{"id":18119,"date":"2013-07-21T12:31:39","date_gmt":"2013-07-21T12:31:39","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18119"},"modified":"2013-07-21T12:31:39","modified_gmt":"2013-07-21T12:31:39","slug":"europas-werte-europas-wirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18119","title":{"rendered":"Europas Werte, Europas Wirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Europa ist noch immer f\u00fcr viele Menschen in aller Welt ein Vorbild: Es steht f\u00fcr Freiheit, Recht, Wohlstand und Kultur. Aber das relative Gewicht unseres Kontinents in der Welt schwindet. Wenn Europa seine f\u00fchrende Rolle behalten soll, muss die europ\u00e4ische Einigung vorangehen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Krise ist ein Begriff, den wir von den alten Griechen kennen. Er bedeutet so viel wie Zuspitzung, eine Entscheidungssituation, die einen Wendepunkt markiert. Wieder einmal steht Europa an einer Wegscheide. Aber wieder einmal k\u00f6nnen wir selbst entscheiden und gestalten, wie es weitergeht.<\/p>\n<p>Jugendarbeitslosigkeit, Staatsschulden und &#8211; vor allem im S\u00fcden &#8211; wachsende Armut sind nur drei der schlimmsten Probleme, die wir l\u00f6sen m\u00fcssen. Aber die Geschichte der europ\u00e4ischen Integration war schon immer eine Geschichte von Versuch und Irrtum, von Erfolgen und R\u00fcckschl\u00e4gen. Auch die jetzige Krise, da bin ich mir sicher, werden wir bew\u00e4ltigen. Denn langfristig gesehen ist Europa, und vor allem auch seine wachsende Einheit, eine Erfolgsgeschichte, um die uns die Welt beneidet.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns dar\u00fcber nachdenken,<\/p>\n<p>warum wir stolz sein d\u00fcrfen auf Europa. Lassen Sie uns dar\u00fcber sprechen, was die Welt Europa verdankt: Es sind europ\u00e4ische Kultur und Zivilisation, die auch heute noch die Welt pr\u00e4gen und ihr immer wieder Vorbilder sind.<\/p>\n<p>Es gab und gibt nat\u00fcrlich viele Kulturen auf dieser Welt. Aber fast alle sind nach<\/p>\n<p>ihrer Bl\u00fctezeit wieder versunken. Nur in zwei Regionen haben sich nachhaltige Hochkulturen entwickelt: in China und im Mittelmeerraum mit Europa.<\/p>\n<p>Die Hochkultur China hat sich vor rund einem halben Jahrtausend aus dem Weltgeschehen verabschiedet, obwohl sie uns schon vor drei Jahrtausenden vielfach weit voraus war: Im Regierungs-, Verwaltungs- und Ordnungssystem etwa und auch technologisch: Papier und Buchdruck, Schubkarre und Schie\u00dfpulver, Porzellan und Magnetkompass waren in China weit fr\u00fcher im Gebrauch als bei uns. Der schottische Historiker Niall Ferguson hat vor einigen Jahren die Frage gestellt: \u201eWo h\u00e4tte im Jahre 1411 das Weltwirtschaftsforum stattgefunden?\u201c Seine Antwort: in Nanjing, China. Das Reich der Mitte als Mittelpunkt der Welt.<\/p>\n<p>Ende des 14. Jahrhunderts pflanzten die Chinesen in der Gegend von Nanjing 50 Millionen B\u00e4ume, um eine Hochseeflotte zu bauen. Ihre kaiserlichen Handelsschiffe fuhren bis nach Ostafrika &#8211; fr\u00fcher als die der Portugiesen. Riesige neunmastige Hochseedschunken geh\u00f6rten dazu, bis zu 30 000 Mann umfasste diese Flotte. Erst ein knappes Jahrhundert sp\u00e4ter entdeckte Kolumbus mit gerade drei Karavellen und einer Besatzung von 90 Mann Amerika.