{"id":18666,"date":"2013-09-23T16:08:34","date_gmt":"2013-09-23T16:08:34","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18666"},"modified":"2013-09-23T16:08:34","modified_gmt":"2013-09-23T16:08:34","slug":"die-gluckseligkeit-der-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18666","title":{"rendered":"Die Gl\u00fcckseligkeit der anderen"},"content":{"rendered":"<p>Bei der Single-Tour am Flughafen sind angeblich alle nur zuf\u00e4llig da. Und weil keiner zugeben will, dass er eigentlich nach etwas sucht, findet auch niemand etwas.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Zum Gl\u00fcck ist Rucola im Saft, das rettet \u00fcber die ersten drei Minuten. Kermit findet, Gem\u00fcse im Fruchtsaft, das sei nicht normal. Jane sagt, Rucola habe ja so eine besondere W\u00fcrze. Und Ken trinkt den Erdbeermix. Der ist ohne Rucola und habe die sch\u00f6nere Farbe. Dann sind die drei Minuten um. Kermit sagt, dass die S-Bahnen echt voll waren heute. Jane kratzt den Zuckerrand vom Glas mit dem Rucola-Bananen-Mix und \u00fcberlegt. \u201eJa, ziemlich voll, das Gef\u00fchl hatte ich auch.\u201c<\/p>\n<p>Jane, Kermit und Ken warten auf den Beginn der Single-Tour am Flughafen, eine D\u00e4mmerlicht-Rundfahrt an den Landebahnen, flackerfreie LED-Lichter statt Kerzenschein, aber hey: Der Flughafen, das wissen ja viele gar nicht, ist von einem Internetportal zum \u201eAirport of Love\u201c gek\u00fcrt worden, was bedeuten soll, dass man dort besonders gut flirten kann. Oder eben besonders schlecht, wenn man es muss. Jane, Kermit und Ken haben aber sowieso etwas Wichtiges noch nicht verstanden.<\/p>\n<h2>N\u00fctzliche Singels<\/h2>\n<p>Soziologen haben das Single-Leben als erstrebenswertes Ideal entdeckt. Es hei\u00dft, Alleinlebende seien die zufriedeneren, sozialeren, gl\u00fccklicheren Menschen. Der Amerikaner Eric Klinenberg, Autor der Single-Bibel \u201eGoing Solo\u201c, fand heraus, dass Singles n\u00fctzlich sind, weil sie sich h\u00e4ufiger ehrenamtlich engagieren. Und die B\u00fccher der Soziologin Eva Illouz lesen sich so, als sei die Liebe heutzutage gar nicht mehr so das gro\u00dfe Ding.<\/p>\n<p>\u201eIst das hier diese Tour?\u201c Die Frau dehnt das \u201ediese\u201c, es taugt nur schlecht zum St\u00f6psel f\u00fcr das Loch, das das unausgesprochene Wort \u201eSingle\u201c in ihren Satz gerissen hat. Ein Wort, das wohl das am wenigsten benutzte Wort \u00fcberhaupt ist auf Single-Partys: Es kommt durchschnittlich null Mal vor. Ja, das ist \u201ediese\u201c Tour und dort hinten bei Norbert, da kann man die Schildchen aus den T\u00fctchen ziehen. Auf denen stehen Namen wie Jane, Kermit und Ken sowie die ihrer Partner: Tarzan, Miss Piggy und Barbie.<\/p>\n<p>Dann geht es los, und Jane hat geahnt, was und wer jetzt kommt. Sie hat ihn sogar schon gesehen. Ein bisschen abseits guckt er konzentriert in sein Fruchtsaftglas und stochert mit dem Strohhalm im gelb-gr\u00fcnen Rest. Tarzan hat nach hinten gegelte Haare und tr\u00e4gt eine Steppjacke. Aber vielleicht ist er ja ein gl\u00fccklicher Mensch.<\/p>\n<h2>Witze \u00fcber Kassel-Calden<\/h2>\n<p>Norbert sagt, die Damen m\u00fcssen im Bus am Fenster sitzen und die Herren am Gang. Auf den Sitzen liegt je ein Pappherz, da kann man drauf schreiben, wen man unbedingt kennenlernen m\u00f6chte. Barbie mag Ken nicht so gern, sie w\u00fcrde lieber neben dem gro\u00dfen, jungen Mann mit den sanften Augen sitzen, den sie beim Saftempfang eben schon umlagert hat. Der tr\u00e4gt kein Namensschild, und unter den vielen mit ihrer zur Schau gestellten Verzweiflung ist er verdammt attraktiv. Er geh\u00f6rt zum Flughafenpersonal und sieht so aus, als w\u00e4re er gern woanders. Barbie guckt, als w\u00fcrde sie eine Kaugummi-Blase machen, nur ohne zu kauen, aber es hilft nichts: Sie geh\u00f6rt zu Ken.