{"id":18580,"date":"2013-10-15T16:08:11","date_gmt":"2013-10-15T16:08:11","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18580"},"modified":"2013-10-15T16:08:11","modified_gmt":"2013-10-15T16:08:11","slug":"deutschlands-wundersame-stromschwemme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18580","title":{"rendered":"Deutschlands wundersame Stromschwemme"},"content":{"rendered":"<p>Deutschland produziert so viel Strom, dass es die \u00dcbersch\u00fcsse verscherbeln muss. Wieso wird der Strom dann nicht billiger?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die ganze Welt schaut auf Deutschlands Energiewende. Hoffentlich lacht sie sich nicht l\u00e4ngst ins F\u00e4ustchen, die Welt, angesichts der ganzen Sonderheiten, Paradoxien und kleinen Wunder, die dieser monumentale Systemumbau produziert.<\/p>\n<p>Das erste Wunder ist ein positives, dass der Strom n\u00e4mlich noch immer unverdrossen aus der Steckdose kommt, obwohl Deutschland im Jahr 2011 acht seiner 17 Atomkraftwerke vom Netz genommen hat. Acht Reaktoren, das ist nicht nichts, sondern in anderen Zeiten gen\u00fcgend, um gro\u00dfe Teile des Landes zu versorgen. Zwar plante die Bundesregierung beim Ausstieg 2011, konventionelle Kraftwerke und \u00d6kostrom sollten gemeinsam die L\u00fccke f\u00fcllen. Doch nicht nur Lobbyisten warnten laut vor Stroml\u00fccken. Diese d\u00fcsteren Prophezeiungen werden jeden Tag von der Wirklichkeit widerlegt. Ein gro\u00dfer Blackout w\u00e4re l\u00e4ngst einmal f\u00e4llig gewesen. Aber nichts passierte.<\/p>\n<h2>Wind und Photovoltaik verderben den Gaskraftwerken das Gesch\u00e4ft<\/h2>\n<p>Es kommt noch besser: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/energiepolitik\/heizung-haushalte-verbrauchen-weniger-energie-12610413.html\">Deutschland hat nicht zu wenig, sondern h\u00e4ufig viel zu viel Strom. <\/a>An manchen Tagen, wenn der Wind weht, gleichzeitig die Sonne scheint, w\u00e4hrend der Verbraucher nur z\u00f6gerlich konsumiert, wei\u00df das Land nicht, wohin mit seiner Energie. Wind und Sonne liefern viel mehr Strom als kalkuliert. Am 24. M\u00e4rz dieses Jahres steuerten Photovoltaik und Wind gegen 14 Uhr ganze 70 Prozent des Stroms bei. Das war zwar eine Ausnahme mit viel Wind an einem klaren Tag, aber die Ausnahmen werden sich h\u00e4ufen mit dem Ausbau der Erneuerbaren.<\/p>\n<p>Das klingt zwar gut, hat aber eine erste Konsequenz, die so nicht geplant war: Wind und Photovoltaik sind so erfolgreich, dass sie inzwischen Gaskraftwerken das Gesch\u00e4ft verderben. Das ist selbst f\u00fcr Freunde des \u00d6kostroms ein bisschen unheimlich, weil sie f\u00fcr die Gaskraftwerke die Rolle als eine Art Libero der Stromversorgung vorgesehen hatten.<\/p>\n<p>Gaskraftwerke haben n\u00e4mlich zwei gro\u00dfe Vorteile: Von den Kraftwerken, die Treibhausgase emittieren, sind sie die am wenigsten dreckigen, und sie k\u00f6nnen schnell hoch- oder heruntergefahren werden, wenn der Wind auf Grund h\u00f6heren Ratschlusses gerade mal nicht liefert: Er weht nicht oder so stark, dass die Windr\u00e4der stillgestellt werden, damit es sie nicht zerrei\u00dft. Doch die Rolle als Libero m\u00fcssen die Gaskraftwerke absagen: Alle gro\u00dfen deutschen Energieversorger hegen nun Schlie\u00dfungspl\u00e4ne.<\/p>\n<h2>Gro\u00dfhandelspreise sinken auf ein Niedrigniveau<\/h2>\n<p>Die wahre Ursache f\u00fcr die Stromschwemme ist <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/energiepolitik\/eeg-umlage-union-will-oekostromfoerderung-kappen-12616398.html\">die attraktive F\u00f6rderung, die den Betreibern Verg\u00fctungss\u00e4tze f\u00fcr den \u00d6kostrom garantiert, f\u00fcr 20 Jahre fest<\/a>. Damit kann man prima planen und an guten Standorten gutes Geld verdienen. Dazu kommt, dass die Betreiber immer einspeisen d\u00fcrfen. Und schlie\u00dflich der wichtigste Punkt: die Netzbetreiber m\u00fcssen die \u00d6kostrom-Mengen nicht nur einsammeln, sondern \u00fcber die Stromb\u00f6rsen verkaufen. Die Wucht dieses Marktdesigns sollte man nicht untersch\u00e4tzen. Denn damit wurde ein System konstruiert, in dem die ziemlich unzuverl\u00e4ssigen Stromlieferanten Wind und Sonne bestimmen, was in der gesamten Energieversorgung gespielt wird. Das war wom\u00f6glich sogar gewollt. Aber es ist ziemlich verr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die Folge der Stromschwemme ist zun\u00e4chst einmal so, wie sie die J\u00fcnger der Marktwirtschaft auch erwarten w\u00fcrden. Das hohe Angebot dr\u00fcckt die Preise. Tats\u00e4chlich sind die Gro\u00dfhandelspreise ohne Steuern und andere Aufschl\u00e4ge auf ein Niedrigniveau geschrumpft. 