{"id":18269,"date":"2013-10-05T12:32:43","date_gmt":"2013-10-05T12:32:43","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18269"},"modified":"2013-10-05T12:32:43","modified_gmt":"2013-10-05T12:32:43","slug":"mit-aller-tracht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18269","title":{"rendered":"Mit aller Tracht"},"content":{"rendered":"<p>Dirndl und Lederhosen sind l\u00e4ngst aus der Theresienwiese ausgebrochen und vermehren sich weltweit. Die unersch\u00fctterliche Lust an der Tracht ist Sehnsucht nach einer Zeit, in denen die Butzenscheiben noch den kalten Wind der Globalisierung abhielten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die Fragen zu Dirndl und Lederhose gehen heute weit \u00fcber M\u00fcnchen hinaus. Ist der Dirndl-Look auch in Berlin ein Thema? (Nat\u00fcrlich.) Wie vertr\u00e4gt sich Mieder und Sch\u00fcrze mit Apfelwein und Handk\u00e4s\u2019? (Passt.) Und muss es Oktoberfeste in Chicago und Kampala geben? (Warum nicht?)<\/p>\n<p>Denn das Original-Oktoberfest, das am Sonntag in M\u00fcnchen nach zwei langen Wochen zu Ende geht, hat eine einzigartige Karriere hinter sich. Das gr\u00f6\u00dfte Volksfest der Welt ist nicht nur ein Exportfaktor ersten Ranges, das den Ruhm des deutschen Bieres in den letzten Winkel tr\u00e4gt. Es hat auch den unvergleichlichen Aufstieg eines Stils bef\u00f6rdert, der noch vor einer Generation eher verachtet als bel\u00e4chelt wurde: Dirndl f\u00fcr Frauen und Lederhosen f\u00fcr M\u00e4nner sind heute ein Gro\u00dftrend.<\/p>\n<p>        \t                        \t<!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Da m\u00f6gen zur Wiesn-Zeit in Mailand und Paris die Designer-Schauen \u00fcber die B\u00fchne gegangen sein \u2013 wie fad im Vergleich zum Laufsteg Wirtsbudenstra\u00dfe. Die Alltagsmode mag sich weiter der H\u00e4resie der Formlosigkeit aus durchl\u00f6cherten Jeans, bunten Turnschuhen und rapperhaften Kapuzenjacken hingeben \u2013 ein schlechter Witz im Licht der bayerischen Kleidung, die Wunder vollbringt, n\u00e4mlich Ungl\u00e4ubige zur Tradition bekehrt, Unf\u00f6rmige in Form bringt, Schattenfiguren zu Lichtgestalten bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Vermutlich st\u00fctzen Alkoholgenuss und Gemeinschaftserlebnis den wohlwollenden Blick auf das Dirndl. Aber es k\u00f6nnen nicht nur massenhysterische Ausbr\u00fcche der Erlebnisgesellschaft sein, wenn sogar trendbewusste Moderedakteurinnen direkt aus dem Hippodrom ein Dirndl-Selbstbildnis auf Facebook stellen mit der so begeisterten wie verzweifelten Zeile: \u201eSch&#8230;, wir sind Volksfest-Typen!\u201c<\/p>\n<p>        \t                        \t<!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>So schlimm ist das alles nicht. Die Lust an der Tracht korrespondiert nat\u00fcrlich mit den Anforderungen der Event-Kultur, Marketing und Klamauk nett zu verpacken. Das Dirndl stillt auch das kindliche und mit zunehmendem Alter kindische Bed\u00fcrfnis, in immer anderen Selbstentw\u00fcrfen neue Rollen auszuprobieren. Es kommt erst recht der Lust zur Verkleidung entgegen, die von sich abzulenken vorgibt, um in Wirklichkeit auf sich aufmerksam zu machen. Aber das Dirndl ist auch ein offenes Bekenntnis zu der ethnologischen Erkenntnis, dass schon die ersten Menschen Kleidung nicht nur zum Schutz trugen, sondern vor allem auch als Schmuck.