{"id":18003,"date":"2013-10-06T11:14:21","date_gmt":"2013-10-06T11:14:21","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=18003"},"modified":"2013-10-06T11:14:21","modified_gmt":"2013-10-06T11:14:21","slug":"the-west-and-the-rest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=18003","title":{"rendered":"The West and the Rest"},"content":{"rendered":"<p>Die Zeit ist reif daf\u00fcr, dass sich der Westen vom \u201eImperialismus des Universellen\u201c verabschiedet und sein Verh\u00e4ltnis zum aufstrebenden Rest der Welt \u00fcberdenkt. Es w\u00e4re ein Zeichen des Realismus, auf den Versuch zu verzichten, \u00fcberall westliche Werte durchzusetzen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Seit mehr als zweihundert Jahren scheint die Geschichte der westlichen Welt untrennbar mit dem verbunden zu sein, was Heinrich August Winkler in seiner monumentalen Geschichte des Westens \u201edas normative Projekt des Westens\u201c genannt hat. Seine bis heute g\u00fcltige Formulierung hat dieses Projekt bereits Ende des 18. Jahrhunderts in den Gr\u00fcndungstexten der Amerikanischen und der Franz\u00f6sischen Revolution erhalten. Fortan war &#8211; zumindest dem Anspruch nach &#8211; die Zugeh\u00f6rigkeit einer Nation zur westlichen Welt an die Anerkennung und Verwirklichung der unver\u00e4u\u00dferlichen Menschenrechte sowie der Prinzipien der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t, der Rechtsstaatlichkeit und der Gewaltentrennung gekn\u00fcpft.<\/p>\n<p>Doch dem Projekt des Westens wohnt von Beginn an eine eigent\u00fcmliche Ambivalenz inne: Auf der einen Seite hat der Westen seine revolution\u00e4ren Errungenschaften stets als spezifisches Erbe der eigenen westlichen Kultur und Geschichte gleichsam exklusiv f\u00fcr sich reklamiert und gerade aus dieser Exklusivit\u00e4t seine \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber der nichtwestlichen Welt abgeleitet. Auf der anderen Seite hat ihn das aber nicht davon abgehalten, diesen als genuin westlich charakterisierten Idealen allgemeine, \u00fcber seine eigenen Grenzen hinausgehende Geltung zuzusprechen.<\/p>\n<p>Schon die amerikanischen und mehr noch die franz\u00f6sischen Revolution\u00e4re nehmen f\u00fcr sich in Anspruch, nicht nur im Namen ihrer Landsleute, sondern zum Wohl der gesamten Menschheit f\u00fcr die Freiheit zu k\u00e4mpfen. \u201eIt\u2019s a common observation here that our cause is the cause of all mankind, and that we are fighting for their liberty in defending our own\u201c, schreibt Benjamin Franklin im Mai 1777 aus Paris an Samuel Cooper. Und im revolution\u00e4ren Frankreich wendet sich die Erkl\u00e4rung der Menschen- und B\u00fcrgerrechte (\u201eD\u00e9claration des Droits de l\u2019Homme et du Citoyen\u201c) vom 26. August 1789 ausdr\u00fccklich an die ganze Menschheit und spricht dem Katalog der Menschenrechte nicht allein f\u00fcr Franzosen, sondern f\u00fcr alle Menschen G\u00fcltigkeit zu.<\/p>\n<p>Es ist dabei in erster Linie diese Idee der Menschenrechte gewesen, die dem Projekt des Westens in der Folge seinen universellen Charakter verliehen hat. Eben weil die unver\u00e4u\u00dferlichen Menschenrechte von ihrer Natur her nur als f\u00fcr jedermann, ungeachtet seiner Herkunft, Nationalit\u00e4t und Rasse, geltend begriffen werden k\u00f6nnen, ist auch das auf ihnen basierende Projekt des Westens seit seinen Urspr\u00fcngen notwendigerweise aus sich selbst heraus auf Grenz\u00fcberschreitung und Universalit\u00e4t angelegt.