{"id":18123,"date":"2013-07-07T12:31:41","date_gmt":"2013-07-07T12:31:41","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18123"},"modified":"2013-07-07T12:31:41","modified_gmt":"2013-07-07T12:31:41","slug":"gottes-hand-in-gettysburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18123","title":{"rendered":"Gottes Hand in Gettysburg"},"content":{"rendered":"<p>Der Sieg in der entscheidenden Schlacht des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs im Juli 1863 f\u00fchrte Pr\u00e4sident Abraham Lincoln zu der \u00dcberzeugung, dass es die g\u00f6ttliche Mission seines Landes sei, auf Erden Demokratie und Freiheit zu verbreiten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Ob Abraham Lincoln Christ war oder nicht, ist umstritten. Jedenfalls trat Lincoln nie einer Kirche bei. Viel spricht daf\u00fcr, dass Lincoln weder als junger Mann noch als gereifter Politiker und auch nicht als Pr\u00e4sident zum kanonischen Dreifaltigkeitsglauben der ma\u00dfgeblichen christlichen Konfessionen und Denominationen gefunden hat. W\u00e4hrend seiner Kindheit und Jugend in den l\u00e4ndlichen \u201eFrontier\u201c-Gebieten in Kentucky und Illinois, sp\u00e4ter w\u00e4hrend seiner T\u00e4tigkeit als Anwalt in New Salem und in Springfield, schlie\u00dflich in seinen letzten Lebensjahren im Wei\u00dfen Haus in Washington besuchte Lincoln die Gottesdienste verschiedener Prediger, ohne je einer Kirche formal beizutreten.<\/p>\n<p>Jesse Fell, einflussreicher Jurist und Publizist aus Bloomington, der von 1850 an zu dem seinerzeit schon hoch angesehenen und recht verm\u00f6genden Rechtsanwalt Lincoln in Springfield in freundschaftlicher Beziehung stand, beschrieb die Glaubensgrundlage des sp\u00e4teren Pr\u00e4sidenten mit folgenden Worten: Lincoln habe \u201ean die Vaterschaft Gottes und an die Bruderschaft der Menschen\u201c geglaubt. Lincoln selbst sagte \u00fcber sich, er sei \u201elebenslang Fatalist\u201c gewesen. Seine pers\u00f6nliche Pr\u00e4destinationslehre, gepr\u00e4gt von seiner calvinistisch-baptistischen Erziehung, fand er am besten in jener Einsicht ausgedr\u00fcckt, die der von ihm so verehrte Dichter Shakespeare dem d\u00e4nischen Prinzen Hamlet in den Mund gelegt hatte: \u201eDass Gottes Weisheit unsre Zwecke formt, \/ Wie grob wir sie auch zugehaun.\u201c<\/p>\n<p>Lincolns Glaube an eine g\u00f6ttliche Vorsehung wurde w\u00e4hrend seiner Pr\u00e4sidentschaft und vor allem w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges von 1861 bis 1865 auf eine schwere Probe gestellt &#8211; und zugleich gefestigt. In den \u201eMeditationen \u00fcber Gottes Willen\u201c, die Lincoln in den Jahren 1863 und 1864 im Wei\u00dfen Haus verfasste und die nicht zur Ver\u00f6ffentlichung gedacht waren, hei\u00dft es: \u201eIn gro\u00dfen K\u00e4mpfen erhebt jede Seite den Anspruch, dem Willen Gottes zu entsprechen. Beide Seiten k\u00f6nnen recht haben, eine Seite muss sich irren. Gott kann nicht zur gleichen Zeit f\u00fcr und gegen die gleiche Sache sein.