{"id":18425,"date":"2013-09-28T12:33:35","date_gmt":"2013-09-28T12:33:35","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18425"},"modified":"2013-09-28T12:33:35","modified_gmt":"2013-09-28T12:33:35","slug":"mode-mase-und-das-6-hemd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18425","title":{"rendered":"Mode, Ma\u00dfe und das 6. Hemd"},"content":{"rendered":"<p>In Deutschland leben 50.000 Menschen mit Trisomie 21. Bisher gibt es kaum Kleidung, die zu ihrem K\u00f6rperbau passt. Zwei M\u00fcnchner Designer wollen das \u00e4ndern.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Es ist Veronika Rehms erstes Fotoshooting. Ihr K\u00f6rper verr\u00e4t ihre Unsicherheit, die Muskeln sind angespannt, der Blick flattert nerv\u00f6s durch den Raum. Z\u00f6gernd tritt sie vor die Kamera, hinter ihr die wei\u00dfe Leinwand. \u201eStell dich einfach ganz entspannt hin\u201c, sagt der Fotograf. Er dr\u00fcckt ein paarmal auf den Ausl\u00f6ser, Rehm grinst verlegen. Dann, ganz pl\u00f6tzlich, vergisst sie ihre Nervosit\u00e4t. Sie lacht, wirft die Arme nach oben, dreht den Kopf zur Seite, schaut mal ernst, mal verf\u00fchrerisch. Der Fotograf ist begeistert, feuert sie an, lobt sie, Rehm macht immer weiter, ihre Augen strahlen. Im Hintergrund l\u00e4uft \u201eGirls Just Want to Have Fun\u201c von Cyndi Lauper.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte eine Szene aus einer Model-Sendung sein. Fast. Das Shooting findet nicht in einem Studio statt, sondern im Betreuungszentrum Steinh\u00f6ring, einer Einrichtung f\u00fcr Menschen mit Behinderung. Veronika Rehm hat Trisomie 21, auch bekannt als Downsyndrom. Sie ist eines von f\u00fcnf Modellen, die f\u00fcr \u201eHemdless\u201c fotografiert werden. Das ist die erste Hemdenkollektion, die speziell f\u00fcr Menschen mit Trisomie 21 entworfen wurde. Zwei junge M\u00fcnchner Designer, Lisa Polk und Christian Schinnerl, haben sie entwickelt. Der Name &#8211; hemdlos, ohne Hemd &#8211; spielt auf den Mangel an Kleidung f\u00fcr Menschen mit Downsyndrom an. Denn bisher finden sie kaum passende Kleidung.<\/p>\n<h2>Wenn die Kleidung von der Stange nicht passt<\/h2>\n<p>Kleidergr\u00f6\u00dfen sind genormt. Wer nicht der Norm entspricht, hat Pech gehabt. \u201eDer K\u00f6rperbau von Menschen mit Downsyndrom ist leicht anders, der Hals ist meist breiter und k\u00fcrzer, auch die Arme sind k\u00fcrzer, der Rumpf im Verh\u00e4ltnis dazu lang und breit\u201c, erkl\u00e4rt J\u00fcrgen Rossmann, der Leiter des Betreuungszentrums Steinh\u00f6ring. Die Kleider m\u00fcssen oft umgeschneidert werden, das ist umst\u00e4ndlich und teuer. Etwa 50 000 Menschen mit Trisomie 21 leben in Deutschland. 50 000, denen die Kleidung von der Stange nicht passt und f\u00fcr die es noch keine Alternative gibt. Bis jetzt.<\/p>\n<p>In der Modeindustrie ist f\u00fcr Normabweichungen wenig Platz, Kleidung f\u00fcr Menschen mit Behinderung ist ein Nischenthema. Die meisten Kleidungsst\u00fccke, die unter dem Label Mode f\u00fcr Behinderte laufen, sind vor allem praktisch: Gummizug, weite Schnitte, leicht waschbare Stoffe. Modische Aspekte spielen kaum eine Rolle. \u201eDie Kleidung ist einfach scheu\u00dflich\u201c, bringt Rossmann es auf den Punkt. \u201eDie will kein Mensch tragen, mit oder ohne Behinderung.\u201c Auch Mode ist eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe, und Menschen mit Trisomie 21 wollen davon nicht ausgeschlossen werden. \u201eNat\u00fcrlich sehen sie fern und folgen Modetrends wie jeder andere auch\u201c, sagt Rossmann.