{"id":18770,"date":"2013-03-16T16:08:57","date_gmt":"2013-03-16T16:08:57","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18770"},"modified":"2013-03-16T16:08:57","modified_gmt":"2013-03-16T16:08:57","slug":"der-basar-der-weinberge-ist-eroffnet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18770","title":{"rendered":"Der Basar der Weinberge ist er\u00f6ffnet"},"content":{"rendered":"<p>Das Douro-Tal, die Heimat des Portweins, hat in den vergangenen zehn Jahren eine wahre Rotwein-Revolution erlebt. Doch aus dem Boom ist eine Krise geworden &#8211; wie \u00fcberall in Portugal.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Francisco Olazabal steht auf der Anh\u00f6he vor der alten Kapelle. Von hier aus hat er einen weiten Blick \u00fcber das Tal, den Fluss und die Weinberge. Voller Stolz spricht er von der Tradition seiner Familie und von Dona Antonia Adelaide Ferreira, seiner legend\u00e4ren Urururgro\u00dfmutter. 1877 hat sie dieses Land gekauft und mit Rebst\u00f6cken, Olivenb\u00e4umen und Korkeichen bepflanzen lassen. Heute geh\u00f6ren die gut 300 Hektar in der N\u00e4he der kleinen Ortschaft Pocinho zur Quinta do Vale Me\u00e3o, einem der bekanntesten Weing\u00fcter im Douro, jener Region im Norden Portugals, die den Portwein hervorgebracht hat und die zu den spektakul\u00e4rsten Weinanbaugebieten der Welt geh\u00f6rt.<\/p>\n<h2>Rotwein-Boom, der das ganze Gebiet mitgerissen hat<\/h2>\n<p>\u00dcber mehr als 900 Kilometer w\u00e4lzt sich der Douro aus der spanischen Region Kastilien-Le\u00f3n, wo er Duero hei\u00dft, Richtung Westen, quer durch Portugal bis zum Atlantik. Tief hat der Fluss sich in die zerkl\u00fcftete Landschaft gegraben und windet sich in gro\u00dfen Schleifen durch das Land. Steil erheben sich von seinen Ufern auf Granit- und Schiefergestein die zahllosen Rebterrassen &#8211; eine einzigartige, atemberaubende Szenerie, die seit 2001 zum Weltkulturerbe der Unesco geh\u00f6rt. Seit Jahrhunderten wachsen hier die Trauben f\u00fcr den Portwein. Auf dem breiten Strom wurde das rote Gold einst in F\u00e4ssern zu den gro\u00dfen Kellereien und Handelsh\u00e4usern nach Porto gebracht, gelagert und in alle Welt verschifft.<\/p>\n<p>Auch Francisco Olazabal produziert Portwein. Jeder Winzer tut das hier. Doch viel mehr als f\u00fcr dieses weltber\u00fchmte Traditionsprodukt steht sein Name f\u00fcr gro\u00dfe, trockene Rotweine. Denn der Dreiundvierzigj\u00e4hrige ist einer der Douro Boys. Und die haben vor etwas mehr als zehn Jahren eine kleine Revolution im Douro angezettelt, einen Rotwein-Boom, der das ganze Gebiet mitgerissen und zu Portugals dynamischstem Anbaugebiet gemacht hat. L\u00e4ngst sind die f\u00fcnf Winzer, deren f\u00fchrender Kopf der charmante, omnipr\u00e4sente Dirk Niepoort ist, in ganz Europa und dar\u00fcber hinaus bekannt &#8211; und von der Krise, die sich inzwischen \u00fcber das Douro-Gebiet und ganz Portugal gelegt hat, sp\u00fcren sie kaum etwas.<\/p>\n<h2>Der Jahrgang 2012 macht Sorgen<\/h2>\n<p>Sorgen macht sich Olazabal um den Jahrgang 2012. Nicht wegen der Qualit\u00e4t. \u201eDie stimmt\u201c, sagt er und grinst. Aber die enorme Trockenheit im Fr\u00fchjahr und vor allem im Sommer vergangenen Jahres haben ihm auf seinen gut 90 Hektar Rebfl\u00e4chen etwa 30 Prozent weniger Ertrag beschert. Das ist ein herber Einschnitt, aber f\u00fcr die Quinta do Vale Me\u00e3o nicht bedrohlich. Ganz anders als f\u00fcr viele andere Winzer am Douro. Manche bangen inzwischen sogar um ihre Existenz.<\/p>\n<p>Denn die schlechte Ernte trifft den portugiesischen Weinbau zu einem denkbar ung\u00fcnstigen Moment: Wie das ganze Land, so leiden auch die Winzer unter der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise, die inzwischen auch den hintersten Winkel Portugals erreicht hat.