\u201c<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erhoben beide Kriegsparteien &#8211; die Union im Norden wie die abtr\u00fcnnigen Konf\u00f6derierten des S\u00fcdens &#8211; den Anspruch, dass sie \u201eden Willen Gottes erf\u00fcllten\u201c, dass sie eine Art heiligen Krieg f\u00fchrten, wie Lincoln vermerkte. Lincoln war zwar \u00fcberzeugt, dass am Ende \u201eder Wille Gottes die \u00dcberhand behalten wird\u201c. Aber diese Gewissheit erf\u00fcllte ihn keineswegs mit Siegeszuversicht, im Gegenteil. Tats\u00e4chlich wollte sich das Kriegsgl\u00fcck lange Zeit nicht zugunsten der Union wenden. In den ersten Kriegsjahren versank Lincoln oft in tiefe Verzagtheit. Der Tod des geliebten Sohnes Willie, der am 20. Februar 1862 dem Typhus erlag, und die folgende schwere Depression seiner Ehefrau Mary brachten den Pr\u00e4sidenten an die Grenze dessen, was er tragen konnte.<\/p>\n<p>Doch der z\u00e4he Kriegsverlauf forderte die ganze physische und geistige Kraft des Pr\u00e4sidenten. Als der Pfarrer der Presbyterianer-Kirche an der New York Avenue in Washington nahe dem Wei\u00dfen Haus in einer Predigt die Gewissheit \u00e4u\u00dferte, \u201eGott ist auf unserer Seite\u201c, lie\u00df Lincoln wissen: \u201eGott ist immer auf der richtigen Seite. Mein stetes Bangen und Beten aber ist dahin gerichtet, dass ich und diese Nation auf der Seite Gottes sein m\u00f6gen.\u201c Ob am Ende die Union oder die Konf\u00f6deration auf der richtigen Seite der Geschichte stehen und siegen w\u00fcrde, wusste nur Gott selbst.<\/p>\n<p>Vor der Schlacht von Antietam bei Sharpsburg in Maryland am 17. September 1862 sagte Lincoln, dass er einen Sieg des Nordens \u00fcber die S\u00fcdstaaten als \u201eZeichen der g\u00f6ttlichen Vorsehung\u201c betrachten w\u00fcrde, unverz\u00fcglich die Emanzipation der Sklaven zu beschlie\u00dfen. In dieser Schlacht standen sich mehr als 75 000 Soldaten der Union unter dem stets z\u00f6gerlichen General George McClellan und 38 000 Mann in der Uniform der Konf\u00f6derierten unter dem Befehl von General Robert Lee gegen\u00fcber. Lee hatte im Sommer 1862 den ersten Vorsto\u00df vom S\u00fcden her \u00fcber den Fluss Potomac nach Norden auf Unions-Territorium gewagt. Ein weiterer Vormarsch Lees auf das nahe Washington h\u00e4tte die Niederlage der Union bedeuten k\u00f6nnen. Als sich der Abend \u00fcber das blutgetr\u00e4nkte H\u00fcgelland am Nordostufer des Potomac senkte, waren an einem einzigen Tag mehr als 3650 Soldaten beider Seiten gefallen- insgesamt 17 300 Mann waren verwundet worden. Bis heute ist die Schlacht von Antietam der blutigste Tag in der Geschichte aller amerikanischen Kriege. Am 6. Juni 1944, dem Tag der Invasion der Alliierten in der Normandie, lie\u00dfen 2500 amerikanische Soldaten ihr Leben.<\/p>\n<p>Obwohl Lees geschlagene Armee nicht vernichtet wurde, sondern sich \u00fcber den Potomac zur\u00fcck nach Virginia in Sicherheit bringen konnte, war der Sieg McClellans eine vorl\u00e4ufige Wende im B\u00fcrgerkrieg. Am 22. September 1862 bekr\u00e4ftigte Lincoln bei einer Kabinettssitzung in Washington seine \u00dcberzeugung, dass die Schlacht von Antietam \u201eein Zeichen g\u00f6ttlichen Willens ist und dass daraus meine Pflicht erw\u00e4chst, in der Sache der Emanzipation voranzuschreiten\u201c. Nicht er selbst habe \u201ein der Sklavenfrage entschieden, sondern Gott\u201c.<\/p>\n<p>In einem Gespr\u00e4ch am 26. Oktober 1862 mit einer Gruppe von Qu\u00e4kern, die den Pr\u00e4sidenten im Wei\u00dfen Haus besuchten, sagte Lincoln: \u201eW\u00e4re es nach mir gegangen, dieser Krieg h\u00e4tte nie begonnen, und h\u00e4tte ich sp\u00e4ter meinen Willen gehabt, w\u00e4re er l\u00e4ngst zu Ende. Und doch dauert er fort, und wir m\u00fcssen glauben, dass Er ihn f\u00fcr seine eigenen Zwecke zul\u00e4sst, deren Weisheit ein R\u00e4tsel bleibt und sich uns nicht erschlie\u00dft. Und selbst wenn wir das mit unserem begrenzten Menschenverstand nicht begreifen k\u00f6nnen, so m\u00fcssen wir doch daran glauben, dass Er, der die Welt geschaffen hat, sie auch lenkt.