{"id":18345,"date":"2013-07-21T12:33:11","date_gmt":"2013-07-21T12:33:11","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18345"},"modified":"2013-07-21T12:33:11","modified_gmt":"2013-07-21T12:33:11","slug":"moby-dick-auf-raubzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18345","title":{"rendered":"\u201eMoby-Dick\u201c auf Raubzug"},"content":{"rendered":"<p>Bei ihrer Jagd nutzen die Bartenwale ein effizientes Filtersystem und eine raffinierte Fangtechnik. Energie sparen, so lautet dabei das oberste Prinzip.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die gro\u00dfen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bartenwale\">Bartenwale<\/a> wurden einst nicht nur gejagt, um Berge von Fett und Fleisch heimzubringen. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten es die Walf\u00e4nger auch auf die namengebenden Barten abgesehen, mit denen die Wale ihre Nahrung aus dem Wasser filtern. Diese d\u00fcnnen, am Rand ausgefransten Hornplatten lieferten als sogenanntes Fischbein biegsame Ger\u00fcste f\u00fcr die Korsetts und Reifr\u00f6cke der Damenwelt. Wie sie ihre urspr\u00fcngliche Aufgabe als Filterapparat erf\u00fcllen, interessierte damals kaum jemanden. Das hat sich gl\u00fccklicherweise ge\u00e4ndert. So hat vor kurzem <a href=\"http:\/\/www.hsc.edu\/Academics\/Academic-Majors\/Biology\/Professors\/Alex-Werth.html\">Alexander J. Werth<\/a> vom Hampden-Sydney College in Virginia verschiedenartige Barten in einem Str\u00f6mungskanal getestet (<a href=\"http:\/\/jeb.biologists.org\/content\/216\/7\/1152.abstract?sid=8d4809d1-1bdd-4708-82ca-2a3ca622dd99\">\u201cThe Journal of Experimental Biology\u201c, Bd. 216, S. 1152<\/a>). Dabei fand er heraus, dass sich benachbarte Barten eng miteinander vernetzen, um effiziente Filter zu bilden. Wie viel dann in den beweglichen Maschen aus Keratinfasern h\u00e4ngenbleibt, variiert je nach Str\u00f6mungsrichtung und Str\u00f6mungsgeschwindigkeit.<\/p>\n<p>Die von Werth untersuchten Barten stammten zum einen von gestrandeten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buckelwal\">Buckelwalen<\/a>, zum anderen von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gr%C3%B6nlandwal\">Gr\u00f6nlandwalen,<\/a> die an der K\u00fcste von Alaska erlegt worden waren. Dort darf die indigene Bev\u00f6lkerung einige dieser raren Bewohner des Nordpolarmeers fangen, denn zwischen Alaska und Sibirien tummeln sich sch\u00e4tzungsweise wieder acht- bis neuntausend Gr\u00f6nlandwale. Im Nordatlantik, wo die Walf\u00e4nger ihnen einst besonders eifrig nachgestellt haben, sind es noch immer nur einige hundert Exemplare. Dass es Gr\u00f6nlandwale nie sonderlich eilig haben, machte sie zu einer leichten Beute, und einen satten Gewinn versprachen allein schon die bis zu vier Meter langen Barten.<\/p>\n<h2>Filterplatten aus Kreatin<\/h2>\n<p>Ein Bartenwal tr\u00e4gt auf jeder Seite seines Oberkiefers mehr als dreihundert dieser quer stehenden Platten aus Keratin. Sie m\u00fcssen st\u00e4ndig nachwachsen, weil sie von der daran entlangscheuernden Zunge allm\u00e4hlich abgenutzt werden. Dabei zerfasert der innere Rand zu einem Fransensaum. Beim Gr\u00f6nlandwal, der sich von winzigen Ruderfu\u00dfkrebschen ern\u00e4hrt, sind die Fransen doppelt so lang, aber nur halb so dick wie beim Buckelwal. Dieser hat es vor allem auf gr\u00f6\u00dfere Krebstiere abgesehen und pl\u00fcndert mitunter auch Heringsschw\u00e4rme. Bei solchen Beutetieren d\u00fcrften die Barten des Buckelwals ihren Zweck durchaus erf\u00fcllen. Bei einem Test mit kaum millimetergro\u00dfen Plastikk\u00fcgelchen &#8211; die typische Gr\u00f6\u00dfe von Ruderfu\u00dfkrebsen &#8211; filterten sie allerdings nur halb so viele heraus wie die Barten des Gr\u00f6nlandwals.