{"id":18149,"date":"2013-09-25T12:32:05","date_gmt":"2013-09-25T12:32:05","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18149"},"modified":"2013-09-25T12:32:05","modified_gmt":"2013-09-25T12:32:05","slug":"der-herr-der-zyklen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18149","title":{"rendered":"Der Herr der Zyklen"},"content":{"rendered":"<p>Nikolaj Kondratjew entdeckte den Biorhythmus des Kapitalismus &#8211; und bezahlte mit seinem Leben daf\u00fcr. Seine Idee der Kondratjew-Wellen aber machte Karriere. Aus unserer Serie \u201eDie Weltverbesserer\u201c.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Wenn die Wirtschaft am Boden liegt und mit ihr die \u00f6konomischen Denker der Vergangenheit, dann schl\u00e4gt die Stunde der Wissenschaftler, die sich mit der Wirklichkeit befassen, die empirisch arbeiten. Das ist heute so nach der Finanzkrise. Und das war in den zwanziger und drei\u00dfiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts genauso. Damals verunsicherte die Weltwirtschaftskrise eine ganze Generation von \u00d6konomen, was zu wahren Kreativit\u00e4tsausbr\u00fcchen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Ein Empiriker, der damals in Mode kam (und auch in dieser Krise wieder viele Bewunderer findet), war Nikolaj Kondratjew, Bauernsohn und \u00d6konom &#8211; ausgerechnet aus der Sowjetunion, die sich gerade per Revolution vom Kapitalismus verabschiedet hatte.<\/p>\n<p>Kondratjew war jahrelang Revolution\u00e4r gewesen, k\u00e4mpfte gegen die Zarenherrschaft f\u00fcr eine sozialistische Demokratie, war mit 25 Jahren sogar ein paar Tage lang stellvertretender Minister. Doch nach der Oktoberrevolution, in der die Bolschewiken an die Macht kamen, widmete er sich vorrangig seiner wissenschaftlichen Karriere.<\/p>\n<h2>Die Wellen von Auf und Ab k\u00f6nnen auch mal lang sein<\/h2>\n<p>Er leitete das Konjunkturinstitut in Moskau und stie\u00df bei seiner Arbeit schon fr\u00fch auf ein Ph\u00e4nomen, das ihn faszinierte: Die Konjunktur der kapitalistischen \u00d6konomie, also das Auf und Ab der Wirtschaft, konnte man nicht nur in den damals schon bekannten Zyklen von 7 bis 11 Jahren beobachten. Nein, wenn man in die Geschichte zur\u00fcckschaute, gab es auch l\u00e4ngere Zyklen, die 48 bis 60 Jahre umfassten und ganz \u00e4hnlich verliefen: 25 Jahre ging es bergauf, 25 Jahre ging es bergab. Die k\u00fcrzeren Zyklen bewegten sich nur um diese langen Wellen herum.<\/p>\n<p>Kondratjew hatte eine Vorliebe f\u00fcr Statistik und entdeckte die Wellen in diversen Gebieten: beim Zins, bei L\u00f6hnen und dem Au\u00dfenhandel, bei der Produktion von Kohle und Stahl, in Amerika, Frankreich, Deutschland. Das Verbl\u00fcffende daran: Sie stimmten in den Jahren in etwa \u00fcberein. So entdeckte er insgesamt zweieinhalb lange Wellen &#8211; mehr Daten waren nicht verf\u00fcgbar. Von Ende der 1780er Jahre bis etwa 1844-51. Von damals bis etwa 1890-96. Und von da an noch eine halbe Welle bis 1920. Ausgehend von dieser Beobachtung war er sicher, dass er auch eine Prognose wagen d\u00fcrfte: Demn\u00e4chst k\u00e4me ein Wendepunkt, und es w\u00fcrde f\u00fcr eine l\u00e4ngere Zeit bergab gehen.<\/p>\n<h2>Als Freund der Marktwirtschaft war er in der Sowjetunion am falschen Ort<\/h2>\n<p>Eine gegl\u00fcckte Prognose, wie man einige Jahre sp\u00e4ter feststellen konnte. Und solche sind in der \u00d6konomie nicht gerade der Regelfall. Doch diese Genugtuung erreichte Kondratjew in einer Zeit, da es ihm schlechter kaum gehen konnte. Er war in politischer Gefangenschaft, inhaftiert in einem ehemaligen Kloster in Susdal, 200 Kilometer von Moskau. Seinen Posten beim Konjunkturinstitut hatte er schon 1928 verloren, das Institut wurde kurz darauf geschlossen.<\/p>\n<p>Eine andere Zeit war gekommen, die Kondratjews marktwirtschaftsfreundliche Ideen f\u00fcr hochexplosives Gedankengut hielt. Die ganze Ideologie des Sowjet-Kommunismus beruhte darauf, dass der Kapitalismus dem Untergang geweiht sei. Kondratjews Theorie aber besagte, dass er sich lediglich in der harten Abschwungphase einer langen Welle befand &#8211; irgendwann w\u00fcrde es wieder bergauf gehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr solche Gedanken war die stalinistische Sowjetunion nicht der richtige Ort. Kondratjew wurde angeklagt, einer Partei angeh\u00f6rt zu haben, die es niemals gegeben hatte, die eine Fiktion war, um liberale Denker aus dem Weg zu schaffen &#8211; und kam nach Susdal. Er selbst jedoch zweifelte nicht daran, dass das, was er entdeckt hatte, die Wahrheit war. Und sah sich bald best\u00e4tigt. 1934 schrieb Kondratjew aus Susdal: \u201eIch versuche dem Verlauf der Weltwirtschaftsentwicklung zu folgen und ich denke, dass einige meiner Ideen und Vorhersagen erfolgreich getestet wurden und den Status anerkannter Fakten erreicht haben.