<\/p>\n<p>Tarzan ist ein netter Mensch, er entschuldigt sich jedes Mal, wenn er sich \u00fcber Jane lehnt, um die Flugzeuge durch die Busscheibe zu fotografieren. Boeing 747-8. Boeing 747. Tarzan sagt, er habe diese Tour von Freunden geschenkt bekommen. Boeing 787, geflogen von Air India und Ethiopian Airlines. \u201eWer will, kann hier noch nach Addis Abeba umsteigen.\u201c Reiseleiter Nobert sagt so etwas gern, macht Witze \u00fcber Kassel-Calden und \u00fcber, jaja, den Willy-Brandtschutz-Flughafen.<\/p>\n<p>Am Kerosintank m\u00fcssen die Herren aufstehen. Jeder r\u00fcckt drei Pl\u00e4tze weiter. Neben Jane landet Franz, er kommt gerade von Sissi und interessiert sich nicht f\u00fcr Flugzeuge. Er fragt und fragt und erz\u00e4hlt und erz\u00e4hlt: Software-Entwickler ist er, aus Russland, geboren an der Wolga, da wo auch Lenin herkommt. Franz sagt, er sei hier, weil er gern neue Menschen kennenlerne.<\/p>\n<h2>Im frischgewaschenen Hemd<\/h2>\n<p>Ach, Franz. Du bist also zuf\u00e4llig hier, so wie die anderen auch, an einem Donnerstag p\u00fcnktlich um 18 Uhr, parf\u00fcmiert und im frisch gewaschenen Hemd? Jane sagt, dass sie zu oft allein sei und deshalb hier. Franz zeigt auf die Halle mit den Airbus 380. Die steht heute offen, ein Gl\u00fcckstag, das passiert sonst nie.<\/p>\n<p>Alleinsein, das ist trotz der sch\u00f6nen, neuen Worte in den B\u00fcchern und Magazinen immer noch ein Makel, und unter denen, die auch allein sind, f\u00e4llt er nur noch mehr auf. Ist ja auch kein Wunder, da braucht Franz in seinem Mobiltelefon nur das soziale Netzwerk Facebook aufrufen, da ist das Dilemma mobil verf\u00fcgbar: Partys, Urlaub, Sonnenunterg\u00e4nge. Das ganze Leben der anderen. Dass einer einsam ist, steht da nicht, da k\u00f6nnen Klinenberg und Illouz noch so klug gegen anschreiben: Allein ist doof.<\/p>\n<h2>Alkohol und Fr\u00fchlingsrollen<\/h2>\n<p>Single-Partys sind ein Ph\u00e4nomen der sp\u00e4ten neunziger Jahre. Damals wurden die Fisch-sucht-Fahrrad-Partys in Berlin erfunden, die sp\u00e4ter auch alle sechs Wochen im S\u00fcdbahnhof in Sachsenhausen gefeiert wurden. Dann kam lange nichts. Deshalb sei es jetzt wieder an der Zeit daf\u00fcr, finden Party-Veranstalter. Vielleicht ist auch die inzwischen dauernde Pr\u00e4senz der Gl\u00fcckseligkeit der anderen die Ursache f\u00fcr die Renaissance des Single-Feierns. Im Oktober bekommt Frankfurt wieder eine w\u00f6chentliche Single-Party, veranstaltet im Velvet-Club in der Innenstadt.<\/p>\n<p>Am Flughafen geht\u2019s erst einmal raus aus dem Bus und ran an den Sekt. In der Bar des Sheraton Hotels gibt es Alkohol und Fr\u00fchlingsrollen. Mickey hat Minnie verloren, und C\u00e4sar \u00fcbersieht Kleopatra auff\u00e4llig, aber weil Mickey 40 Mal im Jahr Rundfahrten am Flughafen macht und C\u00e4sar in der Branche arbeitet, sind die beiden an dem Abend das Paar, das den ehrlichsten Spa\u00df hat.<\/p>\n<p>Jane geh\u00f6rt zu Tarzan und wartet mit ihm auf den Sekt. Pl\u00f6tzlich schiebt sich Franz mit zwei Gl\u00e4sern dazwischen und dr\u00fcckt Jane eines davon in die Hand. \u201eProst.\u201c Ein beeindruckender Diebstahl. Ein sch\u00f6nes Einzelst\u00fcck an diesem Abend. Zum Flirten waren wir ja aber auch nicht hier, das w\u00e4re ja traurig.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/single-tour-am-flughafen-die-glueckseligkeit-der-anderen-12588728.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/menschen\/single-tour-am-flughafen-die-glueckseligkeit-der-anderen-12588728.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Single-Tour am Flughafen sind angeblich alle nur zuf\u00e4llig da. 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