{"id":18279,"date":"2013-09-06T12:32:48","date_gmt":"2013-09-06T12:32:48","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18279"},"modified":"2013-09-06T12:32:48","modified_gmt":"2013-09-06T12:32:48","slug":"die-welt-auserhalb-des-displays","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18279","title":{"rendered":"Die Welt au\u00dferhalb des Displays"},"content":{"rendered":"<p>Eine brasilianische Bar startet eine Kampagne gegen Smartphones und fr\u00e4st daf\u00fcr Kanten in ihre Gl\u00e4ser. Auf Youtube diskutieren Millionen \u00fcber ein Video, in dem das Handy zuhause gelassen wird. Sollten wir unser Kommunikationsverhalten \u00fcberdenken?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die Bar ist voll. Gespr\u00e4chsfetzen schwirren durch die Luft, nur an einigen Tischen herrscht Stille. Hier sitzen die Menschen mit geneigtem Kopf und schauen auf ihr Handy. Ihre Tischnachbarn sind gelangweilt, geradezu genervt. Diese Szene k\u00f6nnte an jedem Abend in jeder Bar stattfinden. Hier stammt sie aus einem Werbevideo der brasilianischen Bar Salve Jorge. Die Barbesitzer versprechen darin: \u201eWir retten die Leute aus der Online-Welt und bringen sie zur\u00fcck an die Bartische.\u201c<\/p>\n<h2>Gefr\u00e4ste Glaskante gegen die gesellschaftliche Unart<\/h2>\n<p>Die L\u00f6sung soll ein Glas sein. Aus seinem unterem Rand wurde eine Ecke ausgefr\u00e4st. Gerade so gro\u00df, dass das Glas auf dem Tisch ins Wanken ger\u00e4t &#8211; es sei denn, man legt sein Smartphone unter. Zieht man es weg, um doch eine Nachricht an die Lieben in der Au\u00dfenwelt zu schreiben, kippt das Glas um. Mit dem sogenannten \u201eOffline-Glas\u201c reagiert die brasilianische Bar auf einen Trend, der sich besonders unter jungen Menschen ausbreitet: Sobald das Handydisplay aufblinkt, sind die realen Freunde abgeschrieben.<\/p>\n<p>\u201eWir haben es mit einer ausgepr\u00e4gten Unh\u00f6flichkeit zu tun\u201c, sagt Joachim R. H\u00f6flich, Professor f\u00fcr Medienintegration an der Universit\u00e4t Erfurt. Er besch\u00e4ftigt sich unter anderem mit mobiler Kommunikation und dem damit einhergehenden Medienwandel. \u201eDurch dieses Verhalten werden grundlegende Anstandsregeln verletzt. Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einer Gruppe zusammen, und pl\u00f6tzlich dreht ihnen jemand den R\u00fccken zu oder geht einfach weg.\u201c Genau das passiere im \u00fcbertragenen Sinne.<\/p>\n<p>Nicht nur in Brasilien, auch in Deutschland st\u00f6rt man sich an der neuen gesellschaftlichen Unart &#8211; und erfindet Gegenma\u00dfnahmen. In Berlin machte die Bar \u201eBuck and Breck\u201c Schlagzeilen, weil dort keine Telefone erw\u00fcnscht sind. Gleich zu Beginn stand das f\u00fcr den Barbesitzer Goncalo de Sousa Monteiro fest. Haupts\u00e4chlich, weil das Licht des Displays die Atmosph\u00e4re der Bar zerst\u00f6re, aber auch, weil Sousa Monteiro seine Prinzipien hat. \u201eEs geh\u00f6rt nicht zum guten Ton, das Handy auf dem Tisch liegen zu haben\u201c, sagt er.   <\/p>\n<h2>Keine Telefone in Berliner Bar<\/h2>\n<p>Der Barbesitzer und seine Mitarbeiter haben lange \u00fcberlegt, wie sie ihre Anti-Smartphone-Empfehlung am besten vermitteln. Mit Verbotsschildern wollten sie ihre G\u00e4ste nicht empfangen. Eine Zeitlang legten sie dem Gast bei \u00fcberdurchschnittlich langem Handykonsum ein kleines K\u00e4rtchen auf den Tisch. Darauf der Spruch: \u201eEnjoy your drink and hide your phone.\u201c Mittlerweile sind die Kellner von Buck &#038;amp- Breck dazu \u00fcbergegangen, die G\u00e4ste pers\u00f6nlich anzusprechen. \u201eWichtig ist, dass wir immer h\u00f6flich bleiben\u201c, sagt Barbesitzer Sousa Monteiro. Die Reaktionen der G\u00e4ste seien ganz unterschiedlich. \u201eEinige f\u00fchlen sich bevormundet oder pers\u00f6nlich angegriffen.\u201c Aber die Mehrheit habe Verst\u00e4ndnis und freue sich sogar \u00fcber die Regelung. \u201eOft haben wir schon geh\u00f6rt, dass der Begleiter sagte: Gut, dass sie es ihm gesagt haben, dann musste ich es nicht machen.\u201c<\/p>\n<p>Klare Regeln fordert auch Kommunikationswissenschaftler  H\u00f6flich. \u201eZurzeit befinden wir uns in einer \u00dcbergangsphase, in der die alten Regeln nicht mehr gelten, es aber noch keine neuen gibt.