<\/p>\n<p>Zu dieser Zeit hatten die Herrscher Chinas schon das Interesse an der Seefahrt und am Einfluss auf die \u00fcbrige Welt verloren. Sie zerst\u00f6rten Anfang des 16. Jahrhunderts ihre Flotte, stellten den Bau gro\u00dfer Segler unter Strafe &#8211; und wandten sich radikal nach innen. China war sich selbst genug, isolierte sich &#8211; politisch, wirtschaftlich und kulturell &#8211; und verlor Einfluss auf die \u00fcbrige Welt. Es waren Europ\u00e4er &#8211; Portugiesen, Holl\u00e4nder und Briten zuerst -, die China Jahrhunderte sp\u00e4ter zwangen, seine Mauern zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Kommen wir zu Europa. Vier Elemente sind es vor allem, warum sich die Welt Europa immer noch zum Vorbild nimmt: unsere Werte- unser Weg, durch wissenschaftliche Erkenntnis den &#8211; nicht zuletzt auch materiellen &#8211; Fortschritt der Menschen zu bef\u00f6rdern- unsere Regierungs- und Ordnungssysteme und deren Rechtsgrundlagen- unsere Hochkultur in Musik, Kunst, Literatur und vielem mehr.<\/p>\n<p>Bundespr\u00e4sident Theodor Heuss hat einmal gesagt, dass Europa auf drei H\u00fcgeln ruhe: auf der Akropolis, also dem Wert von Freiheit, Philosophie und Demokratie- auf dem Kapitol, also auf r\u00f6mischem Recht und staatlicher Ordnung- auf Golgatha, also auf dem Christentum.<\/p>\n<p>Ich glaube, das unterschreiben wir alle. Trotzdem taucht heute oft die Frage auf, ob uns das noch weiterbringt. Ob das noch die Bindungskraft hat, die wir brauchen f\u00fcr Europa. Ob das noch das Beispiel ist, an dem sich die Welt orientiert.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich bin da sehr entschieden: Ja, genau mit diesen Werten fing alles an. In ihnen steckt eine Verhei\u00dfung. Sie bedeuten f\u00fcr die Welt eine attraktive Vision von einem lebenswerten Leben und Zusammenleben. Europa mit seinem abendl\u00e4ndisch-christlichen Wertekanon ist das geworden, was wir aus unserer Kultur von Offenheit, Freiheit, Vielfalt und Wettbewerb, aus der Achtung vor dem Menschen und dem Recht gemacht haben: das ma\u00dfgebliche globale Kraftzentrum. W\u00e4hrend China sich, von der Welt abgewandt, lange kaum weiterentwickelte, hat die Europ\u00e4er ihr Wunsch, den christlichen Glauben und unsere Werte zu missionieren, das Streben nach Freiheit, aber auch die Gier nach Gold, Reichtum und Macht zum Aufbruch in die Welt getrieben: nach S\u00fcd- und Nordamerika zuerst, dann nach Afrika und Asien.<\/p>\n<p>Gerade heute wollen Menschen \u00fcberall auf der Welt ein selbstbestimmtes Leben f\u00fchren in W\u00fcrde, Freiheit, Selbstbestimmung und Rechtsstaatlichkeit. Ereignisse wie Tian\u2019anmen und Myanmar, Namen wie Mandela und Aung San Suu Kyi und zuletzt die jungen Menschen auf den Stra\u00dfen von Istanbul bis S\u00e3o Paulo stehen daf\u00fcr. Auf dem Tahir-Platz in Kairo gab es Transparente, auf denen stand: \u201eThank you, Europe\u201c. Es muss uns ber\u00fchren, dass rund um den Globus Menschen leben, die so fasziniert sind von unseren Werten, dass sie bereit sind, ihr Leben daf\u00fcr aufs Spiel zu setzen. Sie vertrauen unseren Werten, sie k\u00e4mpfen daf\u00fcr. Umso mehr ist es eine Verpflichtung f\u00fcr uns Europ\u00e4er, Akropolis, Kapitol und Golgatha lebendig zu halten, den Respekt vor dem Individuum, die Bedeutung der Freiheit.<\/p>\n<p>Freiheit hat gerade f\u00fcr die intellektuelle Entfaltung stets eine herausragende Rolle gespielt. Damit sind wir beim n\u00e4chsten Feld, auf dem Europas Zivilisation eine F\u00fchrungsrolle in der Welt angenommen hat: unser Wissenschafts- und unser Wirtschaftssystem.