\u201c Am 1. Januar 1863 erlie\u00df Lincoln, gleichsam auf Gehei\u00df Gottes, die \u201eEmancipation Proclamation\u201c zur Freilassung von 3,1 Millionen der insgesamt vier Millionen Sklaven in der Konf\u00f6deration. Die Sklaven in jenen Staaten der Union, die an die Konf\u00f6deration im S\u00fcden grenzten, profitierten von der Proklamation zu ihrer Emanzipation zun\u00e4chst nicht. Sie kamen aber durch Gesetze, die in den Grenzstaaten bald darauf erlassen wurden, ebenfalls kurze Zeit sp\u00e4ter frei.<\/p>\n<p>Den eigentlichen Wendepunkt des Krieges aber brachte erst die Schlacht von Gettysburg in Pennsylvania vom 1. bis zum 3. Juli 1863. Dabei schlugen die nun von General George Mead befehligten Unions-Truppen den zweiten Vorsto\u00df der Konf\u00f6derierten-Armee nach Norden endg\u00fcltig zur\u00fcck. Mit insgesamt 8000 Gefallenen w\u00e4hrend der drei Tage war die Schlacht von Gettysburg die blutigste des gesamten B\u00fcrgerkriegs. Als Pr\u00e4sident Lincoln gut vier Monate sp\u00e4ter, am 19. November 1863, seine Rede zur Einweihung des Soldatenfriedhofs und der Gedenkst\u00e4tte von Gettysburg hielt, waren das Ausma\u00df und die Zerst\u00f6rungen der Schlacht noch gegenw\u00e4rtig. In Gettysburg habe Lincoln \u201ean jenem Tag die Nation dazu aufgerufen, sich neu dem Kampf f\u00fcr die \u00dcberzeugung zu widmen, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, und mit neuer Entschlossenheit daf\u00fcr einzutreten, dass Amerikas demokratisches Experiment um der Menschheit willen gerettet wird\u201c, schreibt der Lincoln-Biograph Stephen B. Oates in seinem Buch \u201eWith Malice Toward None\u201c von 1977.<\/p>\n<p>Lincolns \u201eGettysburg Address\u201c ist vielleicht die beste, jedenfalls eine der pr\u00e4gnantesten und k\u00fcrzesten aller Pr\u00e4sidentenansprachen der amerikanischen Geschichte. Sie dauerte kaum zweieinhalb Minuten. Die Ansprache hebt an in biblischer Diktion und erinnert an die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung von 1776, gleichsam die \u201eHeilige Schrift\u201c der neuen Nation Amerika. Mit der \u201eDeclaration of Independence\u201c vom 4. Juli 1776, so Lincoln, \u201egr\u00fcndeten unsere V\u00e4ter auf diesem Kontinent eine neue Nation, in Freiheit gezeugt und dem Grundsatz geweiht, dass alle Menschen gleich geschaffen sind\u201c. Der gro\u00dfe B\u00fcrgerkrieg, in dem das Land nun stehe, sei die geschichtliche Pr\u00fcfung, \u201eob diese oder jede andere so gezeugte und solchen Grunds\u00e4tzen geweihte Nation dauerhaft bestehen\u201c k\u00f6nne. Die Rede endet mit jenen ebenfalls biblisch anmutenden S\u00e4tzen, in denen Lincoln fordert, einen \u201eheiligen Eid\u201c darauf zu schw\u00f6ren, \u201edass diese Toten nicht vergebens gestorben sein m\u00f6gen, dass diese Nation, unter Gott, eine Wiedergeburt der Freiheit erleben und dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und f\u00fcr das Volk nicht von der Erde verschwinden m\u00f6ge\u201c.