{"id":18818,"date":"2013-02-26T16:09:09","date_gmt":"2013-02-26T16:09:09","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18818"},"modified":"2013-02-26T16:09:09","modified_gmt":"2013-02-26T16:09:09","slug":"schon-dich-kennenzulernen-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18818","title":{"rendered":"Sch\u00f6n, dich kennenzulernen (1)"},"content":{"rendered":"<p>Ein Gericht hat entschieden: Menschen, die ihre Geburt einer Samenspende verdanken, d\u00fcrfen wissen, wer ihr Erzeuger ist. F\u00fcr die 30 Jahre alte Astrid ist es die Erf\u00fcllung eines Traums. Doch ihren Vater zu finden, ist gar nicht so einfach.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Dass ich ein Spenderkind bin, habe ich vor vier Jahren erfahren \u2013 als ich selbst schwanger war. Da hat meine Mutter mich in ein Caf\u00e9 eingeladen und mich gebeten, ihr zu versprechen, dass ich ihr nicht b\u00f6se sein w\u00fcrde, wenn sie mir gleich was erz\u00e4hlen w\u00fcrde. Tja, und dann lie\u00df sie die Bombe platzen: dass mein Vater zeugungsunf\u00e4hig sei und sie deswegen diesen Weg gegangen seien. Weil sie sich so sehr ein Kind gew\u00fcnscht h\u00e4tten. Und dass sie nie gewusst h\u00e4tte, wann der richtige Moment sei, um es mir zu sagen.<\/p>\n<p>Im ersten Moment stand ich komplett neben mir. Ich f\u00fchlte mich hilflos und allein. Pl\u00f6tzlich war nichts mehr wahr von dem, worauf mein ganzes Leben aufgebaut war. Ich wusste nicht einmal mehr, wer ich bin. Zitternd und weinend erz\u00e4hlte ich es am Abend meinem Mann. Er tr\u00f6stete mich und sagte, er f\u00e4nde es wunderbar, dass ich so bin, wie ich bin. Aber mir war nicht zu helfen. Ich dachte an diesen Spender, meinen biologischen Vater, und fragte mich: Wie lebt er, wie sieht er aus, was macht er?<\/p>\n<h2>Ich wurde in einer Klinik gezeugt, die es nicht mehr gibt<\/h2>\n<p>Ich lief \u00fcber die Stra\u00dfe und guckte irgendwelchen wildfremden M\u00e4nnern um die F\u00fcnfzig im Vorbeigehen in die Augen. Ich hatte das Gef\u00fchl, wahnsinnig zu werden vor lauter Verzweiflung. Und ich fragte mich, ob mir noch weitere Enth\u00fcllungen bevorst\u00fcnden. Ob meine Eltern mir noch mehr L\u00fcgen aufgetischt hatten.<\/p>\n<p>Dann versuchte ich, etwas \u00fcber meinen biologischen Vater herauszufinden. Aber ich wurde in einer Klinik gezeugt, die es heute nicht mehr gibt. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Und die Spendernummer meines Spenders hat meine Mutter weggeworfen. Es ist also so gut wie ausgeschlossen, dass ich meinen biologischen Vater jemals finden werde.<\/p>\n<p>In den folgenden Jahren war ich dauernd krank. Eine Grippe nach der anderen, ich bekam die Mandeln raus, dauernd rasende Kopfschmerzen, Nasennebenh\u00f6hlenentz\u00fcndungen, Nahrungserg\u00e4nzung, CT vom Kopf, ich konnte kaum noch aufstehen. Das Kind war dauernd bei der Schwiegermutter, und keiner fand die Ursache f\u00fcr meine Krankheiten. Man schob es auf die Nachwirkungen der Schwangerschaft. Aber in Wirklichkeit lag es daran, dass mein Urvertrauen in alles und jeden komplett weg war.<\/p>\n<h2>Etwa 100 000 Spenderkinder in Deutschland<\/h2>\n<p>Ich verstehe auch nicht, wie systematisch und durchgehend meine Eltern mich angelogen haben. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich mit zw\u00f6lf Heuschnupfen bekommen habe. Und da sagte meine Mutter: \u201eIch kann gar nicht verstehen, dass du Heuschnupfen hast, niemand in unserer Familie hat Heuschnupfen, von wem hast du den blo\u00df?\u201c Ich h\u00e4tte da an ihrer Stelle wenigstens geschwiegen.<\/p>\n<p>Bei einer Mutter-Kind-Kur letztes Jahr habe ich dann eine Tanztherapie gemacht, und danach habe ich nur noch geweint. Das anschlie\u00dfende Gespr\u00e4ch mit der Therapeutin hat mir geholfen, zu akzeptieren, was passiert ist. Und auch der Verein \u201eSpenderkinder\u201c gibt mir viel Trost. Da sind andere Menschen, denen es genauso geht wie mir. Wir sch\u00e4tzen, dass es etwa 100 000 Spenderkinder in Deutschland gibt, die ihren Vater nicht kennen. Und wir fordern, dass ein zentrales Register eingerichtet wird, das alle Spender und Empf\u00e4nger erfasst.