{"id":18940,"date":"2012-10-03T16:09:37","date_gmt":"2012-10-03T16:09:37","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18940"},"modified":"2012-10-03T16:09:37","modified_gmt":"2012-10-03T16:09:37","slug":"im-schwarm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18940","title":{"rendered":"Im Schwarm"},"content":{"rendered":"<p>Wir fingern heute nur noch, statt zu handeln. Souver\u00e4n ist, wer \u00fcber die Shitstorms des  Netzes verf\u00fcgt. Das ist das Ende der Politik.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die digitale Vernetzung bringt einen Paradigmenwechsel mit sich, der in seiner Konsequenz genauso weitreichend ist wie der Buchdruck. Sie hat Konsequenzen bis in die Tiefenstruktur des Denkens, der Empfindung und des Habitus. So brauchten wir heute eine digitale Anthropologie, eine digitale Ethik oder Politologie. Die digitale Kommunikationsrevolution f\u00fchrt vor allem zur Erosion des \u00f6ffentlichen Raumes, in den fr\u00fcher Informationen hinausgetragen und in dem Informationen auch erworben wurden. Heute werden Informationen im privaten Raum produziert und ins Private kommuniziert. Diese Ver\u00e4nderung des Informationsflusses hat Konsequenzen in vielen Lebensbereichen, auch im Politischen. Die Shitstorms ergie\u00dfen sich in die Leere des \u00f6ffentlichen Raumes.<\/p>\n<p>Der Erfolg der Piratenpartei, der im Moment bereits gef\u00e4hrdet zu sein scheint, verdankt sich weitgehend dem digitalen Habitus: Es fehlt die Vermittlung. Die digitale Vernetzung der Lebenswelt f\u00fchrt zu genereller Abschaffung der Vermittlungsinstanzen als Zwischenglieder der Kommunikation. Im Politischen verlangt dieser digitale Habitus nach einer Echtzeit- oder Pr\u00e4senz-Politik, nach der Abschaffung der Repr\u00e4sentation, also der politischen Repr\u00e4sentanten, denn diese verursachen einen Zeit- und Informationsstau. Der digitale Habitus ist im wesentlichen Ma\u00dfe verantwortlich f\u00fcr die Krise der repr\u00e4sentativen Demokratie.<\/p>\n<p>Der Erfolg der Piraten bedarf nicht einer politischen, sondern einer medien- und kommunikationstheoretischen Erkl\u00e4rung. Digitale Medien sind Pr\u00e4senzmedien. Sie erzeugen den Zwang, alle repr\u00e4sentativen Instanzen abzuschaffen. Die Piraten bringen kein neues politisches Programm, sondern, wie sie selbst sagen, ein neues Betriebssystem. Dieses System kommt gerade dem digitalen Habitus entgegen. Menschen wollen, so k\u00f6nnte man vereinfacht sagen, nur auf eine Taste dr\u00fccken und sofort ein Ergebnis sehen, eine Information erhalten oder eine Entscheidung herbeif\u00fchren.<\/p>\n<p>Der digitale Habitus l\u00e4sst, auf das Politische \u00fcbertragen, nur eine bestimmte Politikform zu. Die politische Handlung als Experiment oder als Vision ist nicht mehr m\u00f6glich. Ergebnisse sollten ohne gro\u00dfen Zeit- und Informationsstau sofort bewerkstelligt werden. Der Zeit- und Informationsstau wird als Intransparenz wahrgenommen. Der digitale Habitus l\u00e4sst Dinge nicht zu, die erst langsam reifen m\u00fcssen. Die Forderung nach Transparenz ist demnach nicht einfach der Ausdruck eines demokratischen Willens oder des Willens nach mehr Aufkl\u00e4rung. Sie ist vor allem medial bedingt.<\/p>\n<p>Die Zukunft als Zeit des Kommenden, des Anderen oder des Ereignisses ist nicht die Zeitform des digitalen Habitus. Sie ist auch nicht die Zeitlichkeit der Transparenz. Der digitale Habitus ist von der Zeitlichkeit unmittelbarer Pr\u00e4senz und punktueller Gegenwart beherrscht. Eine Gestaltung der Zukunft, ja einer anderen Zukunft, einer anderen Lebensform l\u00e4sst sich mit dem digitalen Habitus nicht realisieren. Tippen besitzt keine temporale Weite. Es erfasst auch keine weiten R\u00e4ume. Digital geht auf das lateinische Wort \u201edigitus\u201c zur\u00fcck, das \u201eFinger\u201c bedeutet. Wir fingern heute nur noch, statt zu handeln.