<\/p>\n<h2>Ein effizientes Filtersystem<\/h2>\n<p>Vorbeistr\u00f6mendes Wasser bringt den Fransensaum derart in Bewegung, dass sich mit zunehmender Str\u00f6mungsgeschwindigkeit immer gr\u00f6\u00dfere L\u00fccken zeigen. Durchl\u00e4ssiger wird das Spalier der Barten trotzdem nicht. Da sich die biegsamen Fransen benachbarter Barten \u00fcbereinanderlegen, wird das flexible Netz insgesamt sogar engmaschiger. Erst wenn die Fransens\u00e4ume allzu sehr durcheinanderwirbeln, tun sich L\u00f6cher auf, die kleine Partikel leichter hindurchschl\u00fcpfen lassen. Im Str\u00f6mungskanal arbeiteten die getesteten Barten am besten bei einer Flie\u00dfgeschwindigkeit von einem dreiviertel Meter pro Sekunde. Das entspricht ziemlich genau der Geschwindigkeit von Gr\u00f6nlandwalen, die mit weit aufgesperrtem Maul durch Schw\u00e4rme von Ruderfu\u00dfkrebschen schwimmen.<\/p>\n<h2>Technische Randbedingungen<\/h2>\n<p>Ein so gem\u00e4chliches Tempo ist nichts f\u00fcr den Typ von Bartenwalen, zu dem Buckel-, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Finnwal\">Finn-<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Blauwal\">Blauwal<\/a> z\u00e4hlen. Auffallend stromlinienf\u00f6rmig, preschen diese sogenannten Furchenwale regelrecht in Schw\u00e4rme von Beutetieren hinein, wobei sie ihr Maul nur kurzzeitig weit aufrei\u00dfen. Allerdings scheint die Geschwindigkeit, mit der das hineingestr\u00f6mte Wasser wieder abflie\u00dft, ganz \u00e4hnlich zu sein wie beim Gr\u00f6nlandwal. Die Filterwirkung der Barten h\u00e4ngt aber auch von dem Winkel ab, den die Barten zur Str\u00f6mung einnehmen. Welchen Weg das Wasser durch das ger\u00e4umige Maul nimmt, ist im Detail noch nicht gekl\u00e4rt. Vielleicht, so hofft Werth, wird es k\u00fcnftig gelingen, passende Sensoren an den Lippen eines Wals zu befestigen oder gar im Inneren des Mauls.<\/p>\n<h2>Unbemerkte Spione im Huckepack<\/h2>\n<p>Auf dem R\u00fccken verschiedenartiger Wale wurden bereits diverse Ger\u00e4tschaften mit Saugn\u00e4pfen angeheftet. In einem Motorboot pirschten sich die Forscher heran und versuchten dann mit einer langen Stange, ihr Instrumentarium zielgenau zu plazieren. Wissenschaftler um <a href=\"https:\/\/sites.google.com\/site\/jgoldbogen\/\">Jeremy Goldbogen<\/a> von der University of California in San Diego best\u00fcckten k\u00fcrzlich einige Blauwale mit einer Videokamera und Bewegungssensoren. Ein eingebauter Sender erlaubte es, den Tieren auch unter Wasser auf der Spur zu bleiben und die Apparatur wieder an Bord zu holen, wenn sich die Saugn\u00e4pfe von der Walhaut gel\u00f6st hatten.<\/p>\n<p><strong>Ein Gigant nimmt einen kr\u00e4ftigen Schluck<\/strong><\/p>\n<p>Bis zu drei\u00dfig Meter lang und mehr als hundert Tonnen schwer, ist der Blauwal nicht nur der gr\u00f6\u00dfte Vertreter der Furchenwale- er ist auch das riesigste Tier, das die Evolution jemals hervorgebracht hat. Wenn ein Blauwal in einen dichten Schwarm von Krill genannten Krebstieren hineinschwimmt, verliert er seine stromlinienf\u00f6rmige Gestalt. W\u00e4hrend er sein Maul aufrei\u00dft, entfalten sich die namengebenden Kehlfurchen und bl\u00e4hen die Kehle ballonartig auf. So kann der Wal Wassermengen umfangen, die beinahe seiner eigenen K\u00f6rpermasse entsprechen. Wenn er seine Kiefer dann wieder zuklappt, kommen die Barten ins Spiel, die den wenige Zentimeter langen Krebstieren den R\u00fcckweg ins Meer versperren.