{"id":18121,"date":"2013-07-28T12:31:40","date_gmt":"2013-07-28T12:31:40","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18121"},"modified":"2013-07-28T12:31:40","modified_gmt":"2013-07-28T12:31:40","slug":"eine-deutsche-bildungskatastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18121","title":{"rendered":"Eine deutsche Bildungskatastrophe"},"content":{"rendered":"<p>Wie die Spinnen sa\u00dfen die Freunde im wirkungsvollen Netz, das die bildungspolitische Elite in der fr\u00fchen Bundesrepublik ausgespannt hatte: Die Geschichte von Hellmut Becker und Georg Picht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Nichts erschien beim Wiederaufbau der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg dringlicher als die Demokratisierung des Schulwesens. W\u00e4hrend die einen die L\u00f6sung in einer Wiederbelebung des humanistischen Gymnasiums sahen, setzten andere, beeinflusst durch die amerikanischen Besatzungsm\u00e4chte, auf Einheitsmodelle. Georg Picht (1913-1982), vor dem Krieg Schulleiter am Birklehof in Hinterzarten, glaubte unmittelbar nach 1945 noch, den Humanismus als Zukunftsmodell propagieren zu k\u00f6nnen, vollzog aber einen raschen Sinneswandel. Hellmut Becker (1913-1993), der sp\u00e4ter das Max-Planck-Institut f\u00fcr Bildungsforschung gr\u00fcnden sollte, setzte auf das amerikanische Modell der Re-Education, auf ein egalisierendes Schulsystem und auf eine soziologisch orientierte Bildungsforschung. Picht und Becker, die beiden sendungsbewussten Vertreter einer kleinen, aber einflussreichen Nachkriegselite, wollten von Elitebildung im Schulwesen nichts wissen. Indem sie Bildung zu jener Massenware machten, die sie heute ist, hatten sie viel mehr Einfluss, als ihre Gegner in der Kultusministerkonferenz es f\u00fcr m\u00f6glich hielten.<\/p>\n<p>Kennengelernt hatten sich die beiden, deren Geburtstag sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal j\u00e4hrt, in ihrer Jugend. Becker erbte die Beziehung zu Georg Picht von seinem Vater, dem ehemaligen preu\u00dfischen Kultusminister und Islamwissenschaftler Carl Heinrich Becker. Pichts Vater Werner wiederum leitete im Kultusministerium das Referat Erwachsenenbildung. Als Vater Picht beruflich nach Paris wechselte, zog seine Frau Greta, die Schwester des Romanisten Ernst Robert Curtius, mit ihrem asthmakranken Sohn Georg allein nach Hinterzarten und bewohnte eines der H\u00e4user des sp\u00e4teren Birklehofs.<\/p>\n<p>Georg Picht lernte Hellmut Becker im Alter von 15 Jahren im Haus seiner Eltern kennen. Er hatte zun\u00e4chst keine Schule besucht, sondern war von einem Hauslehrer unterrichtet worden. Eigentlich planten die Eltern Picht und Becker, ihre beiden S\u00f6hne gemeinsam auf dem Birklehof von einem Hauslehrer unterrichten zu lassen, dem Altphilologen Josef Liegle, der dem George-Kreis nahestand. Doch dazu kam es nicht, weil Becker auf den Plan mit einer schweren Krankheit reagierte.