{"id":18109,"date":"2013-08-25T12:31:37","date_gmt":"2013-08-25T12:31:37","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18109"},"modified":"2013-08-25T12:31:37","modified_gmt":"2013-08-25T12:31:37","slug":"prinz-und-king","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18109","title":{"rendered":"Prinz und King"},"content":{"rendered":"<p>Vor 50 Jahren hielt Martin Luther King in Washington seine historische Rede \u201eI have a dream\u201c. Neben ihm stand ein Mann, der Kings Denken beeinflusst hat und dennoch fast vergessen ist: der Rabbiner Joachim Prinz, der 1937 von Berlin in die Vereinigten Staaten ausgewandert war und dort sein Leben der B\u00fcrgerrechtsbewegung verschrieb.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">In den fr\u00fchen Morgenstunden des 28. August 1963 glich Washington D.C. einer Geisterstadt. S\u00e4mtliche Spirituosengesch\u00e4fte hatten geschlossen, die Waren und Auslagen vieler anderer L\u00e4den waren l\u00e4ngst aus der Stadt gebracht worden, die Angestellten des \u00f6ffentlichen Dienstes genossen einen beh\u00f6rdlich genehmigten freien Tag. Die amerikanische Hauptstadt r\u00fcstete sich f\u00fcr die bis dahin gr\u00f6\u00dfte Demonstration in ihrer Geschichte, den \u201eMarsch auf Washington f\u00fcr Arbeit und Freiheit\u201c der afroamerikanischen B\u00fcrgerrechtsbewegung.<\/p>\n<p>Sowohl die Regierung unter Pr\u00e4sident John F. Kennedy als auch die Stadtverwaltung hatten versucht, die Demonstration zu verhindern, und als das nicht gelang, sie zumindest empfindlich zu st\u00f6ren. Sie untersagten den Teilnehmern die \u00dcbernachtung in der Stadt, verboten die Mitnahme regierungskritischer Plakate und verlegten den Aufmarsch auf einen regul\u00e4ren Arbeitstag. Zeitungsberichte sorgten zudem daf\u00fcr, dass in Washington die Angst vor schweren Ausschreitungen, Pl\u00fcnderungen und Vergewaltigungen umging. Doch die B\u00fcrgerrechtler waren nicht aufzuhalten. Statt der prognostizierten B\u00fcrgerkriegsatmosph\u00e4re herrschte am Morgen des 28. August unter den Demonstranten eine ausgelassene Stimmung. Bei strahlendem Sonnenschein wurde gelacht, getanzt und gesungen. Immer wieder erklangen Lieder der Befreiungsbewegung wie das \u201eWe shall overcome\u201c. Fast 200 000 Teilnehmer waren bereits am Washington Memorial versammelt, mehr als 250 000 sollten es bei der Abschlusskundgebung werden. Ein Viertel von ihnen waren Wei\u00dfe, der Gro\u00dfteil davon Juden.<\/p>\n<p>Nur wenige Wochen zuvor waren die verschiedenen B\u00fcrgerrechtsorganisationen ob ihrer Ziele und Mittel zerstritten. Organisationen des S\u00fcdens haderten mit denen des Nordens, zwischen den Radikalen und den Gem\u00e4\u00dfigten ging es hin und her. Der gr\u00f6\u00dfte Streit tobte \u00fcber der Frage, ob die Kennedy-Regierung unterst\u00fctzt oder bek\u00e4mpft werden sollte. Am Nachmittag des 28. August waren alle Rivalit\u00e4ten jedoch vergessen. Die Organisatoren hatten nicht nur die wichtigsten B\u00fcrgerrechtsorganisationen vereint, sondern auch die gr\u00f6\u00dften Religionsgemeinschaften und Teile der<\/p>\n<p>Gewerkschaften integriert. Der heraufbeschworene Gewaltexzess blieb aus.