<\/p>\n<p>H\u00f6here Steuern und Abgaben, wirtschaftliche Unsicherheit, die enorme Arbeitslosigkeit: Diese Mischung l\u00e4sst die sonst so trinkfreudigen Portugiesen abstinent werden oder zu g\u00fcnstigeren Flaschen greifen. Und seit die Regierung in Lissabon auch noch die erm\u00e4\u00dfigte Mehrwertsteuer f\u00fcr die Gastronomie von 13 auf 23 Prozent angehoben hat, wissen viele Winzer \u00fcberhaupt nicht mehr, wohin mit ihren Weinen. Vor allem Tropfen im mittleren Preissegment werden weniger gekauft, bei hochpreisigen Qualit\u00e4ten ist das Problem geringer &#8211; Luxus geht immer. Umso h\u00e4rter trifft es die mittelst\u00e4ndischen Winzer, die in den vergangenen Jahren angesichts des Booms viel investiert, Zehntausende Euro f\u00fcr Maschinen, Kellertechnik und neue Geb\u00e4ude ausgegeben und sich verschuldet haben. Jetzt, da der Absatz stockt, k\u00f6nnen sie die Kredite nicht mehr bedienen, finanzielle R\u00fccklagen fehlen.<\/p>\n<p>Auch Francisco Olazabal, der wie die anderen Douro Boys 60 bis 70 Prozent seiner Weine ins Ausland liefert, hat investiert. Er hat einen neuen Keller und ein schickes Repr\u00e4sentationsgeb\u00e4ude samt Verkostungsraum gebaut. Aber das ist kein Vergleich zu Jos\u00e9 Maria d\u2019Orey Soares Franco. Der Mann hat zusammen mit seinen Gesch\u00e4ftspartnern n\u00e4mlich ein Verm\u00f6gen ausgegeben. Er steht f\u00fcr ein Projekt, wie es am Douro kein anderes gibt: 4,5 Millionen Euro haben er und seine Compagnons von der Gro\u00dfkellerei Jo\u00e3o Portugal Ramos Vinhos seit 2007 in 160 Hektar unber\u00fchrtes Brachland nahe der Grenze zu Spanien investiert. An den H\u00e4ngen, die steil zum Fluss abfallen, haben sie 45 Hektar terrassieren und mit Rebst\u00f6cken bepflanzen lassen. 2010 wurden die ersten Weine vinifiziert, vom einfachen Tons de Duorum bis zum bombastischen Duorum Reserva. Die Trauben von den h\u00f6heren, k\u00fchleren Lagen geben den Tropfen S\u00e4ure und Frische, w\u00e4hrend die Fl\u00e4chen im hei\u00dfen Tal fruchtige F\u00fclle und Kraft bringen. So entstehen sehr charaktervolle, komplexe Weine, die typisch sind f\u00fcr das Douro-Tal.<\/p>\n<h2>Auf die Bremse treten<\/h2>\n<p>Aber selbst M\u00e4nner wie Jos\u00e9 Maria d\u2019Orey Soares Franco m\u00fcssen bei allem Geld und langen Atem, den sie haben, inzwischen ein bisschen auf die Bremse treten. \u201eAls wir begannen, war von der Krise nichts zu sp\u00fcren, jetzt m\u00fcssen wir einfach langsamer machen\u201c, sagt der Achtundf\u00fcnfzigj\u00e4hrige. Soll hei\u00dfen: Die zehn Millionen Euro, die in weitere 45 Hektar Rebfl\u00e4chen, eine Kellerei und den Umbau eines verlassenen Bahnhofs am Flussufer in ein Besucherzentrum flie\u00dfen sollten, werden nicht mehr im Eiltempo ausgegeben. Jetzt will sich Soares Franco lieber Zeit lassen, um das Potential des Douro auszusch\u00f6pfen.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df dieses ist, das haben zuerst Leute wie Dirk Niepoort und seine Douro Boys erkannt. Im Gegensatz zu Weinmachern in anderen aufstrebenden Weinl\u00e4ndern und -regionen haben sie nicht auf internationale Rebsorten und massenkompatiblen Einheitsgeschmack, sondern auf die historische Rebsortenvielfalt ihrer Heimat gesetzt. Statt Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah, Chardonnay oder Sauvignon Blanc vinifizieren sie wie f\u00fcr den Portwein auch f\u00fcr trockenen Weine autochthone Rebsorten wie die roten Touriga Nacional, Touriga Franca, Tinta Amarela, Tinta Roriz, Ja\u00e9n, Tinta Barroca, Tinta C\u00e3o oder die wei\u00dfen Encruzado, Loureiro Malvasia Fina oder Alvarinho.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem nutzen sie den traditionellen Mischsatz: Weinberge, in denen die Traubensorten munter durcheinander gepflanzt sind. Solche Lagen bringen im Idealfall unverwechselbare Tropfen von ganz eigenem Charakter hervor, Weine von gro\u00dfer Komplexit\u00e4t und Individualit\u00e4t. Dirk Niepoort hat mit seinem Einstiegswein \u201eFabelhaft\u201c, der in Deutschland mit einem Wilhelm-Busch-Etikett zum Verkaufsschlager geworden ist, \u00fcberall in Europa gezeigt, wie gut sich solche Tropfen verkaufen lassen.