{"id":18752,"date":"2013-07-12T16:08:51","date_gmt":"2013-07-12T16:08:51","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18752"},"modified":"2013-07-12T16:08:51","modified_gmt":"2013-07-12T16:08:51","slug":"ein-leben-fur-afrika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18752","title":{"rendered":"Ein Leben f\u00fcr Afrika"},"content":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren ging Albert Schweitzer nach Afrika und gr\u00fcndete sein Urwaldhospital in Lambar\u00e9n\u00e9. Seine Familie und der Staat Gabun wollen den Ort lebendig halten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Es war ihr erster Sommer bei ihrem Gro\u00dfvater in Lambar\u00e9n\u00e9. \u201eAbends\u201c, erz\u00e4hlt sie, \u201earbeitete er an seinem Schreibtisch, las und schrieb. Links auf dem Tisch sa\u00df die Katze, rechts hatte er auf einen Bogen Papier Zucker f\u00fcr die Ameisen gestreut. Dort sammelten sie sich und krabbelten ihm so nicht auf seinen B\u00fcchern herum.\u201c F\u00fcr Christiane Engel war die Szene ein Sinnbild v\u00f6lliger Harmonie, ein Beispiel auch f\u00fcr die von Albert Schweitzer entwickelte Ethik der \u201eEhrfurcht vor dem Leben\u201c. Seine Leitidee: \u201eWahrhaft ethisch ist der Mensch nur, wenn er der N\u00f6tigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen kann, zu helfen, und sich scheut, irgend etwas Lebendigem Schaden zuzuf\u00fcgen.\u201c<\/p>\n<p>Christiane Engel, drittes Kind der einzigen Tochter von Albert Schweitzer, war damals 16 Jahre alt. Sie hatte Schulferien und stand kurz davor, aufs Konservatorium in Z\u00fcrich zu gehen. Ihr Traum: Sie wollte Pianistin werden. Zugleich aber gab es diesen mystischen Ort im fernen Afrika, wo ihr ber\u00fchmter Gro\u00dfvater &#8211; Philosoph und Theologe, Organist und Mediziner, Pazifist und Friedensnobelpreistr\u00e4ger des Jahres 1952 &#8211; lebte und wirkte. \u201eF\u00fcr mich war Lambar\u00e9n\u00e9 seit fr\u00fcher Kindheit eine Phantasie, in der vor allem wilde Tiere vorkamen\u201c, erz\u00e4hlt Christiane Engel. \u201eWas man aus Kinderb\u00fcchern eben so kennt.\u201c<\/p>\n<h2>Das Lebenswerk in der Krise<\/h2>\n<p>Als sie schlie\u00dflich 1958 erstmals nach Gabun fliegen durfte, \u00fcbertraf die Phantasie alle Erwartungen, auch wenn wilde Tiere nur am Rande eine Rolle spielten. \u201eWas Lambar\u00e9n\u00e9 mir gegeben hat, das ist so tief. Es hat mich sehr gepr\u00e4gt.\u201c Die F\u00e4higkeit, mitleiden zu k\u00f6nnen und der Wunsch zu helfen bestimmten seither auch ihr Leben. Sieben Sommer in Folge verbrachte sie im Urwaldkrankenhaus mit ihrem Gro\u00dfvater, der ihr, wie sie sagt, \u201eeine wahre Religion der Liebe auf ganz undogmatische Weise\u201c mit auf den Weg gab. Schnell stand f\u00fcr Christiane Engel fest, dass auch sie Medizin studieren werde, um mit Albert Schweitzer zusammen im Spital arbeiten zu k\u00f6nnen. Doch so weit kam es nicht mehr: \u201eIch hatte schon das Ticket in der Tasche, als er im September 1965 starb.\u201c Sie hatte gerade erst mit der Medizin begonnen, nun reiste sie zur Beerdigung ihres 90Jahre alt gewordenen Gro\u00dfvaters. Danach war sie f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit nur noch einmal in Lambar\u00e9n\u00e9, auch weil das Geld f\u00fcr den Flug, den ihr der Gro\u00dfvater stets als Lohn f\u00fcr ihre Arbeit geschenkt hatte, ausblieb.