{"id":18514,"date":"2013-08-06T16:07:55","date_gmt":"2013-08-06T16:07:55","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18514"},"modified":"2013-08-06T16:07:55","modified_gmt":"2013-08-06T16:07:55","slug":"bozen-und-der-nackte-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18514","title":{"rendered":"Bozen und der nackte Mann"},"content":{"rendered":"<p>S\u00fcdtirol, Italiens n\u00f6rdlichster Provinz, geht es relativ gut. Man spricht, denkt, f\u00fchlt hier anders &#8211; und will die eigene Autonomie erweitern. Aber wie? Und was wird Rom zulassen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">In der Kneipe von Nadamas ist noch nach Mitternacht Betrieb, wenn schon die letzten Hunde ausgef\u00fchrt und die B\u00fcrgersteige gereinigt worden sind. Einer der G\u00e4ste blickt durch den golden funkelnden Wein in seinem Glas und sagt, er sei der Nationalit\u00e4t nach \u00d6sterreicher und arbeite mit Italienern zusammen. \u201eIch bin darum in beiden Sprachwelten und Temperamenten zuhause.\u201c Die anderen G\u00e4ste nennen den Mann um die 50 mal Johannes, mal Giovanni &#8211; Deutsch und Italienisch vereint beim Griechen in Bozen. Er sagt von sich: \u201eIch bin S\u00fcdtiroler.\u201c Und philosophiert: \u201eWir S\u00fcdtiroler leben an der Grenze zwischen Butter- und \u00d6lland, zwischen Tanne und Palme.\u201c Johannes arbeitet in einem Edelstahlwerk, das Mussolini 1933 hier ansiedelte, um, so zitiert Johannes den faschistischen Jargon jener Jahre, \u201emit moderner Industrie die b\u00e4uerlich deutsche R\u00fcckst\u00e4ndigkeit zu \u00fcberwinden\u201c. Im S\u00fcden von Bozen nahe des Flughafens ist seither die mittelst\u00e4ndische Industrie zuhause. Darunter sind auch viele deutsche Unternehmen, die die deutsche Mentalit\u00e4t S\u00fcdtirols sch\u00e4tzen, aber den italienischen Markt suchen.<\/p>\n<p>\u201eMein Gro\u00dfvater war Sizilianer\u201c, sagt ein Arbeitskollege von Johannes auf Deutsch. Als Kind habe er in den Ferien immer nach Sizilien \u201eheimfahren\u201c m\u00fcssen. Das h\u00e4tten dann schon die Eltern abgestellt und Oma nach Bozen geholt. \u201eJetzt sind wir alle hier zuhause.\u201c Eine Frau erg\u00e4nzt auf Italienisch: \u201eIch habe einen Deutschen geheiratet. Unsere Kinder sind S\u00fcdtiroler &#8211; aus beiden Sprachen und Welten haben sp\u00e4testens sie eine gemacht.\u201c Die neue Debatte \u00fcber die Autonomie entstehe doch nur, \u201eweil wir in ganz Europa in der Wirtschaftskrise stecken\u201c. Da versuchten schlaue Politiker Stimmen zu gewinnen, indem sie eine goldene Insel S\u00fcdtirol verspr\u00e4chen.<\/p>\n<h2>Autonomie als Zwischenl\u00f6sung<\/h2>\n<p>Die \u201eneue Debatte\u201c: Gemeint sind die in den vergangenen Jahren wieder lauter gewordenen Forderungen nach einer wie auch immer gearteten Unabh\u00e4ngigkeit von Italien. Nach dem Untergang des Habsburgerreiches wurde im Frieden von Saint-Germain von 1919 der s\u00fcdliche Teil der alten Grafschaft vom Rest Tirols abgespalten und Italien zugesprochen. Viel ist seither \u00fcber das Land hingezogen. Es gab die brachialen Versuche der Italienisierung durch den bald faschistisch regierten Staat- es gab die Verabredung der Diktatoren Mussolini und Hitler, die deutschsprachigen S\u00fcdtiroler \u201eheim ins Reich\u201c zu holen- es gab nach dem Krieg die Vereinbarung zwischen \u00d6sterreich und Italien, eine autonome Provinz innerhalb Italiens einzurichten. Eine Autonomie, die zun\u00e4chst von Italien kalt unterlaufen wurde, was in Spannungen bis hin zu Bombenanschl\u00e4gen auf Strommasten durch militante S\u00fcdtiroler m\u00fcndete- Carabinieri kamen unter teils ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden ums Leben. Und endlich, seit den siebziger Jahren, eine langsame Entspannung und der Ausbau der Selbstverwaltung bis hin zu der heute bestehenden, so die Regierungssprache, \u201esehr weitgehenden Autonomie\u201c.