<\/p>\n<p>Zum digitalen Habitus geh\u00f6ren Ungeduld, Nicht-Warten-K\u00f6nnen oder auch die Unf\u00e4higkeit zur Langeweile, die gerade eine Quelle der Kreativit\u00e4t darstellt. In den siebziger Jahren wurde eine Fernsehanlage mit beschr\u00e4nkter interaktiver Funktion, QUBE genannt, entwickelt. Sie verf\u00fcgt \u00fcber eine Tastatur, die eine Auswahl unter mehreren auf dem Bildschirm gezeigten Gegenst\u00e4nden erlaubt. Sie erm\u00f6glicht auch ein primitives Wahlverfahren. Auf dem Bildschirm werden mehrere Kandidaten etwa f\u00fcr den Direktor einer Volksschule gezeigt. Man kann dann eine Taste dr\u00fccken, die einem Kandidaten zugeordnet ist. Das kommt einer direkten Demokratie gleich. Angesichts dieses recht primitiven interaktiven Mediums ger\u00e4t der Medientheoretiker Vil\u00e9m Flusser ins Schw\u00e4rmen. Er malt sich eine zuk\u00fcnftige Demokratie aus, die der Vorstellung der Piraten sehr \u00e4hnlich ist. Er spricht von einer \u201edirekten Dorfdemokratie\u201c.<\/p>\n<p>Das Sofort ist die Zeitform des digitalen Habitus. Vieles h\u00e4ngt davon ab, ob der bequeme Druck auf die Tasten tats\u00e4chlich mehr Verantwortung schafft oder zu einer total verantwortungslosen Entscheidung f\u00fchrt. Ein \u201eShitstorm\u201c war damals sicher noch nicht m\u00f6glich, weil die Ausdrucksm\u00f6glichkeit nur auf das Dr\u00fccken einer Taste beschr\u00e4nkt war. Flusser spinnt seine politische Utopie weiter. Das QUBE-System entideologisiere die Politik. Er argumentiert vor 40 Jahren fast wie ein Pirat. Er schreibt, dass \u201eim QUBE-System die Kompetenz eines jeden Beteiligten und das Gewicht einer jeden Kompetenz, von aller Ideologie befreit, klar an den Tag tritt\u201c. Diese Entideologisierung der Politik kommt aber einer totalen Entpolitisierung gleich. Die Politik wird auf dieselbe Ebene wie das Einkaufen gestellt.<\/p>\n<p>Das QUBE-System gleicht, politisch eingesetzt, dem Liquid Feedback der Piraten. Die Politik kommt aber dort zu ihrem Ende, wo der \u00f6ffentliche Raum in Staub verwandelt wird. Das w\u00e4re nur in einer postpolitischen Gesellschaft m\u00f6glich, in der keine Entscheidung eine existentielle Bedeutung mehr besitzt. Wenn ein gesellschaftliches oder wirtschaftliches System tats\u00e4chlich eine absolute, unersch\u00fctterliche Stabilit\u00e4t und Selbstverst\u00e4ndlichkeit erreicht und keine Alternative zul\u00e4sst, gibt es eigentlich nichts mehr zu entscheiden. Es er\u00fcbrigt sich jede politische Handlung oder jede politische Entscheidung. An die Stelle der Politiker treten dann Experten, die das System verwalten. Nicht nur politische Repr\u00e4sentanten, sondern auch Parteien werden dann \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>Es wird behauptet, dass der unmittelbare Druck auf eine Taste mehr Verantwortung schafft. Das ist aber nicht der Fall. Heute werden immer mehr Leute mit der Diagnose \u201eInformation Fatigue Syndrome\u201c (IFS) konfrontiert. Zu Symptomen dieser psychischen Erkrankung geh\u00f6rt gerade auch die Schwierigkeit, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Die Verantwortung setzt zun\u00e4chst die Verbindlichkeit voraus. Sie ist wie Versprechen oder Vertrauen explizit auf die Zukunft gerichtet. Sie binden und stabilisieren die Zukunft. Zum digitalen Habitus geh\u00f6ren aber gerade Unverbindlichkeit, Beliebigkeit und Kurzfristigkeit. Er schw\u00e4cht massiv das Verantwortungsgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Den Trend zur Abschaffung der Vermittlung und Repr\u00e4sentanz beobachten wir auch in anderen Bereichen. Bei Amazon kann man heute seine B\u00fccher selbst ver\u00f6ffentlichen ohne Vermittlung eines Verlages. Amazon bedient damit den digitalen Habitus. Es ist offensichtlich, was die digitale Politik der Pr\u00e4senz sein wird, wenn man sich Ergebnisse dieser neuen Form der B\u00fccherproduktion anschaut und sie auf das Politische \u00fcbertr\u00e4gt. Wenn wir keinen Verlag gehabt h\u00e4tten, der mit gro\u00dfem Idealismus oder mit einer Vision B\u00fccher verlegte, die kaum von der Masse gelesen werden, w\u00fcrden wir heute wahrscheinlich Kafka nicht kennen.