{"id":18403,"date":"2013-10-08T12:33:26","date_gmt":"2013-10-08T12:33:26","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18403"},"modified":"2013-10-08T12:33:26","modified_gmt":"2013-10-08T12:33:26","slug":"die-polizei-will-vor-dem-tater-am-tatort-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18403","title":{"rendered":"Die Polizei will vor dem T\u00e4ter am Tatort sein"},"content":{"rendered":"<p>An Sicherheitssystemen, die das Verhalten der B\u00fcrger automatisch \u00fcberwachen und bei Auff\u00e4lligkeiten Alarm schlagen, wird derzeit eifrig geforscht &#8211; in Europa, in Amerika und Asien.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Es ist eine alte Vision, die das Handeln der Verantwortlichen in den Sicherheitsbeh\u00f6rden seit Jahrzehnten leitet: Kriminalit\u00e4t soll bek\u00e4mpft werden, bevor sie entsteht, die Polizei soll vor dem T\u00e4ter am Tatort sein. Die Theoretiker dieses ganzheitlichen Kontrollansatzes hatten sich viel von der Rasterfahndung in den siebziger Jahren versprochen. Doch in der Praxis ist sie weit hinter den Erwartungen zur\u00fcckgeblieben.<\/p>\n<p>Mit den jetzt ausget\u00fcftelten vernetzten \u00dcberwachungstechniken soll dieser Anspruch eingel\u00f6st werden. Datensch\u00fctzer und B\u00fcrgerrechtler haben zwar Bedenken, aber die Sicherheitsforscher sind fasziniert von den neuen M\u00f6glichkeiten, menschliches Verhalten pr\u00e4zise voraussagen zu k\u00f6nnen. In Projekten wie dem amerikanischen Next Generation Identification Project (NGI), dem europ\u00e4ischen Indect-Forschungsverbund oder dem chinesischen Hainan-Projekt werden Abermillionen Daten aus Hunderten von Quellen miteinander verwoben. Aus sogenannten Metadaten von E-Mail und Mobilfunk, Video- und Audio-\u00dcberwachung, Mimik-Analyse von der Kamera der Spielkonsole oder des Smart-TV, Verbrauchsdaten des intelligenten Stromz\u00e4hlers, Kreditkarteninformationen und Online-K\u00e4ufen werden regelrechte Pers\u00f6nlichkeitsprofile erstellt.<\/p>\n<h2>Abweichung von definierten Verhaltensnormen<\/h2>\n<p>Auf der Basis dieser Pers\u00f6nlichkeitsprofile errechnen Analyse-Programme Verhaltensprognosen. Was der Einzelne als N\u00e4chstes tun wird, l\u00e4sst sich demnach aus seinem Verhalten der vergangenen Stunden, Tage oder Wochen vorhersagen. Droht eine Abweichung von definierten Verhaltensnormen, l\u00f6sen Sicherheitssysteme Alarm aus. Dann ger\u00e4t die betreffende Person erst richtig ins Visier der \u00dcberwachungssysteme. Drohnen werden in Bereitschaft versetzt, um den Verd\u00e4chtigen aus der Luft beobachten zu k\u00f6nnen. Seine Identit\u00e4t ist aufgrund leistungsstarker Software f\u00fcr die Gesichtserkennung und schneller Suchalgorithmen samt umfangreichen biometrischen Datenbanken ohnehin schon bekannt. Damit ist jeder B\u00fcrger an jedem Platz in Echtzeit zu erkennen.<\/p>\n<p>In einem Punkt stimmen die Sicherheitsforscher in Europa, China und den Vereinigten Staaten \u00fcberein: Grundlage k\u00fcnftiger Sicherheitssysteme sind fl\u00e4chendeckende Verhaltensanalysen und -prognosen auf der Basis von Pers\u00f6nlichkeitsprofilen und die schnelle Identifizierung von Menschen, die nicht den g\u00e4ngigen Verhaltensmustern entsprechen.