{"id":18808,"date":"2013-03-27T16:09:06","date_gmt":"2013-03-27T16:09:06","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18808"},"modified":"2013-03-27T16:09:06","modified_gmt":"2013-03-27T16:09:06","slug":"balanceakt-zu-dritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18808","title":{"rendered":"Balanceakt zu dritt"},"content":{"rendered":"<p>Sie lieben nicht nur einander, sondern auch noch andere Partner. Sie reden offen miteinander \u00fcber ihre Gef\u00fchle und besiegen ihre Eifersucht. Wie kann das im Alltag gelingen? Zu Besuch bei zwei Paaren, die seit vielen Jahren polyamor leben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Ihr Kennenlernen war magisch. Eine gemeinsame Freundin hatte sie einander vorgestellt. \u201eAls ich Marie sah, f\u00fchlte ich mich, als h\u00e4tte ich Drogen genommen, zwischen Schweben und Nicht-richtig-gucken-K\u00f6nnen\u201c, erinnert sich Florian Hardenberg, Schauspieler. Und Marie Hardenberg, ebenfalls Schauspielerin, sagt: \u201eNie zuvor habe ich f\u00fcr jemanden so empfunden, es war eine Begegnung, wo ich sofort wusste: Wir w\u00e4ren ein ganz krasses Paar.\u201c Die gemeinsame Freundin prognostizierte damals, bei diesem ersten Treffen: \u201eEure Kinder, die werden so wundersch\u00f6n aussehen.\u201c Da hatten Marie und Florian, die in Wirklichkeit anders hei\u00dfen, noch kein einziges Wort unter vier Augen gewechselt, und doch war eigentlich alles schon klar zwischen ihnen. Sechs Monate lang sahen sie einander danach nicht, weil Florian in Amerika war. Als er zur\u00fcck nach Deutschland kam, holte Marie ihn am Flughafen ab. Acht Wochen sp\u00e4ter heirateten sie. Es war als gegenseitige Liebeserkl\u00e4rung gedacht.<\/p>\n<p>Aber in Ketten legen wollten sie einander nicht. \u201eWir fanden es normal, weiterhin alle Gef\u00fchle zuzulassen, und hielten es f\u00fcr wahrscheinlich, dass wir uns wieder verlieben w\u00fcrden\u201c, sagt Marie, \u201ewir finden es auch sch\u00f6n, das immer wieder zu tun.\u201c So beschlossen sie, dass sie nebenbei so viele andere Beziehungen f\u00fchren d\u00fcrften, wie sie wollten, und dass sie einander niemals bel\u00fcgen w\u00fcrden. So wie Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir es vorgemacht haben, oder wie Woody Allen in dem Film \u201eVicky Cristina Barcelona\u201c es gezeigt hat. So wie der Regisseur Dieter Wedel und der Ex-Kommunarde Rainer Langhans es tun, oder der politische Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Piratenpartei, Johannes Ponader. Und viele andere Menschen in anderen L\u00e4ndern.<\/p>\n<h2>\u201eMonogamie als emotionale Grundlage\u201c<\/h2>\n<p>Auf 20 000 sch\u00e4tzt zum Beispiel die Organisation \u201eLoving More\u201c die Zahl der Amerikaner, die so leben wie die Hardenbergs. Seit Mitte der neunziger Jahre haben sie ein eigenes Wort f\u00fcr ihre Lebensweise: Polyamorie. Damit setzen sie sich auch verbal von der Monogamie ab, die sich als vorherrschende Lebensform in Deutschland mit der Entstehung der b\u00fcrgerlichen Ehe und der Kernfamilie erst Ende des 18. Jahrhunderts herausgebildet habe, sagt Marianne Pieper, Professorin f\u00fcr Soziologie an der Uni Hamburg. \u201eMit dem Ideal der romantischen Liebe erst wurde die Monogamie als emotionale Grundlage der Ehe angesehen\u201c, so Pieper, \u201eund das Sexuelle in das Intime schlechthin umgedeutet, das gegen\u00fcber Dritten unbedingt gewahrt werden m\u00fcsse.