<\/p>\n<p>Elmar Thaler ist ein drahtiger Mann von etwas unter Vierzig. Er empf\u00e4ngt den Besucher in Neumarkt, einem St\u00e4dtchen eine halbe Stunde s\u00fcdlich von Bozen, im B\u00fcro seines Werbedesignstudios. Thaler tr\u00e4gt zivil. Noch am vorigen Wochenende trug er die Tracht eines Majors der S\u00fcdtiroler Sch\u00fctzen. Als deren Landeskommandant musste er nat\u00fcrlich dabei sein, als eine Nachbildung der Landessch\u00fctzenfahne von 1848 gesegnet wurde. Die Tiroler Sch\u00fctzen, so erl\u00e4utert Thaler, entstammen einer jahrhundertealten milit\u00e4rischen Tradition. \u201eFr\u00fcher haben sie das Land mit der Waffe verteidigt, heute verteidigen wir es mit der Waffe der Worte und des Geistes.\u201c Das bedeute \u201ekulturelle Arbeit\u201c, Brauchtumspflege, aber auch politische Wortmeldungen. Und wie h\u00e4tten sie es gerne, die in 143 Kompanien organisierten 5000 S\u00fcdtiroler Sch\u00fctzen? \u201eDas Ziel ist ganz sicher, das eint alle Sch\u00fctzen und auch sonst viele Menschen in diesem Land, dass wir von Italien wegwollen.\u201c<\/p>\n<p>        \t                        \t<!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Weg also. Das ist schon einmal klar. Wohin, das ist weniger klar. Die einen sagten, so z\u00e4hlt Thaler auf, es solle ein eigener Freistaat sein, andere wollten zur\u00fcck zu \u00d6sterreich, wieder andere spr\u00e4chen von einem Gebilde in einem Europa der Regionen. Satzungsgem\u00e4\u00df steht f\u00fcr die Sch\u00fctzen als Endziel die Wiedervereinigung Tirols. Wie, das sei dann wieder Sache der Politik. \u201eItalien ist ein sch\u00f6nes Land, wenn man dahin in Urlaub fahren kann und danach wieder nach Hause\u201c, sagt Thaler mit sanfter Stimme. \u201eDas ist nicht b\u00f6se gemeint.\u201c Dabei versucht der Sch\u00fctzenpr\u00e4sident klarzumachen, dass es um Heimat geht und nicht um irgendetwas Nationales oder Ethnisches. Schlie\u00dflich sei Tirol seit je nicht ein einsprachiges Land gewesen, sondern mit deutsch, ladinisch (einer romanischen Sprache) und italienisch merhsprachig. Es gebe auch im italienischsprachigen \u201eWelschtirol\u201c (Trentino) 21 Sch\u00fctzenkompanien. \u201eEs geht nicht um die Sprache, sondern um die Lebenseinstellung und wo man sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlt.\u201c<\/p>\n<p>Die Autonomie ist f\u00fcr Thaler nichts Schlechtes, aber eine Zwischenl\u00f6sung. \u201eSie soll, solange wir zu Italien geh\u00f6ren, das \u00dcberleben dieser Tiroler Minderheit in Italien sichern.\u201c Das sei schwierig genug: Nirgends in der Welt habe eine derart kleine Minderheit sich auf Dauer erhalten k\u00f6nnen. Die Politiker der seit dem Krieg mit absoluter Mehrheit regierenden S\u00fcdtiroler Volkspartei (SVP) kritisiert er f\u00fcr ihren pragmatischen Ansatz, die Autonomie als \u201ebestm\u00f6glichen\u201c, nur noch etwas auszubauenden Zustand anzusehen: \u201eBald kommt es mir so vor, als w\u00fcrde diese Autonomie als Geldschalter, als Bankomat gesehen.