{"id":18820,"date":"2013-04-15T16:09:10","date_gmt":"2013-04-15T16:09:10","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18820"},"modified":"2013-04-15T16:09:10","modified_gmt":"2013-04-15T16:09:10","slug":"ich-wunschte-ich-hatte-mir-mehr-freude-gegonnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18820","title":{"rendered":"Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte mir mehr Freude geg\u00f6nnt"},"content":{"rendered":"<p>Sie f\u00fchren Protokoll, wenn andere ihr Leben bilanzieren: Ein Forscher aus Dresden und eine K\u00fcnstlerin aus Australien versuchen, den Tod zu entmystifizieren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Anfangs dachte Andreas Hanses, dass er sicher Taschent\u00fccher brauchen w\u00fcrde. Taschent\u00fccher und Psychologen. Gar gleich eine psychologische Betreuung f\u00fcr seine beiden Mitarbeiterinnen? Bis jetzt aber war es immer anders. Statt der Taschent\u00fccher liegen nun Kekse auf seinem Tisch, und Hanses\u2019 Mitarbeiterinnen greifen zu.<\/p>\n<p>Andreas Hanses: gestutzter Oberlippenbart, Halbglatze, Lachf\u00e4ltchen, ist Professor f\u00fcr Erziehungswissenschaften an der TU Dresden. Er hat sich vorgenommen, das Sterben zu erforschen. Er will herausfinden, wie todkranke Menschen am Ende ihres Lebens auf ihre Biografie zur\u00fcckblicken. Und wie wohl sie sich noch f\u00fchlen k\u00f6nnen, im Hospiz oder im Krankenhaus oder zu Hause. 78 Interviews haben seine Mitarbeiterinnen schon gef\u00fchrt, mit Sterbenden und auch mit Pflegekr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Die Studie, sagt Hanses, ist Grundlagenforschung. Es gebe kaum Erkenntnisse, auf die er sich beziehen k\u00f6nne, kaum Wissenschaftler, die sich mit den Sterbenden auseinandersetzen. Hanses kann das verstehen: Man forscht lieber zu Problemen, f\u00fcr die es sp\u00e4ter mal eine L\u00f6sung geben k\u00f6nnte.<\/p>\n<h2>Der Versuch, das Sterben zu entmystifizieren<\/h2>\n<p>Fr\u00fcher hat er selbst mal Frauen befragt, die an Brustkrebs leiden. Wie sie sich f\u00fchlen, wollte er wissen. Viele Frauen kamen sich entm\u00fcndigt vor, fand er heraus. Offenbar war die medizinische Behandlung so sehr durchgeplant, dass wenig Zeit blieb f\u00fcr ausgeruhte Entscheidungen und selten der Mut, Zweifel zu \u00e4u\u00dfern. Ausgeliefert kamen sich die Frauen vor, mit denen er sprach.<\/p>\n<p>Wie muss es nur denen gehen, die unheilbar krank sind, die definitiv bald sterben werden?, dachte Hanses damals &#8211; und dann schrieb er ein Forschungskonzept. Seine Studie ist der Versuch, das Sterben zu entmystifizieren. Sie passt in diese Zeit.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst wird nicht mehr nur in Gesundheitssendungen, sondern auch an deutschen Stammtischen \u00fcber Organspende-Ausweise und Patientenverf\u00fcgungen diskutiert. Voriges Jahr widmete die ARD dem Tod gleich eine ganze Themenwoche. In den Bestsellerlisten h\u00e4lt sich seit Wochen John Greens Jugendroman \u201eDas Schicksal ist ein mieser Verr\u00e4ter\u201c- erz\u00e4hlt wird darin die Liebesgeschichte von zwei unheilbar kranken Jugendlichen. Und gar die H\u00e4lfte aller jungen Menschen &#8211; zwischen 18 und 29 Jahren &#8211; denkt laut einer Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber den eigenen Tod nach.<\/p>\n<h2>\u00dcber den Tod wird wenig geredet<\/h2>\n<p>Deutschland spricht \u00fcber das Sterben. Nur die Sterbenden selbst &#8211; die tun es selten. Das zumindest ist eine erste Erkenntnis aus Andreas Hanses\u2019 Studie. \u201eKranke mit einer Heilungschance reden \u00fcber ihre Krankheit. Unheilbar Kranke reden \u00fcber ihr Leben\u201c, sagt der 54 Jahre alte Wissenschaftler. Manchmal sa\u00dfen seine Mitarbeiterinnen sechs Stunden an einem Krankenbett, h\u00f6rten dem Patienten zu, lie\u00dfen das Aufnahmeger\u00e4t laufen. Sechs Stunden &#8211; und kaum ein Wort \u00fcber den nahenden Tod. \u201eDie Sterbenden berechnen ihr Leben neu\u201c, sagt Hanses, \u201esie trauern nicht, sie erz\u00e4hlen.