\u201c  Das ist in der Mediengeschichte nicht neu. Gut erinnert sich H\u00f6flich noch an die Zeiten, als sich immer mehr Jugendliche sich Kopfh\u00f6rer f\u00fcr ihren Walkman in die Ohren st\u00f6pselten. \u201eDamals war die Emp\u00f6rung gro\u00df\u201c, sagt H\u00f6flich. Besorgte Stimmen sprachen von einer Abkapselung der Menschen. Heute st\u00f6rt sich niemand mehr an Ipods oder MP3-Playern. \u201eWir haben uns offenkundig daran gew\u00f6hnt und mit dem Medium arrangiert\u201c, so H\u00f6flich. Ein erster Schritt zum Wandel sei das Erkennen des Problems. Derzeit h\u00e4ufen sich im Internet Kampagnen gegen \u00fcbertriebene Smartphone-Nutzung &#8211; \u201eein Zeichen der moralischen Emp\u00f6rung\u201c, wie H\u00f6flich sagt.<\/p>\n<h2>Genie\u00dfen des Augenblicks<\/h2>\n<p>Ein solches ist auch das Video \u201e I forgot my smartphone.\u201c Seit gut zwei Wochen ist es auf der Videoplattform \u201eYoutube\u201c zu sehen und hat schon mehr als 18 Millionen Klicks gesammelt. Gezeigt wird darin das Leben einer jungen Frau, die einen Tag lang ohne ihr Smartphone auskommen muss. Dabei entdeckt sie eine Welt au\u00dferhalb des Displays und auch, wie alleine man mitunter in ihr ist. Sie trifft sich zum Bowlen, besucht ein Konzert und feiert den Geburtstag eines Freundes. All das  ohne ihr Handy. Wer sehr wohl ein Smartphone hat, sind ihre Mitmenschen. Beim Essen, am Strand, beim Einschlafen \u2013 bei jeder Gelegenheit z\u00fccken sie ihr Ger\u00e4t, telefonieren, surfen und machen Fotos. Den Augenblick genie\u00dfen, das kann hier niemand mehr.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"610\" height=\"458\" src=\"\/\/www.youtube.com\/embed\/OINa46HeWg8\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe>\t\t\t\t<\/p>\n<p>Hinter dem Video stehen Charlene de Guzman und Miles Crawford aus Los Angeles. Der von ihnen produzierte Kurzfilm trifft den Nerv einer Generation. Im Minutentakt laufen Kommentare ein, in denen die Zuschauer ihre Zustimmung aussprechen oder \u00fcber \u00e4hnliche F\u00e4lle klagen. Auch die Verschw\u00f6rungstheoretiker melden sich zu Wort und malen die wildesten Szenarien: Von dem Verfall einer Kultur ist da die Rede, ebenso wie von Vereinsamung und einer drohenden Antisozialisierung.<\/p>\n<h2>Kommunikative Insel<\/h2>\n<p>Neu ist das Ph\u00e4nomen nicht. \u201eFr\u00fcher gab es nur andere M\u00f6glichkeiten. Denken Sie zum Beispiel an das Buch, das jemand liest\u201c, sagt Kommunikationswissenschaftler H\u00f6flich. Das Bed\u00fcrfnis, sich f\u00fcr einen Moment auszuklinken, sei im Menschen verankert. \u201eWir sitzen ein wenig mehr auf der kommunikativen Insel als vorher\u201c, r\u00e4umt er ein. Das Fatale an Smartphones sei aber, dass sie uns gleich \u00fcber mehrere Kan\u00e4le anspr\u00e4chen.<\/p>\n<p>Wir lesen E-Mails, ersteigern Sachen bei Ebay und informieren uns &#8211; alles Aktivit\u00e4ten, die unsere Aufmerksamkeit extrem fordern und fr\u00fcher nur im privaten Bereich betrieben wurden, sagt H\u00f6flich. Durch das Smartphone verlagerten sie sich nun in den \u00f6ffentlichen Bereich, wo noch Verunsicherung \u00fcber den Umgang mit diesen M\u00f6glichkeiten herrscht. Aber nach der Meinung von H\u00f6flich ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir uns auch damit arrangieren werden. \u201eSo ist es bisher immer gewesen.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/leib-seele\/smartphone-die-welt-ausserhalb-des-displays-12558354.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/leib-seele\/smartphone-die-welt-ausserhalb-des-displays-12558354.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine brasilianische Bar startet eine Kampagne gegen Smartphones und fr\u00e4st daf\u00fcr Kanten in ihre Gl\u00e4ser. Auf Youtube diskutieren Millionen \u00fcber ein Video, in dem das Handy zuhause gelassen wird. Sollten wir unser Kommunikationsverhalten \u00fcberdenken?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[379,425],"tags":[292,683,266,483],"class_list":["post-18279","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lebensstil","category-leib-seele","tag-berlin","tag-brasilien","tag-deutschland","tag-smartphone"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18279","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18279"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18279\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}