{"id":18872,"date":"2013-02-20T16:09:22","date_gmt":"2013-02-20T16:09:22","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18872"},"modified":"2013-02-20T16:09:22","modified_gmt":"2013-02-20T16:09:22","slug":"wenn-sie-uns-zu-nahe-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18872","title":{"rendered":"Wenn sie uns zu nahe kommen"},"content":{"rendered":"<p>Die Erde ist st\u00e4ndig bedroht von Einschl\u00e4gen erdnaher Asteroiden. Doch ein effektiver Abwehrschild ist noch in weiter Ferne. UN-Experten fordern jetzt eine bessere internationale Zusammenarbeit und ein koordiniertes Fr\u00fchwarnsystem. Ein Gespr\u00e4ch mit  Alan Harris vom Deutschen Zentrum f\u00fcr Luft und Raumfahrt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\"><strong>Herr Harris, Sie forschen \u00fcber Asteroiden und Kometen am <a href=\"http:\/\/www.dlr.de\/pf\/desktopdefault.aspx\/tabid-156\/220_read-6506\/\">Deutschen Zentrum f\u00fcr Luft- und Raumfahrt <\/a>in Berlin und leiten das EU-Projekt <a href=\"http:\/\/www.neoshield.net\/en\/index.htm\">\u201cNEOshield\u201c, <\/a>das die M\u00f6glichkeiten untersucht, Asteroiden abzuwehren, die sich auf Kollisionskurs mit der Erde befinden. Angesichts der Ereignisse vom vergangenen Freitag noch einmal die Frage: Wie gro\u00df ist die Gefahr, dass unser Planet von einem erdnahen Himmelsk\u00f6rper getroffen wird?<\/strong><\/p>\n<p>Das Risiko ist sehr gering. Die meisten Objekte sind klein und vergl\u00fchen unbemerkt in der Atmosph\u00e4re. Aber wir haben gesehen, dass Asteroiden sehr nahe an der Erde vorbeifliegen k\u00f6nnen, aber auch, was passiert, wenn ein solches Objekt in die Atmosph\u00e4re eindringt und explodiert. Ein derartiges Ereignis wie \u00fcber dem Ural kommt rein statistisch nur alle hundert Jahre vor. Und dass ein Asteroid mit der Gr\u00f6\u00dfe von 2012 DA14 auf die Erde st\u00fcrzt, kann alle tausend Jahre eintreten. Im Jahr 2029 wird <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/(99942)_Apophis\">Apophis,<\/a> ein 300 Meter gro\u00dfer Brocken, friedlich an der Erde vorbeiziehen &#8211; in einer \u00e4hnlichen Entfernung wie 2012 DA14.<strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wei\u00df man inzwischen, wie gro\u00df das Objekt \u00fcber dem Ural gewesen ist?<\/strong><\/p>\n<p> Ja, der Asteroid war entgegen ersten Sch\u00e4tzungen recht gro\u00df. Er hatte, wie neue Berechnungen zeigen, einen Durchmesser von 17 Metern und eine Masse von rund 10 000 Tonnen. Als er in einer H\u00f6he von 20 bis 30 Kilometern explodierte, entwickelte er die Sprengkraft von 500 Kilotonnen TNT. Das erkl\u00e4rt die gro\u00dfen Sch\u00e4den.<\/p>\n<p><strong> H\u00e4tte man bei dieser Gr\u00f6\u00dfe, den Himmelsk\u00f6rper eigentlich nicht bereits vorher entdecken m\u00fcssen? <\/strong><\/p>\n<p> Ich habe das im Nachhinein auch gedacht. Den Asteroiden <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/2008_TC3\">2008 TC3<\/a>, der am 7. Oktober 2008 \u00fcber Sudan explodierte, hatte man bereits einen Tag zuvor aufgesp\u00fcrt und so rechtzeitig eine Warnung ausgeben k\u00f6nnen. Dabei hat es sich mit nur vier Metern Durchmesser um einen vergleichsweise kleinen Brocken gehandelt. Dass man den etwas gr\u00f6\u00dferen Asteroiden vom vergangenen Freitag nicht vorher beobachtet hat, kann viele Gr\u00fcnde gehabt haben. Vielleicht hatten einige optische Teleskope, die den Himmel st\u00e4ndig nach anfliegenden Objekten absuchen, keine freie Sicht. Die Suchprogramme sind nicht f\u00fcr alle Richtungen gleich empfindlich, so dass kleine Asteroiden, insbesondere, die das Sonnenlicht nur schwach reflektieren, unbemerkt in die Atmosph\u00e4re eindringen k\u00f6nnen. Im Schnitt werden aber jeden Tag zwei neue erdnahe Asteroiden entdeckt.