\u201c Wenn ihm entgegengehalten wird, dass Italien S\u00fcdtirol kaum aus seinem Staatsverband entlassen w\u00fcrde und Grenzverschiebungen im modernen Europa kaum vorstellbar seien, sagt Thaler: \u201eIm Prinzip ist gar nichts unm\u00f6glich. Wenn wir das Geschichtsbuch aufschlagen, dann sehen wir, dass sich dauernd Grenzen ver\u00e4ndert, verschoben, vereinigt haben. Wir sind nicht an einem Ende angelangt. Vor allem m\u00fcssen wir es wollen.\u201c<\/p>\n<h2>Vertrauen zwischen Italien und S\u00fcdtirol gewachsen<\/h2>\n<p>Die S\u00fcdtiroler Autonomie fu\u00dft auf einem internationalen Vertrag von 1946 zwischen Italien und \u00d6sterreich, der bei den Vereinten Nationen hinterlegt ist. Seither hat \u00d6sterreich offiziell eine Schutzfunktion f\u00fcr die deutschsprachige Minderheit (das s\u00fcdlich des Brenners gel\u00e4ufige Wort \u201eSchutzmacht\u201c gebrauchen die Wiener Diplomaten nicht so gerne). Tats\u00e4chlich waren es die S\u00fcdtiroler mit ihren Anf\u00fchrern Silvius Magnago und Luis Durnwalder, die internationale Legitimierung nat\u00fcrlich im R\u00fccken, die das Autonomiepaket aushandelten. Es sieht die Selbstverwaltung auf fast allen Feldern vor, Au\u00dfenpolitik und Verteidigung, Polizei, Gerichtsbarkeit und Steuerhoheit ausgenommen. Im Mail\u00e4nder Abkommen wurde 2010 vereinbart, das 90 Prozent des Steueraufkommens nach S\u00fcdtirol zur\u00fcckflie\u00dfen. Nur leider hielt sich der im \u00fcbrigen Europa vielgelobte fr\u00fchere italienische Ministerpr\u00e4sident Mario Monti nicht daran. Er verfuhr nach dem Motto: Not kennt kein Gebot. Zwar hat der italienische Staat die dazu von S\u00fcdtirol &#8211; italienisch: Alto Adige &#8211; angestrengten Prozesse fast alle verloren, doch das Geld floss trotzdem nicht. Landeshauptmann Durnwalder sagt dazu: \u201eWie sollst du dem nackten Mann das Hemd abziehen?\u201c Der Landeshauptmann hat deswegen ein neues Projekt, so wie er in den 24 Jahren seiner Amtszeit immer am Ausbau der Autonomie gefeilt hat. Er will nicht am Schl\u00fcssel von 90:10 r\u00fctteln, aber die S\u00fcdtiroler sollen selbst die Steuern erheben d\u00fcrfen und den Zehnten dann nach Rom schicken. \u201eBeatus possidens\u201c, sagt Durnwalder &#8211; gl\u00fccklich der, der das Geld in der Hand h\u00e4lt, so \u00fcbersetzt es der alte Fuchs.<\/p>\n<p>Ob nicht Rom doch lieber selbst gl\u00fccklich bleiben m\u00f6chte in all seinem sonstigen Ungl\u00fcck, muss sich allerdings noch erweisen. Immerhin will an diesem Montag Ministerpr\u00e4sident Enrico Letta nach Bozen reisen, um eine entsprechende Absichtserkl\u00e4rung zu unterzeichnen. Durnwalder bietet daf\u00fcr einige weitere hundert Millionen Euro aus dem bislang S\u00fcdtirol zustehenden Steueraufkommen an. S\u00fcdtirol sei durchaus bereit, sich an der Krisenbew\u00e4ltigung zu beteiligen. Schlie\u00dflich h\u00e4tten die auf dem Sonnendeck auch nichts davon, wenn das ganze Schiff sinke. \u201eAber wir m\u00f6chten selber bestimmen, wo wir die Einsparungen machen.\u201c<\/p>\n<p><script type=\"text\/javascript\">initGMaps('46.4982953', '11.3547582', 8 - 1, true, '','', 'GeoMapArticleVolltext')-<\/script><span class=\"GeoMapZoomLink\"><a title=\"Vergr\u00f6\u00dfern\" href=\"?selectedTab=geodata&#038;showMarginalSlot=0&#038;action=geodata\" onclick=\"openArticleTab('geodata', 0, 'article')-return false-\"><img decoding=\"async\" src=\"\/img\/icon_enlarge.gif\" alt=\"Vergr\u00f6\u00dfern\"><\/img><\/a><\/span><span class=\"GeoMapBottom\"><\/span><\/p>\n<p>Es ist nicht nur das Geld, das die S\u00fcdtiroler auf die Barrikaden gebracht hat. Sie z\u00fcrnen, weil die Regierungen Berlusconi und Monti immer wieder alles in Zweifel gezogen haben, was an Sondervereinbarungen getroffen worden ist &#8211; der eine wohl eher aus Wurstigkeit, der andere aus professoralem Rationalismus. Da pocht Durnwalder auf die internationale Verankerung. Der Sonderstatus S\u00fcdtirols sei &#8211; wegen des Minderheitenschutzes &#8211; eben etwas anderes als der Sonderstatus von Sizilien oder Julisch Venetien. \u201eDeshalb k\u00f6nnen wir es uns nicht gefallen lassen, wenn sie uns immer wieder etwas wegnehmen wollen.