<\/p>\n<h2>Kleidung, die gut aussieht und passt<\/h2>\n<p>Kleidung, die gut aussieht und passt &#8211; genau das wollen Lisa Polk und Christian Schinnerl mit Hemdless. Die beiden haben sich vor ein paar Jahren auf der Meisterschule f\u00fcr Mode in M\u00fcnchen kennengelernt. Polk, 29, ist freischaffende Designerin und arbeitet beim Label K1X in M\u00fcnchen. Schinnerl, 23, studiert BWL in Berlin, um auch die wirtschaftliche Seite der Modebranche zu verstehen. Die Idee zu Hemdless entsteht auf einer Autofahrt zu einer Modenschau in Antwerpen. Schinnerl erz\u00e4hlt Polk von seinem Onkel, der Trisomie 21 hat und dem es schwerf\u00e4llt, passende Kleidung zu finden. Die wundert sich, dass es keine Mode f\u00fcr Menschen mit Trisomie 21 gibt. \u201eWenn es Chris\u2019 Onkel so geht, dann doch bestimmt vielen anderen auch\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>Aus der Verwunderung wird eine Idee, aus der Idee eine Kollektion. \u201eWir wollten etwas komplett Neues machen, ein sinnvolles und soziales Projekt jenseits der g\u00e4ngigen Modeklischees und Sch\u00f6nheitsvorstellungen\u201c, sagt Schinnerl. Polk erg\u00e4nzt: \u201eEtwas, von dem wir glauben, dass es wirklich gebraucht wird.\u201c Wie Schinnerl hatte auch Polk bereits Erfahrung mit Menschen mit Trisomie 21, denn ihre Mutter arbeitete lange Zeit im Betreuungszentrum Steinh\u00f6ring. \u00dcber sie kam dann auch der Kontakt zustande. Die eigene Erfahrung war wichtig, glaubt Schinnerl. \u201eSonst w\u00e4ren wir wahrscheinlich gar nicht erst auf die Idee gekommen oder h\u00e4tten Ber\u00fchrungs\u00e4ngste gehabt.\u201c<\/p>\n<h2>Weiter Kragen, breiter Rumpf, kurze \u00c4rmel<\/h2>\n<p>Die ersten Hemden der Hemdless-Kollektion sind ma\u00dfgeschneidert f\u00fcr f\u00fcnf Bewohner des Betreuungszentrums Steinh\u00f6ring. F\u00fcnf Hemden, das war gerade noch zu stemmen f\u00fcr Polk und Schinnerl, die alles im Eigenbetrieb und auf eigene Kosten entwickelt haben. Ein weiter Kragen, ein breiterer Rumpf, k\u00fcrzere \u00c4rmel &#8211; das sind die Besonderheiten der Hemden. Au\u00dferdem sind die Kn\u00f6pfe gr\u00f6\u00dfer und die Knopfl\u00f6cher sitzen leicht schr\u00e4g. \u201eDann bekommt man die Kn\u00f6pfe besser zu, die Feinmotorik ist nicht ganz so ausgepr\u00e4gt\u201c, erkl\u00e4rt Schinnerl. Vor allem aber sehen die Hemden gut aus. Veronika Rehm ist begeistert von ihrem kanariengelben Hemd, sie tr\u00e4gt es, sooft sie kann. \u201eEs passt wirklich sehr gut\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>F\u00fcr ihre Homepage haben Polk und Schinnerl schlichte Portr\u00e4tfotos gew\u00e4hlt. Sie wissen, dass die Verbindung von Menschen mit Behinderung und Mode immer noch Unbehagen ausl\u00f6sen kann, der Vorwurf der Effekthascherei ist schnell gemacht. \u201eDas ist bei uns aber kein Werbegag, wir wollen echte Teilhabe. Nat\u00fcrlich soll es Mode f\u00fcr Menschen mit Behinderung geben, und nat\u00fcrlich soll man sie auch fotografieren und zeigen\u201c, sagt Polk.<\/p>\n<h2>Gibt es Durchschnittsgr\u00f6\u00dfen bei Trisomie 21?<\/h2>\n<p>Dass es wenig Mode f\u00fcr Menschen mit Behinderung gibt, hat auch wirtschaftliche Gr\u00fcnde. Viele Behinderungen sind so individuell, dass sich eine Kollektion schlicht nicht lohnt. Nur f\u00fcr wenige l\u00e4sst sich Kleidung serienm\u00e4\u00dfig produzieren. So wie f\u00fcr Rollstuhlfahrer: Sch\u00e4tzungsweise 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind ganz oder teilweise auf einen Rollstuhl angewiesen. Hier gibt es einige etablierte Anbieter wie Rolli-Moden oder Rollitext. Und es gibt inzwischen auch einige junge Designer, die modisch ausgefallenere Kleidung f\u00fcr Menschen im Rollstuhl entwerfen, zum Beispiel Christina Wolf aus Berlin und Vivien Schl\u00fcter aus Oldenburg.