<\/p>\n<p><strong>Wann kann  man sicher sein, dass man einen neuen erdnahen Asteroiden entdeckt hat? <\/strong><\/p>\n<p>Um sicher sein zu k\u00f6nnen, dass es sich um einen Asteroiden handelt, muss man Aufnahmen von mehreren zeitlich versetzten Beobachtungen der entsprechenden Himmelsregion in derselben Nacht  vergleichen. Der Asteroid muss praktisch in allen diesen Aufnahmen vorhanden sein und seine Bewegung gegen die Fixsterne klar sein.<\/p>\n<p><strong>Wie viele solcher \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erdnahes_Objekt\">Near Earth Objects<\/a>\u201c (kurz NEO) kennt man inzwischen? <\/strong><\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt von deren Gr\u00f6\u00dfe ab. Von den erdnahen Asteroiden, die gr\u00f6\u00dfer sind als einen Kilometer, sind mittlerweile 95 Prozent bekannt. Schwieriger wird es bei kleineren Objekten wie 2012 DA14, die einige Dutzend Meter messen. Wir sch\u00e4tzen, dass es weit mehr als eine Million davon gibt. Nur ein Prozent von ihnen kennt man bislang.<\/p>\n<p><strong>Wie viele k\u00f6nnte man durch ein verbessertes \u00dcberwachungssystem erfassen? <\/strong><\/p>\n<p>Die Nasa hat das Ziel bis 2020 m\u00f6glichst alle erdnahen Asteroiden, die gr\u00f6\u00dfer sind als 140 Meter, aufzusp\u00fcren. Das sind genau jene Objekte, deren Einschlag f\u00fcr die Erde eine gro\u00dfe Gefahr darstellen. Man ist auf einem guten Weg. Das System, <a href=\"http:\/\/pan-starrs.ifa.hawaii.edu\/public\/\">Pan-STARRS<\/a>, das aus vier 1,8-m-Teleskopen besteht, wird derzeit auf Hawaii installiert. Es hat gro\u00dfe Himmelsregionen im Blick. Was wir aber vor allem brauchen, sind Teleskope, die ausschlie\u00dflich dazu dienen, den Himmel nach Asteroiden abzusuchen. Dann k\u00f6nnte man auch kleinere Objekte, wie jenes \u00fcber Russland, ein paar Wochen vorher erfassen. Doch f\u00fcr solche Suchteleskope ist es schwierig Geldgeber zu finden.<\/p>\n<p><strong>M\u00fcsste nicht auch das Milit\u00e4r ein Interesse an einer l\u00fcckenlosen Himmels\u00fcberwachung haben, gerade im Hinblick auf ihre Satelliten?<\/strong><\/p>\n<p>Die amerikanische Air Force beteiligt sich auch am Bau und Betrieb einiger Teleskope. Nicht zuletzt aus Furcht vor Weltraumschrott, der die milit\u00e4rischen Sonden bedroht. Die Teleskope werden auch f\u00fcr die Suche nach erdnahen Himmelsk\u00f6rpern genutzt. Auch der TV-Sender \u201eDiscovery Channel\u201c ist ein F\u00f6rderer von einem Teleskop geworden. Doch jedes Land backt seine eigenen Br\u00f6tchen. Es gibt keine internationale Koordination. Hin und wieder trifft man sich &#8230;<\/p>\n<p><strong>Wie in den vergangenen Tagen in Wien, wo Vertreter verschiedener L\u00e4nder, der Nasa und der europ\u00e4ische Raumfahrtagentur Esa auf Einladung der Vereinten Nationen \u00fcber die Asteroiden\u00fcberwachung diskutierten. <\/strong><\/p>\n<p>Wir waren nur 26 Teilnehmer in Wien. Die UN diskutiert \u00fcber ein internationales Gremium, das die Verantwortung im Namen aller Nationen f\u00fcr die Problematik der erdnahen Objekte \u00fcbernehmen k\u00f6nnte. Die Nasa finanziert das Zentrum  <a href=\"http:\/\/www.minorplanetcenter.org\/iau\/mpc.html\">\u201eThe Minor Planet Center\u201c<\/a> am Smithsonian Astrophysical Observatory in Harvard (Massachusetts)<a href=\"http:\/\/www.cfa.harvard.edu\/sao\/\">http:\/\/www.cfa.harvard.edu\/sao\/<\/a>, das Informationen \u00fcber neue Entdeckungen erfasst, sammelt und an Institute weiterleitet, die die Daten auswerten und daraus n\u00fctzliche Voraussagen entwickeln. Es fehlt aber nach wie vor an einem internationalen Programm f\u00fcr koordinierte Ma\u00dfnahmen zur Abwehr und zum Schutz der Bev\u00f6lkerung, falls ein Asteroid die Erde bedroht. <\/p>\n<p><strong>Heute haben Raumfahrtexperten der Vereinten Nationen in Wien eine bessere internationale Zusammenarbeit und ein koordinierte Vorbereitung auf dohende Asteroideneinschl\u00e4ge