\u201c Am Ende geschehe das zwar nicht. Doch \u201eje schlechter uns Rom behandelt und je mehr sie einmal genehmigte Dinge in Zweifel ziehen, desto mehr geben sie gewissen Gruppierungen im eigenen Land Aufwind.\u201c Seine Partei, die SVP, sage: \u201eWir haben die Autonomie, die wollen wir noch ein bisschen ausbauen. Wir wollen noch ein paar Dinge haben, die Polizei, die Sprache der Gerichtsbarkeit, wir wollen die Finanzhoheit und so weiter. Autonomie, so wie vereinbart, plus Ausbau.\u201c<\/p>\n<p>Denjenigen, die einen Anschluss an \u00d6sterreich oder einen eigenen Staat wollen, h\u00e4lt Durnwalder entgegen, dass man noch so viele diesbez\u00fcgliche Referenden anberaumen k\u00f6nne, ohne dass auch nur eines zum Ziel f\u00fchrte. Nicht ohne das Einverst\u00e4ndnis Italiens. \u201eNicht einmal \u00d6sterreich w\u00e4re einverstanden. Deutschland w\u00fcrde uns auch nicht unterst\u00fctzen.\u201c Doch habe sich ohnehin in S\u00fcdtirol vieles gewandelt. \u201eIn den sechziger Jahren haben wir die Italiener gehasst. Und sie uns.\u201c Inzwischen sei &#8211; mit den Zugest\u00e4ndnissen der Autonomie &#8211; beiderseits das Vertrauen gewachsen. \u201eWir sind zu einer Art kleinem Europa geworden, wo drei Volksgruppen miteinander leben, einander auch erg\u00e4nzen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<h2>Elf Oppositionsparteien<\/h2>\n<p>Durnwalder ist 71 Jahre alt- nach mehr als 40 Jahren in der Regierung, davon 24 als Landeshauptmann, will er sich nach der Landtagswahl am 27. Oktober zur\u00fcckziehen. Manche meinen, w\u00e4re er vor vier Jahren gegangen, so w\u00fcrden heute viele sagen, \u201each, h\u00e4tten wir noch den Durnwalder\u201c &#8211; diesen Moment habe der SVP-Patriarch verpasst. Zu seinem Ansehensverlust hat der Skandal um den landeseigenen Energieversorger SEL beigetragen: Leute aus Durnwalders engstem Umfeld sollen Ausschreibungen zugunsten der SEL manipuliert haben. Er selbst gibt an, davon nichts mitbekommen zu haben &#8211; wie k\u00f6nne er auch, da sogar Akten gef\u00e4lscht worden seien. Verfahren stehen noch aus, eines gegen Durnwalder pers\u00f6nlich ist aber nicht absehbar.<\/p>\n<p>Es geht also nicht nur um ein Signal f\u00fcr die Wahl, sondern auch um das Verm\u00e4chtnis von Luis Durnwalder und seinen Platz in der Geschichte, wenn der scheidende Landeshauptmann noch allerlei Projekte anschieben will: Nicht nur die Steuererhebung, auch die Verteilung der Post wollen die S\u00fcdtiroler selbst \u00fcbernehmen. Es gehe um Lebensqualit\u00e4t im l\u00e4ndlichen Raum, versichert Durnwalder, nicht darum, aus der Posta Italia eine S\u00fcdtiroler Post zu machen. Es ist nat\u00fcrlich ausschlie\u00dflich ironisch gemeint, wenn er hinzuf\u00fcgt: \u201eEine Briefmarke mit einem sch\u00f6nen Bild von Luis Durnwalder gibt es leider nicht. Schweinerei, net?\u201c<\/p>\n<p>        \t                        \t<!