<\/p>\n<p>F\u00fcr die franz\u00f6sischen Revolution\u00e4re war ihr universalistisches Credo nicht blo\u00df theoretisch-rhetorischer Natur, sondern wurde schon bald zur konkreten Handlungsanweisung f\u00fcr ihre Politik. Bereits im November 1792 verk\u00fcndet der Nationalkonvent seine Entschlossenheit, fortan allen von f\u00fcrstlicher Tyrannenherrschaft unterdr\u00fcckten V\u00f6lkern aktive Unterst\u00fctzung in ihrem Streben nach Freiheit und Souver\u00e4nit\u00e4t zu gew\u00e4hren. Diesem Versprechen l\u00e4sst die junge Republik kurz darauf schon Taten in Form der Revolutionskriege folgen.<\/p>\n<p>Mit der \u00f6ffentlichen Ank\u00fcndigung, einen gewaltsamen Wandel der innenpolitischen Verh\u00e4ltnisse in den europ\u00e4ischen Monarchien herbeizuf\u00fchren, verletzt das revolution\u00e4re Frankreich nicht nur das seit dem Westf\u00e4lischen Frieden von 1648 im V\u00f6lkerrecht etablierte Prinzip der Souver\u00e4nit\u00e4t aller Staaten. Ebenso bricht es mit der traditionellen Vorstellung, wonach Innenpolitik und Au\u00dfenpolitik voneinander getrennte Sph\u00e4ren darstellen, in denen unterschiedliche Gesetze und Ma\u00dfst\u00e4be gelten. So hatte der franz\u00f6sische K\u00f6nig Ludwig XVI. noch wenige Jahre zuvor den Aufstand der amerikanischen Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer gegen die britische Kolonialmacht und damit eine Revolte ihm eigentlich verhasster Republikaner gegen seinen monarchischen Amtsbruder milit\u00e4risch und finanziell unterst\u00fctzt, weil er sich davon eine machtpolitische Schw\u00e4chung des Vereinigten K\u00f6nigreichs versprach.<\/p>\n<p>An die Stelle dieser \u00fcberkommenen, allein von der Raison d\u2019\u00c9tat bestimmten Interessenpolitik des Ancien R\u00e9gime, die auf eigene politische oder religi\u00f6se Vorstellungen und Ideale nur insoweit R\u00fccksicht nahm, als sie die eigene Machtstellung nicht zu beeintr\u00e4chtigen drohten, tritt im Zeitalter der Revolutionskriege eine weitgehend ideologisch motivierte Au\u00dfenpolitik der jungen franz\u00f6sischen Republik, die sich selbst als Fortsetzung der revolution\u00e4ren Innenpolitik mit anderen Mitteln versteht und sich daher bereitwillig der Missionierung anderer V\u00f6lker verschreibt.<\/p>\n<p>Das Zeitalter der Revolutionen am Ende des 18. Jahrhunderts ist mithin nicht nur die Geburtsstunde jenes modernen Universalismus, der von der \u00dcberzeugung getragen wird, dass den revolution\u00e4ren Idealen und Werten der Freiheit und Gleichheit und den auf ihnen beruhenden politischen und gesellschaftlichen Lebensformen des Westens in der ganzen Welt Geltung verschafft werden m\u00fcsse. Es markiert auch den Beginn einer neuen Form von Au\u00dfenpolitik, die sich in den Dienst dieses universalistischen Projekts stellt und die traditionelle Trennung von Au\u00dfen- und Innenpolitik aufhebt.<\/p>\n<p>Mehr als 200 Jahre sp\u00e4ter bestimmt der Universalismus noch immer in entscheidendem Ma\u00dfe das Verh\u00e4ltnis des Westens zur nichtwestlichen Welt oder, wie Samuel Huntington es formuliert: \u201eUniversalism is the ideology of the West for confrontations with non-Western cultures.\u201c Dass der Universalismus im 19. und 20. Jahrhundert als willkommene Ideologie zur Begr\u00fcndung kolonialer oder imperialistischer Unterdr\u00fcckung fremder V\u00f6lker und Kulturen herhalten musste, hat seinem Ansehen dabei erstaunlich wenig Abbruch getan.<\/p>\n<p>Es sind nicht zuletzt die revolution\u00e4ren Umbr\u00fcche im kommunistischen Ostblock in den Wendejahren 1989\/90 gewesen, die zu einer Renaissance des westlichen Universalismus gef\u00fchrt haben. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs im Herbst 1989 und dem Sieg der Freiheitsbewegungen in ganz Osteuropa schienen genau zwei Jahrhunderte nach dem Sturm auf die Bastille die Verhei\u00dfungen der Franz\u00f6sischen Revolution zumindest f\u00fcr einen kurzen weltgeschichtlichen Moment universelle Wirksamkeit zu entfalten.<\/p>\n<p>Nicht jeder ging dabei so weit wie der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, der 1989 in seinem aufsehenerregenden Artikel \u201eThe End of History\u201c mit dem Ende des Kommunismus und des Kalten Kriegs auch schon das Ende der Geschichte \u00fcberhaupt gekommen sah und gleich den endg\u00fcltigen welthistorischen Triumph des westlich-liberalen Demokratiemodells verk\u00fcnden zu m\u00fcssen glaubte. Doch auch wenn nur wenige diesen hochgemuten Fortschrittsoptimismus in dieser Konsequenz teilen mochten &#8211; der Westen sah sich durch die Ereignisse in Osteuropa nicht nur in seinem Glauben an die \u00dcberlegenheit seines politischen und gesellschaftlichen Systems, sondern auch in einem Geschichtsbild best\u00e4tigt, das die Menschheitsgeschichte als einen Prozess der kontinuierlich fortschreitenden Ausbreitung der Freiheit versteht. Der Untergang des Kommunismus als wichtigster weltanschaulicher und machtpolitischer Gegenspieler und das Bewusstsein, selbst auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, lie\u00dfen die westliche Welt mit den Vereinigten Staaten als einzig verbliebener Supermacht an der Spitze auch ideologisch wieder in die Offensive gehen. War es zu Zeiten des Kalten Kriegs in erster Linie darum gegangen, den Status quo zu erhalten und eine weitere Ausbreitung des Kommunismus zu verhindern, ist in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts der Weg frei f\u00fcr eine programmatische Neuausrichtung besonders der amerikanischen Au\u00dfenpolitik.<\/p>\n<p>Noch unter dem republikanischen Pr\u00e4sidenten George H. W. Bush, vor allem aber unter dessen demokratischem Nachfolger Bill Clinton wurde die weltweite F\u00f6rderung der Demokratie wieder zum Ziel der westlichen F\u00fchrungsmacht. Eine solche Politik der \u201epromotion of democracy\u201c konnte sich dabei auf eine bis auf Woodrow Wilson zur\u00fcckreichende idealistische Tradition amerikanischer Au\u00dfenpolitik berufen und nahm zugleich ganz im Sinne von dessen Maxime \u201eDie Welt sicher zu machen f\u00fcr die Demokratie\u201c realpolitisch f\u00fcr sich in Anspruch, der Sicherheit der Vereinigten Staaten zu dienen.<\/p>\n<p>Die damit einhergehende wachsende Bereitschaft zur humanit\u00e4ren Intervention, mit der schweren Menschenrechtsverletzungen Einhalt geboten werden sollten, blieb indes nicht auf die Vereinigten Staaten begrenzt. Diese Politik konnte vielmehr auf die politische und teilweise auch auf die milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung der europ\u00e4ischen Verb\u00fcndeten einschlie\u00dflich des wiedervereinigten Deutschlands rechnen, ohne auf nennenswerten Widerstand der nichtwestlichen Welt zu sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Eine ganz neue Dimension hat diese interventionistische Politik allerdings erst in Folge der Anschl\u00e4ge vom 11. September 2001 bekommen. Der von Amerika angef\u00fchrte, von der Nato und allen wichtigen westlichen Staaten mitgetragene Afghanistan-Feldzug sollte nicht nur kurzfristig die Keimzelle des islamistischen Terrors ausl\u00f6schen und damit weitere Angriffe und Aktivit\u00e4ten von Al Qaida verhindern. Er sollte zugleich &#8211; wie auch schon sein Name \u201eOperation Enduring Freedom\u201c verr\u00e4t &#8211; einen radikalen Wandel der innenpolitischen Verh\u00e4ltnisse in einem nicht zur westlichen Hemisph\u00e4re geh\u00f6renden Staat herbeif\u00fchren.