<\/p>\n<p>Polk und Schinnerl w\u00fcrden gerne auch f\u00fcr Menschen mit Trisomie 21 Kleidung serienm\u00e4\u00dfig produzieren. Die 50 000 Menschen mit Downsyndrom, die in Deutschland leben, bilden zwar einen sehr kleinen Markt, aber es ist ein Markt. Jetzt suchen die Designer einen Investor, der sie beim Entwickeln einer Konfektion unterst\u00fctzt. Im Gegensatz zur ersten Hemdless-Kollektion w\u00fcrde die Konfektion nicht ma\u00dfgeschneidert, es w\u00e4ren Kleider von der Stange. Das hie\u00dfe auch, dass die Gr\u00f6\u00dfen genormt sind &#8211; nur dass es eben eine andere, neue Norm ist. Aber geht das \u00fcberhaupt, Durchschnittsgr\u00f6\u00dfen f\u00fcr Menschen mit Trisomie 21?<\/p>\n<h2>Mode, die sich der Vielfalt anpasst<\/h2>\n<p>Schon vor einigen Jahren hat das Downsyndrom-Info-Center begonnen, K\u00f6rperma\u00dfe von Menschen mit Trisomie 21 zu ermitteln. In seiner Mitgliederzeitschrift rief es dazu auf, Ma\u00dftabellen auszuf\u00fcllen und einzusenden. Immerhin etwa 500 Antwortb\u00f6gen gingen ein &#8211; dann verlief sich die Aktion. \u201eWir hatten nicht genug Mitarbeiter f\u00fcr eine Auswertung. Und wir sind vor allem keine Modeexperten\u201c, sagt Elzbieta Szczebak vom Info-Center. \u201eAber wenn die beiden Designer das jetzt aufgreifen, w\u00fcrde uns das sehr freuen.\u201c Sie wird Polk und Schinnerl die ausgef\u00fcllten Frageb\u00f6gen zur Verf\u00fcgung stellen.<\/p>\n<p>So gut sie die Idee findet, einen Vorbehalt hat Szczebak gegen eine Kollektion speziell f\u00fcr Menschen mit Trisomie 21. \u201eWenn sie dann alle die gleichen Hemden und Pullis tragen, das k\u00f6nnte auch wieder ausgrenzen\u201c, sagt sie. \u201eDas ist ja dann fast wie eine Uniform.\u201c Ein Dilemma, das sich schwer l\u00f6sen l\u00e4sst. \u201eErst einmal ist es wichtig, dass jeder Kleidung findet, die ihm passt\u201c, sagt Polk. \u201eIch sehe keinen gro\u00dfen Unterschied zwischen Mode in Kurz- oder \u00dcbergr\u00f6\u00dfen und Mode f\u00fcr Menschen mit Trisomie 21. Die Mode muss sich der Vielfalt anpassen, nicht umgekehrt.\u201c<\/p>\n<p>Doch Polk und Schinnerl wollen mit ihrer Mode auch eine Br\u00fccke schlagen zwischen Menschen mit und ohne Trisomie 21. Deswegen haben sie das \u201e6. Hemd\u201c entworfen, ein Hemd, das allen passen soll- inklusives Design nennt sich das. Durch Tunnelz\u00fcge lassen sich Arm- und Rumpfl\u00e4nge verstellen. Auch die Kragenweite kann ge\u00e4ndert werden. Noch existiert das \u201e6. Hemd\u201c nur als Prototyp, aber vielleicht wird man es ja bald kaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/trisomie-21-mode-masse-und-das-6-hemd-12584469.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/gesellschaft\/familie\/trisomie-21-mode-masse-und-das-6-hemd-12584469.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland leben 50.000 Menschen mit Trisomie 21. Bisher gibt es kaum Kleidung, die zu ihrem K\u00f6rperbau passt. Zwei M\u00fcnchner Designer wollen das \u00e4ndern.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[511,361],"tags":[292,266,644],"class_list":["post-18425","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-familie","category-gesellschaft","tag-berlin","tag-deutschland","tag-munchen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18425","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18425"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18425\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18425"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18425"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18425"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}