<\/p>\n<p>Dass die W\u00f6rter \u201eGott\u201c und \u201eFreiheit\u201c von Lincoln &#8211; wie von allen amerikanischen Pr\u00e4sidenten &#8211; in einem Atemzug genannt werden, dass sie zugleich mit dem Auftrag Amerikas zur globalen Verteidigung und Verbreitung dieses Gottesgeschenks an die Menschenkinder verbunden werden, ist das Fundament des Gr\u00fcndungsmythos und der Geschichtsphilosophie der Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p>Die Rolle von Glaube und Religion in der heutigen Gesellschaft ist jenes Merkmal, an dem sich die unterschiedlichen Entwicklungen in Amerika und Europa am klarsten manifestieren: Amerika glaubt &#8211; noch immer, Europa glaubt nicht &#8211; schon lange nicht mehr. Anders als die meisten L\u00e4nder Europas haben die Vereinigten Staaten gewisserma\u00dfen ihren \u201eKinderglauben\u201c behalten: Amerika verst\u00f6\u00dft gegen das religionssoziologische Grundgesetz, wonach der Prozess der Modernisierung einer Gesellschaft mit einem Prozess der S\u00e4kularisierung einhergeht. Der Befund, dass Amerika unter den wohlhabenden und entwickelten Nationen \u00fcber ein einzigartig vitales religi\u00f6ses Leben verf\u00fcgt, ist durch zahlreiche empirische Studien und Umfragen belegt. In den meisten europ\u00e4ischen Staaten sind die Kirchen an Sonntagen nur sp\u00e4rlich besetzt, die Gottesdienstbesucher weisen einen relativ hohen Altersdurchschnitt auf.<\/p>\n<p>Ganz anders in Amerika. Wer an Sonntagen vormittags \u00fcber das Land oder durch die Vorst\u00e4dte f\u00e4hrt, sieht vor fast jeder Kirche \u00fcberf\u00fcllte Parkpl\u00e4tze (und an Samstagen vor den Synagogen sowie an Freitagen vor den Moscheen). Es gibt rund 200 christlichen Fernsehstationen und gut 1300 christlichen Rundfunksender. Die Wochenzeitung \u201eUS News &#038;amp- World Report\u201c hat ermittelt, dass es in den Vereinigten Staaten mehr Kirchen, Synagogen, Moscheen und Tempel pro Einwohner gibt als in jedem anderen Land der Welt: Durchschnittlich kommt ein Gotteshaus auf 865 Einwohner.<\/p>\n<p>Das \u00f6ffentliche Anrufen Gottes und der Dank an den Allm\u00e4chtigen ist in Amerika f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten wie f\u00fcr Profisportler und Popstars ein herk\u00f6mmliches Ritual, an dem niemand Ansto\u00df nimmt. Schlie\u00dflich wird schon in der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung ausdr\u00fccklich \u201eder Sch\u00f6pfer\u201c als Ursprung der unver\u00e4u\u00dferlichen Rechte auf Leben, Freiheit und Streben nach Gl\u00fcck genannt. Als die puritanischen Pilgerv\u00e4ter mit ihren Schiffen an der K\u00fcste Neuenglands landeten, erhofften sie sich Freiheit der Religion in der Neuen Welt nicht im Sinne von Freiheit von der Religion, sondern im Gegenteil als Freiheit f\u00fcr die Religion, n\u00e4mlich f\u00fcr ihre eigene.<\/p>\n<p>In seinem noch auf See an Bord der \u201eArabella\u201c verfassten philosophisch-theologischen Tagebuch-Traktat \u201eA Model of Christian Charity\u201c bezeichnet John Winthrop (1588 bis 1649), der erste Gouverneur des Staates Massachusetts, die Siedlungen der Kolonisten an der K\u00fcste Neuenglands &#8211; allen voran und stellvertretend die Stadt Boston &#8211; als \u201eStadt auf dem H\u00fcgel\u201c, als zweites Jerusalem, von wo das Licht der g\u00f6ttlichen Vorsehung in alle Welt strahlen werde. Die \u201eAugen der Welt\u201c w\u00fcrden auf dieses beispielhafte Gemeinwesen gerichtet sein, und alle Welt werde diesem g\u00f6ttlichen Exempel nacheifern, prophezeite Winthrop. Schon dem moralischen Utopismus der Siedler lag ein Verst\u00e4ndnis von Religion zugrunde, das bis