<\/p>\n<p>Der Afghanistan-Krieg ist damit der in dieser Form erstmalige Versuch des Westens, mit massiven milit\u00e4rischen Mitteln unter Inkaufnahme vieler Opfer auch unter der Zivilbev\u00f6lkerung gewaltsam ein demokratisches System in einem Land zu installieren, in dem es bis dahin keine entsprechende Traditionen und Strukturen gab.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Westen unter dem Eindruck der eingest\u00fcrzten Zwillingst\u00fcrme in Afghanistan noch geschlossen agierte, galt dies f\u00fcr die nachfolgende milit\u00e4rische Intervention im Irak nur noch in sehr eingeschr\u00e4nktem Ma\u00dfe. Der Widerstand vor allem Frankreichs und Deutschlands richtete sich jedoch weniger gegen das proklamierte Ziel des Einmarsches an sich &#8211; den Sturz des Diktators Saddam Hussein und die demokratische Neuordnung des Landes &#8211; als vielmehr gegen das Fehlen einer tragbaren v\u00f6lkerrechtlichen Begr\u00fcndung. Auch die scharfe europ\u00e4ische Kritik an dem vom damaligen Pr\u00e4sidenten George W. Bush ausgerufenen \u201eKreuzzug gegen den Terrorismus\u201c und seiner martialischen Rhetorik kann daher nicht den Konsens verdecken, der dies- und jenseits des Atlantiks hinsichtlich der grunds\u00e4tzlichen Orientierung westlicher Au\u00dfenpolitik herrscht.<\/p>\n<p>Wenn diese am Anfang des 21. Jahrhunderts mehr denn je vom Anspruch beseelt zu sein scheint, Demokratie und Menschenrechte \u00fcber den Globus zu verbreiten, kann sie sich der Zustimmung praktisch der gesamten politischen Klasse von den amerikanischen Neokonservativen bis hin zur europ\u00e4ischen Linken ebenso wie gro\u00dfer Teile der ver\u00f6ffentlichten Meinung sicher sein. Dass zur Verwirklichung dieses Ziels dabei auch immer wieder milit\u00e4rische Mittel eingesetzt werden, hat zuletzt der vor allem von Frankreich auch unter Verweis auf sein Selbstverst\u00e4ndnis als \u201eHeimat der Menschenrechte\u201c initiierte Libyen-Krieg gezeigt.<\/p>\n<p>Die Selbstgewissheit, mit der der Westen in der Vergangenheit sein Zivilisationsmodell in die Welt hinausgetragen hat, war nicht allein in seinem Glauben begr\u00fcndet, im Besitz universeller Werte und Ideale zu sein. Sie war stets auch Ausdruck seiner politischen und wirtschaftlichen Vormachtstellung, die ihrerseits seinen universalistischen Anspr\u00fcchen \u00fcber Jahrhunderte ein realpolitisches Fundament und zugleich auch ein betr\u00e4chtliches Ma\u00df an Attraktivit\u00e4t verliehen hat. Am Anfang des 21. Jahrhunderts aber geht diese beinahe uneingeschr\u00e4nkte westliche Dominanz ihrem Ende entgegen. Denn der Prozess der Globalisierung hat nicht nur einen revolution\u00e4ren Wandel der Weltwirtschaft herbeigef\u00fchrt. Mit ihm geht zugleich auch eine grundlegende Neuordnung der internationalen Politik einher, deren zuk\u00fcnftige Gestalt sich erst langsam abzuzeichnen beginnt.<\/p>\n<p>Diese noch an ihrem Anfang stehende Neujustierung der globalen Machtverh\u00e4ltnisse zugunsten der nichtwestlichen Welt ist dabei weniger die Folge einer vermeintlichen Dekadenz des Westens als vielmehr das Ergebnis des rasanten Aufstiegs der nichtwestlichen Welt in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Mit der Erweiterung der G 8 zur G 20 hat der Westen bereits anerkannt, dass er die Welt des 21. Jahrhunderts nicht mehr im Alleingang beherrschen kann, sich vielmehr einer ganzen Phalanx vor allem asiatischer und lateinamerikanischer Staaten gegen\u00fcbersieht, die aus ihrem \u00f6konomischen Erfolg und ihrer demographischen St\u00e4rke auch ein wachsendes Selbstbewusstsein ableiten und daher in steigendem Ma\u00dfe ein Mitspracherecht bei allen wichtigen Fragen der internationalen Politik fordern.