<\/p>\n<p>Bei der zentralen Abschlusskundgebung vor dem Lincoln Memorial wurden jedem Redner h\u00f6chstens sieben Minuten Zeit zugestanden. Nur einer setzte sich dar\u00fcber hinweg: Martin Luther King. Nach der Verlesung seines Manuskripts folgten in freier Rede jene Worte, die ihn weltber\u00fchmt und zum Sprachrohr der B\u00fcrgerrechtsbewegung machen sollten: seine Sequenz \u201eI have a Dream\u201c. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde die \u201eSegregation\u201c, die sogenannte Rassentrennung, in den Vereinigten Staaten von Amerika per Gesetz abgeschafft &#8211; ein Erfolg, der auch auf die Demonstration am 28. August 1963 und die Rede Martin Luther Kings zur\u00fcckzuf\u00fchren war.<\/p>\n<p>Die Rede Kings wurde schon unmittelbar nach dem 28. August zu einem ikonischen Ereignis, das alle anderen Geschehnisse verblassen lie\u00df. So erinnert sich heute kaum noch jemand an den kleinen Mann mit Sonnenbrille, der an Kings Seite zum Lincoln Memorial schritt und dem die Ehre zuteil wurde, unmittelbar vor King sprechen zu d\u00fcrfen: Rabbi Joachim Prinz, der Pr\u00e4sident des American Jewish Congress (AJC). Mit seiner Familie war er aus Newark gekommen, um diesen denkw\u00fcrdigen Tag der amerikanischen Geschichte, aber auch seiner eigenen politischen Biographie zu erleben.<\/p>\n<p>Prinz betrat die kleine B\u00fchne, nachdem die Gospels\u00e4ngerin Mahalia Jackson, der musikalische Star der B\u00fcrgerrechtsbewegung, gesungen hatte. \u201eIch w\u00fcnschte, ich k\u00f6nnte singen\u201c, waren seine ersten Worte, die seine Nervosit\u00e4t widerspiegelten, die er hinter einer Sonnenbrille zu verstecken suchte. Noch nie hatte der erfahrene Redner Prinz vor einer derartig gro\u00dfen Menschenmenge gesprochen. Nun legte er dar, was er unter dem \u201eAmerican Dream\u201c verstand und warum Juden und Schwarze nur gemeinsam k\u00e4mpfen k\u00f6nnten, um diesen Traum dereinst zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Prinz sprach davon, dass Juden und Schwarze die gleiche leidvolle Geschichte von Sklaverei, Unterdr\u00fcckung und Diskriminierung teilten. Es sei daher \u201enicht allein Sympathie und Mitgef\u00fchl f\u00fcr das schwarze Volk Amerikas\u201c, das ihn und die Juden motiviere, f\u00fcr die Rechte der Schwarzen einzutreten, sondern \u201eein Gef\u00fchl vollst\u00e4ndiger Identifikation und Solidarit\u00e4t\u201c. Aber nicht in dieser Geschichte allein liege sein Einsatz f\u00fcr die B\u00fcrgerrechte begr\u00fcndet, sondern auch in seiner pers\u00f6nlichen Biographie.<\/p>\n<p>Zwar versicherte er seinen Zuh\u00f6rern, er spreche \u201eals ein amerikanischer Jude\u201c. Doch seine Wurzeln lagen im Deutschland der Weimarer Republik und der ersten Jahre des Nationalsozialismus. Damals habe er vor allem gelernt, dass \u201eIntoleranz und Hass nicht das dringendste Problem sind. Das dringendste, das erb\u00e4rmlichste, das sch\u00e4ndlichste und das tragischste Problem ist das Schweigen.\u201c Einst ein gro\u00dfartiges Volk, seien die Deutschen im Angesicht von Hass, Brutalit\u00e4t und Massenmord zu schweigenden Zuschauern geworden. Amerika, so Prinz, d\u00fcrfe einen solchen Weg nicht einschlagen, d\u00fcrfe nicht zu einem Volk von Zuschauern werden. Amerika k\u00f6nne nicht schweigen, nicht der Schwarzen, sondern des \u201eBilds, der Idee und des Anspruchs Amerikas selbst\u201c wegen.