\u201c Polyamoristen indes h\u00e4ngen die Sache mit der Sexualit\u00e4t tiefer &#8211; das entscheidende Merkmal ihrer Beziehungen, das ihnen wichtiger sei als alles andere, sei die Ehrlichkeit allen Sexualpartnern gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Heute, acht Jahre nach der Hochzeit, ist Florian 32 und Marie 34. Die beiden sind ein sch\u00f6nes Paar, haben drei Kinder im Alter von einem, f\u00fcnf und sieben Jahren und wohnen in einer kleinen Wohnung in einem Fachwerkhaus im Berliner Bezirk Wannsee. Florian hat einen k\u00f6stlichen salzigen Kuchen aus N\u00fcssen, Orange und M\u00f6hre gebacken. \u201eMan darf auch gern wieder ausspucken\u201c, sagt er und l\u00e4chelt nett. Die Wohnung hat einen hellen Dielenboden, im Wohnzimmer steht ein Klavier und ein Holztisch mit Bank und St\u00fchlen.<\/p>\n<h2>\u201eMal Schokolade, mal Sex mit einem anderen Mann\u201c<\/h2>\n<p>Auf einem breiten Sofa liegen, zwischen Bilderb\u00fcchern auf einer bunten Patchworkdecke, die beiden \u00e4lteren Kinder. Sie haben Fieber, Florian f\u00fchlt ihnen die Stirn, kocht Tee und schmiert Br\u00f6tchen. \u201eOb er mit einem Kumpel Skat spielt oder mit einer anderen Frau ins Bett geht, ist mir egal. Man sollte das tun, was man will\u201c, sagt Marie. \u201eMach ich doch auch so: Mal will ich Schokolade essen, mal will ich Sex mit einem anderen Mann.\u201c<\/p>\n<p>Sie meint das nicht so wurstig, wie es klingt. Sie kann das, was sie seit acht Jahren lebt, in vielen \u00fcberzeugenden Worten darlegen und ist doch nicht der Meinung, dass jeder so leben sollte und k\u00f6nnte wie sie selbst. Im Kern geht es den Hardenbergs darum, ehrlich miteinander zu sein, den anderen in seiner Entwicklung zu unterst\u00fctzen und ihm die M\u00f6glichkeit zu geben, sich zu entfalten.<\/p>\n<p>Eifers\u00fcchtig sind sie trotzdem manchmal. Zwei Tage nach der Hochzeit zum Beispiel verbrachte Florian eine Nacht mit einer gemeinsamen Freundin. \u201eIch dachte, er liebt mich gar nicht\u201c, erz\u00e4hlt Marie, \u201eund hatte eine ganz schlimme Nacht.\u201c Inzwischen aber sp\u00fcrt sie, wie sehr er sie liebt, und er sagt es ihr auch immer, wenn er von einer anderen Frau kommt.<\/p>\n<h2>Updates vom Sex mit anderer Frau<\/h2>\n<p>Gut auszuhalten ist es immer dann f\u00fcr sie, wenn sie sich nicht als Opfer sehen muss. Vor kurzem zum Beispiel war es ganz leicht zu ertragen: Da wollte die Freundin, die sie vor acht Jahren einander vorgestellt hatte, mit Florian schlafen. \u201eAlso habe ich das eingef\u00e4delt und zu Florian gesagt: ,Na dann, jetzt hopp!\u2019\u201c, erz\u00e4hlt Marie. Florian reicht derweil der einj\u00e4hrigen Tochter, die aufgewacht ist und die er nun auf dem Arm h\u00e4lt, ihr Fl\u00e4schchen und f\u00fcgt hinzu: \u201eAls ich dann dort war, bekam Marie zwischendurch telefonische Updates, wie weit wir miteinander waren.\u201c<\/p>\n<p>Marie l\u00e4chelt. Sie konnte ihm das g\u00f6nnen. Als er am n\u00e4chsten Tag nach Hause kam, roch sie an ihm und fand es sch\u00f6n, ihn und ihre Freundin zu riechen. Weil sie beide so gern mag. Sie f\u00e4nde es auch sch\u00f6n, wenn die beiden in Zukunft immer mal wieder Sex miteinander h\u00e4tten. \u201eDie Freundschaft zwischen ihnen ist dadurch erst rund geworden\u201c, sagt sie. Und pr\u00e4zisiert: \u201eIch finde das ein bisschen albern mit dieser Sexualit\u00e4t, sie ist ein Teil einer menschlichen Beziehung, aber ein kleiner Teil.