<\/p>\n<p>Die Aufkl\u00e4rung, diese zutiefst europ\u00e4ische Geistesstr\u00f6mung, pr\u00e4gte im 17. und 18. Jahrhundert vor allem Deutschland, Frankreich und England. Vorausgegangen waren Umw\u00e4lzungen in der Astronomie, der Physik und anderen Naturwissenschaften. Locke, Rousseau, Voltaire oder Kant: Ihr freiheitlicher Geist wandte sich auch gegen kirchliche und staatliche Bevormundung. Dem Schatten des Mittelalters hielten die Aufkl\u00e4rer das Licht der Vernunft und die Ideale von geistiger Freiheit, von Gleichheit und Toleranz entgegen. Mit wachsender intellektueller und individueller Freiheit entstanden aus Europa heraus Wissenschaft und technischer Fortschritt. Die Dampfmaschine markiert eine Zeitenwende f\u00fcr die ganze Menschheit, den Eintritt ins Industriezeitalter. Es war diese Zeitenwende, die wachsenden Wohlstand f\u00fcr immer mehr Menschen brachte &#8211; zuerst in Europa, dann in mehr und mehr Regionen dieser Welt.<\/p>\n<p>Die Wirtschaftsleistung pro Kopf &#8211; h\u00e4tte man sie fr\u00fcher schon so gemessen &#8211; war bis vor 250 Jahren rund um den Globus etwa gleich hoch. Denn die Produktionsfaktoren waren \u00fcberall nur Arbeit und Boden. Aber wir Europ\u00e4er haben wissenschaftliche Erkenntnisse in der Industrialisierung kreativ umgesetzt und den heute dominierenden dritten Produktionsfaktor, Wissen und Kapital, f\u00fcr die Welt erschlossen. Worauf es mir ankommt: Von der Antike \u00fcber den Humanismus bis zur Aufkl\u00e4rung l\u00e4sst sich ein Bogen spannen &#8211; ein Freiheitsmodell, das seinen Ursprung in Europa hat und das die Welt \u00fcberall dort anstrebt, wo Menschen Wohlstand und W\u00fcrde wollen. Nur zur Erinnerung: Nicht nur Dampfmaschine, Auto, Elektrizit\u00e4t und Penizillin, auch der Computer und das Internet wurden in Europa erfunden. Vermarktet wurden sie in anderen L\u00e4ndern, aber es waren ebenfalls nach europ\u00e4ischem Vorbild entstandene Industriegesellschaften.<\/p>\n<p>Mit den Fortschritten in Wissenschaft, Technik und industrieller Produktion entstand ebenfalls in Europa das Wirtschaftsmodell der Marktwirtschaft. Von Thomas von Aquin bis zu Adam Smith: Europ\u00e4ische Vordenker haben uns das R\u00fcstzeug gegeben. Radikal setzten dieses Modell die Amerikaner um, und seit Deng Xiaoping auch das kommunistische China &#8211; und mit Erfolg. Sie alle tun das nicht aus Liebe zu Europa, sondern weil sie wissen, dass ein besseres Leben in Wohlstand nur mit technologischem Fortschritt und unter marktwirtschaftlichen Bedingungen gelingt. Die sozialen Verwerfungen, die Kapitalismus und Industriegesellschaft mit sich brachten, haben den Europ\u00e4er Karl Marx \u00fcber deren Ursachen und Alternativen dazu nachdenken lassen. Dass seine Analysen und die daraus abgeleiteten Ideologien zu einer mehr als ein Jahrhundert w\u00e4hrenden Spaltung der Welt f\u00fchren w\u00fcrden, hat er nicht vorhergesehen. Aber was ich sagen will: Auch diese Weltrevolution hatte ihre Wurzeln in Europa.<\/p>\n<p>Die konstruktiven Elemente sozialistischer Ideale in Verbindung mit dem abendl\u00e4ndisch-christlichen Menschenbild haben daraus schlie\u00dflich die Soziale Marktwirtschaft entstehen lassen: eine kulturelle europ\u00e4ische Leitidee, die es geschafft hat, zur Balance zwischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bed\u00fcrfnissen beizutragen und die sich zunehmend zu einem Exportschlager \u201emade in Europe\u201c entwickelt.