<\/p>\n<p>Meine Mutter hat inzwischen bereut, dass sie es mir erz\u00e4hlt hat &#8211; weil sie gesehen hat, dass es mich so aufregt. Die \u00c4rzte hatten ihr damals ohnehin geraten, es mir nie zu sagen. Aber dann wollte sie diese Lebensl\u00fcge doch nicht f\u00fcr sich behalten. Verstehen kann sie meine Aufregung nicht. Sie findet, dass ich mich in die Sache hineinsteigere. Und sie sagt, dass ich mit dem Mann nichts zu tun h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Mein Vater wei\u00df gar nicht, dass ich es wei\u00df. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich sieben war. Ich hatte immer schon ein ganz schlechtes Verh\u00e4ltnis zu ihm. Die Chemie hat nicht gestimmt, im wahrsten Sinne des Wortes: Umarmungen, K\u00fcsschen, sein Geruch &#8211; das war mir unangenehm. Heute wei\u00df ich, warum. Damals fragte ich mich nur, warum ich so anders bin als er. Die Gene machen viel mehr aus, als man denkt. Seit sieben Jahren habe ich jetzt gar keinen Kontakt mehr zu ihm. Aber im Nachhinein f\u00e4llt mir eine Situation ein, die ich damals nicht deuten konnte. Bei unserer letzten Begegnung fragte er: \u201eHat dir Mama mal irgendwas \u00fcber mich erz\u00e4hlt?\u201c Ich verneinte. Da drehte er sich zu seiner Lebensgef\u00e4hrtin um und sagte zur ihr: \u201eSie wei\u00df es nicht.\u201c<\/p>\n<h2>Ich stelle ihn mir ganz toll vor<\/h2>\n<p>Ich bin meiner Mutter heute nicht mehr b\u00f6se, weil sie mir sehr plausibel gemacht hat, dass ich ein Wunschkind war. Was ich ihr nicht verzeihen kann, ist, dass sie meine Spenderunterlagen nach der Scheidung im Haus zur\u00fcckgelassen hat. Das war doch meine Identit\u00e4t &#8211; so wichtig wie meine Geburtsurkunde! Es \u00e4rgert mich, dass die \u00c4rzte, die so viel an meiner Zeugung verdient haben, meine Mutter so schlecht beraten haben. Aber wenn ich meinen biologischen Vater treffen w\u00fcrde, w\u00fcrde ich ihm trotzdem danken. Ich bin ja froh, dass es mich gibt. Und ich glaube, ich habe optisch ganz, ganz viel von ihm geerbt, weil ich so ganz anders aussehe als meine Eltern. Wenn ich in den Spiegel schaue, packt mich eine unb\u00e4ndige Neugier, weil ich wissen will, was an mir von ihm ist.<\/p>\n<p>Und auch sonst: Ich w\u00fcrde alles von ihm wissen wollen und mich darin wiederfinden. Ich stelle ihn mir ganz toll vor: offen, herzlich, liebevoll, humorvoll. Und in meinen Tagtr\u00e4umen male ich mir aus, ich k\u00f6nnte ihm schreiben und ihn vielleicht sogar anrufen, und dann w\u00fcrden wir uns im Park treffen, und er w\u00fcrde sagen: \u201eSch\u00f6n, dich kennenzulernen.\u201c Aber selbst wenn das Treffen eine Entt\u00e4uschung f\u00fcr mich w\u00e4re, k\u00f6nnte ich das wohl hinnehmen und das Thema abschlie\u00dfen. Ich h\u00e4tte meinen inneren Frieden. Im Moment ist da, wo mein biologischer Vater sein sollte, nur ein gro\u00dfes schwarzes Loch. Da wurde durch die Enth\u00fcllung meiner Mutter alles weggerissen.<\/p>\n<p>Wenn ich heute alte Fotos anschaue, die Familie an Ostern, an Weihnachten unterm Baum, dann denke ich, in was f\u00fcr einer Scheinwelt ich gelebt habe. Ich habe 26 Jahre lang an eine L\u00fcge geglaubt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/samenspende-schoen-dich-kennenzulernen-2-12092343.html\"><strong>Den Bericht eines privaten Samenspenders lesen Sie im zweiten Teil.<\/strong><\/a><\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/samenspende-schoen-dich-kennenzulernen-1-12094919.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/samenspende-schoen-dich-kennenzulernen-1-12094919.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gericht hat entschieden: Menschen, die ihre Geburt einer Samenspende verdanken, d\u00fcrfen wissen, wer ihr Erzeuger ist. 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