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Zwei Drittel der S\u00fcdtiroler bezeichnen sich als deutschsprachig, ein Viertel ist italienisch, vier Prozent sind ladinisch. Jeder Vollj\u00e4hrige muss erkl\u00e4ren, welcher Sprachgruppe er sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlt &#8211; oder aber \u201ekeiner von diesen\u201c. Im letzteren Fall muss aber angegeben werden, bei welcher der drei Sprachgruppen man bei Anwendung des Proporzes ber\u00fccksichtigt werden m\u00f6chte. Das ist wichtig f\u00fcr Anstellungen im \u00f6ffentlichen Dienst &#8211; aber auch als Anhaltspunkt f\u00fcr die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse. Vor Jahrzehnten, als noch gezielt Menschen aus dem S\u00fcden hier angesiedelt wurden, gab es noch mehr \u201eItaliener\u201c. Aber wohin geh\u00f6ren nun die, deren Mutter \u201eDeutsche\u201c und Vater \u201eItaliener\u201c sind, so wie es bei Elena Artioli der Fall ist? Artioli sitzt f\u00fcr die Lega Nord im Landtag. Sie f\u00fchlt sich durch den ganzen Proporzgedanken in die Minderheit gedr\u00e4ngt, zudem einer Minderheit, die gar nicht gez\u00e4hlt wird: die der \u201eGemischtsprachigen\u201c. \u201eWir sind auch S\u00fcdtiroler\u201c, klagt sie. \u201eWarum d\u00fcrfen wir nicht auch eine Heimat haben?\u201c Sie m\u00f6chte am liebsten, \u201edass der Unsinn mit der Spracherkl\u00e4rung aufh\u00f6rt\u201c. Denn f\u00fcr sie bedeutet diese Anforderung zu erkl\u00e4ren: \u201eHast du die Mami lieber oder den Papi?\u201c Freilich, die Autonomiebestimmungen findet Artioli ansonsten auch gut, und ebenso das Vorhaben der Landesregierung, Rom mehr Geld anzubieten und daf\u00fcr das Recht zu erhalten, Steuern zu erheben.<\/p>\n<p>Im S\u00fcdtiroler Landtag stehen der scheinbar ewigen Regierungspartei SVP elf Oppositionsparteien entgegen, \u00fcberwiegend mit je einem oder zwei Abgeordneten: Italienisch-nationale, eine gr\u00fcne Partei, deutschsprachige Los-von-Rom-Parteien. Die in den achtziger Jahren von dem \u00d6sterreicher J\u00f6rg Haider ins Leben gerufenen S\u00fcdtiroler Freiheitlichen stellen mit f\u00fcnf Mandaten die st\u00e4rkste Oppositionsfraktion. Ihre Parteivorsitzende ist Ulli Mair. Die zierlich gebaute, aber k\u00e4mpferisch auftretende Parteichefin geht hart mit dem \u201eSystem SVP\u201c ins Gericht. Die SVP beherrsche S\u00fcdtirol, lasse nichts neben sich gelten, und \u201eAufstiegschancen in Politik, in der B\u00fcrokratie oder in den staatlich kontrollierten Unternehmen hat nur, wer zur SVP geh\u00f6rt\u201c. Das gelte auch f\u00fcr Zusammenschl\u00fcsse wie Bauern- und Handwerkerbund, die sich nicht scheuten, SVP-Wahlpropaganda zu machen. Mair kann auch holzen, bediente sich einmal antisemitischer Zungenschl\u00e4ge und konnte so gewiss W\u00e4hler am rechten Rand gewinnen- im Landtag aber gilt sie als harte Arbeiterin, die sich an der Aktenlage orientiert. Die Freiheitlichen wollen \u201eOpposition und Kontrollinstanz sein\u201c. Sie setzen wohl darauf, als Koalitionspartner der SVP gebraucht zu werden.<\/p>\n<h2>\u201eWir haben nichts mit Italien zu tun\u201c<\/h2>\n<p>\u201eWir wollen den Freistaat S\u00fcdtirol\u201c, f\u00e4hrt Ulli Mair fort, \u201edenn wir haben nichts mit Italien zu tun.\u201c Es sei unrealistisch, gegen die italienische Volksgruppe f\u00fcr eine Angliederung an \u00d6sterreich einzutreten. \u201eL\u00e4ngst leben hier Italiener in dritter und vierter Generation, die sich zu Hause f\u00fchlen und eine eigene Identit\u00e4t entwickelt haben.