{"id":18045,"date":"2013-10-21T11:14:40","date_gmt":"2013-10-21T11:14:40","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18045"},"modified":"2013-10-21T11:14:40","modified_gmt":"2013-10-21T11:14:40","slug":"gemeinsam-gegen-polio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18045","title":{"rendered":"Gemeinsam gegen Polio"},"content":{"rendered":"<p>Die endg\u00fcltige Ausrottung der Kinderl\u00e4hmung ist zum Greifen nahe. Doch ohne neue, gro\u00dfe Anstrengungen am Horn von Afrika und in Israel wird es kaum gelingen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Dank effektiver Impfstoffe geh\u00f6rt die Kinderl\u00e4hmung (Polio) zu den wenigen Erkrankungen, die weltweit ausgerottet werden k\u00f6nnen. In Deutschland ist seit 1990 kein Fall von einheimischer Polio mehr aufgetreten, viele Menschen hierzulande haben die Erkrankung fast vergessen. Der Welt-Poliotag, der jedes Jahr am 28. Oktober begangen wird, soll an die Schrecken, aber auch an die enormen Fortschritte bei der Ausrottung dieser Erkrankung erinnern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gedenkt damit des Entwicklers des ersten Polioimpfstoffes, Dr. Jonas Salk, und macht die Verpflichtung deutlich, sich in diesem weltweit bedeutenden Gesundheitsprojekt weiterhin zu engagieren, um Polio f\u00fcr immer zu besiegen.<\/p>\n<p>Seit Beginn der globalen Initiative im Jahr 1988 ist die Zahl der Erkrankungen weltweit von damals rund 350 000 auf bisher 285 im Jahr 2013 gesunken. Die Zahl der Endemiel\u00e4nder ging zur\u00fcck, von ehemals 125 auf derzeit noch drei. In Nigeria, Afghanistan und Pakistan konnte die Virus\u00fcbertagung bisher nicht gestoppt werden. Im B\u00fcrgerkriegsland Syrien hat man nach dem starken R\u00fcckgang der Durchimpungsquote zum ersten mal wieder Verdachtsf\u00e4lle registriert.<\/p>\n<p>Die enorme Verringerung der Fallzahlen, das v\u00f6llige Verschwinden des Poliowildvirus Typ 2 und der drastische R\u00fcckgang der Infektionen durch Poliowildvirus Typ 3 in den vergangenen elf Monaten zeigen, dass die zur Verf\u00fcgung stehenden Instrumente &#8211; konsequente Impfungen und gute epidemiologische \u00dcberwachung &#8211; wirksam sind. Dass Polio damit selbst unter den schwierigsten Bedingungen ausgerottet werden kann, zeigt das Beispiel Indien: Das Land mit den einst meisten Erkrankungsf\u00e4llen ist inzwischen seit fast drei Jahren poliofrei!<\/p>\n<p>Trotz enormer Fortschritte kommt es immer wieder zu neuen Herausforderungen: Problematisch sind vor allem die Re-Importe von Poliowildviren aus den bestehenden Endemiegebieten in bereits poliofreie Gebiete. Auch die seit \u00fcber elf Jahren als poliofrei zertifizierte WHO-Region Europa ist nicht vor einer Wiedereinschleppung von Poliowildviren gesch\u00fctzt. Der Polioausbruch in Tadschikistan im Jahr 2010, wo es zu 460 best\u00e4tigten Erkrankungsf\u00e4llen und einer Weiterverbreitung der Viren bis nach Russland kam, zeigt dies eindr\u00fccklich. Auch in diesem Jahr gibt es bedenkliche Entwicklungen. Seit Februar fanden sich in Israel immer wieder Poliowildviren Typ 1 in Abwasserproben. Die WHO sch\u00e4tzt daher das Risiko der internationalen Weiterverbreitung der Polioviren derzeit als hoch ein. Ein Nachweis der Viren gelang zuerst im S\u00fcden Israels, sp\u00e4ter in anderen Landesteilen, darunter Jerusalem sowie im Westjordanland und im Gazastreifen, insgesamt in etwa hundert Umweltproben. Molekulare Analysen ergaben, dass diese Viren, die 2012 auch in \u00c4gypten im Abwasser auftraten, aus Pakistan stammen.<\/p>\n<p>Aufgrund ausgezeichneter globaler \u00dcberwachungssysteme und wegen der hohen Durchimpfungsraten in Israel traten jedoch bisher keine Erkrankungen bei Menschen auf. Die israelischen Gesundheitsbeh\u00f6rden haben schnell und intensiv reagiert- sie starteten landesweite Impfaktionen mit einem oralen bivalenten Lebendimpfstoff (OPV). Routinem\u00e4\u00dfig wird in Israel seit zwanzig Jahren der inaktivierte Impfstoff (IPV) verwendet, der zwar eine Erkrankung sicher verhindert, wegen der fehlenden Darmimmunit\u00e4t die Weiterverbreitung der Viren aber nicht ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Auf der 66. Weltgesundheitsversammlung 2013 wurde in Genf ein neuer Strategieplan f\u00fcr die Endphase der Polioeradikation 2013 bis 2018 gebilligt. Er beinhaltet die Erh\u00f6hung der globalen \u00dcberwachung, die St\u00e4rkung von Routineimpfungen und die Verbesserung der Infrastruktur in schwer zu erreichenden Gebieten. Nachdem das Polio-Eradikationsziel mehrfach verschoben werden musste, soll nun mit dem zweifellos ehrgeizigen Sechsjahresplan die \u00dcbertragung von Poliowildviren bis Ende 2014 endg\u00fcltig gestoppt werden.