<\/p>\n<p>Bis heute ist nicht gekl\u00e4rt, was King bewog, seiner Rede das \u201eI have a dream\u201c anzuf\u00fcgen. Gemeinhin wird angenommen, Mahalia Jackson habe King dazu aufgefordert. Einer der besten Kenner Kings, der amerikanische Literaturwissenschaftler Eric J. Sundquist, vermutet hingegen, dass es \u201eJoachim Prinz gewesen sein k\u00f6nnte, der Kings bekannten Gedankengang ausgel\u00f6st\u201c habe. Prinz hatte am Ende seiner Rede eben von jenem American Dream gesprochen, der \u201eFreiheit und Gerechtigkeit f\u00fcr alle\u201c verspreche und doch bisher nur Absicht geblieben sei. Die Zeit sei reif, daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, rief er dem Publikum entgegen, dass dieser Traum zu einer \u201eunersch\u00fctterlichen Realit\u00e4t in einem moralisch erneuerten und vereinigten Amerika\u201c werde. Gut m\u00f6glich, dass sich King von diesen Worten inspirieren lie\u00df, als er von seinem Traum eines Amerika ohne Rassismus sprach.<\/p>\n<p>Zur Zeit des Marschs auf Washington war Prinz l\u00e4ngst eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit des amerikanischen Judentums. Neben der Pr\u00e4sidentschaft einer der gr\u00f6\u00dften j\u00fcdischen Organisationen, des AJC, hatte er viele weitere einflussreiche Posten in amerikanischen und internationalen j\u00fcdischen Organisationen inne. Er war zudem enger Vertrauter und politischer Weggef\u00e4hrte Martin Luther Kings und hatte den AJC zu einer wichtigen St\u00fctze der B\u00fcrgerrechtsbewegung gemacht. Seine Bedeutung in Amerika war vergleichbar mit der Prominenz, die er vor seiner Emigration im nationalsozialistischen Deutschland gehabt hatte. Nach Leo Baeck war Prinz damals der wohl bekannteste Rabbiner in Deutschland. Und dennoch wurde Prinz von der Geschichte nahezu vergessen. In Berlin, seiner ersten Wirkungsst\u00e4tte, fehlt jeder Hinweis auf sein Leben und seinen Einfluss. Wer war also jener Joachim Prinz, den der amerikanische Historiker Michael A. Meyer als eine der bedeutenden Figuren in der modernen j\u00fcdischen Geschichte bezeichnet?<\/p>\n<p>Joachim Prinz wurde am 10. Mai 1902 in dem kleinen Ort Burkhardsdorf in Oberschlesien geboren. Seine Eltern waren assimilierte Juden, die Tradition und Religion kaum mehr Bedeutung beima\u00dfen, sondern sich zuerst als Deutsche verstanden. Das Bed\u00fcrfnis, sich von seinem Vater abzugrenzen, den er als \u201e\u00e4ngstlichen und feigen Juden\u201c bezeichnete, sowie die Erfahrungen mit dem militanten Antisemitismus w\u00e4hrend und nach dem Ersten Weltkrieg f\u00fchrten Prinz zum Zionismus und zur j\u00fcdischen Religion. 1921 begann er eine Rabbinerausbildung am J\u00fcdischen Theologischen Seminar in Breslau und ein Universit\u00e4tsstudium, das er 1924 als Doktor der Philosophie abschloss. 1926, im Alter von gerade 24 Jahren, wurde er als Rabbiner an die Berliner Gemeinde Friedenstempel berufen.