{"id":18764,"date":"2013-03-31T16:08:56","date_gmt":"2013-03-31T16:08:56","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18764"},"modified":"2013-03-31T16:08:56","modified_gmt":"2013-03-31T16:08:56","slug":"ein-koch-im-haus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18764","title":{"rendered":"Ein Koch im Haus"},"content":{"rendered":"<p>Jeder kann kochen. Aber niemand muss es. Eine Website vermietet professionelle K\u00f6che f\u00fcr einen entspannten Abend daheim. Selbstversuch mit einem K\u00f6nner.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Freitagabend, eine Wohnung in Prenzlauer Berg, an der Grenze zu Mitte. F\u00fcnf Freunde sind zum Essen zusammengekommen. Nicht ungew\u00f6hnlich, wenn man die 30 \u00fcberschritten hat und mehr will als ein St\u00fcck Pizza auf dem Weg zum Club. Wenn man zum Beispiel zu Hause essen m\u00f6chte, wo der Nachwuchs spielen kann, so wie die vier Jahre alte Tochter von Sonja Heiss.<\/p>\n<p>Die Autorin und Filmemacherin hat von ihren Freunden zum Einzug in ihre neue Wohnung einen Koch geschenkt bekommen, f\u00fcr einen Abend. Die Freunde sind auch die G\u00e4ste: Ellie, die an den letzten Z\u00fcgen ihrer Dissertation in Geschichte sitzt und deswegen kaum zum Essen kommt. Sabine, Psychologin und Sonjas \u00e4lteste Freundin. Martin, der Zugbegleiter aus Friesland. Sowie die Autorin dieses Textes, begeisterte und vielseitige Esserin, so lange es nur vegetarisch ist.<\/p>\n<p>Es beginnt mit den Amuse-Bouche. Sie sind: sehr klein. \u201eHier haben wir den Waldorfsalat\u201c, sagt der Koch des Abends und meint ein St\u00fcck geschmorten Sellerie in Apfelgelee, bestreut mit zerbr\u00f6selten Walnusskernen. Man k\u00f6nnte es fast \u00fcbersehen. Die G\u00e4ste am\u00fcsieren sich: \u201eDer Waldorfsalat war halt ein bisschen m\u00e4chtig\u201c, meint Martin sp\u00e4ter \u00fcber die paar Quadratzentimeter. Zum Gl\u00fcck gibt es noch drei Achtel eingelegte Radieschen.<\/p>\n<h2>Saure-Gurken-Eis ist Kristofs Spezialit\u00e4t<\/h2>\n<p>Kristof Mulack, 29 Jahre alt, ist jetzt der Alleinunterhalter. Er wird noch einige \u00dcberraschungen servieren. Die n\u00e4chste ist schon angerichtet: Spreewaldgurken-Eis. Klingt komisch. Aber alle nehmen es begeistert auf und ein. Sonja fragt: \u201eKann ich eine ganze Packung davon haben?\u201c Sabine sagt: \u201eDu musst dir das Eis patentieren lassen.\u201c Das f\u00e4ngt doch gut an. Aber Saure-Gurken-Eis ist eben Kristofs Spezialit\u00e4t. Beim Bedienen hilft \u00fcbrigens Maggie, die Verlobte des Kochs. Einen solchen Service sind wir nicht gew\u00f6hnt, denn in Mitte geh\u00f6rt es mittlerweile  in Restaurants dazu, Bestellungen lange hinauszuz\u00f6gern.<\/p>\n<p>Einen privaten Koch zu buchen passt nat\u00fcrlich zum Zeitgeist, zu ambitionierten Hobbyk\u00f6chen und Food-Nerds. Also denen, die sich am Bahnhof internationale Gourmet-Zeitschriften kaufen, Kurse beim Promi-Koch belegen und ihre Reiseziele nach angesagten Restaurants aussuchen. Noch vor zehn Jahren war Essengehen anlassgetrieben. Heute ist es Lifestyle mit den Disziplinen Landesk\u00fcchen, Di\u00e4ten, Restaurantformen. Die beliebteste Disziplin ist die subtilste: der R\u00fcckzug ins Private, zu Private Dinings in Fl\u00fcsterrestaurants, den \u201eSupper Clubs\u201c, und nach Hause. Auch Kitchensurfing hilft bei der kulinarischen Privatisierung. Die Online-Community vermittelt in Berlin, New York und Boston K\u00f6che an Haushalte und Firmen. Viele von ihnen haben die langen Schichten in Restaurants satt. Oder haben gar keine Ausbildung als Koch, arbeiten aber professionell, wie Kristof.<\/p>\n<p>Die Idee zum Kitchensurfing hatte Chris Muscarella. Der Amerikaner war mehr als 15 Jahre lang in der amerikanischen Start-up-Szene t\u00e4tig. Im Jahr 2011 er\u00f6ffnete er ein Restaurant in New York. \u201eDa habe ich gemerkt, dass es viele talentierte K\u00f6che gibt, die wenig verdienen und die im Netz keine Plattform haben, sich zu pr\u00e4sentieren und nebenbei Geld zu verdienen.