{"id":18760,"date":"2013-04-01T16:08:54","date_gmt":"2013-04-01T16:08:54","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18760"},"modified":"2013-04-01T16:08:54","modified_gmt":"2013-04-01T16:08:54","slug":"ein-karrierist-wird-grun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18760","title":{"rendered":"Ein Karrierist wird gr\u00fcn"},"content":{"rendered":"<p>Jan Bredack war fr\u00fcher Manager bei Mercedes. Jetzt ist er Veganer und dabei, eine Kette mit zwanzig veganen L\u00e4den aufzubauen. Wie passt das zusammen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">\u201eDas war keine gute Nacht.\u201c Jan Bredack reibt sich die Augen, f\u00e4hrt sich mit den H\u00e4nden durch die Haare. Die Nase l\u00e4uft. M\u00fcdes Gesicht, grau wie dieser tr\u00fcbe Morgen. Erk\u00e4ltungs- und Infektzeit. Auch Jan Bredack, Anfang vierzig, schlank und sportlich, aber jetzt eher matt, hat es erwischt &#8211; wie etliche Berliner in diesen Tagen. Gesundheit, Energie und Vitalit\u00e4t, die Bredack seiner Ern\u00e4hrungsweise zuschreibt, verstecken sich an diesem Vormittag in einem gro\u00dfen Glas hei\u00dfer Orange, goldgelb mit Ingwer, das er zum Fr\u00fchst\u00fcck trinkt. Dazu gibt es h\u00fcbsch mit Kokosraspeln dekorierten Chiapudding, einen Energiesnack, in dem rote Goji-Beeren leuchten. \u201eSelbst Veganer werden mal krank\u201c, meint eine Mitarbeiterin im Vor\u00fcbergehen. \u201eAber wir werden auch schneller wieder gesund\u201c, gibt Bredack zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bredack vermarktet Veganismus und vegane Produkte. \u201eVeganz\u201c hei\u00dfen seine Superm\u00e4rkte. Bislang gibt es zwei Filialen, beide in l\u00e4ssig-schicken Stadtvierteln. Den ersten Supermarkt er\u00f6ffnete Bredack 2011 in seiner Heimatstadt Berlin in Prenzlauer Berg, den zweiten vor kurzem in Frankfurt-Bornheim. Angeboten werden rund 6000 rein pflanzliche Produkte. Nicht minder beworben wird, was Veganz ganz bewusst nicht anbietet: Produkte, f\u00fcr die Tiere get\u00f6tet werden oder f\u00fcr die Tieren aus Sicht von Veganern Leid angetan wird. Also kein Fleisch, kein Fisch und keine Lederwaren. Auch Produkte, in denen sich tierische Bestandteile verstecken, sind tabu, etwa Kosmetika mit Collagen oder Fruchts\u00e4fte, die mit Gelatine gekl\u00e4rt wurden. Nicht im Sortiment sind au\u00dferdem Erzeugnisse, deren Verzehr als Ausbeutung von Nutztieren abgelehnt wird: Milch oder Milchprodukte, Eier und Honig. Das Gef\u00fchl, auf etwas zu verzichten, soll der Kunde von Veganz jedoch gerade nicht bekommen. \u201eWir lieben Leben\u201c, wirbt Bredack &#8211; fast wie Edeka mit seinem Leitspruch \u201eWir lieben Lebensmittel\u201c.<\/p>\n<h2>Auch Bildungshungrige werden versorgt<\/h2>\n<p>Im Schnitt lassen sich in dem Vegan-Supermarkt im Bezirk Prenzlauer Berg 420 Kunden am Tag zum Einkauf verlocken. An diesem ungem\u00fctlichen Morgen sind jedoch nur wenige Menschen im Gesch\u00e4ft. Zwei M\u00fctter mit Kleinkindern, ein junger, modebewusster Mann, eine \u00e4ltere Dame, die vor den Backspezialit\u00e4ten steht. Es gibt herzhafte Bagel mit R\u00e4uchertofu oder s\u00fc\u00dfe Rohkosttorten aus Avocado und Limetten. In der Obstabteilung werden baumgereifte Tropenfr\u00fcchte und Kohlsorten aus Brandenburg angepriesen. Weiter geht es mit Sojaprodukten in etlichen Variationen und Getr\u00e4nken aus Hafer, Mandeln oder Reis. Es gibt Regale mit N\u00fcssen, Samen und Algen und Tiefk\u00fchlw\u00e4nde mit Veggie-Nuggets aus den Vereinigten Staaten oder Protein-Burgern aus S\u00fcdafrika. F\u00fcr Hunde sind fleischlose Leckerli und \u201ef\u00fcr den Spa\u00df im Bett auf vegan\u201c Kondome und Gleitgels im Angebot.