<\/p>\n<h2>Akrobatisches Schwergewicht<\/h2>\n<p>Das Maul ordentlich voll zu nehmen zahlt sich offenbar aus, vorausgesetzt die Happen werden sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt. So erkl\u00e4ren die Forscher um Goldbogen, warum gerade die Furchenwale zu so gigantischer Gr\u00f6\u00dfe heranwachsen k\u00f6nnen. Wie ihre Filmaufnahmen zeigen, sind die gewaltigen Meeress\u00e4uger erstaunlich wendig. Bisweilen rotieren sie 360 Grad um ihre eigene Achse (\u201c<a href=\"http:\/\/rsbl.royalsocietypublishing.org\/content\/9\/1\/20120986\">Biology Letters\u201c, doi: 10.1098\/rsbl.2012.0986<\/a>). Zeitweilig auf den R\u00fccken liegend, k\u00f6nnen die Blauwale dann unvermittelt von unten nach einem Krillschwarm schnappen. Mitunter drehen sie ihre Pirouetten aber auch, w\u00e4hrend sie noch nach einem lohnenden Happen Ausschau halten. Ihre Umgebung aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten hilft ihnen vermutlich, Dichte und Ausdehnung eines Krillschwarms einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<h2>Mit Tempo ab durch die Mitte<\/h2>\n<p>Die begehrten Krebstiere haben kaum Chancen, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen. Denn ehe sich erwachsene Blauwale einen Happen Krill einverleiben, beschleunigen sie auf zw\u00f6lf bis achtzehn Kilometer pro Stunde. Doch wie viel Stoffwechselenergie kostet es, den massigen Walk\u00f6rper derart in Fahrt zu bringen? Die auf dem R\u00fccken plazierten Messger\u00e4te lieferten die notwendigen Daten f\u00fcr Modellrechnungen, mit denen sich der Arbeitsaufwand absch\u00e4tzen l\u00e4sst (\u201c<a href=\"http:\/\/jeb.biologists.org\/content\/214\/1\/131.abstract?sid=b2bbd2ab-12d8-40cd-a00f-947afd7c8249\">The Journal of Experimental Biology<\/a>\u201c, Bd. 214, S. 131). Im Verh\u00e4ltnis zum Ertrag scheinen die Unkosten erstaunlich gering, denn die beobachteten Blauwale ernteten mit jeder F\u00fcllung ihres Mauls bis zu einer halben Tonne Krill. Darin steckt viel mehr Energie, als die Wale in ihren kraftvollen Vorsto\u00df investieren. Je nach Dichte des gepl\u00fcnderten Schwarms gewinnen sie pro Tauchgang drei- bis neunzigmal so viel Stoffwechselenergie, wie sie w\u00e4hrenddessen verbrauchen. Wie die Blauwale besonders ergiebige Jagdgr\u00fcnde zielsicher aufsp\u00fcren, ist allerdings noch ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<h2>Wale sind Hochleistungssportler<\/h2>\n<p>Trotz ihrer so effizienten Jagdtechnik scheinen Blauwale die Grenzen des Wachstums erreicht zu haben. Zu dieser Einsch\u00e4tzung kamen Goldbogen und seine Kollegen, als sie Furchenwale unterschiedlicher Gr\u00f6\u00dfenordnung verglichen. Nach ihren Berechnungen wird es f\u00fcr die Wale mit zunehmender K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe immer aufwendiger, ihr Maul zu f\u00fcllen: Bei der Attacke auf einen Krillschwarm sollten die meisten Vertreter der Furchenwale ihre Muskeln zwar noch ausreichend mit Sauerstoff versorgen k\u00f6nnen. F\u00fcr die gr\u00f6\u00dften Blauwale ergaben die Computermodelle allerdings ein Sauerstoffdefizit. Wie ein Sportler, der seinem K\u00f6rper kurzzeitig H\u00f6chstleistungen abverlangt, m\u00fcssten die Wale auf Milchs\u00e4ureg\u00e4rung zur\u00fcckgreifen, wenn sie sich einen gro\u00dfen Happen Krill einverleiben (PLoS ONE\u201c, doi: <a href=\"http:\/\/www.plosone.org\/article\/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0044854\">10.1371\/journal.pone. 0044854<\/a>). Bei dieser Notversorgung kann ein Zuckermolek\u00fcl nur etwa sechs Prozent so viel Energie liefern wie bei der Verwertung mit Sauerstoff. Au\u00dferdem sammeln sich in den Muskeln rasch gro\u00dfe Mengen Milchs\u00e4ure an. Um sie anschlie\u00dfend mit viel Sauerstoff wieder abzubauen, m\u00fcsste der Wal l\u00e4ngere Pausen zwischen den einzelnen Tauchg\u00e4ngen einlegen.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/natur\/meeresbiologie-moby-dick-auf-raubzug-12283589.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/natur\/meeresbiologie-moby-dick-auf-raubzug-12283589.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei ihrer Jagd nutzen die Bartenwale ein effizientes Filtersystem und eine raffinierte Fangtechnik. 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