{"id":18427,"date":"2013-10-03T12:33:35","date_gmt":"2013-10-03T12:33:35","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18427"},"modified":"2013-10-03T12:33:35","modified_gmt":"2013-10-03T12:33:35","slug":"ein-haus-mit-migrationshintergrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18427","title":{"rendered":"Ein Haus mit Migrationshintergrund"},"content":{"rendered":"<p>Das \u201eImmigranten-Hotel\u201c in Buenos Aires will an die Geschichte der Einwanderung erinnern. Denn sie betrifft fast jeden Argentinier.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">\u201eEinstein, Dr. Albert, Ankunft in Buenos Aires am 25. M\u00e4rz 1925. Dampfschiff Cap Polonio. Geschlecht m\u00e4nnlich. Alter 45. Zivilstand verheiratet. Kann lesen, ja, kann schreiben, ja. Welche Sprachen spricht er? Deutsch, Spanisch, Franz\u00f6sisch.\u201c Die vergilbte Karteikarte, das Einreisedokument des genialen Physikers, ist ein Kleinod. Damals, 1925, war er auf dem H\u00f6hepunkt seines Ruhms. Auf der \u201eCap Polonio\u201c war er selbstverst\u00e4ndlich erste Klasse gereist. Seine Gesundheit sei gut, er weise keinerlei \u201eDefekt\u201c auf, hei\u00dft es noch auf der Karte. Zweck der Reise: \u201eBesuch\u201c.<\/p>\n<p>Einstein war damals f\u00fcr einen Monat nach Argentinien gekommen. Er hielt Vortr\u00e4ge, wurde herumgereicht und lie\u00df sich feiern. F\u00fcr eine solche Pers\u00f6nlichkeit waren die Einreiseformalit\u00e4ten rasch erledigt. Anders erging es den meisten anderen Passagieren, die auf Transatlantik-Schiffen in Buenos Aires anlandeten und f\u00fcr immer in Argentinien bleiben wollten. F\u00fcr sie war in der Haupt-Immigrationszeit zwischen 1911 und 1955 das \u201eHotel de los Inmigrantes\u201c, das Immigranten-Hotel im Hafen von Buenos Aires, erste Anlaufstation. Dort mussten sie bleiben, bis ihre Einreiseprozedur abgeschlossen war.<\/p>\n<p>Der monumentale Bau ist noch in seiner Originalgestalt erhalten. In einem Teil des Erdgeschosses sind wieder einige Abteilungen der argentinischen Migrationsbeh\u00f6rden untergebracht. Doch statt europ\u00e4ischer Einwanderer werden heute dort haupts\u00e4chlich Migranten aus s\u00fcdamerikanischen L\u00e4ndern, vor allem aus Bolivien, Paraguay und Peru, eingeb\u00fcrgert. Die Au\u00dfenfassade des Geb\u00e4udes ist stark renovierungsbed\u00fcrftig, die Raumstruktur im Inneren noch weitgehend unver\u00e4ndert. Seit das Haus nicht mehr als Herberge dient und die Ausl\u00e4nderbeh\u00f6rden weitgehend andernorts in der Stadt untergebracht worden sind, war es l\u00e4ngere Phasen sich selbst \u00fcberlassen und drohte zu verfallen, wie das gesamte ehemalige Viertel an der \u201eD\u00e1rsena Norte\u201c, dem Nord-Dock, das als \u201ePuerto Madero\u201c inzwischen eines der schicksten Viertel von Buenos Aires ist.<\/p>\n<p>Immerhin ist das Immigranten-Hotel 1995 zum nationalen Monument ernannt worden. Eher halbherzig war immer mal wieder versucht worden, in dem Haus ein Museum einzurichten, um aus dem einstigen Einwandererzentrum stammende Dokumente und Gegenst\u00e4nde auszustellen. Doch es fehlte vor allem am Geld, vielleicht auch an gutem Willen. Jetzt ist wieder ein neuer Versuch unternommen worden. Die Zusammenarbeit mit der \u201eUniversidad Tres de Febrero\u201c (Universit\u00e4t 3. Februar) hat es m\u00f6glich gemacht. Die Uni hat einige der fr\u00fcheren Schlafs\u00e4le im dritten Stock restauriert und will dort neben der Dokumentation auch zeitgen\u00f6ssische Kunst aus eigenen Best\u00e4nden zeigen.