{"id":18790,"date":"2013-08-28T16:09:02","date_gmt":"2013-08-28T16:09:02","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18790"},"modified":"2013-08-28T16:09:02","modified_gmt":"2013-08-28T16:09:02","slug":"kleidung-vor-gericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18790","title":{"rendered":"Kleidung vor Gericht"},"content":{"rendered":"<p>Das rockt den Richter nicht: Zu sch\u00f6n und zu weiblich, um wirklich wichtig zu sein \u2013 warum sich die Justiz mit Mode auch heute noch schwer tut.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Der Begriff \u201eMode\u201c hat einen abwertenden Unterton. Etwas, das \u201emodisch\u201c ist, hat den Einwand gegen sich, wenig Gewicht und Best\u00e4ndigkeit zu besitzen. Es wird &#8211; dem Wesen der Mode entsprechend &#8211; wom\u00f6glich ebenso rasch und unerkl\u00e4rlich wieder verschwinden, wie es zuvor auf der Bildfl\u00e4che erschienen war, und die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind eben gerade nicht vollst\u00e4ndig rational angebbar. Diese Wahrnehmung hat Konsequenzen f\u00fcr den Umgang mit dem Topos Mode im wissenschaftlichen Diskurs. Weil Wissenschaftler sich der Rationalit\u00e4t verpflichtet f\u00fchlen und jeden Anschein mangelnder Ernsthaftigkeit vermeiden wollen, haben sie Schwierigkeiten, \u201eMode\u201c als Erkl\u00e4rung oder Argument zu akzeptieren, wo es um gesellschaftlichen Wandel geht. Im Zweifel wird lieber auf andere anerkannte Begriffe ausgewichen, um kulturgeschichtliche Verschiebungen zu erl\u00e4utern.<\/p>\n<p>Dass es auch im Recht analoge Hemmungen gibt, Mode ernst zu nehmen, verdeutlicht ein origineller Aufsatz des an der New York University School of Law lehrenden Juristen Charles E. Coleman, der im Herbst passenderweise in der britischen Zeitschrift \u201eVestoj: The Journal of Sartorial Matters\u201c gedruckt werden soll, nun aber bereits online als Preprint verf\u00fcgbar ist (<a href=\"http:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?abstract_id=2286898\">Charles E. Coleman, \u201eFashion, Sexism, and the United States Federal Judiciary\u201c<\/a>).<\/p>\n<p>Der Moderechtler Coleman, der schon allerlei Rechtsstreitigkeiten zwischen Modefirmen kommentiert hat, besch\u00e4ftigt sich mit dem Umgang amerikanischer Bundesrichter mit Mode im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert. Die Urteile umfassen viele Arten von sozialen Konflikten, sie waren urspr\u00fcnglich in verschiedenen Rechtsgebieten beheimatet, und sie stammen aus unterschiedlichen Epochen. Gemeinsam ist ihnen lediglich, dass es im Kern um Auseinandersetzungen um Kleidung geht, und Coleman analysiert die Unter- und Zwischent\u00f6ne der Entscheidungsbegr\u00fcndungen.<\/p>\n<p>Dabei f\u00e4llt ins Auge, dass die Richter zwar einerseits immer wieder die gro\u00dfe \u00f6konomische Bedeutung der Mode- und Bekleidungsindustrie anerkennen, sie aber gleichzeitig gerne Seitenhiebe auf die Mode als solche austeilen. Mode wird als prim\u00e4r mit dem weiblichen Geschlecht verbunden assoziiert, sie wird trivialisiert und am Ende herabgew\u00fcrdigt. Dieser Spagat wird etwa deutlich bei der W\u00fcrdigung technischer Innovationen, auf denen die moderne Bekleidungsindustrie basiert. Sie steht in scharfem Kontrast zu den ver\u00e4chtlichen Worten, die sich auf konkrete Kleidungsstile beziehen. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts werden letztere Stilfragen als \u201efrivolous\u201c (leichtfertig, unseri\u00f6s) oder \u201emischievous\u201c (sch\u00e4dlich) abgetan, w\u00e4hrend den maschinentechnischen Erfindungen Kr\u00e4nze geflochten werden.<\/p>\n<p>Dahinter standen und stehen selbstverst\u00e4ndlich Geschlechterrollenklischees. Zwei Frauen, die \u00fcber Urheberrechtsfragen in der Mode stritten, mussten sich 1862 scharfe Worte des Gerichts gefallen lassen, dass sie ihre Leidenschaften nicht hatten besser z\u00fcgeln k\u00f6nnen und unn\u00f6tigen \u00c4rger und teure Verhandlungen verursachten. Kurz: Immer, wenn es um \u00e4sthetische Fragen ging, wurden diese feminisiert, mit offener Herablassung behandelt oder den dahinter stehenden Interessen gar offen der Schutz des Rechts entzogen.