<\/p>\n<p>Das hat in allen Weinregionen Portugals Eindruck gemacht und viele Winzer in Aufbruchstimmung versetzt. Umso deutlicher ist nun \u00fcberall auch die Krise zu sp\u00fcren. Zum Beispiel im D\u00e3o, einem traditionellen Anbaugebiet s\u00fcdlich des Douro. Die gr\u00fcne und h\u00fcgelige Landschaft mit ihrer \u00fcppigen Vegetation und Weinst\u00f6cken in praktisch jedem Vorgarten gilt als Heimat des Touriga Nacional. Und weil es im D\u00e3o k\u00fchler als am Douro ist, pr\u00e4sentieren sich die Weine von dort oft etwas eleganter und charaktervoller &#8211; und sind dabei meist g\u00fcnstiger.<\/p>\n<h2>Umsatzeinbr\u00fcchen von fast 40 Prozent<\/h2>\n<p>Von den fast 60.000 Weinbauern f\u00fcllen allerdings nur die wenigsten ihre Tropfen in Flaschen ab, und kaum mehr als ein Dutzend Winzer sind \u00fcber die Region hinaus bekannt. Julia Kemper ist eine davon. Die Rechtsanw\u00e4ltin mit der \u00fcppigen Lockenm\u00e4hne hat sich von der Entwicklung im Douro und vom Engagement der Douro Boys anstecken lassen. Mit Hilfe von Dirk Niepoort hat sie seit 2003 die historischen Weinberge ihrer Familie wieder flottgemacht und vinifiziert seither vielbeachtete wei\u00dfe und rote Bioweine. Die Krise ist f\u00fcr sie noch nicht bedrohlich. \u201eIch verkaufe drei Viertel meiner Weine im Ausland\u201c, sagt sie und unterstreicht das mit einem selbstbewussten L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Das ist den meisten ihrer Kollegen im D\u00e3o l\u00e4ngst vergangen. Manche berichten von Umsatzeinbr\u00fcchen von fast 40 Prozent. H\u00e4nderingend suchen sie nach alternativen M\u00e4rkten und Exportchancen. Rui Walter da Cunha ist Weinberater und \u00d6nologe und hat Kunden in allen portugiesischen Regionen. Er sieht schwere Zeiten auf viele von ihnen zukommen. \u201eDie meisten Winzer in Portugal haben schon jetzt mit Schwierigkeiten zu k\u00e4mpfen, aber das n\u00e4chste Jahr wird richtig hart.\u201c Die Verwerfungen seien \u00fcberall zu sp\u00fcren, im s\u00fcdlichen Alentejo, in der nordwestlich von Lissabon gelegenen Extremadura, im n\u00f6rdlichen Minho oder eben im D\u00e3o und am Douro.<\/p>\n<p>Wie viele Winzer und Branchenkenner erwartet auch Walter da Cunha einen sp\u00fcrbaren Strukturwandel. \u201eIn den n\u00e4chsten Jahren werden sicher viele Quintas mittlerer Gr\u00f6\u00dfe verschwinden.\u201c Die Krise k\u00f6nnte eine regelrechte \u00dcbernahmewelle und einen Run der gro\u00dfen Betriebe auf gute Quintas und Lagen ausl\u00f6sen. \u201eDie Gro\u00dfen mit viel Geld und guter Organisation werden sicher profitieren\u201c, meint der Weinberater. Und das k\u00f6nnte dann auch f\u00fcr Weinmacher wie Francisco Olazabal und Dirk Niepoort eine Chance sein, sich ein paar besondere Fl\u00e4chen zu sichern und ihr Portefeuille um ein paar namhafte Weinberge zu erweitern. Noch weisen die meisten Weinmacher im Douro-Tal solche Gedanken von sich. Aber der Basar ist l\u00e4ngst er\u00f6ffnet. Und wenn die Gelegenheit kommt, dann muss man auch zugreifen. Das wusste schon Dona Antonia Adelaide Ferreira, als sie vor mehr als 130 Jahren das Land f\u00fcr die Quinta do Vale Me\u00e3o erstand.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/essen-trinken\/portugal-der-basar-der-weinberge-ist-eroeffnet-12117390.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/essen-trinken\/portugal-der-basar-der-weinberge-ist-eroeffnet-12117390.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Douro-Tal, die Heimat des Portweins, hat in den vergangenen zehn Jahren eine wahre Rotwein-Revolution erlebt. 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