<\/p>\n<p>In dem Immigranten-Hotel und seinen Nebengeb\u00e4uden konnten bis zu 4000 Personen untergebracht und abgefertigt werden. Empfangshallen f\u00fcr die verschiedenen sozialen Klassen, Speisesaal, K\u00fcche, jeweils vier Schlafs\u00e4le f\u00fcr je 250 Personen in drei Stockwerken, elektrisches Licht, eine Klinik, ein Telegraphenamt, B\u00e4der mit Warmwasser: Nach der zwanzigt\u00e4gigen Schiffsreise aus Europa bot es f\u00fcr viele Einwanderer einen nicht geahnten Luxus. Gegessen wurde in Schichten, ein Glockensignal signalisierte den Wechsel. Geweckt wurde sehr fr\u00fch. Zum Fr\u00fchst\u00fcck gab es Kaffee oder Mate und Brot aus der eigenen B\u00e4ckerei, Frauen hatten Gelegenheit, W\u00e4sche zu waschen, w\u00e4hrend die M\u00e4nner in der Arbeitsvermittlung eine T\u00e4tigkeit ausfindig zu machen suchten. Um 15 Uhr bekamen die Kinder eine Zwischenmahlzeit, um 18 Uhr begann das Abendessen, von 19 Uhr an waren die Schlafs\u00e4le ge\u00f6ffnet. Die Einreisewilligen konnten auch schon in die Stadt gehen, um sich vorsichtig an die neue Umgebung zu gew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>An dem Entwurf des dreist\u00f6ckigen Geb\u00e4udes, eines der ersten Stahlbetonbauwerke des Landes, war der aus Budapest stammende Architekt Johannes Kronfu\u00df (1872 bis 1944) entscheidend beteiligt. Mit der Errichtung war 1906 begonnen worden. Man wollte die Immigrantenwellen effektiver bew\u00e4ltigen, die Ank\u00f6mmlinge besser versorgen und wohl auch besser \u00fcberwachen. Zun\u00e4chst war die Anlegestelle f\u00fcr die Dampfschiffe ausgebaut worden, danach wurden B\u00fcros, Direktion und Hospital eingerichtet, am Ende kam das Hotel hinzu. Vorher mussten die Einwanderer in Asylen in der Stadt \u00fcbernachten.<\/p>\n<p>Ein Teil der Einreiseformalit\u00e4ten wie die erste \u00dcberpr\u00fcfung der Reisedokumente und die medizinische Untersuchung der Passagiere wurde an Bord der Schiffe erledigt. Wer die Einreisebedingungen nicht erf\u00fcllte, wer zum Beispiel ansteckende Krankheiten hatte, invalid oder psychisch krank war, den lie\u00df man gar nicht erst an Land. F\u00fcr die Gep\u00e4ckkontrolle stand eine gro\u00dfe Halle bereit. Die n\u00fctzlichste Einrichtung war zweifellos die Arbeitsvermittlung. Von 1913 an wurden dort M\u00e4nnern Kurse in der Handhabung der in Argentinien \u00fcblichen landwirtschaftlichen Maschinen angeboten, Frauen konnten sich in Handarbeiten unterweisen lassen. In dem B\u00fcro liefen die Meldungen von Betrieben ein, die Arbeitswillige suchten. Es gab auch eine \u00dcbersetzungsabteilung, weil viele Einwanderer des Spanischen nicht m\u00e4chtig waren. Im Erdgeschoss gab es eine Filiale der Nationalbank, in der Geld gewechselt werden konnte.<\/p>\n<p>Die hauseigene Klinik war mit den damals modernsten Apparaturen ausgestattet. Vor allem die \u00e4rmeren Ank\u00f6mmlinge waren von der langen Seereise und der schlechten Verpflegung ausgezehrt. Im Haus wurde auf Hygiene geachtet. Die Betten waren nicht mit Matratzen, sondern mit Spannt\u00fcchern ausgestattet, um sie leichter sauber halten zu k\u00f6nnen. Die \u00dcbernachtung in den Schlafs\u00e4len war unentgeltlich. Im Durchschnitt verbrachten die Immigranten f\u00fcnf N\u00e4chte in dem Hotel. Wer krank war oder keine Arbeit fand, konnte l\u00e4nger bleiben. Die Hauptmahlzeiten, die auf Blechtellern serviert wurden, bestanden aus einer Suppe und einem Eintopf mit Fleisch, Reis oder Nudeln.