{"id":18856,"date":"2012-10-01T16:09:19","date_gmt":"2012-10-01T16:09:19","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18856"},"modified":"2012-10-01T16:09:19","modified_gmt":"2012-10-01T16:09:19","slug":"windelweiches-wissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18856","title":{"rendered":"Windelweiches Wissen"},"content":{"rendered":"<p>Katerstimmung in der Forschung: Immer \u00f6fter sorgen spektakul\u00e4re Einzelergebnisse f\u00fcr  Aufruhr, bevor sie reproduziert sind. Dagegen muss manwas tun. Ein Vorschlag.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die Symptome sind klar und die Prognose schlecht: Die harten Wissenschaften &#8211; \u201ehard sciences\u201c -, wie man im Musterland der Naturwissenschaften sagt, sind schwer angegriffen. Erh\u00f6hte Temperatur. In der \u201eNew York Times\u201c, diagnostizierte Andrew Revkin: \u201eSingle-Study Syndrome\u201c. In dem von ihm behandelten Fall handelte es sich sogar um eine besonders perfide Form von \u201eEinzelstudiensydrom\u201c. Ein franz\u00f6sischer Forscher, der seit sieben Jahren zu beweisen versucht, dass gentechnisch ver\u00e4nderte Nahrungs- und Futtermittel schwer krank machen, hat mit einem Aufsatz in der Fachzeitschrift \u201eFood and Chemical Toxicology\u201c die Welt in Aufruhr versetzt: Transgener Mais, so Gilles-Eric Seralini, sollen in zweij\u00e4hrigen kontrollierten F\u00fctterungsversuchen vermehrt Krebs bei Ratten erzeugt haben. Drei franz\u00f6sische Minister und ein Gro\u00dfteil der Medien reagierten hysterisch, zehn Jahre Forschung, inklusive Zulassungsverfahren, wurden mit einem einzigen Aufsatz infrage gestellt. Auf der anderen Seite w\u00fctete die Fachwelt: \u201eBeliebig\u201c, \u201ebetr\u00fcgerisch\u201c, \u201ebestellt\u201c, \u201eunsauber\u201c, \u201everf\u00e4lscht\u201c &#8211; kein absch\u00e4tziger Kommentar fehlt bisher, und am Ende wurde die halbseidene Arbeit auch noch als \u201eUnstatistik des Monats\u201c der L\u00e4cherlichkeit preisgegeben. Das Gutachtersystem hatte versagt, offenkundig. Das Bundesinstitut f\u00fcr Risikobewertung (BfR) hat das der Agentur AFP gegen\u00fcber jetzt best\u00e4tigt: Die Schlu\u00dffolgerung sei nicht ausreichend belegt,  die verwendeten Tiere ungeeignet und in der Menge zu klein f\u00fcr die Fragestellung, die statistische Auswertung mangelhaft <\/p>\n<p>Und trotzdem gilt: Seralinis Arbeit wird die Beh\u00f6rden, auch die f\u00fcr die Zulassung verantwortliche Europ\u00e4ische Beh\u00f6rde f\u00fcr Lebensmittelsicherheit (EFSA), noch l\u00e4nger besch\u00e4ftigen. Wie lange sie als Hauptbelastungsmaterial gegen die gr\u00fcne Gentechnik verwendet wird, ist unabsehbar.<\/p>\n<p>Damit wird auch einer der gr\u00f6\u00dften Schwachpunkte der Studie zum wichtigsten Faktor ihrer Virulenz: Sie steht wissenschaftlich da wie ein einsamer Monolith. Es ist die einzige Langzeitstudie mit den Fremdgenen, die in der Round-up-toleranten Maissorte NK603 verwendet werden. Weder hat jemand die Experimente reproduziert, noch mit dem gleichen oder mit einem statistisch geeigneteren Verfahren ausgewertet.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches ist von einer Studie zu sagen, die jetzt in der Zeitschrift \u201eScience\u201c (Bd. 337, S. 1453) von Forschern der University of Exeter angeprangert wird. Bei der kritisierten Untersuchung geht es um die Wirkung von \u201eNeonicotioid\u201c-Pestizide auf Honigbienen. Franz\u00f6sische Forscher des Agrarforschungsinstituts INRA hatten nach der Modellierung der Pestizidwirkung auf Bienenv\u00f6lker in \u201eScience\u201c (Bd. 336, S. 348) berichtet, dass die verwendeten Nicotinoide imstande seien, ganze Bienenv\u00f6lker auszul\u00f6schen. Die britischen Kollegen kontern, nachdem sie das Modell \u00fcberpr\u00fcft haben: Unm\u00f6glich. Kein experimenteller Beleg und keine Beobachtung lege den radikalen Schluss nahe, vielmehr sei man in dem Computermodell von v\u00f6llig unrealistischen Fortpflanzungsraten der Bienen ausgegangen, und die Pestizid-Aufnahme der Bienen sei \u00fcberzogen dargestellt. Die \u201eKorrektur\u201c hat nicht verhindert, dass die franz\u00f6sische Arbeit f\u00fcr Verunsicherung gesorgt hat und die Zulassung eines Nicotinoid-Saatgutbeizmittels im eigenen Land vorl\u00e4ufig ausgesetzt wurde.