<\/p>\n<p>Zum Studium in Freiburg fanden sich die beiden wieder. In seinen ersten Studentenjahren hat sich Becker, wie er sp\u00e4ter berichtete, wenig um die Rechtswissenschaft gek\u00fcmmert und stattdessen mit seinem Freund Picht Stefan George gelesen und n\u00e4chtelang diskutiert. Picht sei sehr viel gebildeter als er selbst, habe wunderbar Klavier gespielt und nur deshalb auf eine pianistische Karriere verzichtet, weil er glaubte, die Qualit\u00e4t seiner sp\u00e4teren Frau Edith Axenfeld nie erreichen zu k\u00f6nnen, so jedenfalls die Einsch\u00e4tzung Beckers. Selbstverst\u00e4ndlich war es nicht, dass Picht seinen Freund Hellmut Becker in die Welt Stefan Georges einf\u00fchrte, die er sonst, \u201eaus tiefen Gr\u00fcnden, auch im Kreis meiner Freunde mit einer dichten Schicht des Schweigens zu umgeben pflegte\u201c, wie er 1952 in einem Brief an den engen Vertrauten Georges, den Publizisten, Unternehmer und Nachlassverwalter des Dichters, Robert Boehringer, schrieb.<\/p>\n<p>\u00dcber Picht hatte Becker auch dessen Vetter zweiten Grades, Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker, kennengelernt, ebenfalls ein George-Anh\u00e4nger. Becker, der in Leipzig Assistent des Staatsrechtlers Ernst Rudolf Huber gewesen war, teilte an der 1941<\/p>\n<p>gegr\u00fcndeten Reichsuniversit\u00e4t Stra\u00dfburg das Haus mit Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker. Alles, was er jemals von Platon begriffen habe, hat Weizs\u00e4cker einmal festgestellt, sei ihm von Picht vermittelt worden. F\u00fcr Picht war die Besch\u00e4ftigung mit Platon eine Lebensaufgabe. Am Birklehof unterhielt er \u00fcber Jahrzehnte das Platon-Archiv, das auf ein Schlagwortregister \u00fcber das Gesamtwerk des Philosophen anwachsen sollte.<\/p>\n<p>Becker verdankte Picht nicht nur die Initiation in die George-Lekt\u00fcre, sondern auch die Bekanntschaft seines \u201ein sp\u00e4teren Jahren sicherlich ersten intellektuellen Gottes\u201c (Ulrich Raulff), Sigmund Freud. Becker hatte mit Alexander Mitscherlich und Max Horkheimer wesentlichen Anteil an der Wiedergr\u00fcndung des sp\u00e4teren Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt.<\/p>\n<p>Beckers Art des Weltzugangs war die eines Menschenforschers, der eifrig mit Freuds Theorien von der Ichbildung und der Triebentwicklung dilettierte und sie bei jeder Gelegenheit anzubringen suchte. Er liebte es, andere mit pers\u00f6nlich-hintergr\u00fcndigen Fragen in die Enge zu treiben. Das schloss nicht aus, dass er sich f\u00fcr Freunde und Ziehkinder, denen er sich besonders verbunden f\u00fchlte, einsetzte und ungeniert Briefe an h\u00f6chste Stellen schrieb. Seine Korrespondenzordner sind \u00fcberbordend, er muss mitunter mehr als hundert Briefe am Tag diktiert haben. Als Direktor des Max-Planck-Instituts f\u00fcr Bildungsforschung soll er zwei Sekret\u00e4rinnen im Schichtdienst besch\u00e4ftigt haben. Unerschrocken schrieb er Ministerien an, um auf die Berufungspolitik von Universit\u00e4ten und politischen Stellen Einfluss zu nehmen. Sein ungeheures Freundschaftsnetzwerk nutzend, hat er manchem, wie dem fr\u00fcheren Verwaltungsjuristen des Wissenschaftskollegs Joachim Nettelbeck, die Karriere geebnet.<\/p>\n<p>Als Anwalt in Kre\u00dfbronn lebend, hatte Becker das bayerische und das baden-w\u00fcrttembergische Schulsystem \u00fcber seine Kinder und seine an einer Grundschule unterrichtende Frau kennengelernt. Das war offenbar abschreckend genug. Jedenfalls bemerkte ein sp\u00e4terer Generalsekret\u00e4r der Kultusministerkonferenz treffend, dass Becker sich nie f\u00fcr Schule interessiert h\u00e4tte, wenn er nicht das Pech gehabt h\u00e4tte, an der bayerisch-w\u00fcrttembergischen Landesgrenze zu leben.