<\/p>\n<p>Sein Wirken in der Gemeinde und im j\u00fcdischen Berlin war f\u00fcr einen Rabbiner durchaus unkonventionell. Nicht die klassische j\u00fcdische Liturgie, sondern eine beinahe protestantische Predigt war das Herzst\u00fcck seines Gottesdienstes. Zum anderen entsprach sein Lebenswandel nicht den \u00fcblichen Vorstellungen geistlicher W\u00fcrde und Seriosit\u00e4t. Prinz verkehrte nicht mit dem j\u00fcdischen Establishment, sondern genoss das Nachtleben der Metropole Berlin. In seinen Memoiren hat er die Erinnerung an ausschweifende Partys, Alkoholexzesse sowie sexuelle Abenteuer und Aff\u00e4ren festgehalten. Prinz und seine Ehefrau Lucie Horovitz widersetzten sich offensiv dem ihrer Ansicht nach b\u00fcrgerlichen Monogamiegebot.<\/p>\n<p>Seine unkonventionelle Lebens- und Arbeitsweise verhalf Prinz besonders unter der jungen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung Berlins zu einer Popularit\u00e4t, die sich nach dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft im Januar 1933 noch steigern sollte. Als die Nationalsozialisten die Emanzipation in Frage stellten und die Juden zu einer minderwertigen Rasse erkl\u00e4rten, war es &#8211; neben anderen wie Robert Weltsch oder Leo Baeck &#8211; besonders Joachim Prinz, der ihnen W\u00fcrde, Stolz und Zuversicht zur\u00fcckgab. Sein 1934 erschienenes Buch \u201eWir Juden\u201c wurde zu einem der wichtigsten und umstrittensten Werke deutsch-j\u00fcdischer Publizistik der drei\u00dfiger Jahre. Es wurde von Liberalen und sogar im eigenen zionistischen Lager teils scharf kritisiert.<\/p>\n<p>Sein Erfolg bei der Jugend hingegen war \u00fcberw\u00e4ltigend. Eva Samo, eine Freundin aus den Berliner Jahren, berichtete Jahrzehnte sp\u00e4ter: \u201eEr war f\u00fcr uns das, was man heutzutage einen Rockstar nennen w\u00fcrde.\u201c Wenn Prinz sprach, waren Synagogen oder Vortragss\u00e4le bis auf den letzten Platz belegt. Die Gestapo \u00fcberwachte ihn und lie\u00df ihn immer wieder verhaften. Aber auch innerhalb der j\u00fcdischen Gemeinschaft geriet er an seine Grenzen. Von deutschnationalen Juden erhielt er Morddrohungen, unter der Geistlichkeit avancierte er zum st\u00f6renden Au\u00dfenseiter. Der Rabbinerrat entzog ihm 1935 das Rabbinat.<\/p>\n<p>Immer st\u00e4rker geriet Prinz nun auch ins Visier der Gestapo, die ihm die Auswanderung nahelegte. Im Fr\u00fchjahr 1937 begab sich Prinz auf eine mehrw\u00f6chige Reise nach Nordamerika, kehrte nochmals nach Berlin zur\u00fcck und verlie\u00df Deutschland endg\u00fcltig im Juli jenes Jahres.<\/p>\n<p>Amerika war f\u00fcr Prinz nicht das Ziel seiner W\u00fcnsche gewesen, sondern die beste aller M\u00f6glichkeiten. Nach der R\u00fcckkehr von seiner ersten Reise im Fr\u00fchjahr 1937 ver\u00f6ffentlichte er in der deutsch-j\u00fcdischen Monatsschrift \u201eDer Morgen\u201c einen Reisebericht, in dem er seine m\u00f6gliche neue Heimat scharf kritisierte. Am st\u00e4rksten f\u00fchlte er sich von der Rassentrennung abgesto\u00dfen, aber er zeigte sich auch entt\u00e4uscht von seinen amerikanischen Glaubensbr\u00fcdern. Dass sich auch Juden rassistisch verhielten, verunsicherte ihn. Jemand, der den Nationalsozialismus und damit das Getto der Neuzeit kennengelernt habe, habe einen vollst\u00e4ndig anderen Blick: \u201eMerkw\u00fcrdig, wie anders unser Blick geworden ist. Wir, die wir hingekommen sind, um uns ,umzublicken\u2019, sehen sch\u00e4rfer und empfinden st\u00e4rker. . . . Wir verstehen deshalb nicht, dass auch die Juden dort die Neger h\u00f6chst gleichg\u00fcltig betrachten, und dass auch sie hochm\u00fctig sind. . . . Wir k\u00f6nnen das nicht. Wir verstehen sie zu gut, die Schwarzen im Getto zu Harlem.