<\/p>\n<p>Zwei aktuelle F\u00e4lle, in denen der Wissenschaftsbetrieb zum Reparaturbetrieb mutierte und nichts zu gewinnen, aber vor allem eines zu verlieren hat: seine Integrit\u00e4t. Es gibt Dutzende weiterer, zum Teil spektakul\u00e4re F\u00e4lle allein aus der j\u00fcngsten Zeit: Die vermeintlichen Arsen-Bakterien der Nasa etwa, die als m\u00f6gliche alternative extraterrestrische Lebensform in einer \u201eScience\u201c-Pressekonferenz pr\u00e4sentiert wurden. Gut in Erinnerung auch die Betrugsf\u00e4lle, die etwa zur \u00f6ffentlichkeitswirksamen Verk\u00fcndung der ersten Klonierung von Menschen durch eine koreanische Gruppe gef\u00fchrt hatten. Im vorigen Jahr haben Wissenschaftler von Bayer Health-Care versucht, 67 vorklinische Experimente mit vermeintlich neuen Wirkstoffkandidaten zu reproduzieren. Ergebnis: In drei Viertel der F\u00e4lle scheiterten sie. Wie fatal die Situation ist, wird auch anhand einer aktuellen Untersuchung von Arturo Casadevall von der Washington University School of Medicine deutlich. Zusammen mit seinen Kollegen berichtet er in den \u201eProceedings\u201c der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften, wie viele Paper aus den Lebenswissenschaften seit Aufnahme in der zentralen Literatur-Datenbank \u201ePubmed\u201c im Jahre 1940 offiziell widerrufen wurden. Es waren 2047 Artikel. Entscheidend ist der Trend: Nachdem die ersten wegen Betrug, Manipulationen oder schlechter Methodik zur\u00fcckgezogenen Ver\u00f6ffentlichungen im Jahr 1973 auftauchten, verschlimmerte sich die Situation sukzessive. Seit Mitte der siebziger Jahre hat sich die Zahl verzehnfacht, und besonders gravierend: In fast zwei Drittel der F\u00e4lle handelte es sich um wissenschaftliches Fehlverhalten, damit man in einflussreiche Wissenschaftsjournale kommt &#8211; um Betrug in 43 Prozent der F\u00e4llen und um Plagiate in 15 Prozent.<\/p>\n<p>Damit wird eine Initiative zunehmend interessant, die L\u00fccken im Gutachterwesen und gezielte Manipulationsversuche m\u00f6glicherweise zu einem gro\u00dfen Teil unterbinden k\u00f6nnte &#8211; wenn sie denn Schule macht: Es geht um die vor einem Monat von einem Startup-Unternehmen und der Open-Access-Zeitschrift \u201ePlosOne\u201c ins Leben gerufene \u201eReproducibility Initiative\u201c (scienceexchange.com). Bei brisanten Forschungsergebnissen, so die Idee, sollen die Forscher die M\u00f6glichkeit erhalten, ihre Arbeit zu etwa einem Zehntel der Kosten der urspr\u00fcnglichen Ergebnisse von unabh\u00e4ngigen Laboren reproduzieren zu lassen. Die Arbeit wird anschlie\u00dfend mit einem Zertifikat publiziert, das die Verifikation der Ergebnisse ausweist. Die Initiative hat dazu ein Netzwerk von etwa tausend Laboren aufgebaut.<\/p>\n<p>Warum nicht anders herum: eine Kennzeichnungspflicht f\u00fcr nicht reproduzierte Arbeiten &#8211; ein unter dem Autorenverzeichnis deutlich sichtbarer Hinweis, dass der vorgestellte Befund noch nicht von unabh\u00e4ngig Seite best\u00e4tigt wurde. Mit einem solchen Label versehen k\u00f6nnte auch die Unterrichtung der \u00d6ffentlichkeit \u00f6fter mal weniger sensationalistisch ausfallen, als es in der kurzatmigen Welt von heute schon gewohnheitsm\u00e4\u00dfig der Fall ist.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/risiko-genmais-den-doppelbeleg-bitte-windelweiches-wissen-11910749.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/mensch-gene\/risiko-genmais-den-doppelbeleg-bitte-windelweiches-wissen-11910749.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katerstimmung in der Forschung: Immer \u00f6fter sorgen spektakul\u00e4re Einzelergebnisse f\u00fcr Aufruhr, bevor sie reproduziert sind. Dagegen muss manwas tun. Ein Vorschlag.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[532,429],"tags":[1342,417],"class_list":["post-18856","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-mensch-gene","category-wissen","tag-bfr","tag-new-york-times"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18856","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18856"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18856\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18856"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18856"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18856"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}