\u201c Die m\u00fcsse man einbinden und d\u00fcrfe \u201ekeine Politik gegen Italien\u201c betreiben, \u201esondern sollte im Gespr\u00e4ch mit Italien die eigene Zukunft aufbauen\u201c. So wie es in der Schweiz Deutsche, Franzosen und Italiener gebe, die alle zugleich auch Schweizer seien, sehe sie einen Freistaat S\u00fcdtirol mit einer deutschen, italienischen und ladinischen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Die Kritik Mairs gilt auch Arno Kompatscher, dem Mann, den die SVP als Spitzenkandidaten nominiert hat und den schon vor der Wahl jeder &#8211; au\u00dfer ihm selbst &#8211; als den \u201eNachfolger Durnwalders\u201c bezeichnet. Trotz all seiner Erneuerungsversprechen sei Kompatscher Teil des \u201eSystems SVP\u201c, sagt Mair. Doch pers\u00f6nlich will sie nichts auf ihn kommen lassen &#8211; beide sch\u00e4tzen erkl\u00e4rterma\u00dfen einander. S\u00fcdtirol mit seiner halben Million Einwohner ist klein, man kennt sich. Die Frau Kompatschers und Mutter seiner sechs Kinder kommt aus demselben Dorf wie Ulli Mair.<\/p>\n<h2>\u201eDer Freistaat ist eine Utopie\u201c<\/h2>\n<p>Arno Kompatscher, Jahrgang 1968, steht f\u00fcr einen Generationenwechsel in der S\u00fcdtiroler Volkspartei. Diese Lesart bedient er auch. Er wolle einen Stilwechsel, sagt er: Mehr Transparenz, mehr B\u00fcrgerbeteiligung. Damit versucht er sich gegen die Oppositionskritik an Filz und Freunderlwirtschaft zu immunisieren, welche die SVP bedrohen, zumindest ihre absolute Mehrheit. Vorsichtig l\u00e4sst der bisherige Kommunalpolitiker die Bereitschaft zu Reformen anklingen: Soziale F\u00f6rderung solle zwar nicht zur\u00fcckgefahren, aber geb\u00fcndelt werden- nicht alle Aufgaben m\u00fcssten \u00f6ffentlich wahrgenommen werden (ohne Entlassungen nat\u00fcrlich).<\/p>\n<p>Was die Autonomie betrifft, steht er aber auf der Linie Durnwalders &#8211; Kompatscher gebraucht daf\u00fcr die Schlagworte Subsidiarit\u00e4t und F\u00f6deralismus. \u201eDie DNA der Volkspartei ist es, die deutsche Minderheit zu besch\u00fctzen und zu bewahren.\u201c Doch dar\u00fcber hinaus w\u00fcnscht er sich f\u00fcr alle S\u00fcdtiroler, so etwas wie den deutschen Verfassungspatriotismus zu entwickeln, bezogen auf die S\u00fcdtiroler Autonomie. Er pers\u00f6nlich habe zum Beispiel kein Problem damit, wenn jemand italienischsprachig sei und auf der Liste der SVP kandidiere &#8211; solange er oder sie sich mit den Zielen der Partei identifiziere. Dass die Parole \u201eLos von Rom\u201c <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/europa\/nach-urteil-gegen-berlusconi-italien-riskiert-eine-form-des-buergerkriegs-12341801.html\">in diesen Krisenzeiten<\/a> f\u00fcr viele verf\u00fchrerisch sein k\u00f6nnte, gibt Kompatscher zu, wirft aber den Tr\u00e4gern dieser Parole vor, die Sache nicht (offen) zu Ende zu denken. \u201eDie l\u00fcgen sich in die Tasche. Denn bei einer Trennung m\u00fcssten wir einen Anteil der Verschuldung \u00fcbernehmen.\u201c Das w\u00fcrde nach Kompatschers Rechnung ein Viertel des Landeshaushalts kosten. \u201eIch bin gar nicht gegen den Freistaat. Aber es ist eine Utopie.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/europaeische-union\/autonomes-suedtirol-bozen-und-der-nackte-mann-12369274.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/europaeische-union\/autonomes-suedtirol-bozen-und-der-nackte-mann-12369274.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00fcdtirol, Italiens n\u00f6rdlichster Provinz, geht es relativ gut. Man spricht, denkt, f\u00fchlt hier anders &#8211; und will die eigene Autonomie erweitern. Aber wie? 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