2012 betrug der B\u00f6rsenstrompreis im Jahresmittel traumhaft g\u00fcnstige 4,3 Cent pro Kilowattstunde, was schon unter den Produktionskosten einzelner Kraftwerke liegt. Dieses Jahr setzt sich die seit 2009 w\u00e4hrende Talfahrt des Strompreises fort.<\/p>\n<h2>\u00d6kostrom an der B\u00f6rse<\/h2>\n<p>Im ersten Halbjahr 2013 hat sich die Zahl der Stunden, in denen der Strom nur zu Niedrigpreisen an den B\u00f6rsen (zwischen 1 und 0 Cent je Kilowattstunde) verkauft werden konnte, gegen\u00fcber dem ersten Halbjahr 2012 fast vervierfacht. Noch verr\u00fcckter: Die Zahl der Stunden, in denen man jemandem Geld geben musste, damit er das Zeug abnahm, hat um etwa 50 Prozent zugenommen. Das hat ausgerechnet eine Studie f\u00fcr die Bundestagsfraktion der Gr\u00fcnen ermittelt. Die \u00dcbersetzung lautet: Der Strom hat immer h\u00e4ufiger einen negativen Preis. \u00d6konomen w\u00fcrden vermutlich an dieser Stelle sagen, auch solche negativen Preisen sind Marktsignale. Nur bedeuten sie in diesem Fall auch, dass eine komplett sinnentleerte Maschine mit dem einzigen Zweck, den \u00fcberz\u00e4hligen Strom der B\u00f6rse zu verbraten, theoretisch Millionen scheffeln k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Der \u00d6kostrom kommt nun also ungebremst an die B\u00f6rse, ob es eine Nachfrage gibt oder nicht &#8211; und erzeugt oft niedrige Strompreise. Der Preis spielt aber weder f\u00fcr Windradbesitzer noch f\u00fcr Netzbetreiber eine Rolle. Dem Windradbesitzer ist er komplett egal, weil er zu Festpreisen vom Netzbetreiber verg\u00fctet wird. Dem Netzbetreiber ist der Preis auch schnuppe, denn er holt sich das Restgeld vom Stromkunden.<\/p>\n<h2>Die EEG-Umlage sorgt daf\u00fcr, dass wir von B\u00f6rsenpreisen nicht profitieren<\/h2>\n<p>Der Stromkunde allerdings k\u00f6nnte eigentlich profitieren. M\u00fcsste er nicht die sogenannte EEG-Umlage zahlen, deren H\u00f6he f\u00fcrs neue Jahr an diesem Dienstag bekanntgegeben wird. <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/oekostrom-foerderung-eeg-umlage-steigt-auf-6-3-cent-12609291.html\">Sie d\u00fcrfte sich bei sechs Cent pro Kilowattstunde Strom einpendeln<\/a>, worauf noch einmal 19 Prozent Mehrwertsteuer geschlagen werden. Damit liegt die EEG-Umlage deutlich \u00fcber dem B\u00f6rsenpreis f\u00fcr Strom selbst. Dass Abgaben auf ein Produkt seinen Nettopreis \u00fcbersteigen, ist eine Rarit\u00e4t, die sonst nur bei Zigaretten und Treibstoff bekannt war.<\/p>\n<p>Ermittelt wird die Umlage von den Netzbetreibern. Sie summieren die Verg\u00fctungen f\u00fcr \u00d6kostrom, die sie an Bauern und andere Unternehmer f\u00fcr ihren Wind-, Sonnen- oder anderen \u00d6kostrom \u00fcberwiesen haben. Davon ziehen sie die Einnahmen ab, die sie aus dem Verkauf des \u00d6kostroms an der Stromb\u00f6rse erzielen. Heraus kommt die EEG-Umlage pro Kilowattstunde. Die wird \u00fcber die Stromrechnung eingezogen. \u00dcber die Abrechnungstechnik kann man nicht meckern. Nur erscheint das Ergebnis etwas schr\u00e4g. Ist der B\u00f6rsenpreis niedrig, leidet der Kunde, weil die \u00d6kostromumlage hoch ist. Ist die Umlage niedrig leidet der Kunde genauso, weil dann der B\u00f6rsenpreis hoch ist.