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich auch in den sp\u00e4ten sechziger Jahren zun\u00e4chst nicht. Obwohl Mode und Kleidung nun zunehmend individualisiert wurden und bei beiden Geschlechtern als Ausdruck von Pers\u00f6nlichkeit und Stil begriffen wurden, behandelten Richter Bekleidungsfragen als des Rechtsstreits f\u00fcr unw\u00fcrdig. So erging es einer jungen Frau in einem 1974 entschiedenen Fall, die statt des auf ihrer Hochzeit vor dem st\u00e4dtischen Beamten in New York vorgeschriebenen Rocks lieber Hosen tragen wollte. Da meinte der (m\u00e4nnliche) Bundesrichter einerseits, die Gerichte h\u00e4tten zu viel (Wichtigeres) zu tun, um in solche F\u00e4lle hineingezogen zu werden.<\/p>\n<p>Andererseits unterstrich er wortreich die besondere Wirkung von Kleidung bei solch einem Anlass, und er konnte in der Urteilsbegr\u00fcndung gar nicht genug die notwendig \u201efeierlichen\u201c Stilelemente von Hochzeiten anf\u00fchren, die es gegen Leichtfertigkeiten und Frivolit\u00e4ten zu verteidigen galt. Der paradoxe Widerspruch zwischen paralleler Leugnung und W\u00fcrdigung der eminenten sozialen Funktion von Kleidung schien ihm dabei nicht bewusst zu sein. Noch in einer Entscheidungen von 2012 (Gucci America, Inc. v. Guess, Inc.) mokierte sich die Richterin Shira A. Scheindlin \u00fcber den Streit \u00fcber Mode, den die Parteien mit ihr ungeziemend scheinender Energie ausgetragen und vor Gericht gezerrt h\u00e4tten, wobei sie Oscar Wilde zitierte: \u201eMode ist eine so unertr\u00e4gliche Form der H\u00e4sslichkeit, dass wir sie alle sechs Monate \u00e4ndern m\u00fcssen.\u201c<\/p>\n<p>Zu Recht weist Coleman auf die kulturelle Relativit\u00e4t und Kontingenz dieser richterlichen Haltung hin (und \u00fcbergeht den einseitigen Umgang mit dem Zitat). Denn die Feminisierung von Mode ist jedenfalls im westlichen Kontext ein Ph\u00e4nomen der j\u00fcngeren Geschichte. Im vormodernen Europa und besonders in der h\u00f6fischen Kultur waren es die M\u00e4nner, die oft sogar pr\u00e4chtiger und extravaganter gekleidet waren. Auch das B\u00fcrgertum des fr\u00fchen neunzehnten Jahrhunderts kannte noch eine Farbigkeit, die im zwanzigsten erst wieder von den M\u00e4nnern zur\u00fcckerobert werden musste. Diese Beobachtungen legen eine Wechselwirkung von rechtlichen Haltungen und sozialen Konventionen nahe. Dass auf dem neuen Kontinent gar ein besonders rigides Regime der juristischen Modeverachtung praktiziert wurde, k\u00f6nnte sich als amerikanischer Anti-Aristokratismus lesen lassen, der sich zudem wom\u00f6glich aus konfessionellen Motiven speiste. Es w\u00e4re tr\u00e8s chic, wenn dort weiter geforscht w\u00fcrde.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/justiz-und-mode-kleidung-vor-gericht-12538858.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/justiz-und-mode-kleidung-vor-gericht-12538858.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das rockt den Richter nicht: Zu sch\u00f6n und zu weiblich, um wirklich wichtig zu sein \u2013 warum sich die Justiz mit Mode auch heute noch schwer tut.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[379,380],"tags":[416,1303],"class_list":["post-18790","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lebensstil","category-mode-design","tag-new-york","tag-new-york-university"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18790","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18790"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18790\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18790"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18790"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18790"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}