<\/p>\n<p>Bei der schnellen Identifizierung von Menschen haben die Forscher des europ\u00e4ischen Indect-Forschungsverbunds die gr\u00f6\u00dften Fortschritte erzielt. Grundlage ist eine \u00dcberwachungssoftware, die Bilder von Videokameras auswertet, um verd\u00e4chtiges oder \u201eabnorm\u201c genanntes Verhalten erkennen und vorhersagen zu k\u00f6nnen. \u201eEs gibt im Prinzip zwei Ans\u00e4tze\u201c, meint der Berliner IT-Forscher Benjamin Kees, der sich an der Humboldt-Universit\u00e4t in Berlin intensiv mit den Indect-Projekten besch\u00e4ftigt hat. Entweder werte ein System aus, wie sich Menschen in bestimmten Situationen normalerweise verhielten. Dann gelte ein Abweichen vom Mehrheitsverhalten als \u201eabnorm\u201c und sorge f\u00fcr einen Sicherheitsalarm. \u201eOder man modelliert von Hand das sogenannte auff\u00e4llige Verhalten, zum Beispiel wenn jemand einen Koffer auf einem Bahnhof abstellt und sich dann entfernt\u201c, erl\u00e4utert Kees. In einem solchen Fall muss der \u00dcberwachte schnell identifiziert werden. Dazu reichen der Erkennungssoftware, die im Rahmen der Indect-Projekte entwickelt wurde, magere 80 \u00d7 100 Bildpunkte, und das sogar unter schlechten Lichtverh\u00e4ltnissen.<\/p>\n<h2>Schnelle Identifizierung von Verd\u00e4chtigen<\/h2>\n<p>An diesen Algorithmen sind die Sicherheitsforscher in den Vereinigten Staaten ausgesprochen interessiert. Denn sie entwickeln gerade eine Fahndungssoftware, die Foto- und Videomaterial von Verd\u00e4chtigen mit einer Datenbank abgleicht, die aus Milliarden von Bildern, Spracherkennungsdaten, Iris-Scans und Fingerabdr\u00fccken besteht und mit Material aus den sogenannten sozialen Netzen angereichert wird. Hunderttausende von Videokameras sollen daf\u00fcr landesweit angezapft werden, m\u00f6glichst alle \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze in den gro\u00dfen St\u00e4dten, m\u00f6glichst viele Hotellobbys und Tankstellen video\u00fcberwacht werden. Nach dem Bombenattentat in Boston hat Pr\u00e4sident Obama daf\u00fcr mehr als eine Milliarde Dollar bereitgestellt. Wesentliches Ziel ist die schnelle Identifizierung von Verd\u00e4chtigen. Die Erfahrungen von Boston zeigen, dass daf\u00fcr der Abgleich von Videostreams mit m\u00f6glichst vielen Fotos aus Sozialen Netzwerken entscheidend ist.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr entwickeln die NGI-Softwarespezialisten gerade einen Algorithmus, der die Gesichtsknochen von Verd\u00e4chtigen auch bei unzureichend ausgeleuchtetem Videomaterial pr\u00e4zise und sicher rekonstruiert. Doch die Indect-Algorithmen gelten als leistungsst\u00e4rker.<\/p>\n<p>Die Bilddaten f\u00fcr den Abgleich soll das Rechenzentrum der National Security Agency (NSA) in Bluffdale im Bundesstaat Utah bereithalten. Direkt neben Camp Williams, einer Kaserne der Nationalgarde, entsteht das \u201eIntelligence Community Comprehensive National Cybersecurity Initiative Data Center\u201c. Diesen Herbst sollen dort die Supercomputer installiert werden. Schon n\u00e4chstes Jahr sollen die Server in Bluffdale mehr als eine Billion Terabytes verarbeiten.<\/p>\n<p>Zurzeit experimentieren die Entwickler des NGI-Fahndungsprojekts mit einer Pilotdatenbank, die zw\u00f6lf Millionen Bilder samt dazugeh\u00f6riger pers\u00f6nlicher Datens\u00e4tze umfasst. Bis zum Sommer 2014 soll die Zahl der Datens\u00e4tze auf 60 Millionen steigen. Im Laufe des Jahres 2016 sollen dann auch die Biometriedaten in die Datenbasis eingearbeitet sein, die bei den Einreisekontrollen an Flugh\u00e4fen und Grenzstationen erhoben werden. Auf diese Weise wollen die Projektverantwortlichen eine \u201eTotalerfassung\u201c der Bev\u00f6lkerung erreichen.