<\/p>\n<p>Sein Freund Picht, der zun\u00e4chst in der Kirchenv\u00e4terkommission der Berliner Akademie der Wissenschaften besch\u00e4ftigt und wegen Asthmas vom Kriegsdienst befreit war, unterrichtete am Birklehof alte Sprachen, bis die Nationalsozialisten im Jahr 1942 das Internat \u00fcbernahmen. Picht zog als Lehrbeauftragter an das Institut f\u00fcr Altertumswissenschaft in Freiburg und wurde im selben Jahr promoviert. Nach dem Krieg hatte er zun\u00e4chst vor, den Birklehof, der 1932 als Ausgr\u00fcndung der von Kurt Hahn geleiteten Schule Schloss Salem entstanden war, als evangelisches Gymnasium wiederzuer\u00f6ffnen. Er hielt es f\u00fcr unm\u00f6glich, eine Schule im weltanschaulich leeren Raum zu er\u00f6ffnen, und glaubte, eine Schule mit der \u201eMagna Charta des Neuen Testaments\u201c f\u00fchren zu k\u00f6nnen, so in einem Brief an seinen Freund Becker. Picht wollte sich als Direktor bewerben und nicht l\u00e4nger als zehn Jahre bleiben, weiterhin seiner wissenschaftlichen T\u00e4tigkeit nachgehen und sich habilitieren. Er hegte einen tiefen Widerwillen gegen die \u201esubalterne Existenz eines heutigen Universit\u00e4tslehrers und gegen all die Kleinheit und Mittelbarkeit, aus der die Universit\u00e4t von der Universit\u00e4t aus nicht erl\u00f6st werden kann &#8211; vielleicht aber von einer solchen Schule aus. Da w\u00e4re ich in meinem Bereich der K\u00f6nig\u201c &#8211; eine nicht gerade unbescheidene Vorstellung.<\/p>\n<p>Die Schule sollte eine Synthese von T\u00fcbinger Stift, Schulpforta und Salem sein, doch aus dem Plan wurde nichts. Die badische Landeskirche stellte Picht zu viele Bedingungen, der Direktor in spe f\u00fchlte seine Freiheit empfindlich eingeschr\u00e4nkt, so dass der Birklehof am 6. Januar 1946 als humanistisches Gymnasium wiederer\u00f6ffnet wurde. Picht sah sich nun mit handfesten Alltagsfragen konfrontiert &#8211; von der Kartoffelbeschaffung bis zur Lehrersuche.<\/p>\n<p>Nach dem Zusammenbruch, den er als endg\u00fcltige Blo\u00dflegung unwahrhaftiger Autorit\u00e4ten erlebte, erschien ihm die R\u00fcckkehr zur humanistischen Bildung als einziger Weg in die Zukunft. Mit einer f\u00fcr heutige Ohren unvorstellbar pathetischen Rede, in der Wahrhaftigkeit, Ehrfurcht, Ritterlichkeit, Gehorsam und Glauben als Leittugenden ausgegeben wurden, er\u00f6ffnete er die Schule wieder. Es war der hohe Ton, der im Hause Picht auch bei Tisch herrschte und manchen Gast befremdete. Mit seiner Idee von einer Schulbildung, die zum selbstverst\u00e4ndlichen Umgang mit antiken Texten im Original bef\u00e4higen sollte, stand er schon damals auf verlorenem Posten. Auf die Landerziehungsheime mochte er seine Hoffnung allerdings auch nicht setzen. Entschieden wandte er sich gegen deren jugendbewegte Tradition und die ihnen eigene Weltflucht in kl\u00f6sterliche Abgeschiedenheit. \u201eErziehung ist nicht dazu da, die Welt zu verbessern, im Gegenteil, sie soll auf die Welt, so miserabel, wie sie ist, recht vorbereiten\u201c, glaubte er. Erziehung hielt Picht eher f\u00fcr eine \u201eKunst des Geschehenlassens\u201c, nicht eine der Formung. Eine P\u00e4dagogik, die so vermessen sei, die Menschen auf ein Entwicklungsziel hin zu bilden, sei Selbstbetrug, der unheilvolle Folgen haben k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Pichts Ehrlichkeitsrigorismus f\u00fchrte zu so absurden Gewohnheiten wie Klassengerichten, wenn ein Sch\u00fcler es gewagt hatte, bei einer Klassenarbeit abzuschreiben, bei der die Lehrer meist keine Aufsicht f\u00fchrten. \u201eEin Birklehofer l\u00fcgt nicht\u201c lautete die oberste Maxime. Pichts individualistische Art, die Schule zu leiten, f\u00fchrte schon bald zu Spannungen mit dem Kultusministerium des Landes S\u00fcdbaden. Als er eine Sch\u00fclerin, die an einer \u00f6ffentlichen Schule zweimal in derselben Klasse sitzengeblieben war, als Gastsch\u00fclerin aufnahm, kam es zum offenen Konflikt.