\u201c<\/p>\n<p>Es ist auch nicht so, dass jeder von ihnen st\u00e4ndig andere Beziehungen hat. Vor ein paar Jahren, da war der \u00e4lteste Sohn drei, war Marie aber mal vier Monate lang mit jemandem zusammen, den sie dann auch im Beisein des Kindes gek\u00fcsst hat. Der Sohn hat das so hingenommen. Erkl\u00e4rt haben sie den Kindern bislang nichts. \u201eDie finden es normal\u201c, sagt Florian. Die beiden \u00e4lteren Kinder sind jetzt auch aufgewacht und sitzen zwischen den Eltern auf der Bank am Tisch. Beide werden immer wieder liebevoll gestreichelt, ganz still sitzen sie da und h\u00f6ren zu, w\u00e4hrend ihr Vater erz\u00e4hlt, dass er auf diese andere Beziehung ihrer Mutter eifers\u00fcchtig war. Dass es ihm schlecht ging, wenn sie bei dem anderen schlief, w\u00e4hrend er die Kinder h\u00fctete.<\/p>\n<h2>\u201eWeil ich eben nicht perfekt bin\u201c<\/h2>\n<p>Also wollte er den anderen Mann kennenlernen, diese andere Liebe seiner Frau. Danach ging es ihm besser. \u201eDer Mann ist gro\u00df, hat lange blonde Haare, ein breites Kreuz und was Besch\u00fctzendes. Ich habe gemerkt, dass Marie von ihm was bekommt, was ich gar nicht geben kann oder will, weil ich eben nicht perfekt bin. Und ich habe gelernt, dass Marie mich so liebt, wie ich bin. Das war eine ganz gro\u00dfe Erkenntnis f\u00fcr mich.\u201c<\/p>\n<p>Marie und er haben dann dar\u00fcber gesprochen, was sie tun k\u00f6nnte, damit es ihm besser gehe: Ihn beim Abschied in den Arm nehmen, ihm Schokolade mitbringen. Florian sagt: \u201eKleine Gesten, die zeigen: Ich bin f\u00fcr dich da.\u201c Schlie\u00dflich verliebte der Mann sich in eine monogame Frau und beendete die Beziehung zu Marie. \u201eDas ist f\u00fcr mich ein ganz gro\u00dfer Schmerz\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>Wer polyamor lebt, balanciert \u201ezwischen dem Ideal der Offenheit und dem Respekt vor den Gef\u00fchlen der Partner\u201c, sagt die Soziologin Pieper. Diese Offenheit macht gl\u00fccklich, weil sie emotionale N\u00e4he stiftet, glauben die Polyamoristen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ein monogames Leben f\u00fcr sie nicht in Frage kommt, \u201eweil es in den meisten monogamen Beziehungen nicht ehrlich l\u00e4uft\u201c, wie Marie Hardenberg vermutet. Ihre eigenen Eltern, obgleich geschieden, h\u00e4tten einander zwar nicht angelogen, aber aus der Beobachtung anderer Beziehungen ahnt sie: \u201eEs gibt da keine klaren Konfrontationen. Ich glaube, dass da viele Gef\u00fchle unterdr\u00fcckt werden und dass viele deswegen nicht gl\u00fccklich sind.\u201c<\/p>\n<h2>Viele sagen: \u201eFind ich ja irgendwie toll\u201c<\/h2>\n<p>F\u00fcr sie sei es daher leichter, ihre Eifersucht zu \u00fcberwinden, als sich einsperren zu lassen. Eifersucht n\u00e4hrt sich in den Augen der Menschen, die so leben wie die Hardenbergs, aus Verlustangst, einem schwachen Selbstwertgef\u00fchl und Besitzanspr\u00fcchen. Florian sagt: \u201eMan muss gucken, was man dagegen tun kann, und sich weiterentwickeln, bis man dem anderen g\u00f6nnen kann, dass er gl\u00fccklich ist &#8211; auch mit jemand anderem.\u201c Eine Vorstellung, die den meisten fremd ist, auch im Umfeld derjenigen, die so leben. Viele sagen: \u201eFind ich ja irgendwie toll, aber ich k\u00f6nnte das nicht.