{"id":18443,"date":"2013-08-18T12:33:39","date_gmt":"2013-08-18T12:33:39","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18443"},"modified":"2013-08-18T12:33:39","modified_gmt":"2013-08-18T12:33:39","slug":"lektion-in-klarer-kante","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18443","title":{"rendered":"Lektion in klarer Kante"},"content":{"rendered":"<p>Sprayer sind anarchisch, cool &#8211; und jung. Doch die Kunst des Graffito kann man auch mit 42 noch lernen. Oder? Teil 3 der Serie \u201eAlter, was geht?\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">In Kunst bin ich eigentlich immer ganz gut gewesen. Vor allem zeichnete ich gern: Auf Schulheften und Arbeitsbl\u00e4ttern verteilte ich Legionen lustiger Comic-Schweinchen. Schweine, wohl um mich abzugrenzen von den seinerzeit inflation\u00e4r auftretenden Ottifanten, kennt die noch einer? Meine Schweine sahen \u00e4hnlich aus, nur mit k\u00fcrzerem R\u00fcssel.<\/p>\n<p>Andererseits fuhr ich in Kunst die mieseste Zeugnisnote meiner Oberstufenzeit ein. Einen Gutteil des Unterrichts hatte ich damit verbracht, mit einem Mitsch\u00fcler selbstgekritzelte Bildchen auszutauschen, auf denen unserem rauscheb\u00e4rtigen Kunstlehrer &#8211; wie soll ich sagen &#8211; nicht sehr angenehme Dinge zustie\u00dfen, was dem guten Mann vermutlich nicht verborgen blieb. Und die Aufgabe, eine Lampe zu designen, l\u00f6ste ich mit einem Kunstlehrerkopf aus Ton, in den man eine Gl\u00fchbirne stecken konnte- in k\u00fcnstlerischer Freiheit plazierte ich eine Warze auf der Lehrernase. In jenem Halbjahr bekam ich in Kunst eine Vier minus. W\u00e4re ich mal besser bei den Schweinen geblieben.<\/p>\n<p>Jedenfalls f\u00fchle ich mich diesmal einigerma\u00dfen gewappnet f\u00fcr die neue Aufgabe, die ich mir gestellt habe: im fortgeschrittenen Alter von 42 das Graffiti-Spr\u00fchen zu erlernen &#8211; und einmal umweht zu werden von jenem Hauch Anarchie und Coolness, der Schweinebildchenkritzlern gew\u00f6hnlich verwehrt bleibt. Die allerorts ans Mauerwerk geschmierten Namensz\u00fcge, \u201eTags\u201c genannt, sind eh keine Kunst, und ein halbwegs passables Wandbild sollte ich auch hinbekommen. Glaube ich. Und mache mich auf zur Frankfurter Naxoshalle, wo jeden Mittwochnachmittag der Jugendladen Bornheim mit seinem \u201eOffenen Atelier\u201c Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von der Stra\u00dfe oder vom Fernseher weglockt. Oder, wie in meinem Fall, vom B\u00fcrostuhl, denn das Atelier ist auch offen f\u00fcr einen wie mich.<\/p>\n<h2>Zu Beginn ein Buchstabe<\/h2>\n<p>Und einladend ist es wortw\u00f6rtlich hier, denn zuerst gibt\u2019s im Hallencaf\u00e9 gegrillte Hamburger f\u00fcr alle. Eine h\u00fcbsch bunte Mischung aus j\u00fcngeren und \u00e4lteren, mal mehr, mal weniger gepiercten Menschen mampft und fachsimpelt miteinander: \u201eDie geilste Farbe ist echt Montana White, die klebt total an den H\u00e4nden.\u201c Graffiti-Farben, das best\u00e4tigt sich, als wir zum Spr\u00fchen in den Hof gehen, tragen hippe Namen wie Baby Blue, Snow White oder Shock Red. Welche Farbe aus der Dose kommt, zeigt der <i>Donut<\/i> auf dem <i>Cap<\/i>, also der Farbring an der D\u00fcse, die wiederum, je nach Dicke ihres Strahls, <i>skinny<\/i> oder <i>fat<\/i> daherkommt. Graffiti-Grundkurs, erste Lektion: Englisch.<\/p>\n<p>Und noch ein paar andere Dinge gilt es zu lernen, bevor ich die wei\u00dfe Leinwand vor mir mit Farbe benetzen darf. \u201eBeim Draufsetzen das Cap vom K\u00f6rper weghalten\u201c, r\u00e4t mein Lehrer, der langj\u00e4hrige Sprayer Bo, \u201eund die Windrichtung beachten.\u201c Vorm Spr\u00fchen die Dose ordentlich sch\u00fctteln, und die Caps \u00f6fter mal wechseln, denn die verstopfen schnell. Dass ich Gummihandschuhe und Mundschutz \u00fcberziehen soll, schw\u00e4cht das anarchisch-coole Graffiti-Gef\u00fchl etwas ab. Der Sprayer auf der Stra\u00dfe, bilde ich mir ein, tr\u00e4gt das alles nicht, aber der hat dann ja vielleicht ein Haut- und Lungenleiden.<\/p>\n<p>Zu Beginn soll es ein Buchstabe sein, w\u00fcnscht Bo. Ich spr\u00fche, weil mir das als Erstes einf\u00e4llt, ein A. Man kann es erkennen, aber mehr Gutes l\u00e4sst sich dar\u00fcber nicht sagen. \u201eOben saubere Kante, unten verschwommen\u201c, urteilt Bo. \u201eDu musst die Dose mitf\u00fchren.