<\/p>\n<h2>NSA hat gro\u00dfen Respekt<\/h2>\n<p>Besonders leistungsf\u00e4hige Analysesoftware wird seit zwei Jahren auf der chinesischen Insel Hainan von den dortigen Sicherheitsbeh\u00f6rden entwickelt. Die wenigen Details, die auf internationalen Fachkonferenzen bekanntgeworden sind, n\u00f6tigen den Analyseprofis der NSA gro\u00dfen Respekt ab. Die chinesischen Entwickler begn\u00fcgen sich n\u00e4mlich nicht mit statistischen Ableitungen und der Berechnung von Wahrscheinlichkeiten, sondern haben mehrdimensionale Analysemodelle entwickelt, die mehr als 2000 Kriterien und deren Abh\u00e4ngigkeiten untereinander in Echtzeit berechnen k\u00f6nnen. Das ist der Ausgangspunkt f\u00fcr ungemein pr\u00e4zise Verhaltenssimulationen.<\/p>\n<p>Die werden unter anderem auf dem derzeit schnellsten Computer der Welt gerechnet, dem Tianh-2, der an der Nationalen Universit\u00e4t f\u00fcr Verteidigungstechnologie entwickelt wurde. Der Supercomputer kann 100 bis 150 Verhaltensszenarien simulieren, die aus den 2000 Verhaltenkriterien berechnet werden, und jedes einzelne Szenario mit dem Verhaltensprofil der \u00fcberwachten Person in der Vergangenheit abgleichen. Das Ergebnis ist eine extrem pr\u00e4zise Verhaltensvorhersage.<\/p>\n<p>Alle \u00dcberwachungsprojekte arbeiten dabei nach dem gleichen Prinzip: In einer ersten Stufe wertet die forensische Software aus, wie sich jemand verh\u00e4lt. Entspricht sein Kommunikationsverhalten einem verd\u00e4chtigen Muster, werden seine Mails, seine Facebook-Postings, seine Tweets oder Telefongespr\u00e4che auch inhaltlich \u00fcberwacht und ausgewertet. Und diese inhaltliche Auswertung soll eine genaue Prognose seines Verhaltens erm\u00f6glichen, so dass die Polizei am Tatort sein kann, bevor der \u00dcberwachte dort eintrifft, um seine Tat auszuf\u00fchren.<\/p>\n<p>\u201eDa werden Informationen, die auf den ersten Blick nicht als zusammenh\u00e4ngend erkannt werden, nebeneinandergelegt, und dann werden Verbindungen hergestellt\u201c, erl\u00e4utert Peter Schaar, der Bundesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz und die Informationsfreiheit, das Prinzip. Den Sicherheitsforschern reichen die auswertbaren Datenquellen allerdings noch nicht. Sie wollen eine l\u00fcckenlose Vernetzung aller Informationsquellen. So soll in den europ\u00e4ischen Projekten der intelligente Stromz\u00e4hler in die permanente Analyse einbezogen werden.<\/p>\n<h2>Der intelligente Z\u00e4hler<\/h2>\n<p>Strom kann man nur bedingt speichern. Deshalb soll in den Haushalten die Gefriertruhe heruntergek\u00fchlt und das Elektroauto aufgeladen werden, wenn Sonne und Wind gerade viel Energie liefern. Und die hauseigene Solaranlage soll Strom ins Netz speisen, wenn die Nachfrage gro\u00df ist. Das alles regelt der intelligente Z\u00e4hler. Daf\u00fcr m\u00fcssen momentane Verbrauchsdaten vom Haushalt an den Energieversorger und aktuelle Tarifdaten vom Energieversorger an den intelligenten Stromz\u00e4hler \u00fcbermittelt werden.<\/p>\n<p>Die Gefahr bringt Datensch\u00fctzer Schaar so auf den Punkt: \u201eWelches Ger\u00e4t ich angeschaltet habe, ist theoretisch jedenfalls in Zukunft direkt aus dem Stromz\u00e4hler, aus dem Stromverbrauch abzulesen.