<\/p>\n<p>Zwar werden die Vereinigten Staaten auf absehbare Zeit eine globale F\u00fchrungsposition behalten und auch der Westen insgesamt ein wichtiger Machtfaktor bleiben, so dass f\u00fcr westliche Untergangsszenarien ebenso wenig ein Anlass besteht wie f\u00fcr die voreilige Ausrufung eines asiatischen Jahrhunderts. Doch spricht andererseits vieles daf\u00fcr, dass es in der Welt des 21. Jahrhunderts eine ganze Reihe von grunds\u00e4tzlich gleichrangigen M\u00e4chten, aber anders als in der Vergangenheit kein eigentliches Gravit\u00e4tszentrum mehr geben wird.<\/p>\n<p>Wenn aber der Westen in dieser multi-polaren Welt des 21. Jahrhunderts seine hegemoniale Stellung verlieren wird, dann kann das nicht ohne Konsequenzen f\u00fcr sein Selbstverst\u00e4ndnis bleiben. Der Verlust seiner Vormachtstellung sollte dem Westen Anlass sein, seine Haltung und schlie\u00dflich auch seine Politik gegen\u00fcber der im Aufstieg begriffenen nicht-westlichen Welt, dem sogenannten \u201erising rest\u201c, grunds\u00e4tzlich zu \u00fcberdenken. Ein solcher selbstkritischer Reflexionsprozess, der sich in Europa und zumal in Deutschland &#8211; anders als in den Vereinigten Staaten &#8211; erst in seinen Anf\u00e4ngen zu befinden scheint, kann nicht die Augen davor verschlie\u00dfen, dass mit dem Ende der politischen und wirtschaftlichen Vorherrschaft des Westens auch sein Anspruch auf die \u00dcberlegenheit seines politischen und gesellschaftlichen Systems in Zweifel gezogen werden wird.<\/p>\n<p>Im Zeitalter der Globalisierung hat zwar mit dem Kapitalismus die westliche Form des Wirtschaftens ihren Siegeszug \u00fcber den gesamten Planeten angetreten. Doch geht damit &#8211; wie der Blick auf weite Teile Asiens und der arabischen Welt, aber auch Afrikas und Lateinamerikas zeigt &#8211; durchaus nicht zwingend auch die weltweite Akzeptanz der politischen Ideale von Demokratie und Menschenrechten in ihrer westlichen Auspr\u00e4gung einher. Die von Fukuyama und anderen prophezeite Universalisierung der westlichen Werte ist bisher jedenfalls ausgeblieben, und es gibt wenig Anzeichen, dass sie in absehbarer Zeit eintreten wird und damit der Machtverlust des Westens durch eine globale Ausbreitung westlicher Ideale und Werte kompensiert werden k\u00f6nnte. Der Aufstieg von \u00f6konomisch erfolgreichen, aber autorit\u00e4r verfassten L\u00e4ndern wie China oder Russland stellt vielmehr die weitverbreitete These, wonach wirtschaftlicher Erfolg und politische Freiheit, Kapitalismus und Demokratie untrennbar miteinander verbunden seien, ja sich sogar gegenseitig bedingten, ebenso in Frage wie die daraus abgeleitete Vorstellung, dass es letztlich nur den einen westlichen Weg in die Moderne geben k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Statt weiter einer Geschichtsphilosophie nachzuh\u00e4ngen, deren naiver und von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts offenbar weitgehend unbeeindruckter Fortschrittsglaube noch immer die universelle Verbreitung der westlichen Zivilisation und ihres Freiheitsideals als Endstadium der Menschheitsgeschichte proklamiert, sollte der Westen endlich anerkennen, dass verschiedene Wege in die Modernit\u00e4t des 21. Jahrhunderts f\u00fchren k\u00f6nnen. Denn die multipolare Machtverteilung spiegelt sich auch in einer Vielfalt von Zivilisationsmodellen wider, deren politische und gesellschaftliche Lebensformen durchaus nicht den westlichen Vorstellungen entsprechen m\u00fcssen und deren Anpassung an ein amerikanisches oder europ\u00e4isches Vorbild von den B\u00fcrgern aus politischen, kulturellen oder religi\u00f6sen Gr\u00fcnden oft auch gar nicht angestrebt wird.