heute das religi\u00f6se Leben Amerikas pr\u00e4gt &#8211; so wie die religionskritische Tradition Europas des 18. und 19. Jahrhunderts das religi\u00f6se Leben im Europa von heute pr\u00e4gt. Religion und Freiheit sind in Amerika seit je Zwillingsgeschwister. Denn anders als in der Alten Welt gab und gibt es in der Neuen Welt keine Staatskirchen. Nicht umsonst verbietet der Erste Verfassungszusatz dem Kongress nicht nur, die freie Aus\u00fcbung der Religion zu untersagen, sondern auch, eine Religion (als die des Staates) zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Historiker Alexis de Tocqueville (1805 bis 1859) schreibt in seinem Buch \u201e\u00dcber die Demokratie in Amerika\u201c von 1835: \u201eBei uns in Frankreich habe ich den Geist der Religion und den Geist der Freiheit immer nur in unterschiedliche Richtung sich bewegen sehen.\u201c In Amerika dagegen seien Religion und Freiheit \u201eaufs engste miteinander verbunden: Sie regieren gemeinsam auf dem gleichen Boden.\u201c Und weiter stellt Tocqueville fest, damit sehr aktuell: \u201eEs gibt kein Land auf der Welt, in welchem die christliche Religion einen so gro\u00dfen Einfluss auf die Seelen der Menschen hat wie in Amerika.\u201c Dieser Einfluss aber war von Beginn an ein emanzipatorischer. Er wurde gespeist vom Impuls des Aufbegehrens der aus Europa fortgezogenen Puritaner, Pietisten und anderer Minderheitenkirchen. Niemals mehr wollten sie sich etwas vom Staat und seiner Kirche, mithin von der Staatskirche vorschreiben lassen. Der revolution\u00e4re Furor der b\u00fcrgerlichen Bewegungen Europas richtete sich gegen die Aristokratie und gegen den mit dieser verb\u00fcndeten Klerus. Der revolution\u00e4re Furor der b\u00fcrgerlichen Bewegungen in Amerika wurde von den \u00dcberzeugungen der aus Europa gefl\u00fcchteten christlichen \u201eUnderdogs\u201c gespeist. \u201eDie F\u00fchrer der Amerikanischen Revolution waren nicht, wie die F\u00fchrer der Franz\u00f6sischen Revolution, s\u00e4kularisierte Politiker\u201c, schreibt Michael Novak: \u201eSie schickten sich nicht an, die Religion auszul\u00f6schen.\u201c<\/p>\n<p>Der erste Verfassungskongress von 1774 begann mit der Verlesung eines Psalms durch einen Pfarrer der Episkopalkirche. Die Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung nimmt an vier Stellen auf Gott Bezug &#8211; als Sch\u00f6pfer, als Oberster Richter, als Gesetzgeber und als Herr \u00fcber die Vorsehung. Selbst Thomas Jefferson, der am st\u00e4rksten weltlich orientierte Unterzeichner der Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung, der sp\u00e4ter eine \u201eMauer der Trennung zwischen Kirche und Staat\u201c forderte, war der \u00dcberzeugung, dass \u201ekeine Nation jemals ohne Religion existiert hat oder regiert wurde &#8211; noch dass dies einmal der Fall sein wird\u201c.<\/p>\n<p>In Amerika sind Freiheit, Demokratie und Religion gemeinsam erstarkt, und die Religion ist bis heute lebendig und stark. In Europa, wo die Freiheit und Demokratie oft genug gegen den Widerstand der (katholischen) Religion erfochten werden musste, sind immer weniger Menschen gl\u00e4ubig.