\u201c Ich ziehe die Kanten nach, mit viel zu viel Farbe, ein Rinnsal l\u00e4uft \u00fcber die Leinwand. \u201eDas ist wie mit der Kupplung beim Auto: Du musst ein Gef\u00fchl daf\u00fcr kriegen, ab wann die Farbe rauskommt\u201c, tr\u00f6stet Bo. Bl\u00f6d, dass ich seit zwanzig Jahren keine Kupplung mehr getreten habe, ich fahre Automatik.<\/p>\n<h2>Ein bisschen mogeln<\/h2>\n<p>Bo selbst nennt sich, wie die meisten anspruchsvolleren Graffiti-K\u00fcnstler, nicht Sprayer, sondern Maler. Ein Maler jedoch, so gern ich immer zeichnete, wird nie aus mir, der Tuschkasten war mir stets verhasst. Mit wachsendem Frust pinsele ich an meinem A herum, umrahme es mit einer <i>Outline<\/i> und mit einer <i>Second Outline<\/i>, die dem Ganzen laut Bo \u201eStabilit\u00e4t und Dreidimensionalit\u00e4t\u201c verleihen soll, doch mein A sieht irgendwie wacklig und platt aus. Und beim <i>Fill In<\/i>, dem Ausmalen, spr\u00fche ich die halbe <i>Outline<\/i> gleich wieder weg. \u201eImmer wieder dr\u00fcbergehen, immer wieder korrigieren\u201c, sagt Bo. \u201eEs ist vor allem Handwerk.\u201c Jetzt f\u00fchle ich mich wirklich wie in der Schule &#8211; wie ein Abc-Sch\u00fctze, der schon beim A danebenschie\u00dft.<\/p>\n<p>Auf der Leinwand nebenan spr\u00fchen zwei Zehnj\u00e4hrige, unbeschwert von technischen Konventionen, einen lustigen Comic-Hund. Ich neide ihnen ihre Freiheit. Und ziehe eine neue Linie um mein A. Kurz b\u00e4umt sich der Rebell auf in mir: Ob ich nicht auch mal was anderes probieren d\u00fcrfe, etwas vielleicht ohne Buchstaben? \u201eIch w\u00fcrde das A erst mal komplett saubermachen\u201c, erwidert Bo. \u201eVersuch, auf einer Ebene zu bleiben, du verziehst immer.\u201c Als er mal wegschaut, spr\u00fche ich schnell ein lustiges Comic-Schwein. Sieht auch nicht gut aus. Besch\u00e4mt \u00fcberspr\u00fche ich es gleich wieder.<\/p>\n<p>Doch mein so geduldiger wie gestrenger Lehrer hat auch milde Seiten, also zeigt er mir, wie man mogelt. Und zwar beim <i>Cutten<\/i>, dem Glattziehen der Kanten: Man legt einfach ein Blatt wie ein Lineal auf die Leinwand, spr\u00fcht dagegen, und voil\u00e0 &#8211; h\u00fcbsch saubere Linien. Und wo er schon Papier zur Hand hat, schneidet Bo verschieden gro\u00dfe Kreise aus. Mit deren Hilfe entsteht, nein, kein Buchstabe, sondern ein Auge: Iris, Pupille, Lichtflecken. Am Rand etwas Schatten dazuspr\u00fchen, und schon sieht alles sch\u00f6n plastisch aus.<\/p>\n<h2>\u201eDu kannst eigentlich gleich hier dr\u00fcbermalen\u201c<\/h2>\n<p>Schablonen auszumalen f\u00fchlt sich auch nicht eben anarchisch an, doch f\u00fcr mich ist der Sprung vom A zum Auge wahrlich erhebend. Das zweite spr\u00fche ich selbst. Und versage abermals: \u201eDu hast die Lichtreflexe falsch gesetzt\u201c, kl\u00e4rt Lehrer Bo mich auf. \u201eDas Auge ist ja gebogen, der gr\u00f6\u00dfere Reflex muss auf der Pupille sitzen.\u201c Jetzt also auch noch Physik-Nachhilfe.<\/p>\n<p>Unter die froschigen Glubschaugen spr\u00fche ich ein breit grinsendes Maul, das sich &#8211; wiederum hilft ein nun gefaltetes Blatt &#8211; mit einer markanten Zahnreihe f\u00fcllt. Und siehe da: Jetzt ist sogar Bo zufrieden und bescheinigt mir durchaus Talent. Bei stetiger \u00dcbung, meint er, k\u00f6nnte ich in zwei, drei Jahren richtig gut werden. Mit 45 eine echte Graffiti-Gr\u00f6\u00dfe? Das sind ja blendende Aussichten. Wenn ich \u00fcberhaupt so alt werde, denn die Maske aufzusetzen, habe ich glatt vergessen und das ganze Aerosol eingeatmet.<\/p>\n<p>Meine Uhr ist in Snow White gesprenkelt, mein rechtes Schienbein leuchtet in Pure Orange. Am hellsten aber strahlt mein glubsch\u00e4ugiger Frosch. Das neckische Funkeln im Auge, das einnehmende Grinsen: Wer ihn betrachtet, bekommt richtig gute Laune, und ich habe das Gef\u00fchl, irgendwie etwas Bleibendes geschaffen zu haben. Ein, ja doch, kleines Kunstwerk.<\/p>\n<p>\u201eIst eine Leinwand frei?\u201c Ein junger Typ ist im Hof erschienen und sucht nach einer Arbeitsfl\u00e4che. \u201eJa\u201c, sagt Bo und deutet auf die Tafel mit meinem Frosch-Bild. \u201eDu kannst eigentlich gleich hier dr\u00fcbermalen.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/alter-was-geht-3-lektion-in-klarer-kante-12536164.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/alter-was-geht-3-lektion-in-klarer-kante-12536164.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sprayer sind anarchisch, cool &#8211; und jung. Doch die Kunst des Graffito kann man auch mit 42 noch lernen. Oder? 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