<\/p>\n<p>Am Beginn des 21. Jahrhunderts scheint daher f\u00fcr den Westen der historische Moment gekommen zu sein, sich endlich von seinem s\u00e4kularen \u201eImperialismus des Universellen\u201c (Pierre Bourdieu) zu verabschieden und damit auch jene unselige Praxis der Missionierung zu beenden, die in ihrer kriegerischen ebenso wie in ihrer friedlichen Variante \u00fcber Jahrhunderte hinweg sein Verh\u00e4ltnis zur nichtwestlichen Welt vergiftet hat. Ein solcher Abschied vom Universalismus w\u00fcrde nicht zuletzt der n\u00fcchternen Erkenntnis Rechnung tragen, dass der Westen in der sich grundlegend wandelnden Welt des 21. Jahrhunderts nicht der einzige Kulturkreis bleiben sollte, der f\u00fcr sein eigenes Zivilisationsmodell weiter den Anspruch auf universelle G\u00fcltigkeit erhebt, zumal er weniger denn je zuvor \u00fcber die Mittel zu seiner Durchsetzung verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re der Verzicht auf eine universalistisch inspirierte Au\u00dfenpolitik weder als Zeichen der resignativen Selbstaufgabe des Westens zu verstehen, noch m\u00fcsste damit eine R\u00fcckkehr zu einer rein interessengeleiteten Machtpolitik l\u00e4ngst vergangener Zeiten verbunden sein. Der Westen k\u00f6nnte weiterhin durchaus selbstbewusst auf der weltpolitischen B\u00fchne f\u00fcr seine eigenen Ideale und Werte eintreten, ohne deshalb aber etwa einem gro\u00dfen Land wie China mit einer jahrtausendealten Geschichte und Kultur gegen\u00fcber als Lehrmeister in Sachen Demokratie aufzutreten. Doch vor allem sollte er sich wieder auf den Grundsatz besinnen, dass es nicht das Ziel von Au\u00dfenpolitik sein kann, die innenpolitischen Verh\u00e4ltnisse in anderen L\u00e4ndern grundlegend zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Ohnehin kann der Westen eine auf die Verbreitung von Menschenrechten und Demokratie ausgerichtete Politik schlechterdings nicht konsequent durchhalten. Denn diese ger\u00e4t, wie die Erfahrungen gerade mit der westlichen Politik gegen\u00fcber China zeigen, unweigerlich in Konflikt mit seinen im Zweifelsfall dann doch als vorrangig erachteten politischen, milit\u00e4rischen und wirtschaftlichen Interessen.<\/p>\n<p>Eine selektive Menschenrechtspolitik, die den Westen &#8211; um nur ein Beispiel zu nennen &#8211; einerseits in Afghanistan auch im Namen der Frauenrechte milit\u00e4risch intervenieren und ihn andererseits auf allen Ebenen \u00fcberaus eng mit einem Land wie Saudi-Arabien kooperieren l\u00e4sst, in dem dieselben Rechte auf das Gr\u00f6bste verletzt werden, schadet nicht nur seiner Glaubw\u00fcrdigkeit in der Welt. Auch das \u201enormative Projekt des Westens\u201c wird in Mitleidenschaft gezogen.<\/p>\n<p>Ob dieses Projekt jemals auf globaler Ebene seine Vollendung finden wird, sollte getrost dem Gang der Geschichte \u00fcberlassen werden. In der Zwischenzeit w\u00e4re der Westen gut beraten, seiner Politik bescheidenere und zugleich realistischere Ziele zu setzen.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/globalisierung-the-west-and-the-rest-12606182.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/die-gegenwart\/globalisierung-the-west-and-the-rest-12606182.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeit ist reif daf\u00fcr, dass sich der Westen vom \u201eImperialismus des Universellen\u201c verabschiedet und sein Verh\u00e4ltnis zum aufstrebenden Rest der Welt \u00fcberdenkt. 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