\u201c Gemeinsam mit einem Programmierer, Lars Kluge, und einem Designer, Borahm Cho, beide aus Deutschland, entwickelte er Kitchensurfing. Im Fr\u00fchsommer 2012 <a href=\"http:\/\/kitchensurfing.com\">ging die Website in New York online<\/a>. Berlin folgte im vergangenen Herbst. Weitere St\u00e4dte in Deutschland sind geplant. Mehr als 50 K\u00f6che aus der Hauptstadt sind im Portal vertreten. \u201eWir machen uns in Supper Clubs, Restaurants und bei Stra\u00dfenverk\u00e4ufern auf die Suche nach neuen K\u00f6chen\u201c, sagt Kavita Meelu, die Kitchensurfing in Berlin betreibt.<\/p>\n<p>Sie sprach auch Kristof an, als sie zu Gast war in seinem Supper Club \u201eMulax\u201c in Kreuzberg, den er seit einem halben Jahr mit seiner Schwester f\u00fchrt. Der Versicherungskaufmann und ehemalige Rapper (daher also die Eloquenz!) wollte eigentlich ein Restaurant er\u00f6ffnen- ungewiss, ob er damit jemals profitabel sein k\u00f6nnte. Kristof hat schon einige Tage in Profi-K\u00fcchen verbracht, unter anderem in der von Tim Raue, dem er in seinem direkten Umgangston \u00e4hnelt. Mit Supper Club und Kitchensurfing testet er das Vollzeit-Gastronomen-Leben.<\/p>\n<h2>Oft g\u00fcnstiger als ein Restaurantbesuch<\/h2>\n<p>In der K\u00fcche von Sonja h\u00e4lt Kristof mit zwei Plastikboxen Einzug. Eine mit den Ger\u00e4ten, wie zum Beispiel der 3500 Euro teuren Eismaschine und der Grillpfanne. Die andere f\u00fcr die vorbereiteten Gerichte und die frischen Zutaten. Fast anderthalb Tage hat er f\u00fcr das Einkaufen und das Vorkochen gebraucht. Auf der Arbeitsplatte stehen ein Dutzend Plastikflaschen mit den Saucen. Aus einer tropft Kristof gerade orangefarbene Fl\u00fcssigkeit neben zwei gegrillte M\u00f6hrenh\u00e4lften. Dar\u00fcber kommen Popcorn-Streusel, die ebenfalls M\u00f6hrenschalen enthalten und der hei\u00dfe M\u00f6hrensaft, abgeschmeckt mit Wermut und Safran.  Die G\u00e4ste \u00e4u\u00dfern sich \u00fcberschw\u00e4nglich. \u201eSo leckere M\u00f6hren habe ich noch nie gegessen\u201c, sagt Sabine. Martin genie\u00dft still. Die Autorin greift beherzt beim Popcorn zu, das Kristof auch noch auf den Tisch gestellt hat.<\/p>\n<p>\u201eEs gibt drei Arten von Kitchensurfing-Kunden\u201c, sagt Kavita Meelu. \u201eZum einen solche, die Geburtstagsdinner und Jubil\u00e4umsfeiern ausrichten. Zum anderen diejenigen, meist Agenturchefs, die ihre Mitarbeiter mit einem kreativen Essen verw\u00f6hnen wollen. Und dann nat\u00fcrlich die vielen jungen Eltern, die mit ihren Kleinkindern nicht ins Restaurant wollen und deshalb einen Koch buchen. Oft ist es sogar g\u00fcnstiger als ein Restaurantbesuch, weil man sich die teuren Getr\u00e4nke spart oder den Babysitter.\u201c So vermittelt Kitchensurfing Gerichte und K\u00f6che in jeder Preisklasse, angefangen vom Lunch f\u00fcr acht Euro pro Person bis zum Vier-G\u00e4nge-Men\u00fc f\u00fcr 45 Euro. (So viel kostet es auch heute abend.) Viele Anfragen richten sich an internationale K\u00f6che, die mexikanische Tacos, chinesische Dumplings, peruanisches Cerviche oder moderne skandinavische Kost servieren.<\/p>\n<p>Kristof, ein geb\u00fcrtiger Berliner, ist kulinarisch ganz in Brandenburg zu Hause. Alle seine Zutaten stammen aus der Region, sagt er. Das Gem\u00fcse baut er sogar selbst auf einem Acker in Sch\u00f6nefeld an. Seine Men\u00fckarte ist auf die Zutaten reduziert. Die Farben sind einheitlich, denn Kristof, der selbst ein lilafarbenes Kochjackett tr\u00e4gt, steht auf Farbk\u00fcche. Jeder Teller ist Ton in Ton gehalten, auch der Hauptgang: \u201ePetersilienwurzel gebacken, als Creme, frittierte Schale und Sauce mit Gr\u00fcnkohl. Dazu: M\u00fcritz-Saibling.\u201c Und damit Sonja den auch ungest\u00f6rt essen kann, bastelt Kristof ihrer kleinen Tochter gerade eine H\u00f6hle, und wir unterhalten uns \u00fcber andere Dinge als M\u00f6hrchen und Radieschen. Ellie nascht die restliche Schokolade vom Dessert aus dem Topf, die anderen rauchen auf dem Balkon. Und als Kristof und Maggie die K\u00fcche um halb zw\u00f6lf verlassen, ist sie sauber aufger\u00e4umt. Wir trinken weiter.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/essen-trinken\/kitchensurfing-ein-koch-im-haus-12131022.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/essen-trinken\/kitchensurfing-ein-koch-im-haus-12131022.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder kann kochen. Aber niemand muss es. Eine Website vermietet professionelle K\u00f6che f\u00fcr einen entspannten Abend daheim. 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