<\/p>\n<p>Hier wird kein Zeit- und Informationsstau geduldet. Es kann auch sein, dass wir in Zukunft tats\u00e4chlich weder Verlage noch Parlamente haben werden. Es gibt keinen wesentlichen Unterschied zwischen \u201eIch bin meine Leserschaft\u201c und \u201eIch bin meine W\u00e4hlerschaft\u201c. Wenn ich als Politiker ganz mit meiner W\u00e4hlerschaft verschmelze, gebe ich meine Stimme, meine Idee, meine Vision ganz auf. Wenn der Politiker jemand ist, der auf seinem eigenen Standpunkt beharrt, wird es keinen Politiker mehr geben. Peter Handke sagte einmal, dass das Schreiben ein Abenteuer, eine Expedition, ein Experiment sei. Das Schreiben hat \u00c4hnlichkeiten mit dem politischen Handeln im emphatischen Sinne. Dieses politische Handeln wird in der postpolitischen digitalen Pr\u00e4senz-Demokratie nicht mehr m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p>Die Abschaffung der Repr\u00e4sentanz gilt auch dem Journalismus. Gerade Blogs, Twitter oder Facebook sind Pr\u00e4senz-Medien, die den klassischen Journalismus in Frage stellen. Journalisten sind auch Repr\u00e4sentanten. Die Leser von heute wollen nicht nur konsumieren, sondern auch kommunizieren, indem sie selbst Meinungen produzieren und ver\u00f6ffentlichen. Zum digitalen Habitus geh\u00f6rt die selbst\u00e4ndige Produktion von Zeichen, die eine Kommunikation m\u00f6glich macht. Aber wie bei der selbst\u00e4ndigen Ver\u00f6ffentlichung von B\u00fcchern stellt sich auch hier die Frage nach Qualit\u00e4t. Die Repr\u00e4sentation wirkt wie ein Filter, der, was die Qualit\u00e4t angeht, einen sehr positiven Effekt besitzt. Ohne ihn kommt es zu einer Vermassung von Zeichen, akustisch ausgedr\u00fcckt, zu einem erh\u00f6hten L\u00e4rmpegel.<\/p>\n<p>Auch das Denken ist eine Expedition. Es begibt sich ins Unbegangene und schl\u00e4gt dort eine Schneise der Unterscheidung. Das ist Theorie im emphatischen Sinne. Die uferlos wachsende Daten- und Informationsmasse lenkt heute die Wissenschaft massiv von der Theorie, vom Denken ab. Informationen sind an sich positiv. Die datenbasierte oder datengetriebene Positivwissenschaft, ja die Google-Wissenschaft, die sich im Ab- und Vergleich von Daten ersch\u00f6pft, beendet die Theorie im emphatischen Sinne. Die Positivwissenschaft ist blo\u00df additiv oder detektivisch und nicht narrativ oder hermeneutisch.<\/p>\n<p>Ohne die Negativit\u00e4t der Unterscheidung kommt es unweigerlich zur allgemeinen Wucherung und Promiskuit\u00e4t der Dinge. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass die positive Daten- und Informationsmasse, die heute ins Ungeheure w\u00e4chst, die Theorie \u00fcberfl\u00fcssig mache. Die Theorie als Negativit\u00e4t ist vor positiven Daten und Informationen angesiedelt. Die datenbasierte Positivwissenschaft ist nicht die Ursache, sondern eher die Folge des bevorstehenden Endes der Theorie im eigentlichen Sinne. Die Transparenz- oder Informationsgesellschaft ist eine Gesellschaft mit sehr hohem L\u00e4rmpegel. Sie produziert sehr viel L\u00e4rm und M\u00fcll wie Shitstorms.<\/p>\n<p>Angesichts der Shitstorms m\u00fcsste man auch die Souver\u00e4nit\u00e4t neu definieren. Souver\u00e4n ist, Carl Schmitt zufolge, wer \u00fcber den Ausnahmezustand entscheidet. Man kann diesen Satz der Souver\u00e4nit\u00e4t ins Akustische \u00fcbersetzen. Souver\u00e4n ist demnach, wer eine absolute Stille zu erzeugen vermag. Schmitt konnte keine Erfahrung mit der digitalen Vernetzung machen. Sie h\u00e4tte ihn bestimmt in eine totale Krise gest\u00fcrzt. Es ist bekannt, dass Schmitt zeitlebens Angst vor Wellen hatte. Shitstorms sind auch eine Art Wellen, n\u00e4mlich Emp\u00f6rungswellen, die der Kontrolle entgleiten. Aus Angst vor Wellen soll Schmitt auch Radio und Fernseher aus seiner Wohnung verbannt haben. Er sah sich sogar dazu veranlasst, seinen ber\u00fchmten Satz der Souver\u00e4nit\u00e4t umzuschreiben: \u201eNach dem Ersten Weltkrieg habe ich gesagt: ,Souver\u00e4n ist, wer \u00fcber den Ausnahmezustand entscheidet.\u2019 Nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: ,Souver\u00e4n ist, wer \u00fcber die Wellen des Raumes verf\u00fcgt.\u2019\u201c Nach der digitalen Revolution m\u00fcssten wir erneut den Satz der Souver\u00e4nit\u00e4t umschreiben: Souver\u00e4n ist, wer \u00fcber die Shitstorms des Netzes verf\u00fcgt. Das ist aber in Wahrheit das endg\u00fcltige Ende der Souver\u00e4nit\u00e4t, ja das Ende der Politik.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/staat-und-recht\/gastbeitrag-im-schwarm-11912458.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/staat-und-recht\/gastbeitrag-im-schwarm-11912458.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir fingern heute nur noch, statt zu handeln. 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