<\/p>\n<p>Wenn man seinen pers\u00f6nlichen Stil als \u201eKonkretisierung von Identit\u00e4t\u201c versteht, den Stil der anderen als \u201eAnhaltspunkt alltagssoziologischer Typisierungen\u201c, wie der Soziologe Gerhard Schulze schreibt, dann ergeben sich daraus f\u00fcr Dirndl und Lederhose reichhaltige Folgen. Mit der Tracht, also dem zeitbest\u00e4ndigen Bekleidungsstil, setzt man sich \u00fcber saisonale Verirrungen hinweg und festigt gleichzeitig ein Selbstbild, das den Tag \u00fcberdauert \u2013 das ist ja auch nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Zudem ist ein Dirndl nat\u00fcrlich eine Uniform, aber in einer Gestaltungsvielfalt, die der Liberalitas Bavariae entspricht.<\/p>\n<p>        \t                        \t<!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Was wiederum unendliche Gespr\u00e4che dar\u00fcber erm\u00f6glicht, was nun eine Schleife links oder rechts zu bedeuten hat und wo zu kurz, zu lang, zu tief, zu weit, zu bunt, zu wenig beginnt. Nirgends hat die deutsche Gesellschaft in den letzten Wochen ihre Wertvorstellungen so genau bemessen wie auf der Theresienwiese.<\/p>\n<p>Nun gut, die Bundestagswahlen waren auch so ein Anlass. Angela Merkels Wahlsieg passt hervorragend in die Dirndl-Theorie, dass Stabilit\u00e4t und Gleichheit zu einem Gef\u00fchl der Sicherheit in volatilen Zeiten f\u00fchren. Das Dirndl ist zugleich die Antwort auf die Hosenanz\u00fcge der Kanzlerin. Denn die zeitgem\u00e4\u00dfe Businessfrau scheint sich gern nach 17 Uhr (in M\u00fcnchen auch fr\u00fcher) aus den Unisex-Nadelstreifen zu sch\u00e4len und in eine l\u00e4ndliche Kultur zu schl\u00fcpfen, in der sie noch Mutter und Landfrau und Hausfrau war. Oder gar: sein durfte?<\/p>\n<p>        \t                        \t<!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Diese Zeit ist mittlerweile so weit entfernt, dass man sie wieder sch\u00e4tzen kann. Nicht die Eltern der Wiesn-Besucher von heute waren Bauern, sondern die Gro\u00dfeltern oder Urgro\u00dfeltern. Und so wie man seine Kinder heute wieder Emil, Heinrich oder Charlotte nennen darf, so kann man sich auch im Freizeitverhalten \u2013 wom\u00f6glich per Vintage-Dirndl \u2013 ein Jahrhundert zur\u00fcckversetzen.<\/p>\n<h2>Die Illusion von der guten alten Zeit<\/h2>\n<p>So wie die Jeans, ebenfalls urspr\u00fcnglich ein l\u00e4ndliches Kleidungsst\u00fcck, als urbanes Gegenmittel zur Tradition eingesetzt wurde, so zeigen Dirndl und Lederhose eine Generation sp\u00e4ter, dass man in seiner metaphysischen Obdachlosigkeit die l\u00e4ndlich-sittlichen Werte auf vertrackte Weise doch vermisst.<\/p>\n<p>Wenn man sich Traditionsbest\u00e4nde auf den Leib legt, verkl\u00e4rt man nat\u00fcrlich romantisierend das eigentlich so schwere und teils brutale Leben auf dem Lande. Auch das ist zeittypisch. Vom Joghurt \u201eLandliebe\u201c bis zur Zeitschrift \u201eLandlust\u201c gibt man sich eben gerne der Illusion von den guten alten Zeiten hin, in denen die Butzenscheiben noch den kalten Wind der Globalisierung abhielten.<\/p>\n<p>Niemand will ernsthaft in die alten Zeiten zur\u00fcck. Aber in virtuellen Zeiten ist alles irgendwie m\u00f6glich. Ein Model schrieb aus dem Bierzelt auf Facebook: \u201eToday 100% German! Gr\u00fcss Gott und Prost!\u201c Ganz ernst darf man das nicht nehmen. Denn heute wird nichts mehr so substantialistisch gegessen, wie es einst gebraten wurde. Au\u00dfer nat\u00fcrlich auf der Wiesn, in der Hendl- und Entenbraterei.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/dirndlfieber-mit-aller-tracht-12604090.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/dirndlfieber-mit-aller-tracht-12604090.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dirndl und Lederhosen sind l\u00e4ngst aus der Theresienwiese ausgebrochen und vermehren sich weltweit. 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