<\/p>\n<p>Sein Freund Hellmut Becker, einst Mitglied der NSDAP, verteidigte zu jener Zeit im Wilhelmstra\u00dfen-Prozess in N\u00fcrnberg Ernst von Weizs\u00e4cker, SS-Brigadef\u00fchrer und bis 1943 Staatssekret\u00e4r im Au\u00dfenamt. Ernsts Sohn Richard von Weizs\u00e4cker stand Becker beratend zur Seite. Der Konflikt \u00fcber die Gastsch\u00fclerin am Birklehof, die das Kultusministerium nicht dulden wollte, war Becker eine Reise nach Hinterzarten wert. Picht wollte die freie Sch\u00fclerwahl f\u00fcr die freien Schulen durchsetzen, tat sich mit dem Leiter des Jesuitenkollegs in St. Blasien zusammen und beauftragte den Freiburger Rechtswissenschaftler Wilhelm Grewe mit einem Gutachten zur Auslegung des Artikels 7 Absatz 4 des Grundgesetzes. S\u00fcdbaden erlie\u00df als erstes Bundesland am 14. November 1950 ein Privatschulgesetz. Es sollte zum Vorbild aller sp\u00e4teren Privatschulgesetze in anderen L\u00e4ndern werden.<\/p>\n<p>Hellmut Becker ging in den Vorstand der Schule, in dem auch der Salemer Schulleiter Kurt Hahn, Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker und sein Ansprechpartner in juristischen Fragen Carlo Schmid, der Leiter der Zivilverwaltung W\u00fcrttemberg-Hohenzollern, wirkten. Es entstand die Idee, eine Arbeitsgemeinschaft der Privatschulen zu gr\u00fcnden, in der konfessionelle Schulen, Herrnhuter Gymnasien und Anthroposophen zusammenwirkten. Seinen Lebensunterhalt verdiente Becker mit der juristischen Beratung von Landerziehungsheimen und mit seiner Anwaltskanzlei, die w\u00e4hrend seiner Abwesenheit von seinem Adlatus Alexander Kluge geleitet wurde. Im Jahr 1956 \u00fcbernahm Becker ehrenamtlich das Pr\u00e4sidentenamt des Volkshochschulverbandes.<\/p>\n<p>Anfang der sechziger Jahre gab es kaum ein bildungspolitisches Gremium in der Bundesrepublik ohne Hellmut Becker. Das gilt f\u00fcr seinen Frankfurter St\u00fctzpunkt, das Institut f\u00fcr Sozialforschung mit den Direktoren Adorno und Horkheimer, den Beirat des M\u00fcnchner Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte, den Kulturbeirat des Ausw\u00e4rtigen Amtes, den Ettlinger Kreis mit Industriellen (auch Georg Picht und Richard von Weizs\u00e4cker waren Mitglieder) und den Deutschen Bildungsrat, dem er von 1966 bis 1975 angeh\u00f6rte. Auf Initiative der FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Br\u00fccher rief Hellmut Becker mit dem sp\u00e4teren Pr\u00e4sidenten der Max-Planck-Gesellschaft Adolf Butenandt, den Atomphysikern Otto Hahn und Werner Heisenberg Mitte der sechziger Jahre den Heuss-Preis ins Leben. Gemeinsam mit Frau Hamm-Br\u00fccher, die er zwecks Aufbaus der Gesamtschulen ins hessische Kultusministerium vermittelt hatte, w\u00e4hlte er die ersten Preistr\u00e4ger aus, die allesamt zu jenem wirkungsvollen Netz geh\u00f6rten, das die bildungspolitische Elite in der fr\u00fchen Bundesrepublik ausgespannt hatte. Der erste Preistr\u00e4ger war im Jahr 1965 Georg Picht. Im Jahr darauf war es Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff, die als Chefredakteurin der Wochenzeitung \u201eDie Zeit\u201c eine willige Erf\u00fcllungsgehilfin von Beckers publizistischen Initiativen war. 1984 folgte Richard von Weizs\u00e4cker, 1989 auch noch Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker.<\/p>\n<p>War Picht 1946 noch der \u00dcberzeugung, dass das humanistische Gymnasium wieder zu der Vorschule f\u00fcr die akademischen Berufe werden k\u00f6nne, zeigte sich sp\u00e4testens nach zehn Jahren, dass eine Renaissance des humanistischen Gymnasiums unm\u00f6glich war. Im Deutschen Ausschuss f\u00fcr das Erziehungs- und Bildungswesen, in dem Picht zehn Jahre lang mitarbeitete, sparte er nicht mit Kritik an dem altsprachlichen Gymnasium, das er mittlerweile als Relikt des 19. Jahrhunderts und des deutschen Idealismus betrachtete. Den sogenannten Rahmenplan des Ausschusses f\u00fcr das Erziehungs- und Bildungswesen aus dem Jahr 1959 bezeichnete er in einem Brief an Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker als wirklichen Einschnitt in seiner Biographie: Das dreigliedrige Schulsystem solle beibehalten, die Klassen f\u00fcnf und sechs in eine F\u00f6rderstufe \u00fcberf\u00fchrt und der Stoff in der Oberstufe durch ein Kurssystem entlastet werden.<\/p>\n<p>Der Rahmenplan war das erste gro\u00dfe Reformkonzept der Nachkriegszeit, das Eingang in die Schulpolitik fand, etwa in der Verl\u00e4ngerung der Hauptschulzeit von acht auf neun Jahre und der Oberstufe der Gymnasien (Abitur nach 13 Jahren). Keine Beachtung fand zun\u00e4chst der Vorschlag, im f\u00fcnften und sechsten Schuljahr des Gymnasiums eine \u201eF\u00f6rderstufe\u201c einzurichten. Bis heute ist dieser Vorschlag nicht aus der Welt zu schaffen.<\/p>\n<p>Ausgangspunkt der \u00dcberlegungen war die Behauptung, \u201edass das deutsche Schulwesen den Umw\u00e4lzungen nicht nachgekommen ist, die in den letzten 50 Jahren Gesellschaft und Staat ver\u00e4ndert haben\u201c. Belegt wurde sie nicht. Keine Erw\u00e4hnung fand auch, dass die Anzahl der Realsch\u00fcler zwischen 1952 und 1960 allein um 43 Prozent, die der Gymnasiasten um 25 Prozent gewachsen war. Das konnte oder wollte der Ausschuss offenbar nicht sehen, ihm erschien das Schulwesen r\u00fcckst\u00e4ndig. Mitglieder im Deutschen Ausschuss waren neben Georg Picht Adolf Butenandt, der katholische Publizist Walter Dirks sowie der G\u00f6ttinger Erziehungswissenschaftler Erich Weniger.<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter konnte Picht nur noch das Scheitern seiner Pl\u00e4ne feststellen und machte daf\u00fcr den hemmungslosen Egoismus der Kultusb\u00fcrokratien der L\u00e4nder verantwortlich. Auch in dieser Einsch\u00e4tzung wusste er sich mit seinem Freund Becker einig, dem der \u201ehemmungslose Etatismus\u201c der L\u00e4nder schon l\u00e4ngst ein Dorn im Auge war. Gemeinsam mit dem wissenschaftspolitisch ausgerichteten Deutschen Forschungsrat, der 1951 mit der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft zur Deutschen Forschungsgemeinschaft fusioniert werden sollte, betrieb Hellmut Becker die Einrichtung einer Koordinationsstelle f\u00fcr die Forschung im Bundeskanzleramt. Adenauer war daf\u00fcr, nicht aber die L\u00e4nder und der damalige Innenminister Gustav Heinemann, der seine Macht empfindlich beschnitten sah. Die Koordinierungsstelle sollte vor allem daf\u00fcr sorgen, theoretische und angewandte Forschung enger zusammenzuhalten. 