gefordert. <\/strong><strong>Haben die beiden Ereignisse am Freitag jetzt  das Bewusstsein f\u00fcr die Gefahr aus dem All gesch\u00e4rft? <\/strong><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten jetzt tats\u00e4chlich einen Startschuss erleben und mehr Aufmerksamkeit erhalten. Wir haben mit dem EU-Projekt \u201eNEOshield\u201c seit einem Jahr eine Institution, die auf internationaler Ebene Fr\u00fchwarnsysteme und geeignete Abwehrma\u00dfnahmen erforscht. Beteiligt sind auch Amerika und Russland. Und Experten der Vereinten Nationen<\/p>\n<p><strong><strong>Angenommen, man h\u00e4tte die M\u00f6glichkeit und die Mittel f\u00fcr ein Abwehrsystem, welche M\u00f6glichkeiten best\u00fcnden, einen Asteroiden aus der Bahn zu kicken? <\/strong><\/strong><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte beispielsweise eine Raumsonde auf dem Asteroiden kollidieren lassen. Oder man k\u00f6nnte einen massenreichen Satelliten dicht an den Asteroiden steuern und diesen \u00fcber die Gravitationswirkung ein klein wenig beschleunigen oder verlangsamen und so von der Umlaufbahn abbringen. In beiden F\u00e4llen bedarf es aber exakter und autonomer Steuerungssysteme, die absolut zuverl\u00e4ssig arbeiten m\u00fcssen. Man ben\u00f6tigt vor allem Testmissionen. Denn es gen\u00fcgt nicht, die Szenarien am Computer zu simulieren. Doch dazu braucht man Geld und den politischen Willen.<\/p>\n<p><strong><strong>Was halten Sie von dem Vorschlag, einen nuklearen Sprengsatz auf einem Asteroiden zu z\u00fcnden?<\/strong><\/strong><\/p>\n<p>Auch das wird von uns er\u00f6rtert und am Computer simuliert. Doch die politischen Einw\u00e4nde w\u00fcrden die Z\u00fcndung eines nuklearen Sprengsatzes auf einem Himmelsk\u00f6rper verhindern.<\/p>\n<p><strong><strong>Wer tr\u00fcge die Verantwortung wenn bei einer Mission etwas schiefl\u00e4uft <strong>und ein Asteroid, statt abgewehrt zu werden, versehentlich in einem anderen Land auf der Erde einschlagen w\u00fcrde?<\/strong><\/strong><\/strong><\/p>\n<p>Ein solcher Fall ist im internationalen Recht nicht vorgesehen. Wir brauchen deshalb eine internationale Vereinbarung, wer bei einer k\u00fcnftigen Abwehrmission die politische Verantwortung tragen wird &#8211;  im Grunde f\u00fcr die Welt.<\/p>\n<p><strong><strong>Wann k\u00f6nnte ein Abwehrsystem fr\u00fchestens zur Verf\u00fcgung stehen?<\/strong><\/strong><\/p>\n<p>Das liegt an den Finanzmitteln. Eine Testmission zu einem Asteroiden w\u00fcrde sch\u00e4tzungsweise mehrere hundert Millionen Euro kosten. \u201eNEOshield\u201c, das noch bis 2015 l\u00e4uft, stehen rund sechs Millionen Euro zur Verf\u00fcgung. Wir k\u00f6nnen kaum mehr als nur ein detailliertes Konzept erarbeiten. Es gibt auch das Problem, dass wir in keines der bestehenden Raumfahrtprogramme passen. Gef\u00f6rdert werden derzeit nur technische Unternehmungen oder Projekte der Grundlagenforschung. Die Entwicklung eines Fr\u00fchwarnsystems und Abwehrsystems gegen Asteroiden ist kein festes Arbeitsgebiet der Raumfahrtorganisationen. Das m\u00fcsste sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Herr Harris, ich danke Ihnen f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte <strong>Manfred Lindinger.<\/strong><\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/weltraum\/interview-ueber-asteroidenabwehr-wenn-sie-uns-zu-nahe-kommen-12085485.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/weltraum\/interview-ueber-asteroidenabwehr-wenn-sie-uns-zu-nahe-kommen-12085485.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erde ist st\u00e4ndig bedroht von Einschl\u00e4gen erdnaher Asteroiden. Doch ein effektiver Abwehrschild ist noch in weiter Ferne. UN-Experten fordern jetzt eine bessere internationale Zusammenarbeit und ein koordiniertes Fr\u00fchwarnsystem. 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