<\/p>\n<p>Damit bin ich bei unserem Regierungs- und Ordnungssystem und seinen rechtsstaatlichen Grundlagen. Zur Freiheit passen nur demokratisch verfasste Staaten, das hat sich in Europa fr\u00fcher und konsequenter als anderswo durchgesetzt. Griechen und R\u00f6mer haben uns vor 2500 Jahren Demokratie gelehrt, die europ\u00e4ischen Philosophen der Aufkl\u00e4rung haben sie weitergedacht. Der englische K\u00f6nig William III. musste im 17. Jahrhundert die \u201eBill of Rights\u201c unterschreiben, nach der \u201eGlorious Revolution\u201c von 1688. Dieses Papier ist deshalb so wichtig, weil es dem Parlament umfassende Rechte gew\u00e4hrte. Den Abgeordneten wurde Immunit\u00e4t zugesichert, damit sie von nun an frei von k\u00f6niglicher Willk\u00fcr ihrer Aufgabe nachgehen konnten. Die Menschenrechtserkl\u00e4rung der Franz\u00f6sischen Revolution von 1789, die amerikanische Verfassung des Jahres 1791, die belgische Verfassung von 1831, die deutschen Verfassungen der Jahre 1849 und 1919 sowie das deutsche Grundgesetz von 1949 und auch die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen von 1948 basieren darauf. Diese europ\u00e4ische Verfassungstradition ist l\u00e4ngst die bestimmende Kraft weltweit, der auch Diktaturen, die heute dank marktwirtschaftlicher Reformen und technischem Fortschritt wirtschaftliche Erfolge feiern, nicht dauerhaft werden widerstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Keine absolutistische Monarchie, kein Gottesstaat und keine Diktatur waren jemals so erfolgreich wie das vielf\u00e4ltige, freiheitliche Europa. Allein &#8211; ein geeintes Europa blieb lange nur ein Traum von Philosophen und Vision\u00e4ren. Doch nach dem Krieg nahm die \u201eEuropa-Idee\u201c als Friedensprojekt Fahrt auf. Winston Churchill sprach 1946 in seiner ber\u00fchmten Rede in Z\u00fcrich von den \u201eVereinigten Staaten von Europa\u201c. Auch Konrad Adenauer und der franz\u00f6sische Au\u00dfenminister Robert Schuman traten f\u00fcr Einheit und Vers\u00f6hnung ein. In der Realpolitik ging es dabei anfangs eher pragmatisch darum, die deutsche und franz\u00f6sische Kohle- und Stahlindustrie zusammenzubinden. 1951 wurde die Europ\u00e4ische Gemeinschaft f\u00fcr Kohle und Stahl EGKS gegr\u00fcndet. 1957 reifte sie in den R\u00f6mischen Vertr\u00e4gen zur Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG. 1967 fusionierten die Europ\u00e4er beide mit Euratom zur Europ\u00e4ischen Gemeinschaft EG. Und seit 20 Jahren, mit Inkrafttreten des Vertrags von Maastricht 1993, sprechen wir wie selbstverst\u00e4ndlich von der Europ\u00e4ischen Union, der EU. Durch die Einf\u00fchrung unserer gemeinsamen W\u00e4hrung im Jahr 1999 r\u00fcckte die Gemeinschaft noch enger zusammen und \u00f6ffnete sich mit der Erweiterung im Jahr 2004 auch f\u00fcr acht L\u00e4nder Mittel- und Osteuropas. Sie h\u00f6ren deutlich, wie sich im Laufe der 60 Jahre nach und nach Gemeinschaftssinn und Integrationswille in den Vordergrund schieben. Diese Erfolgsgeschichte l\u00e4sst doch die Erwartung zu, dass auch eine durchaus ernste Euro-Krise die europ\u00e4ische Integration nicht wirklich infrage stellen wird.<\/p>\n<p>Das bringt mich zu meinem vierten Punkt: die weltweite Akzeptanz, wenn nicht Dominanz der europ\u00e4ischen Hochkultur. Sobald die materiellen Grundbed\u00fcrfnisse der Menschen befriedigt sind, entfaltet sich Kultur, entwickeln sich Kunst, Musik und Literatur. Das gilt \u00fcberall auf der Welt. Denn \u00fcberall sind gro\u00dfartige kulturelle und k\u00fcnstlerische Werke zu bewundern: in China schon seit 5000 Jahren, in vielen L\u00e4ndern Asiens, in der arabischen Welt, auch in Afrika und in den indianischen Hochkulturen Mittelamerikas.