<\/p>\n<p>Der amerikanische Religionshistoriker Mark Noll z\u00e4hlt die Rede Lincolns zu dessen zweiter Amtseinf\u00fchrung am 4. M\u00e4rz 1865 zu jener \u201ekleinen Handvoll halbsakraler Texte, mittels welcher die Amerikaner ihren Platz in der Welt verstehen\u201c. Die Rede ist ebenfalls kurz und in der gleichen wuchtigen Diktion einer Predigt geschrieben wie die \u201eGettysburg Address\u201c vom November 1863. Besondere Bedeutung kommt der \u201eSecond Inaugural Address\u201c zu, weil es die letzte Rede Lincolns war, ehe er am 15. April &#8211; dem Karfreitag des Jahres 1865 &#8211; im Washingtoner Ford-Theater von einem fanatischen S\u00fcdstaaten-Loyalisten ermordet wurde. Drei Grundgedanken durchziehen Lincolns Rede und auch seine anderen schriftlichen und m\u00fcndlichen \u00c4u\u00dferungen aus jener Zeit. Zuerst und zuv\u00f6rderst ist jede Nation ein moralisches Wesen mit unausweichlichen Pflichten. Zweitens sind Gottes Wege zugleich unergr\u00fcndlich und weise. Und drittens muss die amerikanische Union das vor Gott gegebene Versprechen einl\u00f6sen, als \u201eInstrument f\u00fcr die moralische und politische Transformation\u201c auch anderer Nationen zu wirken: Amerika ist nicht nur Gottes erw\u00e4hlte Nation, sondern zugleich sein Werkzeug, um die ganze Welt nach seinem Bilde zu formen.<\/p>\n<p>In einer parallelen inneren Entwicklung zur Herausbildung dieser seiner geschichtsphilosophischen \u00dcberzeugung haben sich der Gottesbegriff und das Gottesbild Lincolns ver\u00e4ndert. Vor dem B\u00fcrgerkrieg betrachtete Lincoln Gott als eine ferne mechanistische Macht, die vor Zeiten den Weltenlauf festgelegt hat, dann aber nicht mehr selbst in den Geschichtsprozess eingreift. In der kritischen Phase des Krieges entwickelte sich ein neues Bild Lincolns von Gott: Er wird zu einer in der Gegenwart urteilenden und richtenden Wesensperson, deren unergr\u00fcndlichen und scheinbar willk\u00fcrlichen Wegweisungen der Mensch nur z\u00f6gernd folgen will.<\/p>\n<p>In seiner zweiten Amtsantrittsrede, die unter dem Motto \u201eMit Groll gegen niemanden, mit N\u00e4chstenliebe f\u00fcr alle\u201c stand, wies Lincoln der unter hohem Blutzoll geretteten Nation den Weg zu Nachsicht und Vers\u00f6hnung. Keine der beiden Seiten habe erwartet, dass der Krieg so lange dauern und so grausam sein w\u00fcrde, sagt Lincoln: \u201eJeder erwartete einen leichteren Triumph und ein weniger grundlegendes und \u00fcberraschendes Ereignis. Beide Seiten lasen die gleiche Bibel und beteten zu dem gleichen Gott- und jeder erflehte Seine Hilfe gegen den anderen.\u201c In einem Seitenhieb gegen die Sklavenhaltergesellschaft des S\u00fcdens und deren Weltbild f\u00fcgt Lincoln hinzu: \u201eEs scheint seltsam, dass es Menschen gibt, die es wagen, Gottes Beistand zu erbitten, damit sie ihr Brot aus dem Schwei\u00df anderer Menschen herauspressen k\u00f6nnen. Aber richtet nicht, auf dass Ihr nicht gerichtet werdet.\u201c Und er schlie\u00dft mit dem Aufruf: \u201eMit Bestimmtheit im Recht, so wie Gott uns das Recht sehen l\u00e4sst, lasst uns danach streben, das Werk zu vollenden, das wir begonnen haben- die Wunden der Nation zu verbinden- f\u00fcr den zu sorgen, der die Last des Kampfes getragen hat, sowie f\u00fcr seine Witwe und seinen Waisen- alles zu tun, damit wir einen gerechten und dauerhaften Frieden unter uns selbst sowie mit allen Nationen erreichen und erhalten k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Ein kursorischer Blick auf Reden amerikanischer Pr\u00e4sidenten zu wichtigen Anl\u00e4ssen zeigt, wie tief jene Mission verwurzelt ist, nicht nur das eigene Gemeinwesen zu vervollkommnen, sondern zugleich eine friedliche Weltordnung von Staaten nach