moralischen Druck f\u00fcr eine radikale prophylaktische Behandlung entschieden hat &#8211; eine Behandlung, die genau so den Leitlinien und damit dem Stand der medizinischen Wissenschaft entspricht. Nein, so einfach h\u00e4tten es ihr die Medien und Moralw\u00e4chter nicht gemacht: Hat sie sich, so h\u00e4tte es dann aus dem Bl\u00e4tterwald gerauscht,  unter dem Deckm\u00e4ntelchen des biomedizinischen Fortschritts von Panik sch\u00fcrenden \u00c4rzten zu einer un\u00fcberlegten Verst\u00fcmmelung treiben lassen?<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist: Jolie hatte die Wahl, wenn auch offensichtlich keine leichte. Mehrfach verwendet sie die Vokabel Option in ihrem Text. Ihre Mutter war schon mit  46 Jahren an Brustkrebs erkrankt, zehn Jahre lang hat sie den \u00dcberlebenskampf miterlebt und mitgelitten. Jolie hat nichts verdr\u00e4ngt. Sie hat nur beschlossen, nichts unversucht zu lassen, damit ihr dasselbe Schicksal erspart bleibt. Niemand kann ihr garantieren, dass sie trotz des herausgeschnittenen Brustdr\u00fcsengewebes und den Eierst\u00f6cken, die sie sich auch noch entfernen lassen will, nicht doch noch an Krebs erkrankt. Die fatale Mutation auf dem Gen BRCA-1, die man bei ihr festgestellt hat, ist keineswegs der einzige Gendefekt, der das Erkrankungsrisiko erh\u00f6ht. Einige sind vermutlich noch gar nicht bekannt.<\/p>\n<p>Aber die paar Dutzend Beobachtungsstudien, die seit Einf\u00fchrung des BRCA-Gentests ver\u00f6ffentlicht wurden, zeigen ganz klar: Wer wie Jolie den Gendefekt tr\u00e4gt und sich noch fr\u00fchzeitig als Gesunde das Brustgewebe entfernen l\u00e4sst, senkt die Wahrscheinlichkeit auf einen Tumor drastisch \u2013 in ihrem Fall von 87 auf 5 Prozent. Die t\u00e4gliche Angst vor Krebs, auch das l\u00e4sst sich zeigen, sinkt nach Brustamputation bei den allermeisten- zufrieden mit dem Ergebnis &#8211; ohne Br\u00fcste oder mit Brustprothese &#8211; sind dennoch keineswegs alle Frauen.<\/p>\n<h2>Keine letzte Sicherheit durch Brustamputation<\/h2>\n<p>Am Ende ist es f\u00fcr die, die sich damit besch\u00e4ftigen m\u00fcssen, weil sie betroffen sind oder sich beraten lassen wollen, ein Ringen mit der Statistik und der Ungewissheit. Der Umgang mit den Wahrscheinlichkeitszahlen, probabilistisches Denken \u00fcberhaupt,  ist in den Wissenschaften \u00fcblich geworden, doch es bringt oft mehr neue Fragen als zufriedenstellende Antworten. Jolie ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Die eigene scheinbare Selbstsicherheit, die sie in der \u201eNew York Times\u201c an den Tag legt und die sie mit Wendungen wie der von den \u201ekleine Narben, die bleiben\u201c dokumentiert, l\u00e4sst den inneren Kampf nicht einmal erahnen, in dem sich die betroffenen Frauen und Familien finden, die nach einer Entscheidung suchen. Das ist Risikomanagement auf Leben und Tod. Ohne professionelle Beratung geht das gar nicht, auch dies geh\u00f6rt zu den wertvollen Erfahrungen, die Jolies Zeitungsbeitrag verbreitet. In Deutschland gibt es daf\u00fcr f\u00fcnfzehn Zentren und ein BRCA-Netzwerk.<\/p>\n<p>Wenn aber der Krebs auch durch die Brustamputation nicht v\u00f6llig ausgeschlossen werden kann, und wenn noch dazu das Ergebnis der Operation viele Frauen ungl\u00fccklich macht, w\u00e4re es dann nicht viel mutiger, sich erst gar nicht in die M\u00fchlen dieses biomedizinischen Apparates hinein zu begeben und &#8211; gottgl\u00e4ugbig oder nicht &#8211; dem Schicksal seinen Lauf zu lassen?  Angelina Jolie hat f\u00fcr sich eine kluge Formel gefunden: \u201eDas Leben h\u00e4lt viele Herausforderungen bereit. Vor denen, die wir annehmen und die wir kontrollieren k\u00f6nnen, sollten wir uns nicht f\u00fcrchten.\u201c<\/p>\n<p>Der Mut, aber auch die Provokation der Hollywood-Sch\u00f6nheit besteht darin, dass sie mit ihrem Genvertrauen den ethischen Perspektivwechsel erzwingt und den kritischen Diskurs um den Nutzen von Gentests in der Lotterie des Lebens neu belebt. Denn so wie es f\u00fcr augenblicklich Gesunde ein  moralisches Recht auf Nichtwissen gibt, gibt es offensichtlich auch ein legitimes Interesse am genetischen Wissen \u2013 und den Wunsch danach zu handeln.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/jolies-brustamputation-kleine-narben-12182499.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/jolies-brustamputation-kleine-narben-12182499.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hollywoodstar Angelina Jolie nimmt ihr genetisches Schicksal selbst in die Hand. Sie will leben, ohne Krebs. Sicher sein kann sie auch jetzt nicht. Aber die OP war es wert. 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