<\/p>\n<p>Aber ich glaube, es sind die Werke der europ\u00e4ischen Hochkultur, die weltweit die gr\u00f6\u00dfte Akzeptanz finden. Sie beeinflussen heute \u00fcberall das lokale Kulturleben, und zum Teil dominieren sie es sogar. Nord- und S\u00fcdamerikaner sind ohnehin als ausgewanderte Europ\u00e4er Teil eines europ\u00e4isch-atlantischen Kulturkreises. Trotzdem hat das amerikanische Kulturschaffen erst nach der Einwanderung von Eliten aus Europa in den drei\u00dfiger Jahren und nochmals nach 1945 Weltniveau erreicht, ob in der Literatur, in der Musik, in der bildenden Kunst, ja sogar in Hollywood. Auch in Asien, in der arabischen Welt und in Afrika ist der Einfluss europ\u00e4ischer Kunst und Kultur \u00fcberw\u00e4ltigend.<\/p>\n<p>Um dies zu erkennen, gen\u00fcgt schon ein Blick ins Internet, wenn man kein Weltreisender ist. F\u00fcr die bildende Kunst zeigen dies die Internetseiten der Museen f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kunst weltweit oder der Kunstmessen in Hongkong oder Dubai. Bei der Musik beweist das ein Blick in Konzert- und Opernprogramme weltweit. Eine chinesische Oper in Europa ist exotisch, europ\u00e4ische Opern in China sind Normalit\u00e4t. Naturgem\u00e4\u00df ist dies in der Literatur weniger ausgepr\u00e4gt, aber die Sichtweisen, Wertungen und Stile verraten oft europ\u00e4ischen Einfluss. Millionen Nichteurop\u00e4er kommen nach Europa, um Kultur zu erleben: Nach M\u00fcnchen, Luzern und Salzburg f\u00fcr die Musik, zur \u201eDocumenta\u201c nach Kassel, zur Biennale nach Venedig und zur Art Basel f\u00fcr die Kunst. Die Frankfurter Buchmesse ist immer noch die wichtigste weltweit und der schwedische Nobelpreis f\u00fcr Literatur der begehrteste seiner Art.<\/p>\n<p>Ich sage das nicht aus europ\u00e4ischer \u00dcberheblichkeit oder gar aus Chauvinismus. Ich sage das, um Europas Bedeutung f\u00fcr die Welt &#8211; jenseits von Tagespolitik und Wirtschaftskrisen &#8211; ins Ged\u00e4chtnis zu rufen. Aber auch um an unser aller Verantwortung f\u00fcr unsere Kultur und ihre Entwicklung zu appellieren.<\/p>\n<p>Nicht nur die europ\u00e4ische Zivilisation ist f\u00fchrend in der Welt, sondern &#8211; noch &#8211; auch Europas Wirtschaft: Die EU ist heute der gr\u00f6\u00dfte Wirtschaftsraum der Welt, 1,2 Mal so gro\u00df wie der der Vereinigten Staaten von Amerika, 2,5 Mal so gro\u00df wie der Chinas und dreimal so gro\u00df wie der Japans. Die Europ\u00e4ische Union steht f\u00fcr sieben Prozent der Weltbev\u00f6lkerung, ein Viertel der Wirtschaftsleistung der Welt, mehr als ein Drittel des Welthandels, die H\u00e4lfte der Welt-Sozialausgaben &#8211; auch das eine ganz besondere europ\u00e4ische Errungenschaft. 26 Prozent der Welt-W\u00e4hrungsreserven werden in Euro gehalten. Allein China h\u00e4lt 800 Milliarden davon. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der EU ist von 2000 bis heute mit 3,2 Prozent j\u00e4hrlich st\u00e4rker gewachsen als das der amerikanischen mit drei Prozent und das Japans mit 2,9 Prozent (allerdings nach 2008, dem Jahr der Finanzkrise, nur noch um 2,4 Prozent). Wir haben also auch wirtschaftlich keinen Grund, unser Licht unter den Scheffel zu stellen. Aber nat\u00fcrlich nur, wenn wir Europ\u00e4er unsere Einigung weiter intelligent vorantreiben. Denn unsere Bev\u00f6lkerung altert und schrumpft, und auch unser Anteil am Weltprodukt wird sinken.