<\/p>\n<p>Ihre Mutter aber trat nach Schweitzers Tod zun\u00e4chst an die Stelle des Vaters und \u00fcbernahm die administrative Leitung des Spitals. F\u00fcnf Jahre hielt Rhena Schweitzer es an der Spitze aus, dann gab sie auf, blieb aber weiterhin in Lambar\u00e9n\u00e9. Die Arbeit, sagt ihre Tochter Christiane, sei sehr komplex gewesen. \u201eDamals standen hier viel mehr Geb\u00e4ude, im Krankenhaus lagen 600 Patienten, hinzu kamen noch 200 Personen im Lepradorf, die versorgt werden mussten.\u201c Zusehends geriet Schweitzers Lebenswerk in die Krise. Die Schulden wuchsen, die Spendengelder f\u00fcr das Urwaldhospital flossen nicht mehr so wie zu Lebzeiten seines Gr\u00fcnders. Schlie\u00dflich wurde die \u201eInternationale Stiftung f\u00fcr das Dr.Albert-Schweitzer-Spital in Lambar\u00e9n\u00e9\u201c gegr\u00fcndet. Fortan beteiligte sich auch Gabun mit Subventionen an der noch immer privaten Institution.<\/p>\n<p>Im 100. Jahr seines Bestehens pr\u00e4sentiert sich das Gel\u00e4nde rund um das Krankenhaus am Ogoou\u00e9 als eine gro\u00dfe Baustelle. Wo einst Missionare auszogen, um \u00fcber den 1200 Kilometer langen Fluss bis weit nach Zentralafrika vorzudringen, entsteht derzeit ein internationales Forschungs- und Gesundheitszentrum, das ohne Albert Schweitzer nicht denkbar w\u00e4re. Der Pr\u00e4sident des Landes, Ali Bongo Ondimba, hat das \u201eProjekt Lambar\u00e9n\u00e9\u201c zur Chefsache erkl\u00e4rt. Schon sein Vater Omar Bongo Ondimba hatte die Kraft des gro\u00dfen Namens erkannt und 1996 die alte Erdstra\u00dfe von der Hauptstadt Libreville nach Lambar\u00e9n\u00e9 asphaltieren lassen. Seither dauert die Fahrt mit dem Auto statt acht nur noch vier Stunden, und es gibt einen regen Krankentourismus in das Urwaldhospital.<\/p>\n<p>Der Bedarf an guter Gesundheitsvorsorge w\u00e4chst im Land. Und auch das Interesse an dem unzweifelhaft ber\u00fchmtesten \u201eGabuner\u201c ist in seinem Jubil\u00e4umsjahr stetig gr\u00f6\u00dfer geworden. Schweitzer, 1875 im damals noch deutschen Elsass geboren, fand wunschgem\u00e4\u00df an der Seite seiner Frau seine letzte Ruhest\u00e4tte in Westafrika. Bis heute glauben die Menschen in Lambar\u00e9n\u00e9, dass der \u201ewei\u00dfe Mann\u201c, den sie ehrf\u00fcrchtig \u201eNganga\u201c nennen, nachts an seine alte Wirkungsst\u00e4tte zur\u00fcckkehrt. Ein Nganga hat \u00fcberirdische Kr\u00e4fte, ist eine Art Geistheiler, der auch aus der Ferne Gutes tun kann. Tats\u00e4chlich kann Albert Schweitzer als einer der ersten \u00c4rzte ohne Grenzen gelten, der Medizin, im europ\u00e4ischen Sinne, nach Franz\u00f6sisch-\u00c4quatorialafrika, dem heutigen Gabun, brachte. Vor 100 Jahren, im April 1913, behandelten Schweitzer und seine Frau Helene erstmals Patienten im H\u00fchnerstall der schon existierenden franz\u00f6sischen Missionsstation Andende, nach der heute ein Stadtteil der Provinzhauptstadt Lambar\u00e9n\u00e9 benannt ist. F\u00fcr die Menschen wirkten die beiden tats\u00e4chlich Wunder, was sich schnell herumsprach. Die Patientenzahlen stiegen, bis zum Ende des Jahres wurde schon eine erste Wellblechbaracke als Krankenhaus errichtet.