1950 wurde sie tats\u00e4chlich eingerichtet, Becker sollte sie leiten.<\/p>\n<p>Doch Becker entschied sich damals gegen die Politik und besann sich in einem Brief an Heisenberg, den Pr\u00e4sidenten des Deutschen Forschungsrats, auf die Vorz\u00fcge seiner freiberuflichen T\u00e4tigkeit, die er nicht f\u00fcr einen unsicheren Posten in Bonn aufzugeben trachtete. Picht witterte damals gr\u00f6\u00dfere Einflussm\u00f6glichkeiten in der Bundespolitik und riet Becker zu, nicht ohne in einem Brief hinzuzuf\u00fcgen, dass absolut sichergestellt sein m\u00fcsse, dass Becker nicht an den Kurs Adenauers gebunden w\u00e4re, der ihm \u201esehr schnell abzuwirtschaften\u201c schien. Die Landerziehungsheime w\u00fcrden, so Picht, doch erst in Kombination mit der Bonner Stelle richtig interessant. Aber Becker w\u00e4hnte sich in einer viel zu wichtigen Rolle, als dass er sich in das Korsett des politischen Beamtentums h\u00e4tte begeben k\u00f6nnen. Er machte seinen Einfluss geltend, wo immer er konnte, obwohl er \u00fcber keinerlei wissenschaftliche Reputation verf\u00fcgte. Er bewegte sich mit dem Selbstbewusstsein eines von der Herkunft Geadelten auf dem politischen Parkett, f\u00fchrte mit seiner franz\u00f6sischst\u00e4mmigen Frau ein gro\u00dfes Haus in Berlin und wurde schlie\u00dflich auf Anregung Carl Friedrich von Weizs\u00e4ckers im Jahre 1963 in die Max-Planck-Gesellschaft geholt und zum Gr\u00fcndungsdirektor des sp\u00e4teren Max-Planck-Instituts f\u00fcr Bildungsforschung berufen. Das Institut bot ihm eine wesentlich freiere Basis f\u00fcr das geheime Bundeskultusministerium als jedwede Koordinationsstelle im politischen Bonn.<\/p>\n<p>Mit seiner vierteiligen Artikelserie \u201eDie deutsche Bildungskatastrophe\u201c, die 1964 in der protestantischen Wochenzeitung \u201eChrist und Welt\u201c erschien, war seinem Freund Picht fast zur selben Zeit ein Paukenschlag gelungen. Mit einem Mal standen Bildungsfragen im Zentrum der \u00f6ffentlichen Debatte. Es stehe ein Bildungsnotstand bevor, den sich kaum jemand vorstellen k\u00f6nne, ein wirtschaftlicher Notstand, der die ganze Gesellschaft in ihrem Bestand bedrohen k\u00f6nne, so die Kassandrarufe Pichts.<\/p>\n<p>Aus Studien der OECD und der sogenannten Bedarfsfeststellung der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 1963 meinte der Heidegger-Sch\u00fcler schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen, dass das Erziehungs- und Bildungswesen der Bundesrepublik bei weitem nicht in der Lage sein werde, den Bedarf an qualifizierten Nachwuchskr\u00e4ften zu decken. Die Zahl der Abiturienten m\u00fcsse mindestens verdoppelt, die der Akademiker erheblich gesteigert werden, \u201ewenn Westdeutschland im Zuge der Entwicklung der wissenschaftlichen Zivilisation nicht unter die R\u00e4der kommen soll\u201c. Die Texte zur Bildungskatastrophe gingen selbst seinem Freund Hellmut Becker zu weit. Er warnte Picht in einem Brief Anfang 1965 davor, die Mischung von Journalismus und apokalyptischer Prophezeiung an anderer Stelle zu wiederholen.