<\/p>\n<p>Umso mehr z\u00e4hlt gemeinsame europ\u00e4ische Politik. Umso mehr m\u00fcssen wir die Bedeutung europ\u00e4ischer Zivilisation und Kultur f\u00fcr die Welt erhalten, f\u00fcr uns hebeln und st\u00e4rken, wo immer das m\u00f6glich ist. Meine Rede habe ich \u201eEuropas Werte, Europas Wirtschaft\u201c genannt, weil ich glaube, dass eine Wirtschaftsgemeinschaft eine Wertegemeinschaft sein muss, damit sie langfristig auch als politische Gemeinschaft Erfolg hat. Also wie im Vertrag von Maastricht, wo es hei\u00dft: \u201eDie Union beruht auf Freiheit, Demokratie, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit in allen Mitgliedstaaten.\u201c Oder in der Europ\u00e4ischen Grundrechtecharta, die die europ\u00e4ischen Institutionen bindet und die mit demselben Satz beginnt wie das deutsche Grundgesetz: \u201eDie W\u00fcrde des Menschen ist unantastbar.\u201c Anders formuliert: Es z\u00e4hlt, dass sich alle an denselben Werten orientieren. Genau das lehrt die Krise. Akropolis, Kapitol und Golgatha sind zeitlos aktuell.<\/p>\n<p>Es stimmt: Wir erleben derzeit einen Vertrauensverlust in Europa. Aber entscheidend ist doch, in welchen Bereichen das Vertrauen erodiert: Nach meiner Wahrnehmung wird nicht die \u201eIdee Europa\u201c in Frage gestellt. Der Vertrauensverlust betrifft die praktische Umsetzung dieser Idee. Mangelndes Vertrauen ist nicht die Ursache der Probleme in Europa, sondern ihre Folge. Also k\u00f6nnen wir mehr Vertrauen nur durch bessere Politik gewinnen.<\/p>\n<p>Wie schwierig das ist, zeigt ein Beispiel: Euroland ist nicht gleich Schengen-Land, die EU ist mit beiden nicht identisch. Es geht aber noch komplizierter: Norwegen ist nicht Mitglied der EU, nimmt aber am Schengen-Verfahren teil. Genau andersherum Gro\u00dfbritannien: Es ist zwar EU-Mitglied, nimmt aber nicht an Schengen teil. Wenn man von M\u00fcnchen nach London fliegt, muss man einen Pass vorzeigen, obwohl man die EU nicht verl\u00e4sst. Wenn man aber in Oslo landet, braucht man den Pass nicht, obwohl man die EU verlassen hat.<\/p>\n<p>Gleichzeitig gibt es aber l\u00e4ngst ein selbstverst\u00e4ndliches Gef\u00fchl von Zusammengeh\u00f6rigkeit. Unionsb\u00fcrger billigen sich mit gro\u00dfen Mehrheiten wechselseitig die gleichen politischen und sozialen Rechte und Pflichten zu. Wir machen kaum noch einen Unterschied zwischen Menschen aus M\u00fcnchen oder Mailand. Damit verschwindet innerhalb der EU schlicht das Konstrukt des \u201eAusl\u00e4nders\u201c. Offenbar ist vielen von uns die Unionsb\u00fcrgerschaft, die es seit \u201eMaastricht\u201c gibt, gel\u00e4ufiger, als ich erwartet h\u00e4tte. Seien wir also weniger aufgeregt im Tagesgeschehen. Auf die lange Sicht kommt es an.<\/p>\n<p>Meine sehr verehrten Damen und Herren, an diesem Tag, an dem Sie den Bayerischen Verdienstorden \u00fcberreicht bekommen, ist mir Optimismus wichtig. Ich hoffe, ich habe Ihnen deutlich gemacht, welch herausragende Rolle Europas Werte als Kompass f\u00fcr die Welt haben. Welche Anziehungskraft sie aus\u00fcben.<\/p>\n<p>Und damit das so bleibt, m\u00fcssen wir nicht nur in Bayern zusammenstehen, nicht nur in Deutschland. Nur als Gemeinschaft der Europ\u00e4er werden wir dauerhaft Kraft, Gewicht und Zukunft haben.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/europaeische-union-europas-werte-europas-wirtschaft-12290042.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/europaeische-union-europas-werte-europas-wirtschaft-12290042.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europa ist noch immer f\u00fcr viele Menschen in aller Welt ein Vorbild: Es steht f\u00fcr Freiheit, Recht, Wohlstand und Kultur. Aber das relative Gewicht unseres Kontinents in der Welt schwindet. 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