\u201c<\/p>\n<p>Er klingt erleichtert, wenn er das sagt. Die Frage ist, wem seine Studie einmal nutzen k\u00f6nnte. Dem Pflegepersonal zum Beispiel, glaubt Hanses. Nicht umsonst fahren seine Mitarbeiterinnen in verschiedene Einrichtungen &#8211; in Hospize und in Krankenh\u00e4user und zu ambulanten Pflegediensten. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wo sich Sterbende am wohlsten f\u00fchlen, wie man sie versorgen sollte.<\/p>\n<p>Eines etwa unterscheidet todkranke Patienten von den anderen: Sie schimpfen kaum auf \u00c4rzte oder Pflegekr\u00e4fte, sie suchen keinen Schuldigen mehr. \u201eEs gibt keinen Arzt, auf dessen Wort sie sich die kommenden f\u00fcnf Jahre verlassen, dessen Befunde sie abwarten m\u00fcssen\u201c, sagt Hanses. \u201eDas befreit sie weit mehr, als ich es erwartet h\u00e4tte.\u201c Allerdings brauchen die Patienten eine besondere Ruhe &#8211; die sie in Kliniken selten bekommen. Krankenh\u00e4user seien dazu da, Menschen zu retten, zu heilen. Der Tod sei hier ein Unfall, so Hanses, anders als im Hospiz. \u201eWir d\u00fcrfen sterben lassen\u201c, sagt eine Hospiz-Leiterin, die f\u00fcr die Studie befragt wurde.<\/p>\n<h2>Umgebung ist f\u00fcr Todkranke entscheidend<\/h2>\n<p>Wie entscheidend die Umgebung f\u00fcr die \u00dcberlebenszeit selbst Todkranker sein kann, das zeigt eine Geschichte, die jene Hospiz-Mitarbeiterin erz\u00e4hlt. Es ist die Geschichte einer Frau, die zum Sterben aus ihrer Wohnung aus- und ins Hospiz eingezogen ist. Die gesagt hatte, sie wolle ihre letzten Wochen versuchen zu genie\u00dfen. \u201eUnd dann starb sie nicht\u201c, erz\u00e4hlt die Hospizleiterin &#8211; zumindest starb die Frau nicht gleich. Also k\u00fcndigte der Medizinische Dienst der Krankenkassen seinen Besuch an &#8211; um zu pr\u00fcfen, ob die Patientin im Hospiz richtig aufgehoben sei. Acht Wochen, so entschieden die Gutachter, d\u00fcrfe die Frau noch dableiben. Danach m\u00fcsse sie verlegt werden. Die Patientin wurde schw\u00e4cher. Zwei Tage vor der geplanten Entlassung starb sie.<\/p>\n<p>Hanses\u2019 Forschung dauert bislang zweieinhalb Jahre, sie wird gef\u00f6rdert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Wenn er seinen Verl\u00e4ngerungsantrag bewilligt bekommt, dann wird er noch bis 2015 mit den Interviews besch\u00e4ftigt sein. Eventuell wird er dann einen Leitfaden entwickeln &#8211; dar\u00fcber, wie es die Todkranken der Zukunft noch besser haben k\u00f6nnten. Seine Forschung ist ein Dienst an den Sterbenden.<\/p>\n<p>Bronnie Ware hat etwas \u00c4hnliches getan wie Hanses: Auch sie ist eine Chronistin des Todes, auch sie hat jahrelang Sterbenden zugeh\u00f6rt. Nur will Ware etwas ganz anderes als der Forscher: Sie will, dass die Gesunden gl\u00fccklicher werden. Ihre Arbeit als K\u00fcnstlerin ist ein Dienst an den Lebenden.<\/p>\n<p>Ware: rundes Gesicht, lange braune Haare, Locken, hat acht Jahre lang Todkranke gepflegt. Das hat sie ver\u00e4ndert, sagte sie. \u201eErst die Sterbenden haben mir gezeigt, wie ich leben sollte.\u201c Nun hat sie ein Buch geschrieben \u00fcber ihre Zeit als Palliativpflegerin. Das neue \u00f6ffentliche Interesse am Sterben machte nun ausgerechnet sie, eine zuvor mittellose Australierin, zu einer wohlhabenden Frau.