amerikanischem Vorbild zu schaffen, die durch gemeinsame Werte und gemeinsamen Wohlstand miteinander verbunden sind. John Quincy Adams (1767 bis 1848), Amerikas sechster Pr\u00e4sident, hatte schon in einem Brief von 1811 an seine Mutter Abigail Amerikas Ambitionen in geradezu drastischen Worten beschrieben. Die Vereinigten Staaten h\u00e4tten die Wahl, \u201eeine unendliche Menge kleiner unbedeutender Sippen und St\u00e4mme zu bleiben, die nach Art und Vorliebe europ\u00e4ischer Herrscher und Unterdr\u00fccker in einem unendlichen Krieg um einen Felsen oder einen Fischteich miteinander liegen\u201c- oder sie k\u00f6nnten stattdessen \u201eeine Nation werden, die so gro\u00df ist wie der amerikanische Kontinent, die auserw\u00e4hlt ist von Gott und der Natur, zum gr\u00f6\u00dften und m\u00e4chtigsten Volk heranzuwachsen, das je in einem Gemeinwesen vereint leben soll\u201c. Lincoln seinerseits pr\u00e4gte in seiner Jahresbotschaft an den Kongress vom 1. Dezember 1862 das ber\u00fchmte Wort, die Vereinigten Staaten seien die \u201eletzte beste Hoffnung der Welt\u201c.<\/p>\n<p>Zumal in Zeiten von Krise und Krieg haben amerikanische Pr\u00e4sidenten die Bef\u00f6rderung der Demokratie als Amerikas vornehmste Aufgabe in der Welt beschrieben &#8211; und zugleich als Mission im Einklang mit dem Willen Gottes. Der amerikanische Historiker Walter Russell Mead hat daher vom \u201enationalen Messias-Komplex\u201c gesprochen: Generationen von Amerikanern und ihre Pr\u00e4sidenten waren und sind der festen \u00dcberzeugung, dass die amerikanische Gesellschaftsform, die auf dem Gottesgeschenk der Freiheit beruht, die bestm\u00f6gliche \u00fcberhaupt ist und dass die Welt im Ganzen ein besserer Ort w\u00e4re, wenn sie amerikanischer w\u00fcrde. Bis heute ist die Ideologie wirkm\u00e4chtig, wonach die Expansion der amerikanischen Macht in den \u201eWilden Westen\u201c und sp\u00e4ter in der ganzen Welt keine Eroberung gewesen sei, sondern vielmehr die territoriale Ausdehnung einer Heilsmission. Ohne den Sieg in Gettysburg w\u00e4re dieses Heil zuschanden geworden, noch ehe es \u00fcberhaupt in Amerika Fu\u00df fassen konnte.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/amerika-gottes-hand-in-gettysburg-12274343.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/amerika-gottes-hand-in-gettysburg-12274343.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sieg in der entscheidenden Schlacht des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs im Juli 1863 f\u00fchrte Pr\u00e4sident Abraham Lincoln zu der \u00dcberzeugung, dass es die g\u00f6ttliche Mission seines Landes sei, auf Erden Demokratie und Freiheit zu verbreiten.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,21],"tags":[693,5347,694,5344,695,696,697,410],"class_list":["post-18123","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-gegenwart","category-politik","tag-abraham-lincoln","tag-amerika","tag-burgerkrieg","tag-europa","tag-illinois","tag-kentucky","tag-neuengland","tag-normandie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18123","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18123"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18123\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18123"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18123"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18123"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}