<\/p>\n<p>In den ehemaligen Schlafs\u00e4len, die als Museumsr\u00e4ume neu hergerichtet wurden, ist nur ein Bruchteil des Materials zu sehen, das sich im Lauf der Zeit in dem Haus angesammelt hat. Dazu z\u00e4hlen Passagierlisten wie jene des Dampfers \u201eCoburg\u201c, der an Heiligabend eines nicht mehr zu eruierenden Jahres in den Kabinen der zweiten Klasse 14 Edelpassagiere, durchweg mit deutschen Namen, nach Buenos Aires brachte, in den \u201eAuswandererdecks\u201c aber 1700 Personen transportieren konnte. Zu sehen sind Kuriosit\u00e4ten wie ein \u201eDeutsches Kochbuch f\u00fcr S\u00fcdamerika\u201c oder die Ger\u00e4tschaften eines Friseurs und das Einwanderungsdokument von Albert Einstein. Aber auch das Papier des spanischen Dichters Federico Garc\u00eda Lorca, der sich 1933\/34 ein halbes Jahr in Buenos Aires aufhielt.<\/p>\n<p>Nicht zu \u00fcbersehen ist ein gro\u00dfes Modell des Transatlantik-Dampfers \u201eTubantia\u201c des K\u00f6niglich Holl\u00e4ndischen Lloyd, der am 16. M\u00e4rz 1916 im Ersten Weltkrieg auf der Fahrt von Amsterdam nach Buenos Aires im \u00c4rmelkanal von einem deutschen U-Boot versenkt wurde. Die Besatzung und alle Passagiere konnten sich auf andere Schiffe retten.<\/p>\n<p>Bei fr\u00fcheren Versuchen, in den ehemaligen Hotelr\u00e4umen ein Museum der Erinnerung an die Zeit der gro\u00dfen Einwanderungswellen einzurichten, war ein komplett mit den historischen Betten und ihrer Tuchbespannung ausgestatteter Schlafraum gezeigt worden. Jetzt werden nur noch wenige Betten zur Schau gestellt, Spiegel sollen den Eindruck einer Massenunterkunft suggerieren. Zahlreiche Fotos vermitteln immerhin die Atmosph\u00e4re in dem Bau, der f\u00fcr die meisten Neu-Argentinier den ersten Kontakt mit dem \u201egelobten Land\u201c darstellte.<\/p>\n<p>Die Ausstellung begreift sich allerdings als \u201ework in progress\u201c. Die Gestalter des neuen Immigrations-Museums rufen ihre Landsleute ausdr\u00fccklich auf, mit Fotos, Briefen, Erinnerungsst\u00fccken und Dokumenten jeder Art zur Bereicherung der Ausstellung beizutragen, wenn sie aus einer Einwandererfamilie stammen. Und das sind praktisch alle: Fast jeder Argentinier hat das aufzuweisen, was man heute etwas umst\u00e4ndlich einen Migrationshintergrund nennt.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/buenos-aires-ein-haus-mit-migrationshintergrund-12599894.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/buenos-aires-ein-haus-mit-migrationshintergrund-12599894.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u201eImmigranten-Hotel\u201c in Buenos Aires will an die Geschichte der Einwanderung erinnern. Denn sie betrifft fast jeden Argentinier.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[511,361],"tags":[1006,1002,1007,1008,1009],"class_list":["post-18427","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-familie","category-gesellschaft","tag-albert-einstein","tag-argentinien","tag-bolivien","tag-buenos-aires","tag-paraguay"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18427","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18427"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18427\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18427"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18427"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}