<\/p>\n<p>\u201c5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen\u201c, hei\u00dft ihr Werk. Vor einem Jahr schaffte es Ware damit in die deutschen Medien &#8211; obwohl es damals nur in englischer Sprache erh\u00e4ltlich war. Inzwischen ist es in 26 Sprachen \u00fcbersetzt worden, die deutsche Fassung ist gerade in die L\u00e4den gekommen. \u201eOffenbar kam meine Botschaft zur richtigen Zeit\u201c, sagt die Autorin, aber, ja, gewundert habe sie sich auch \u00fcber das gro\u00dfe Interesse an ihren im Grunde simplen und traurigen Geschichten.<\/p>\n<h2>Umgedrehter Lebenslauf<\/h2>\n<p>Bronnie Wares Lebenslauf ist einer von denen, die aussehen, als seien sie falsch herum aufgeschrieben. Erst arbeitete sie in einer Bank, trampte dann auf eine Insel, mixte Cocktails an der Bar, zapfte Bier in einer englischen Kneipe, verkaufte am Telefon Abos eines Pornokanals. Schlie\u00dflich beschloss Ware, so viel wie m\u00f6glich als Musikerin zu arbeiten, doch daf\u00fcr fehlte ihr das Geld. Zumindest ein sozialer Beruf m\u00fcsse es sein, entschied sie. Und Miete wollte sie auch keine zahlen.<\/p>\n<p>So landete Ware bei einem Pflegedienst, dieser schickte sie in die Wohnung einer kranken Frau. Ware sollte die Patientin versorgen, daf\u00fcr konnte sie bei ihr schlafen. Die Frau starb, Ware zog beim n\u00e4chsten Patienten ein, und so blieb sie acht Jahre lang die Pflegerin von Todkranken.<\/p>\n<p>Dass die Australierin heute von ihrer Kunst leben kann, hat sie im Grunde einem einzigen Blogeintrag zu verdanken: \u201eWas Sterbende bereuen\u201c, schrieb sie in der \u00dcberschrift. Ware ver\u00f6ffentlichte den Text vor einigen Jahren auf ihrem bis dahin recht unbekannten Blog, er verbreitete sich im Netz, wurde Millionen Male angeklickt. Ein Verlag wurde darauf aufmerksam &#8211; darum hat Ware aus den urspr\u00fcnglich 792 W\u00f6rtern 352 Seiten gemacht. Die Australierin erz\u00e4hlt darin die Geschichten ihrer fr\u00fcheren Patienten. Struktur daf\u00fcr geben die f\u00fcnf am h\u00e4ufigsten unerf\u00fcllt gebliebenen W\u00fcnsche ihrer Ex-Patienten:<\/p>\n<ul>\n<li>Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.<\/li>\n<li>Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte nicht so viel gearbeitet.<\/li>\n<li>Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte den Mut gehabt, meinen Gef\u00fchlen Ausdruck zu verleihen.<\/li>\n<li>Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten.<\/li>\n<li>Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte mir mehr Freude geg\u00f6nnt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Nur etwa 30 Prozent der Menschen w\u00fcrden nichts bereuen am Ende ihres Lebens, sagte Ware. \u201eUm zu dieser Minderheit zu geh\u00f6ren, kann ich nur empfehlen, die f\u00fcnf Punkte zu beherzigen.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/protokoll-des-lebens-ich-wuenschte-ich-haette-mir-mehr-freude-gegoennt-12140032.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/protokoll-des-lebens-ich-wuenschte-ich-haette-mir-mehr-freude-gegoennt-12140032.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie f\u00fchren Protokoll, wenn andere ihr Leben bilanzieren: Ein Forscher aus Dresden und eine K\u00fcnstlerin aus Australien versuchen, den Tod zu entmystifizieren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[511,361],"tags":[1030,336,266,397,670],"class_list":["post-18820","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-familie","category-gesellschaft","tag-ard","tag-australien","tag-deutschland","tag-dresden","tag-tu-dresden"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18820","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18820"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18820\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18820"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18820"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18820"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}