<\/p>\n<h2>Urwaldhospital nach eigenen W\u00fcnschen gestalten<\/h2>\n<p>Drei Mal musste Albert Schweitzer danach ganz von vorne beginnen. Als Deutscher wurde er im Ersten Weltkrieg in der franz\u00f6sischen Kolonie festgenommen und 1917 nach Europa gebracht. Erst 1924 hatte er, als Els\u00e4sser war er 1918 zum Franzosen geworden, gen\u00fcgend Geld beisammen, um ein zweites Mal nach Westafrika aufbrechen zu k\u00f6nnen. In kurzer Zeit baute er das kleine Spital wieder auf und verlie\u00df es 1927 ein weiteres Mal &#8211; aus Platzgr\u00fcnden, aber auch um dem Einfluss der Pariser Missionsgesellschaft zu entkommen. Der inzwischen Zweiundf\u00fcnfzigj\u00e4hrige zog drei Kilometer flussabw\u00e4rts und fand seine endg\u00fcltige Bleibe auf einem H\u00fcgel direkt am Fluss Ogoou\u00e9. Nun erst konnte er sein Urwaldhospital nach seinen W\u00fcnschen gestalten.<\/p>\n<p>Unweit der dort nach und nach entstandenen Spitalgeb\u00e4ude errichtet die Regierung von Gabun derzeit ein Universit\u00e4tsgel\u00e4nde mit Wohnungen f\u00fcr Studenten und Professoren. Mit G\u00e4sten aus aller Welt und an der Seite von einigen Mitgliedern der Schweitzer-Familie, neben Enkelin Christiane Engel ist unter anderen auch Gro\u00dfneffe Louis Schweitzer nach Gabun gekommen, konnte am Wochenende das neue Regionalkrankenhaus Georges Rawiri, benannt nach einem in Lambar\u00e9n\u00e9 geborenen Politiker und Dichter, er\u00f6ffnet werden. Campus, Universit\u00e4t und das Regionalkrankenhaus werden unabh\u00e4ngig von dem eigentlichen Nachlass Albert Schweitzers gef\u00fchrt, die vier Institutionen arbeiten allerdings zusammen.<\/p>\n<p>Pr\u00e4sident Ali Bongo will mit seinen Initiativen zum Vorbild Afrikas werden. Das scheint in einem Land, das um einiges gr\u00f6\u00dfer ist als die alte Bundesrepublik Deutschland war, aber nur etwa so viele Einwohner wie die Stadt M\u00fcnchen hat, kein Problem zu sein. Zudem besteht Gabun, dessen Staatshaushalt sich zu 50 Prozent aus \u00d6leinnahmen finanziert, zu Dreiviertel aus weitgehend unber\u00fchrtem Regenwald, der so gut wie nicht besiedelt ist. Trotzdem ist ein Teil der Bev\u00f6lkerung, die zu fast 90 Prozent in st\u00e4dtischen Gebieten lebt, nur schwer zu erreichen.<\/p>\n<p>Vieles lag zudem im Argen, als der Sohn des mehr als 30 Jahre regierenden Omar Bongo 2009 zu dessen Nachfolger gew\u00e4hlt wurde. Der 54 Jahre alte Ali Bongo will nun allerdings seinem Volk und Land offenbar Gutes tun. So nimmt die nachhaltige Entwicklung Gabuns in seiner Politik einen wichtigen Platz ein. Elf Prozent des Staatsgebietes sind inzwischen als Nationalparks ausgewiesen, die Jagd auf gef\u00e4hrdete Tierarten ist verboten und wird verfolgt (Wilderer gibt es trotzdem gen\u00fcgend), die Abholzung der W\u00e4lder ist staatlich sanktioniert, Brandrodung kennen die Gabuner eigentlich nicht. Zudem geh\u00f6rt das Land zu den wenigen afrikanischen Staaten, das 2011 einen nationalen Klimaschutzplan erarbeitet hat.<\/p>\n<h2>Regierung zahlt immerhin p\u00fcnktlich<\/h2>\n<p>Auch die Bedeutung von Bildung und Gesundheit will Ali Bongo nach eigenen Angaben erkannt haben. Um m\u00f6glichst viele seiner Landsleute zu erreichen, baut der Pr\u00e4sident zum Beispiel bei der Gesundheit aufs Milit\u00e4r. Jedes Jahr ziehen Soldaten gemeinsam mit \u00c4rzten in eine der neun Provinzen Gabuns (in diesem Jahr ist es nat\u00fcrlich Lambar\u00e9n\u00e9), wo sie dann f\u00fcr mehrere Tage ihre Zelte aufschlagen, um m\u00f6glichst viele Bewohner in k\u00fcrzester Zeit zu erreichen. Der Gesundheitsservice reicht vom richtigen Z\u00e4hneputzen, \u00fcber HIV- und Malaria-Aufkl\u00e4rung bis hin zum kompletten Impfschutz von Kindern.