<\/p>\n<h2>\u00d6sterreich freut sich<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend die B\u00fcrger in Deutschland also nicht vom billigen Strom profitieren, d\u00fcrften die Nachbarn eine gewisse Dankbarkeit versp\u00fcren. Und das hat folgende Ursache: Mangels Speicherm\u00f6glichkeiten muss der produzierte Strom in der gleichen Sekunde verbraucht werden. Sonst knallt es im Netz. Weil sich das deutsche Angebot aber nicht nach der Nachfrage richtet, sondern nach Willk\u00fcr des Windes und der Sonne und den technisch-physikalischen Grenzen der Kohlekraftwerke, gibt es immer h\u00e4ufiger viel, gelegentlich zu viel Strom. Der \u00dcberschuss wird ins Ausland verscherbelt, verschenkt oder mit Aufpreis weggegeben. Damit subventioniert der deutsche Stromkunde die niedrigen Strompreise vor allem in Holland und in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Die Alpenrepublik baut rund um die deutschen Niedrigpreise gerade ein wunderbares Gesch\u00e4ftsmodell mit dem Arbeitstitel: Gr\u00fcne Batterie Europas. Das Land baut seine Pumpspeicherkraftwerke systematisch aus. Sie nehmen den \u00fcbersch\u00fcssigen Windstrom aus Norddeutschland &#8211; im besten Fall gegen Entgelt, im zweitbesten f\u00fcr lau -, und treiben damit ein Pumpensystem an, das Wasser eines k\u00fcnstlichen Sees von einem niedrigen auf ein hohes Niveau hievt. Zu geeigneter Zeit wird das Wasser wieder heruntergelassen \u00fcber eine Strom produzierende Turbine. Geeignet ist die Zeit, wenn an der Stromb\u00f6rse hohe Preise daf\u00fcr erzielt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Ein Netzproblem der besonderen Art<\/h2>\n<p>Wenn es ganz bl\u00f6d l\u00e4uft f\u00fcr Deutschland, dann verschenkt es morgens seinen Strom an \u00d6sterreich, um ihn abends wieder teuer zur\u00fcckzukaufen. Berechnungen zufolge haben deutsche Haushalte den billigen Strom der Nachbarn im vergangenen Jahr mit bis zu drei Milliarden Euro bezahlt. Allerdings gibt es auch Klagen in Nachbarl\u00e4ndern. In Holland werden &#8211; ebenso wie hierzulande &#8211; mehrere Gaskraftwerke geschlossen, weil sie mit dem heruntersubventionierten Strom aus Deutschland nicht mehr mithalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Damit ist die Belastung des normalen deutschen B\u00fcrgers noch nicht allumfassend beschrieben. Er bezahlt ferner f\u00fcr ein besonderes Netzproblem. Voriges Jahr konnten die Netzbetreiber 421 Millionen Kilowattstunden Strom schlicht nicht aufnehmen, weil es sonst zu einem Blackout gekommen w\u00e4re. Den gr\u00f6\u00dften Anteil am nicht abgenommenen Strom hatten Windkraftwerke. Diese sogenannte Ausfallarbeit hat sich seit 2010 verdreifacht. Sie wird bezahlt, weil man ja den Windr\u00e4dern nicht vorwerfen kann, dass f\u00fcr ihre Energie gerade einmal keine Leitung frei ist. Die Rechnung \u00fcbernehmen indirekt die deutschen Verbraucher, im Vorjahr schon rund 33 Millionen Euro.<\/p>\n<h2>Sonderverg\u00fctungen und Ausfallzahlungen<\/h2>\n<p>Weitere Zahlungspflichten entstehen bei Windparks im Meer. Der Verbraucher haftet, wenn fertige Windparks nicht ans Netz angebunden werden, weil Leitungen fehlen. Auch einige konventionelle Kraftwerke vor allem s\u00fcdlich der Mainlinie gehen nicht leer aus. Sie bekommen Sonderverg\u00fctungen daf\u00fcr, dass sie am Netz bleiben, um einzuspringen, wenn Not am Mann ist. Zus\u00e4tzliche Kosten entstehen dem B\u00fcrger und vielen Firmen durch zahlreiche Ausnahmen, die vor allem gro\u00dfe Unternehmen in Anspruch nehmen.<\/p>\n<p>Ein relativ frisches Thema mit Potential zur Kostenproduktion ist die Nachfragesteuerung. Wenn das Angebot sich nicht an die Nachfrage h\u00e4lt, so muss sich die Nachfrage eben nach dem Angebot richten, sprich Aluminiumh\u00fctten als Gro\u00dfverbraucher fahren ihre Produktion herunter, wenn der Wind nicht so will, wie er sollte. Klar bekommt die H\u00fctte den Ausfall bezahlt. Das ist ja schon fast Ehrensache und vermutlich unerheblich angesichts einer kumulierten Einspeiseverg\u00fctung, die der noch amtierende Umweltminister Peter Altmaier auf eine Billion Euro bezifferte. Mit diesem Wissen muss sich kein B\u00fcrger \u00fcber st\u00e4ndig steigende Strompreise wundern.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/energiepolitik\/energiewende-paradox-deutschlands-wundersame-stromschwemme-12615682.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/energiepolitik\/energiewende-paradox-deutschlands-wundersame-stromschwemme-12615682.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland produziert so viel Strom, dass es die \u00dcbersch\u00fcsse verscherbeln muss. 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