\u201c<\/p>\n<p>Manche haben aber auch viel grundlegendere Bedenken. Der amerikanische Kommentator Stanley Kurtz beispielsweise hat die Bewegung mit \u00e4hnlichen Argumenten verteufelt wie die Homo-Ehe. Sie trage dazu bei, dass bestehende Ehen instabil w\u00fcrden und immer weniger Paare mit Kindern heirateten. Dadurch wachse die Zahl an Alleinerziehenden, und die Ehe als soziale Institution, die davon getragen werde, dass die gesamte Gesellschaft heterosexuelle, monogame Beziehungen und Heirat als einzige Form des Zusammenlebens f\u00f6rdere, werde in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Florians Mutter &#8211; die nach drei\u00dfig Jahren Ehe gerade in Scheidung lebt &#8211; sieht die Sache hingegen abgekl\u00e4rter. Sie hat das Gef\u00fchl, in der 1968er Bewegung schon all das ausgelebt zu haben, was ihr Sohn jetzt tut, und ahnt: \u201eWenn du so alt bist wie ich, willst du nicht mehr so leben!\u201c<\/p>\n<p>Aber das muss nicht so sein. Auch im Alter kann Polyamorie funktionieren, glauben Andrea, 51, und Heiner, 53. Andrea ist Sozialp\u00e4dagogin, hat sechzehn Halbgeschwister und wei\u00df bis heute nicht, wer ihr Vater ist. Seit achtzehn Jahren ist sie mit Heiner, gelernter Friedhofsg\u00e4rtner und zurzeit in einer Wiedereingliederungsma\u00dfnahme am Theater, liiert. Wie die Hardenbergs leben die beiden polyamor. Zwar wohnen sie nicht zusammen, haben keine gemeinsamen Kinder und sind nicht verheiratet, aber sie sehen sich als Paar und begegnen einander mit einer ruhigen Vertrautheit, die keinen Zweifel daran l\u00e4sst, dass sie zusammengeh\u00f6ren.<\/p>\n<h2>\u201eWie ein Wikinger, so gro\u00df und stark\u201c<\/h2>\n<p>Heiner hat allerdings seit zwei Jahren auch noch eine Beziehung zu Beate, einer 54 Jahre alten Schauspielerin, die auch eine Bekannte von Andrea ist. Soll das so weitergehen bis ins hohe Alter? \u201eWenn ich siebzig bin, sehe ich mich als Pflegekraft f\u00fcr meine beiden Frauen, die zwischen zwei Wohnungen hin- und herpendeln\u201c, sagt Heiner, der auch mal als Altenpfleger gearbeitet hat. Er meint das ernst. Neulich war Andrea mal eine Woche im Krankenhaus, da hat er Beate die ganze Zeit \u00fcber nicht gesehen, weil er jeden Tag bei Andrea war.<\/p>\n<p>Es ist ein sonniger Morgen in Dortmund, Heiner &#8211; lange braune Haare, schwarze Cargohose, schwarzer Pullover &#8211; hat Br\u00f6tchen geholt, Andrea, blonder Stufenschnitt, viel Kajal und lange silberne Ohrringe, tr\u00e4gt ein lilafarbenes Strickkleid zur schwarzen Leggins und hat Kaffee eingeschenkt. Sie sitzen nebeneinander am Fr\u00fchst\u00fcckstisch in Andreas schmaler K\u00fcche mit den lachsfarben und rot gestrichenen W\u00e4nden und erz\u00e4hlen von ihren Lieben, w\u00e4hrend in der Wohnung nebenan die Waschmaschine rumort und in der Wohnung obendr\u00fcber jemand saugt.<\/p>\n<p>Andrea hat zurzeit keinen anderen Mann als Heiner, aber fr\u00fcher, da war es immer nur sie, die jemand Zweites wirklich von Herzen liebte, w\u00e4hrend Heiner sechzehn Jahre lang nur Aff\u00e4ren hatte. Sie liebte einen verheirateten evangelischen Pfarrer, einen verheirateten Nachbarn, dann vier Jahre lang einen Familienvater mit Haus und Kindern und \u201eganz vielen Verpflichtungen\u201c, den sie bei einer Partnerb\u00f6rse im Internet kennengelernt hatte und der aussah \u201ewie ein Wikinger, so gro\u00df und stark\u201c. Sie hat Tr\u00e4nen in den Augen, als sie von ihm spricht. Heiner guckt sie mitf\u00fchlend an und streichelt tr\u00f6stend ihr Bein.