\u201c<\/p>\n<p>Wenige Wochen nach seiner \u00dcbersiedlung in die Vereinigten Staaten wurde er abermals Zeuge des Rassismus in j\u00fcdischen Kreisen. Vor einer Veranstaltung in Atlanta, zu der er von zionistischer Gruppen eingeladen worden war, traf er den schwarzen Theologen Willis Jefferson King zum Abendessen. Anschlie\u00dfend teilte ihm einer der Organisatoren seine Verwunderung dar\u00fcber mit, dass sich Prinz mit \u201ediesem Nigger\u201c getroffen habe. Prinz war schockiert. In seiner postum erschienenen, von Michael A. Meyer herausgegebenen Autobiographie erinnerte er sich an dieses Initialereignis: \u201eIch sagte ihm, dass ich einfach nicht begreife und bisher nicht wusste, dass Juden, die klassischen Opfer rassistischer Verfolgung, selbst Rassisten sein k\u00f6nnen. Ich sagte, dass das, was offensichtlich der schwarzen Bev\u00f6lkerung Amerikas widerf\u00e4hrt, genau das gleiche ist, was mit dem j\u00fcdischen Volk in Europa geschieht.\u201c Die Diskriminierung der Schwarzen avancierte zu einem seiner Hauptthemen, die B\u00fcrgerrechtsbewegung wurde zu seiner zweiten politischen Heimat.<\/p>\n<p>Die Zusammenarbeit von Juden mit der afroamerikanischen B\u00fcrgerrechtsbewegung war dabei durchaus kein Einzelfall, sondern hatte eine lange Tradition. Besonders in den S\u00fcdstaaten waren Juden und Schwarze in \u00e4hnlicher Weise von Verfolgung und Gewalt bedroht. Aber auch in den anderen Regionen war die Diskriminierung von Juden nicht unbekannt, etwa im Hotel- und Wohnungswesen sowie in Beruf und Ausbildung. Entsprechende Bestimmungen wurden erst Ende der f\u00fcnfziger Jahre abgeschafft.<\/p>\n<p>Die gemeinsame Unterdr\u00fcckungsgeschichte f\u00fchrte mitunter zu einem gemeinsamen Kampf von Schwarzen und Juden. Besonders eng war die Bindung zwischen j\u00fcdischen Organisationen und der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), unter deren Gr\u00fcndungsmitgliedern ebenfalls Juden waren. Geradezu einzigartig war jedoch das intensive Verh\u00e4ltnis Martin Luther Kings zum Judentum und zu einigen seiner Vertreter, vor allem zu Joachim Prinz.<\/p>\n<p>Ende der f\u00fcnfziger Jahre hatten sich die beiden M\u00e4nner kennengelernt und waren in einen intensiven Briefwechsel eingetreten. Als Prinz im Mai 1958 in Miami Beach zum Pr\u00e4sidenten des AJC gew\u00e4hlt werden sollte, nutzten er und der New Yorker Gesch\u00e4ftsmann Stanley Levison die Gelegenheit, King als Gastredner einzuladen. Kings Rede auf der Jahresversammlung des AJC war sein erster Auftritt vor einem nahezu wei\u00dfen Publikum im amerikanischen S\u00fcden. Zwei Jahre sp\u00e4ter war King abermals bei Prinz zu Gast und hielt eine Rede in dessen Synagoge Temple B\u2019nai Abraham.