\u201c Die Sicherheitsforscher haben einzelne Haushaltsger\u00e4te und pers\u00f6nliche Utensilien mit identifizierenden Chips ausgestattet, so dass nachvollzogen werden kann, wann der K\u00fchlschrank sich einschaltet, wann die Waschmaschine l\u00e4uft, was sie gerade w\u00e4scht oder wann sich ein \u00dcberwachter die Z\u00e4hne mit der elektrischen Zahnb\u00fcrste putzt. \u201eDas sind alles Informationen, die auf diese Art und Weise ein genaues Bild \u00fcber unser pers\u00f6nliches Verhalten und \u00fcber unseren Tagesablauf geben\u201c, erkl\u00e4rt Schaar.<\/p>\n<p>Das intelligente Haus h\u00e4lt viele M\u00f6glichkeiten bereit, an denen Sicherheitsbeh\u00f6rden interessiert sind. So wird in einem chinesischen Projekt untersucht, welche Daten der smarte Fernseher in welcher Qualit\u00e4t zur Total\u00fcberwachung beitragen kann. \u201eEin Smart-TV ist meist dort aufgestellt, wo das private Leben stattfindet, n\u00e4mlich im Wohnzimmer, und manche Hersteller haben mittlerweile auch Kameras eingebaut oder planen, Kameras einzubauen, wo dann eben zum Beispiel auch \u00fcber Gesichtsidentifizierung Profile angelegt werden k\u00f6nnen\u201c, berichtet Marco Preuss vom Sicherheitsdienstleister Kaspersky. Die k\u00f6rpersprachliche Analyse und die genaue Auswertung der Mimik ergeben wichtige Kriterien f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung der Gem\u00fctslage der \u00dcberwachten.<\/p>\n<p>Solche Daten liefern \u00fcbrigens auch Spielkonsolen. Sie sind als Datenbasis sogar noch beliebter bei den Sicherheitsforschern, weil sie die \u201eProbanden\u201c in Aktion zeigen. Und die chinesischen Fachleute an der Nationalen Universit\u00e4t f\u00fcr Verteidigungstechnologie haben sogar eigene Spiele f\u00fcr die XBox und verwandte Ger\u00e4te entwickelt, die einen tiefen Einblick in die psychische Verfasstheit des Spielenden geben.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/technik-motor\/computer-internet\/vernetzte-ueberwachungstechnik-die-polizei-will-vor-dem-taeter-am-tatort-sein-12604154.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/technik-motor\/computer-internet\/vernetzte-ueberwachungstechnik-die-polizei-will-vor-dem-taeter-am-tatort-sein-12604154.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An Sicherheitssystemen, die das Verhalten der B\u00fcrger automatisch \u00fcberwachen und bei Auff\u00e4lligkeiten Alarm schlagen, wird derzeit eifrig geforscht &#8211; in Europa, in Amerika und Asien.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[476,454],"tags":[292,984,321,5344,514,985,270,986],"class_list":["post-18403","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-computer-internet","category-technik-motor","tag-berlin","tag-boston","tag-china","tag-europa","tag-humboldt-universitat","tag-peter-schaar","tag-polizei","tag-sicherheitsbehorde"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18403","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18403"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18403\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18403"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18403"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18403"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}