<\/p>\n<h2>Manchmal dritteln sie eine Pizza<\/h2>\n<p>Irgendwann begann dieser Mann, Andrea genauso anzul\u00fcgen, wie er seine Frau anlog &#8211; es war f\u00fcr sie das Ende der Beziehung. Heiner, der immer von der Beziehung gewusst und sich, wie er sagt, sogar f\u00fcr Andrea gefreut hatte, sagt: \u201eDieser Mann war eben doch nicht so souver\u00e4n, wie Andrea gedacht hat.\u201c Er fing sie damals auf in ihrem Liebeskummer und stand ihr Rede und Antwort, wenn sie ihn fragte: \u201eSag mal, du als Mann: Warum sind M\u00e4nner blo\u00df so?\u201c<\/p>\n<p>Seine Liebe zu Beate hat er vor zwei Jahren auf einer Party, zu der Andrea ihn nicht begleiten wollte, entdeckt. Andrea g\u00f6nnt ihm das und hat schon mal mit dem Gedanken gespielt, einen Familienkalender mit drei Spalten zu kaufen, \u201edamit ich den \u00dcberblick \u00fcber uns drei behalte\u201c. Dar\u00fcber, was Heiner und Beate tun, wenn sie nicht dabei ist, denkt sie nicht nach. Und sie hat auch nie gedacht: \u201eW\u00e4r\u2019 ich doch blo\u00df mit zu der Party gekommen, dann w\u00e4re das nicht passiert.\u201c Eine gegenseitige Verpflichtung zur Monogamie, das w\u00fcrde sie einschn\u00fcren, da m\u00fcsste sie zu viel von sich selbst aufgeben. Klassische Zweierbeziehungen sind in ihren Augen \u00fcberbewertet. \u201eEs ist bei uns mehr als Liebe und Sex: eine ganz tiefe Freundschaft. Beate hat mal gesagt: ,Andrea und Heiner, das ist eine Institution.\u2019\u201c<\/p>\n<p>Jetzt machen sie manchmal was zu dritt, auch wenn das nicht die Regel ist. Dann ber\u00fchrt keiner keinen, und manchmal dritteln sie eine Pizza. Nachdem seine Mutter gestorben war, hat Heiner die beiden Frauen mit zu einem Familientreffen gebracht. Seine Geschwister trugen es mit Fassung. \u201eDa kommt mal \u2019ne Frage, wie das denn geht. Es ist eine Mischung aus Neid, Ehrfurcht und Unverst\u00e4ndnis\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Er selbst mag solche Gespr\u00e4che: \u201eIch mache was, was andere nicht machen.\u201c Am Abend, als das Familientreffen zu Ende war, blieben die drei in der leeren Wohnung der Mutter zur\u00fcck. Heiner \u00fcbernachtete in der K\u00fcche, Andrea im Wohnzimmer und Beate im Schlafzimmer. Am Morgen pendelte Heiner mit Kaffee von Zimmer zu Zimmer. Beate, die bei dem Gespr\u00e4ch am K\u00fcchentisch zwar nicht dabei, aber trotzdem zu einem Gespr\u00e4ch bereit ist, sagt: \u201eEs war die geschmackvolle L\u00f6sung.\u201c<\/p>\n<h2>\u201eIch mag keine Verantwortung\u201c<\/h2>\n<p>Beate bezeichnet sich als \u201eabschnittsmonogam\u201c, sie kann sich nicht teilen und braucht viel Raum f\u00fcr sich allein. Polyamorie ist ihr fremd, \u201eaber ich finde sie nicht degoutant\u201c, erkl\u00e4rt sie. Eifers\u00fcchtig sei sie nicht, denn sie sei ja die zweite Frau gewesen, die hinzugekommen sei. Wenn sie aber die erste Frau gewesen w\u00e4re und dann eine zweite dazugekommen w\u00e4re &#8211; damit h\u00e4tte sie Schwierigkeiten.<\/p>\n<p>Manchmal stellt sie sich deswegen vor, dass die Dreierkonstellation f\u00fcr Andrea schwerer ist als f\u00fcr sie selbst. \u201eAber sie steckt ihr Revier schon ab\u201c, hat Beate beobachtet, \u201esie hat mir einmal gesagt, wenn sie in ein Kibbuz nach Israel gehen w\u00fcrde, dann w\u00fcrde Heiner da mitgehen.