<\/p>\n<p>Die enge, beinahe freundschaftliche Beziehung zu Levison und Prinz, sp\u00e4ter noch zu dem j\u00fcdischen Theologen und Philosophen Abraham Joshua Heschel, beeinflusste Kings Denken und Handeln. Wie kein Zweiter der B\u00fcrgerrechtsbewegung kannte er die j\u00fcdische Geschichte und das Schicksal der Juden im Holocaust. Als Marek Edelmann, ein Kommandeur des Warschauer Gettoaufstands, 1963 in New York auf King traf, war er \u00fcberrascht: \u201eEs war irgendwo auf der Fifth Avenue. Wir sprachen lange miteinander. Er kannte die Geschichte des Holocausts und des Gettos. Er wusste \u00fcber unseren Kampf Bescheid.\u201c<\/p>\n<p>Immer wieder kam King, ob vor j\u00fcdischem oder nichtj\u00fcdischem Publikum, auf die lange Leidensgeschichte der Juden und vor allem den Holocaust zu sprechen. In seiner Rede in Miami Beach 1958 sagte King: \u201eMein Volk wurde in Ketten nach Amerika gebracht. Euer Volk wurde hierher getrieben, um den Ketten, die ihnen in Europa angelegt wurden, zu entrinnen. Unsere Einigkeit ist aus unserem jahrhundertealten gemeinsamen Kampf geboren, nicht allein uns selbst aus der Knechtschaft zu befreien, sondern die Unterdr\u00fcckung von Menschen \u00fcberhaupt unm\u00f6glich zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Diese Analogie wurde von King in verschiedenen Varianten zu unterschiedlichen Gelegenheiten wiederholt. In dem ber\u00fchmten \u201eLetter from Birmingham Jail\u201c vom April 1963, eine Art Grundlagentext der B\u00fcrgerrechtsbewegung, berief sich King in seiner Interpretation der rassistischen Segregation der Vereinigten Staaten auf das Konzept des j\u00fcdischen Theologen Martin Buber, der auch Prinz w\u00e4hrend seiner Jahre in Deutschland stark beeinflusst hatte. Ziviler Ungehorsam sei n\u00f6tig, hie\u00df es weiter in dem Brief, wenn die Gesetze eines Landes der Humanit\u00e4t und Gerechtigkeit widerspr\u00e4chen: \u201eWir sollten nie vergessen, dass alles, was Adolf Hitler in Deutschland tat, ,legal\u2019 war. Es war hingegen ,illegal\u2019 in Hitlers Deutschland, einen Juden zu ermutigen und zu helfen. . . . Wenn ich in jener Zeit in Deutschland gelebt h\u00e4tte, dessen bin ich mir sicher, h\u00e4tte ich meine j\u00fcdischen Br\u00fcder ermutigt und ihnen geholfen.\u201c<\/p>\n<p>Diese \u00c4u\u00dferungen Kings spielten auf einen Konflikt an, den Prinz mit anderen j\u00fcdischen Organisationen und Repr\u00e4sentanten austrug. Ende der f\u00fcnfziger und Anfang der sechziger Jahre war unter der Pr\u00e4sidentschaft von Joachim Prinz der Kampf f\u00fcr die B\u00fcrgerrechte zum Hauptbet\u00e4tigungsfeld des AJC geworden. Prinz und der AJC dr\u00e4ngten die amerikanische Administration immer wieder pers\u00f6nlich oder in Briefen dazu, die Segregation per Gesetz zu beenden. Der AJC beteiligte sich an Demonstrationen der B\u00fcrgerrechtsbewegung, rief zum Boykott von Gesch\u00e4ften und Unternehmen mit einer rassistischen Kunden- und Personalpolitik auf und tat dies vor allem vor diesen Gesch\u00e4ften selbst. Besonders die Boykottstrategie war umstritten. Die Belagerung von Gesch\u00e4ften mit Boykottplakaten erinnerte einige Juden zu stark an die antij\u00fcdischen Boykottkampagnen im nationalsozialistischen Deutschland.