<\/p>\n<p>Die Ausgaben der Regierung f\u00fcr Gesundheit haben sich so nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation seit 2002 pro Einwohner mehr als verf\u00fcnffacht, von rund 40 auf mehr als 200 Dollar (in Deutschland waren es 2011 rund 3700 Dollar pro Einwohner). Medizinische Behandlungen \u00fcbernimmt der Staat zu 80 Prozent, 20 Prozent muss der Kranke selbst aufbringen, was viele der Gabuner allerdings noch l\u00e4ngst nicht k\u00f6nnen. W\u00e4hrend Ali Bongo zu den reichsten Staatsoberh\u00e4uptern der Welt z\u00e4hlt, das Geld und die Besitzt\u00fcmer etwa in Frankreich hat er von seinem Vater geerbt, sind viele Landsleute arm und arbeitslos. Auch das ist ein Nachlass des Vaters, der das halbe Volk in den Staatsdienst aufgenommen hatte. Die Regierung zahlt immerhin p\u00fcnktlich den Lohn. Das erkl\u00e4rt unter anderem, warum 653 der offiziell 742 \u00c4rzte im Land beim Milit\u00e4r Dienst tun.<\/p>\n<p>Auch Christiane Engel sagt, sie habe anfangs nicht gewusst, was sie von Pr\u00e4sident Ali Bongo halten solle. Zweimal trafen sich die beiden dann privat in Lambar\u00e9n\u00e9. Beim zweiten Treffen sei das Eis gebrochen, erz\u00e4hlt die Enkelin, die inzwischen in Los Angeles lebt, sich dem Erbe ihres Gro\u00dfvaters aber weiterhin verpflichtet f\u00fchlt. \u201eAli Bongo w\u00fcnscht ganz enge und intensive Beziehungen mit dem Spital meines Gro\u00dfvaters.\u201c Eine Million Dollar hat er bereits zur Verf\u00fcgung gestellt, Geld, mit dem die alten Geb\u00e4ude weitgehend neu aufgebaut werden m\u00fcssen. \u201eEine Renovierung k\u00e4me uns teurer als ein Neubau\u201c, sagt Christiane Engel. Nur das ehemalige Krankenhaus ihres Gro\u00dfvaters, der Ort, an dem er mit seiner Frau Helene (sie starb 1957) bis zuletzt lebte, bleibt davon unber\u00fchrt. Es wurde bereits restauriert und ist nun ein Museum, in dem sich die privaten R\u00e4ume Schweitzers mit seinen medizinischen Ger\u00e4ten, seinem Bett, aber auch seinem Klavier befinden.<\/p>\n<p>Die musikalische Begabung hat Christiane Engel von ihrem Gro\u00dfvater geerbt, der, noch bevor er sich als Sp\u00e4tberufener der Medizin verschrieb, sich bereits in Theologie habilitiert und zugleich Orgel bei dem ber\u00fchmten Organisten Charles-Marie Widor in Paris studiert hatte. Hunderte Konzerte hat Albert Schweitzer in seinem Leben gegeben, um Geld zu beschaffen. Auch darin folgt ihm seine Enkelin, die als Doktorin der Medizin am Klavier zu den anerkannten Interpretinnen Mozarts z\u00e4hlt. Unerm\u00fcdlich reist sie auch mit 70 Jahren um die Welt und versucht, das Erbe ihrer Familie zu bewahren.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/gesundheit\/albert-schweitzer-ein-leben-fuer-afrika-12278990.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/gesundheit\/albert-schweitzer-ein-leben-fuer-afrika-12278990.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren ging Albert Schweitzer nach Afrika und gr\u00fcndete sein Urwaldhospital in Lambar\u00e9n\u00e9. 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