<\/p>\n<p>Die von Picht geforderte Expansion des Bildungswesens, die heute allenfalls noch die OECD propagiert, hatte sich l\u00e4ngst abgezeichnet, und die Verdoppelung der Abiturientenzahl innerhalb eines Jahrzehnts wurde tats\u00e4chlich erreicht. W\u00e4hrend es im Jahr 1963 noch 61 000 Abiturienten waren, waren es 1973 schon 148 300, darunter 39 000 Absolventen mit Fachhochschulreife. Picht ging es um eine Anklage und letzten Endes darum, den Kulturf\u00f6deralismus unter Umgehung des Grundgesetzes auszuhebeln. Ein zentrales Bildungssystem nach franz\u00f6sischem Vorbild schien ihm der geeignete Ausweg zu sein.<\/p>\n<p>Etwa ein Jahrzehnt sp\u00e4ter sah sich Picht als Hauptschuldiger f\u00fcr ein \u00dcberma\u00df von Abiturienten auf der Anklagebank. Bei einer Tagung 1973 rechnete Picht, der dem bildungspolitischen Treiben l\u00e4ngst den R\u00fccken gekehrt hatte und den 1964 geschaffenen Lehrstuhl f\u00fcr Religionsphilosophie an der Evangelisch-Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Heidelberg \u00fcbernommen hatte und au\u00dferdem seit 1958 die Forschungsst\u00e4tte der Evangelischen Studiengemeinschaft (Fest) in Heidelberg leitete, mit dem Bildungssystem ab. L\u00e4ngst war er zu der Erkenntnis gelangt, dass eine Neuordnung der Schulen und Hochschulen erst m\u00f6glich werde, wenn der Bund eine Rahmenkompetenz erhalte, denn der Kulturf\u00f6deralismus sei gescheitert. Die gesamte Struktur des Bildungssystems &#8211; sein dreigliedriger Aufbau, die Trennung von Berufs- und Allgemeinbildung, die Verkn\u00fcpfung der Zeugnisse mit einem Berechtigungswesen &#8211; entspreche der geistigen Lage und der Realit\u00e4t des 20. Jahrhunderts l\u00e4ngst nicht mehr.<\/p>\n<p>Picht war der \u00dcberzeugung, dass sich schlechte Startbedingungen nur ausgleichen lie\u00dfen, wenn die durch das Berechtigungswesen legitimierte b\u00fcrokratische Reglementierung der Bildungsg\u00e4nge abgeschafft werde. Was an die Stelle des Berechtigungswesens treten sollte, sagte Picht nicht, wie einer seiner sch\u00e4rfsten Kritiker, der sp\u00e4tere Direktor des Deutschen Instituts f\u00fcr Internationale P\u00e4dagogische Forschung (Dipf) Christoph F\u00fchr damals bemerkte. Doch solcher Realismus war damals unter Bildungsreformern so wenig gefragt wie heute.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/bildungsreformer-eine-deutsche-bildungskatastrophe-12309062.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/bildungsreformer-eine-deutsche-bildungskatastrophe-12309062.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie die Spinnen sa\u00dfen die Freunde im wirkungsvollen Netz, das die bildungspolitische Elite in der fr\u00fchen Bundesrepublik ausgespannt hatte: Die Geschichte von Hellmut Becker und Georg Picht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":50086,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[38,21],"tags":[689,292,690,691,692,530,531,386],"class_list":["post-18121","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-die-gegenwart","category-politik","tag-akademie-der-wissenschaften","tag-berlin","tag-freiburg","tag-hamm","tag-leipzig","tag-max-planck-gesellschaft","tag-max-planck-institut","tag-paris"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18121","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18121"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18121\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/50086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/de.newseurope.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}