<\/p>\n<p>F\u00fcr noch mehr veganen Lebensstil gibt es dann \u201eExtraveganz\u201c: veganes Catering, sonnt\u00e4glichen Brunch und Kochkurse in der hauseigenen Kochschule mit einem der bekanntesten deutschen Vegan-K\u00f6che, dem Berliner Bj\u00f6rn Moschinski. Auch Bildungshungrige werden versorgt: mit Seminaren unter Leitung von Ern\u00e4hrungs- und Gesundheitsberatern, philosophischen Workshops, Lesungen und Produktpr\u00e4sentationen. Vegane Ern\u00e4hrung sei enorm vielf\u00e4ltig und schmackhaft, verantwortungsbewusst gegen\u00fcber Mensch, Tier und Umwelt. \u201eUnd f\u00fcr die Gesundheit das Beste\u201c, lautet die Botschaft.<\/p>\n<p>Bredack kommt nicht aus der \u00d6ko-Szene. Bevor er Weizengraspulver, Rohkostriegel und Sojapizzen verkaufte, war er Mercedes-Manager. Aufgewachsen ist er in der ehemaligen DDR. Der Vater war als Russischlehrer im diplomatischen Dienst t\u00e4tig. Jan Bredack besuchte eine Eliteschule und lernte KFZ-Schlosser. Dann gleich nach dem Fall der Mauer bei Mercedes-Benz in Berlin anfangen zu d\u00fcrfen sei \u201edas Gr\u00f6\u00dfte\u201c gewesen. Bredack war ehrgeizig und flei\u00dfig. Meisterabschluss, Studium der Betriebswirtschaft, Master in Sankt Gallen. Mit Anfang drei\u00dfig leitende F\u00fchrungskraft in dem Autokonzern, verantwortlich f\u00fcr einen Milliardenumsatz. Als \u201eKarrierist\u201c bezeichnet Bredack sich r\u00fcckblickend. Gemeinsam mit seiner Frau, einer Jugendliebe aus DDR-Zeiten, baute er neben dem Job bei Mercedes noch den Internet-Ticket-Vertrieb f\u00fcr den damals sehr erfolgreichen Musicalveranstalter Stella auf. Beruflicher Erfolg, Geld, Eigenheim, Autos und drei Kinder. \u201eEs ging immer bergauf.\u201c<\/p>\n<h2>Von Burnout war die Rede<\/h2>\n<p>So dachte Bredack jedenfalls &#8211; bis er merkte, dass er bei Mercedes nicht mehr die Anerkennung bekam, die er brauchte. Von Burnout war die Rede. Das Unternehmen lie\u00df den vielversprechenden Manager von Berlin zu Psychologen nach M\u00fcnchen fliegen. Doch statt k\u00fcrzer zu treten, fl\u00fcchtete Bredack in neue Projekte. \u201eMan rennt immer schneller, braucht immer neue Best\u00e4tigung.\u201c Er investierte ein Verm\u00f6gen in ein Internet-Bieterportal f\u00fcr Autoreparaturen. \u201eAber die Plattform ging kaputt, und auch bei Mercedes lief nichts mehr. Mir hat es richtig die Beine wegges\u00e4belt.\u201c<\/p>\n<p>Das war 2008. Bredack trennte sich von seiner Frau und von Mercedes in Berlin. Knapp zwei Jahre sp\u00e4ter ging er mit seiner neuen Partnerin f\u00fcr Daimler nach Moskau, um das erste Mercedes-Werk in Russland aufzubauen. In dieser beruflichen und pers\u00f6nlichen Erneuerungsphase wurde die Idee von \u201eVeganz\u201c geboren. Bredack begann dar\u00fcber nachzudenken, \u201ewas auf dem Teller lag und wie viel Leid damit verbunden ist\u201c. Der Ansto\u00df kam von seiner Lebensgef\u00e4hrtin, die damals Vegetarierin war &#8211; sie isst mittlerweile ebenfalls vegan. Bredack, der \u201efr\u00fcher reinschaufelte, was es gab\u201c, wurde zum Rohkostler. Gr\u00fcne Smoothies mit Spinat, Wildkr\u00e4utern und Salat waren nun sein t\u00e4glich Brot.