{"id":17888,"date":"2013-10-20T14:13:32","date_gmt":"2013-10-20T14:13:32","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=17888"},"modified":"2013-10-20T14:13:32","modified_gmt":"2013-10-20T14:13:32","slug":"wie-verruckt-sind-die-borsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=17888","title":{"rendered":"Wie verr\u00fcckt sind die B\u00f6rsen?"},"content":{"rendered":"<p>Zwei \u00d6konomen m\u00fcssen sich den Nobelpreis 2013 teilen. Ihre Ansichten sinddiametral entgegengesetzt. Der eine setzt auf die Effizienz der Finanzm\u00e4rkte, der andere warnt vor Exzessen. Wer hat recht?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Viele Leute m\u00f6gen immer schon gedacht haben, die \u00d6konomie sei die einzige Wissenschaft, in der zwei Leute das Gegenteil behaupten k\u00f6nnen, und beide einen Nobelpreis bekommen, schreibt der \u00d6konom Paul Krugman in der New York Times. \u201eAber selbst solche Leute werden es nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten haben, dass zwei \u00d6konomen mit sich widersprechenden Thesen im selben Jahr denselben Nobelpreis gemeinsam erhalten.\u201c<\/p>\n<p>Genau das aber ist passiert. Eugene Fama, Professor aus Chicago, und Robert Shiller, Professor in Yale, teilen sich den Wirtschaftsnobelpreis. Mit von der Partie ist auch noch Lars Peter Hansen, der allerdings als Spezialist f\u00fcr statistische Methoden gleichsam au\u00dfer Konkurrenz l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Fama und Shiller aber stehen f\u00fcr gegens\u00e4tzliche Sichtweisen auf die Finanzm\u00e4rkte: Fama glaubt, dass sie gut funktionieren \u2013 effizient sind, wie die \u00d6konomen sagen. Shiller dagegen meint, Finanzm\u00e4rkte neigten prinzipiell zu irrationalen \u00dcbertreibungen, getrieben von der Angst und Gier der Anleger.<\/p>\n<p>Es geht um eine wichtige Frage: Schlie\u00dflich h\u00e4ngt von der Zuverl\u00e4ssigkeit der Finanzm\u00e4rkte ab, wie sehr die Politik diese regulieren muss, um Krisen mit katastrophalen Folgen zu verhindern. Und von ihr h\u00e4ngt ab, mit welcher Strategie Anleger ihr Geld investieren sollten, um ihr Verm\u00f6gen so gut wie m\u00f6glich vor Verlusten zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Wer hat also recht? Und was folgt daraus f\u00fcr die Anleger?<\/p>\n<h2>Kein Anleger kann den Markt auf Dauer schlagen<\/h2>\n<p>Um eine Antwort zu finden, muss man zun\u00e4chst betrachten, wie Fama und Shiller zu ihren Einsch\u00e4tzungen kamen. Fama untersuchte in den 60er Jahren mit Hilfe von Computern lange Zeitreihen von Aktienkursen der B\u00f6rse in New York. Er wollte zum Beispiel wissen, wie schnell der Kurs einer Aktie reagiert, wenn Unternehmen eine h\u00f6here Dividende ank\u00fcndigen. So wollte er testen, wie \u201einformationseffizient\u201c die M\u00e4rkte sind: wie schnell Informationen in die Kurse einflie\u00dfen \u2013 \u201eeingepreist\u201c werden, wie die \u00d6konomen sagen.<\/p>\n<p>        \t                        \t<!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p>Seine Ergebnisse best\u00e4tigten die sogenannte \u201eEffizienzmarkthypothese\u201c: Diese geht davon aus, dass Anleger rational entscheiden und der Markt alle Informationen aggregiert. Preise an den Finanzm\u00e4rkten spiegeln dann zumindest alle \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen Informationen vollst\u00e4ndig wider. Kurse sind dann nicht vorhersagbar, weil die k\u00fcnftige Kursentwicklung v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der bisherigen ist. Und niemand (au\u00dfer Insidern) kann noch nicht eingepreiste Informationen haben, die etwas dar\u00fcber sagen, ob die Kurse morgen steigen oder fallen. Die Folge: Kein Anleger kann den Markt auf Dauer schlagen.<\/p>\n<p>In Famas Modell kann es nicht zu Preisblasen kommen. Rationale Investoren erkennen, wenn ein Kurs zu hoch ist, und betreiben Arbitrage: Sie verkaufen und nehmen Gewinne mit. \u201eEs gibt keine Blasen\u201c, sagte Fama gerade noch mal im <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftspolitik\/nobel-gedenkpreistraeger-fama-es-gibt-keine-blasen-an-den-maerkten-12620969.html\">F.A.Z.-Interview<\/a>. Sogar sein Abonnement der Zeitschrift \u201eEconomist\u201c k\u00fcndigte er, weil ihm dort das Wort \u201eBlase\u201c zu oft vorkam.