<\/p>\n<p>Die Chancen, dieses Ziel zu erreichen, sind gut: die drei verbleibenden Endemiel\u00e4nder setzten nationale Notfallpl\u00e4ne zur weiteren Verbesserung der Impfkampagnen um, die zu den historisch niedrigsten Raten von Neuerkrankungen im vergangenen Jahr gef\u00fchrt haben. Dennoch werden in Pakistan die Fortschritte im Kampf gegen Polio immer wieder gef\u00e4hrdet, weil in einigen Landesteilen F\u00fchrer der \u201eTaliban\u201c den Menschen untersagen, ihre Kinder impfen zu lassen. Besonders tragisch sind die Angriffe auf WHO-Mitarbeiter und die Ermordung von einheimischen Impfhelfern wie abermals vor wenigen Tagen im Nordwesten Pakistans. Die Impfaktionen mussten daher teilweise zur\u00fcckgefahren werden.<\/p>\n<p>Eine weitere Herausforderung der Initiative ist der aktuelle Polioausbruch am Horn von Afrika &#8211; einem Gebiet, das bereits poliofrei war. Die bisher 191 F\u00e4lle entsprechen mehr als zwei Dritteln der in diesem Jahr insgesamt gemeldeten F\u00e4lle. Nachdem Mitte April in der somalischen Hauptstadt Mogadishu ein Kind an Kinderl\u00e4hmung erkrankt war, breitete sich die Krankheit im b\u00fcrgerkriegsgeplagten Land weiter aus.<\/p>\n<p>Den letzten Poliofall hatte es in Somalia im Jahr 2007 gegeben, doch seit 2009 wurden geplante Impfaktionen verhindert. Damit entstand bei den Kleinkindern eine Impfl\u00fccke, und das aus Nigeria stammende Virus konnte sich verbreiten. Dies hat bislang zu 170 Erkrankungen gef\u00fchrt. Zwar sind inzwischen mehrere Millionen Kinder geimpft worden, Hunderttausende, vor allem nicht sesshafte Bev\u00f6lkerungsgruppen, sind aber nach wie vor nicht erreichbar, weil sie in einem der Gebiete leben, die von der radikalislamischen Al-Schabab Miliz kontrolliert werden.<\/p>\n<p>Auch in einem Fl\u00fcchtlingslager in Kenia erkrankten 14 Personen an Polio. Vier weitere F\u00e4lle sind aus \u00c4thiopien und drei aus dem S\u00fcdsudan gemeldet worden. Bei einer Infektion mit Polioviren entwickelt h\u00f6chstens jeder Hunderste die typischen klinischen Poliosymptome, alle Infizierten k\u00f6nnen jedoch Virusausscheider sein. Nur durch hohe Impfraten l\u00e4sst sich daher die \u00dcbertragung von Mensch zu Mensch unterbrechen.<\/p>\n<p>Die \u00dcberwachung der Poliofreiheit in Deutschland hat f\u00fcr das Robert Koch-Institut eine hohe Priorit\u00e4t. Hier sind sowohl die Gesch\u00e4ftsstellen der Nationalen Kommission f\u00fcr die Polioeradikation in Deutschland und der St\u00e4ndigen Impfkommission als auch das Nationale Referenzzentrum f\u00fcr Poliomyelitis und Enteroviren angesiedelt. Die Aufrechterhaltung hoher Durchimpfungsraten der gesamten Bev\u00f6lkerung sowie eines verl\u00e4sslichen und empfindlichen \u00dcberwachungssystems zur schnellen Erkennung importierter Polioviren stehen dabei im Vordergrund.<\/p>\n<p>Polio endg\u00fcltig auszurotten ist der alles entscheidende Schritt, um alle Kinder vor dieser impfpr\u00e4ventablen Krankheit zu sch\u00fctzen. Dies gelingt nur mit anhaltender politischer Unterst\u00fctzung, bis Polio endg\u00fcltig weltweit ausgerottet ist. Seit 1985 ist Deutschland als Geberland aktiv in die Polio-Eradikationskampagne eingebunden, auch in diesem Jahr wurden weitere 100 Millionen Euro daf\u00fcr aufgewendet &#8211; zu unser aller Nutzen.<\/p>\n<p><em>Sabine Diedrich leitet das Nationale Referenzzentrum f\u00fcr Poliomyelitis und Enteroviren. Reinhard Burger ist Mikrobiologe und Pr\u00e4sident des Robert Koch-Instituts in Berlin.<\/em><\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/ausrottung-ist-moeglich-gemeinsam-gegen-polio-12627852.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/medizin\/ausrottung-ist-moeglich-gemeinsam-gegen-polio-12627852.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die endg\u00fcltige Ausrottung der Kinderl\u00e4hmung ist zum Greifen nahe. 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