<\/p>\n<p>Die gemeinsame Leidenserfahrung von Juden und Schwarzen f\u00fchrte nicht nur dazu, dass Prinz die B\u00fcrgerrechtsbewegung unterst\u00fctzte. Seinerseits trat King wie kein anderer gegen den zunehmenden Antisemitismus unter der schwarzen Bev\u00f6lkerung Amerikas ein. Zusammen mit j\u00fcdischen Organisationen prangerte er zudem den Antisemitismus in der Sowjetunion an und verteidigte leidenschaftlich das Existenzrecht Israels. W\u00e4hrend des Sechstagekriegs 1967 verteidigte King \u00f6ffentlich das israelische Vorgehen und verlor damit das Vertrauen vieler seiner Anh\u00e4nger, die es nun mit den Arabern hielten. Die Autorit\u00e4t Kings als Sprachrohr der B\u00fcrgerrechtsbewegung war zu diesem Zeitpunkt jedoch schon geschw\u00e4cht. Dies lag zum einen an seiner harschen Kritik am Vietnam-Krieg, die von der schwarzen Mehrheit nicht geteilt wurde. Zum anderen lag es jedoch auch daran, dass das pluralistische Nationsverst\u00e4ndnis Kings von einem schwarzen und islamistisch gef\u00e4rbten Nationalismus in der Lesart von Malcolm X und der \u201eNation of Islam\u201c abgel\u00f6st wurde und der Antisemitismus unter der schwarzen Bev\u00f6lkerung st\u00e4rker wurde. Als Martin Luther King am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee, erschossen wurde, starb mit ihm auch der letzte gro\u00dfe Vertreter der j\u00fcdisch-afroamerikanischen Zusammenarbeit und Solidarit\u00e4t auf Seiten der Schwarzen.<\/p>\n<p>Joachim Prinz trat weiter f\u00fcr die Rechte der Afroamerikaner ein. 1973 zog seine Gemeinde von Newark nach Livingston, vier Jahre sp\u00e4ter beendete Prinz seine T\u00e4tigkeit als Rabbiner. Am 30. September 1988 starb Joachim Prinz im Alter von 86 Jahren. Ein Schriftsteller, der in seiner Gemeinde aufgewachsen war und als junger Mann bei seinen ersten schriftstellerischen Gehversuchen von Prinz protegiert wurde, setzte ihm im Jahr 2004 ein literarisches Denkmal. Philip Roth lie\u00df in seinem im Jahr 2004 erschienenen Roman \u201eVerschw\u00f6rung gegen Amerika\u201c die Familie Roth auf fast verlorenem Posten gegen die Nazifizierung nicht nur Amerikas, sondern auch der amerikanischen Juden k\u00e4mpfen. W\u00e4hrend der ber\u00fchmte Rabbiner Lionel Bengelsdorf (eine literarische Fiktion) auf Appeasement und ein gutes Verh\u00e4ltnis zu dem antisemitischen Pr\u00e4sidenten Charles A. Lindbergh setzt, ist es einem anderen Rabbiner vorbehalten, gegen Lindbergh und die Zerst\u00f6rung des amerikanischen Traums einzutreten: Joachim Prinz.<\/p>\n<p>Zuletzt war es der amerikanische Pr\u00e4sident Barack Obama, der an Prinz\u2019 Verm\u00e4chtnis erinnerte. In einer Rede in Jerusalem am 21. M\u00e4rz dieses Jahres zitierte er aus dessen Rede vor dem Lincoln Memorial am 28. August des Jahres 1963: \u201eUnsere V\u00e4ter lehrten uns vor Tausenden Jahren, dass Gott den Menschen als eines jeden Nachbarn erschuf. Nachbar ist kein geographisches Konzept. Es ist ein moralisches Konzept. Es bedeutet unsere kollektive Verantwortung f\u00fcr die Erhaltung der W\u00fcrde und Unversehrtheit des Menschen.\u201c<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/vor-50-jahren-prinz-und-king-12546288.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/vor-50-jahren-prinz-und-king-12546288.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 50 Jahren hielt Martin Luther King in Washington seine historische Rede \u201eI have a dream\u201c. 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