<\/p>\n<p>Von Moskau flog er immer wieder in die Vereinigten Staaten, um die Veganerszene dort zu erkunden. \u201eIn Kalifornien, Portland und New York ist man schon viel weiter als hier.\u201c Zwei Jahre lang suchte Bredack vegane Produkte, Anbauer, Anbieter, Vertriebswege. Zur\u00fcck in Deutschland, nahm er endg\u00fcltig Abschied von der Automobilbranche und er\u00f6ffnete wenige Monate sp\u00e4ter die erste Veganz-Filiale. Wie eine \u201eErl\u00f6sung\u201c sei das gewesen- der Beginn eines \u201ezweiten Lebens\u201c. Klingt nach radikalem Bruch, nach Gewissen statt Geld. Aber sind die Kontraste tats\u00e4chlich so scharf?<\/p>\n<h2>\u201eAus der Szene w\u00fcrde niemand bei uns einkaufen\u201c<\/h2>\n<p>Bei Mercedes habe man sich immer wieder bem\u00fcht, ihm aus seiner Krise zu helfen, erkennt Bredack an. Auch er selbst habe als Automanager einen kooperativen F\u00fchrungsstil gepflegt. Seine Masterarbeit schrieb er \u00fcber Mitunternehmertum. Bei Veganz gibt es einen Chef, und der m\u00f6chte \u201edas Zepter in der Hand behalten\u201c. Angebote zur \u00dcbernahme von Gesellschaftsanteilen lehnte Bredack deshalb ab. Er k\u00fcmmert sich um Expansion und Marketing, verhandelt mit Banken und Investoren. Manchmal f\u00fchle sich das an wie \u201edas alte Leben in neuem Umfeld\u201c. Im ersten Jahr machte Veganz 1,5 Millionen Euro Umsatz. Die Berliner Filiale schreibt mittlerweile schwarze Zahlen. Daf\u00fcr mussten Leute entlassen werden. \u201eWir sind ein Wirtschaftsunternehmen.\u201c Zwei Dutzend festangestellte Mitarbeiter besch\u00e4ftigt Bredack derzeit.<\/p>\n<p>In der traditionellen Veganerbewegung verfolgt man die Aktivit\u00e4ten des Managers mit Argwohn. Das Gesch\u00e4ft mit dem veganen Lebensstil, das Umwerben von Gutverdienern, das Expansionsziel von zwanzig und mehr Veganz-Filialen im In- und Ausland &#8211; mancher Veganer vom alten, subkulturellen Schlag sieht seine Spezies und sein Biotop durch diesen Mainstream-Veganismus bedroht. \u201eAus der Szene w\u00fcrde niemand bei uns einkaufen\u201c, stellt Bredack n\u00fcchtern fest. Auch seine Appelle eines \u201eliebvollen Miteinanders aller Lebewesen\u201c n\u00fctzen da nichts. Dem Vegan-Fundi fehlt bei Veganz das punkige Flair alternativer L\u00e4den, er m\u00f6chte das K\u00fchlfach mit den K\u00e4seersatzprodukten nicht gemeinsam mit Finanzbeamten durchst\u00f6bern, die Schuhe und Aktenmappe aus Rindsleder tragen, aber allergisch auf Kuhmilch reagieren.<\/p>\n<p>Die meisten Veganz-Kunden leben nicht streng vegan oder auch nur vegetarisch. Bredack nimmt es gelassen. \u201eWenn sie Pelz und Lederstiefel tragen und vorher bei Rewe Wurst gekauft haben, ist das halt so.\u201c Toleranz oder kluges Marketing? Das eine schlie\u00dft das andere nicht aus.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/essen-trinken\/vegan-leben-ein-karrierist-wird-gruen-12126210.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/essen-trinken\/vegan-leben-ein-karrierist-wird-gruen-12126210.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Bredack war fr\u00fcher Manager bei Mercedes. 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