\u201c<\/p>\n<p>Wenn man Andrea auf Beate anspricht, will sie von Konkurrenzgedanken aber nichts wissen. \u201eIch mag sie und habe Vertrauen zu ihr. Und ich empfinde es als Bereicherung, dass sie da ist, weil ich jetzt zum Beispiel nicht mehr die einzige bin, die sagen muss: ,Heiner, geh doch mal zum Friseur.\u2019\u201c Auch Beate sagt, dass sie es gut findet, dass es Andrea gibt: \u201eEs ist so befreiend, nicht so viel Verantwortung \u00fcbernehmen zu m\u00fcssen in einer Zweierbeziehung. Bei meinen anderen M\u00e4nnern musste ich nach zwei Jahren immer gehen, weil es mir zu viel wurde. Meine Mutter war Alkoholikerin, ich mag keine Verantwortung.\u201c<\/p>\n<h2>\u201eEr wird nichts verpasst haben, wenn er f\u00fcnfzig ist\u201c<\/h2>\n<p>Heiner kann das so stehenlassen. Er wirkt wie ein \u00e4u\u00dferst verst\u00e4ndnisvoller Mann, der die Erfahrung gemacht hat, dass sich alle Probleme l\u00f6sen lassen, wenn man sie nur offen anspricht. Die einzige Gefahr, die er bei seiner Dreierkonstellation sieht, ist, dass er gedanklich bei der einen Frau ist, w\u00e4hrend er mit der anderen schl\u00e4ft. Deswegen verbringt er meist einen Tag allein zu Hause, bevor er &#8211; tief erf\u00fcllt von der Dankbarkeit \u00fcber sein reiches Leben &#8211; von der einen Frau zur anderen wechselt.<\/p>\n<p>Dankbar f\u00fcr die Freiheit, die ihnen der jeweils andere l\u00e4sst, sind auch Marie und Florian Hardenberg. Marie ist davon \u00fcberzeugt, dass sich die lange Leine, die sie Florian l\u00e4sst, als stabilisierend bew\u00e4hren wird. \u201eEs gibt keinen Grund f\u00fcr ihn, nicht zu mir zur\u00fcckzukommen.\u201c Auch nicht, wenn sie \u00e4lter wird und eine junge Frau ihn lockt? \u201eEr wird nichts verpasst haben, wenn er f\u00fcnfzig ist, und muss deswegen auch nicht gehen.\u201c Und wenn ihr jemand viel Geld und ein Leben im Luxus in Aussicht stellen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Auch das ist schon geschehen. Da war dieser ber\u00fchmte Schauspieler, zehn Jahre \u00e4lter als sie, mit dem sie ab und zu ins Bett geht und der sie einlud, eine Woche mit ihm in einem teuren Hotel im Ausland zu verbringen. Er warf mit gro\u00dfen Namen um sich, er sagte zu ihr: \u201eMarie, du brauchst einen Mann, der dich besch\u00fctzt und versorgt, der dir was bietet und nicht wie Florian noch ein viertes Kind von dir will.\u201c Sie w\u00e4re wahnsinnig gern mit ihm gekommen, aber Florian sagte, das w\u00fcrde ihn verletzen.<\/p>\n<p>Sie hat dann in sich hineingehorcht und gemerkt, dass sie den anderen Mann nicht liebt und Florian nicht verletzen will. Also hat sie auf die Reise verzichtet. Aber vielleicht wird sie weiterhin ab und zu mit diesem Mann schlafen, denn sie mag ihn sehr gern. Florian sagt: \u201eIch krieg dann von ihrer Fr\u00f6hlichkeit was ab, wenn sie nach Hause kommt.\u201c Es klingt souver\u00e4n.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/polyamore-liebe-balanceakt-zu-dritt-12126202.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/polyamore-liebe-balanceakt-zu-dritt-12126202.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie lieben nicht nur einander, sondern auch noch andere Partner. Sie reden offen miteinander \u00fcber ihre Gef\u00fchle und besiegen ihre Eifersucht. Wie kann das im Alltag gelingen? 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