\u201c<\/p>\n<p>Damals wusste er noch nicht, dass er kaum vier Jahre sp\u00e4ter tot sein w\u00fcrde, get\u00f6tet von einem Erschie\u00dfungskommando der zunehmend brutalen Stalinisten. Es dauerte bis ins Jahr 1987, bis er in der Sowjetunion rehabilitiert wurde. Seine Idee aber konnten die Stalinisten nicht ausrotten. Sie hatte ihren Weg in den Westen gefunden, als die Zeiten f\u00fcr den jungen Kondratjew noch gut aussahen, als er sogar noch die Erlaubnis erhielt, in den Westen zu reisen. Zwischen 1922 und 1928 ver\u00f6ffentlichte er die meisten seiner wichtigen Werke. 1926 erschien das erste davon im Ausland, in Deutschland. Der Titel: \u201eDie langen Wellen der Konjunktur\u201c.<\/p>\n<h2>Im Westen wurde Kondratjew entdeckt<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend Kondratjew daheim in Ungnade fiel, wurde er im Westen entdeckt. Sein Schicksal als politischer Gefangener mag dabei ein Verst\u00e4rker gewesen sein. Vor allem war es aber seine empirische Entdeckung, die \u00d6konomen wie Joseph Schumpeter faszinierte &#8211; und verfolgte. Denn Kondratjew hatte zwar eine interessante Regelm\u00e4\u00dfigkeit entdeckt, er hatte aber eine Frage ziemlich offengelassen: Wieso nur traten diese langen Wellen auf?<\/p>\n<p>Das kurzfristige Auf und Ab der Wirtschaft ist schon schwierig zu erkl\u00e4ren. Das langfristige Auf und Ab ist noch mysteri\u00f6ser. Kondratjew selbst \u00e4u\u00dferte sich nebul\u00f6s dazu. \u201eDie langen Wellen entstehen aus Gr\u00fcnden, die dem Wesen der kapitalistischen \u00d6konomie inh\u00e4rent sind\u201c, schrieb er etwa. Ihm schienen die Wellen offenbar eine Art Biorhythmus des Kapitalismus zu sein, ein nat\u00fcrlicher Zyklus, dessen Gr\u00fcnde vielf\u00e4ltig sind.<\/p>\n<p>Eines allerdings stellte er fest: Jede dieser langen Wellen ging mit einer bahnbrechenden Innovation einher, die die Produktionstechnologie ver\u00e4nderte, etwa der Einsatz von Dampfmaschinen oder Strom. Heute interpretieren dies viele so, als sei die Erfindung dieser Technik der eigentliche Ausl\u00f6ser f\u00fcr die langen Wellen. Das sah Kondratjew jedoch anders. \u201eTechnische Erfindungen selbst sind nicht ausreichend, um einen wirklichen Wechsel in der Produktionstechnologie herbeizuf\u00fchren\u201c, schrieb er. \u201eSie bleiben so lange ineffektiv, wie die \u00f6konomischen Bedingungen, die ihre Verwendung beg\u00fcnstigen, nicht vorhanden sind.\u201c So habe es im 17. und 18. Jahrhundert viele Erfindungen gegeben, die erst im 18. Jahrhundert w\u00e4hrend der industriellen Revolution zur Anwendung kamen.<\/p>\n<p>Damit hinterlie\u00df er den nachfolgenden \u00d6konomen ein R\u00e4tsel, das bis heute ungel\u00f6st ist. Kondratjews Anh\u00e4nger sind mittlerweile pragmatisch und sehen die langen Wellen eher als eine Methode, die Wirtschaftsgeschichte zu verstehen. So gab es ihrer Ansicht nach zuletzt zwei Wellen: Eine ging einher mit der Verbreitung des Automobils, die n\u00e4chste mit der Informationstechnologie. Dort stehen wir nach Ansicht von Kondratjews Anh\u00e4ngern gerade am Wendepunkt, vom Kamm der Welle geht es nun bergab. Demnach w\u00e4re die Finanzkrise lediglich Ausdruck davon, dass das Geld nicht mehr wei\u00df, wo es m\u00f6glichst produktiv verwendet werden soll, weil die Informationstechnologie nicht mehr viel Innovationspotential hat und das n\u00e4chste gro\u00dfe Ding noch fehlt.<\/p>\n<p>Das ist vielleicht gar nicht falsch, aber es ist auch ziemlich deprimierend, bedeutet es doch, dass es jetzt jahrelang eher bergab geht, wenn Kondratjew recht hat. Und wir k\u00f6nnen nur sitzen und abwarten. Das hat etwas Fatalistisches. Denn den Menschen bietet Kondratjews Entdeckung keinerlei praktische Anweisung, was jetzt zu tun ist. Da verwundert es nicht, dass der praktische Keynes damals wie heute weit popul\u00e4rer ist als Kondratjew.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/die-weltverbesserer\/nikolaj-kondratjew-der-herr-der-zyklen-12584829.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/die-weltverbesserer\/nikolaj-kondratjew-der-herr-der-zyklen-12584829.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nikolaj Kondratjew entdeckte den Biorhythmus des Kapitalismus &#8211; und bezahlte mit seinem Leben daf\u00fcr. Seine Idee der Kondratjew-Wellen aber machte Karriere. 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