<\/p>\n<h2>Periodische Ausbr\u00fcche des Wahnsinns<\/h2>\n<p>F\u00fcr die gegenteilige Position steht Robert Shiller. Ihm war in statistischen Auswertungen von Aktienkursen aufgefallen, dass die Kurse st\u00e4rker schwankten, als es der \u201einnere Wert\u201c der Aktien (verk\u00f6rpert durch die erwarteten k\u00fcnftigen Dividendenzahlungen) eigentlich nahegelegt h\u00e4tte. Shiller griff auf Erkenntnisse aus der Massenpsychologie und Verhaltens\u00f6konomie zur\u00fcck. Dort spielen Angst und Gier eine wichtige Rolle. Nach seiner Auffassung spiegeln auch die Preise an den Finanzm\u00e4rkten nicht allein alle vorhandenen Informationen wider \u2013 sondern werden auch von Emotionen der Anleger bestimmt. Herdenverhalten kann dazu f\u00fchren, dass die Preise sich von allen Fundamentaldaten abkoppeln und Blasen entstehen. Und zwar in Zyklen, die bestimmten Mustern folgen. So, wie es schon der \u00d6konom John Galbraith 1929 formulierte: \u201eEs liegt in der Natur des Kapitalismus, dass es periodisch zu Ausbr\u00fcchen des Wahnsinns kommt.\u201c<\/p>\n<p>Shiller nimmt f\u00fcr sich in Anspruch, zweimal das Platzen einer Preisblase vorhergesagt zu haben: im Jahr 2000 f\u00fcr die Internetaktien und im Jahr 2005 f\u00fcr den amerikanischen H\u00e4usermarkt. Fama h\u00e4lt dem entgegen, das seien Gl\u00fcckstreffer gewesen. Shiller habe seit 1996 st\u00e4ndig irgendwelche Blasen vorhergesagt. Nicht viel sanfter geht umgekehrt Shiller mit seinem Mit-Nobelpreistr\u00e4ger um: Er nennt Famas Effizienzmarkthypothese sogar den \u201egr\u00f6\u00dften Fehler in der Geschichte des \u00f6konomischen Denkens\u201c.<\/p>\n<h2>Rationales Ausnutzen der Irrationalit\u00e4t<\/h2>\n<p>Alle gutgemeinten Versuche, die beiden Theorien f\u00fcr vereinbar zu erkl\u00e4ren, k\u00f6nnen deshalb zumindest nicht auf die Zustimmung ihrer Erfinder rechnen. Wie schrieb die englische \u201eFinancial Times\u201c vergangene Woche? Die Entscheidung des Nobel-Komitees sei so, als ob man Ptolem\u00e4us und Kopernikus zusammen den Preis gegeben h\u00e4tte \u2013 von denen der eine die Welt f\u00fcr den Mittelpunkt des Universums hielt und der andere nicht.<\/p>\n<p>Vieles spricht daf\u00fcr, dass Shiller dabei in der Geschichte der Finanzmarktforschung eher die Rolle des Kopernikus zukommt \u2013 der die alte, dogmatische Theorie in wichtigen Punkten revolutioniert hat. Nach zwei geplatzten Blasen (2001 bei den Internetaktien und 2007 am amerikanischen H\u00e4usermarkt) gibt es nicht mehr viele \u00d6konomen, die deren Existenz so hartn\u00e4ckig leugnen wie Fama.<\/p>\n<p>Was bedeutet der Streit nun f\u00fcr die Aktienanlage? Paradoxerweise m\u00fcsste gerade Shillers Theorie von den irrationalen Anlegern das rationale Ausnutzen von \u00dcbertreibungen des Marktes theoretisch m\u00f6glich machen \u2013 wohingegen bei Famas vollkommen rationalen Anlegern auf effizienten M\u00e4rkten Aktienanlage zum Gl\u00fccksspiel w\u00fcrde.<\/p>\n<h2>Nobel-Stiftung h\u00e4tte besser auf Fama h\u00f6ren sollen<\/h2>\n<p>Kein Wunder, dass deshalb Anlageexperten und Fondsmanager, die auf die Auswahl einzelner Aktien spezialisiert sind, viel Sympathie f\u00fcr Shillers Theorie zeigen \u2013 wohingegen Experten f\u00fcr Indexfonds, die blind einen ganzen Markt abbilden, eher Famas Leistungen loben.<\/p>\n<p>\u201eIn der Praxis sehen wir eher den Ansatz von Shiller best\u00e4tigt\u201c, sagt Frank Naab vom Bankhaus Metzler, das f\u00fcr wohlhabende Kunden auch Einzelaktien ausw\u00e4hlt. Der Mannheimer Finanzwissenschaftler Martin Weber dagegen, ein Vordenker der Indexfonds, meint: \u201eMit den beiden Theorien verh\u00e4lt es sich wie mit der Frage, ob die Erde eine Kugel ist. Sie ist rund, aber es gibt auch Gebirge wie den Himalaja.\u201c Privatanleger sollten davon ausgehen, dass Aktienm\u00e4rkte effizient seien \u2013 und man sie nicht schlagen k\u00f6nne. Winzige Ineffizienzen auszunutzen, sei eine Strategie h\u00f6chstes f\u00fcr Hedgefonds.<\/p>\n<p>Die Nobel-Stiftung selbst hat \u00fcbrigens offenbar zu sehr auf Shiller gesetzt \u2013 und h\u00e4tte besser mehr auf Fama geh\u00f6rt. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls die Nachrichtenagentur Bloomberg in einer Analyse. Weil das Stiftungsverm\u00f6gen nicht breit genug gestreut war, hat es kr\u00e4ftig unter Kursverlusten gelitten: Deshalb mussten sogar die Preisgelder gesenkt werden.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/wirtschaftsnobelpreistraeger-wie-verrueckt-sind-die-boersen-12625032.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/wirtschaftswissen\/wirtschaftsnobelpreistraeger-wie-verrueckt-sind-die-boersen-12625032.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei \u00d6konomen m\u00fcssen sich den Nobelpreis 2013 teilen. Ihre Ansichten sinddiametral entgegengesetzt. Der eine setzt auf die Effizienz der Finanzm\u00e4rkte, der andere warnt vor Exzessen. 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