{"id":17886,"date":"2013-10-03T14:13:32","date_gmt":"2013-10-03T14:13:32","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=17886"},"modified":"2013-10-03T14:13:32","modified_gmt":"2013-10-03T14:13:32","slug":"und-wie-war-der-urlaub","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=17886","title":{"rendered":"Und, wie war der Urlaub?"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Kulinarik-Autoren, zwei Reisen an gastronomisch bedeutende Orte. Einer &#8211; Cornelius Lange &#8211; fliegt nach Sizilien, den anderen &#8211; Fabian Lange &#8211; zieht es in die Normandie.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Die Schlagl\u00f6cher auf Siziliens Stra\u00dfen sind immer noch die nachhaltigsten in Europa. Das ist der erste Eindruck am Steuer unseres Mietwagens, den wir am Flughafen von Catania abholen. Es ist ein schwarzer Lancia Ypsilon. Das Auto ist so hei\u00df, dass die Klimaanlage selbst auf maximaler Froststufe kaum etwas f\u00fcr uns tun kann. Vor unserer Abreise hat Nunzio, unser italienischer Wirt zu Hause, nur den Kopf gesch\u00fcttelt. \u201eIsse viele zu \u2019eiss, Cornelio! Musse du fahren in Maggio\u201c, hat er gesagt. Nunzio &#8211; selbst ein Sizilianer &#8211; kann \u00fcbrigens \u00fcberhaupt nichts daran finden, auf Sizilien Urlaub zu machen. Er fliegt in die Dominikanische Republik.<\/p>\n<p>Wir haben uns im S\u00fcdosten der Insel in einem Agriturismo einquartiert, etwa f\u00fcnfzehn Autominuten vom Meer entfernt. Eine conditio sine qua non, wenn man eine Tochter hat, die sieben Jahre alt ist. Sie braucht Sand &#8211; am besten bis zum Horizont. Diese Distanz ist aber auch in anderer Hinsicht von Vorteil, denn am Abend kommt eine leichte Brise auf. Direkt an der K\u00fcste h\u00e4ngt die feuchtwarme Luft wie ein nasses Handtuch. Die Azienda schm\u00fcckt ein Mandelbaum-Hain, der wundersch\u00f6ne, aromatische Fr\u00fcchte an den Zweigen tr\u00e4gt.<\/p>\n<h2>Die zwei Gesichter Siziliens<\/h2>\n<p>\u201eDie bringen aber nichts mehr\u201c, sagt Salvatore mit einer abwinkenden Handbewegung und zertritt eine Mandel zu Staub. Salvatore h\u00e4lt auf seinem Agritourismo alles in Schuss, erst wenn wir diese gated communitiy verlassen, prallt uns die sizilianische Realit\u00e4t mit aller Wucht entgegen: totgefahrene Hunde, brennende Stoppelfelder, Plastikm\u00fcllfahnen, die kilometerlang den Stra\u00dfenrand s\u00e4umen, und kapitale Bauruinen, aus denen rostiger Armierungsstahl in den Himmel ragt.<\/p>\n<p>Das ist das eine Gesicht dieser janusk\u00f6pfigen Insel. Das andere sind verzaubernde Offerten an die G\u00e4ste. Zum Beispiel der Aperitivo aus sizilianischem Moscato und kleinen Pasteten, Bruschetta, Salami, K\u00e4se, Salzmandeln und Oliven. Serviert auf einer Piazza, die sich dem rechten Winkel verweigert, als ob Rudolf Steiner pers\u00f6nlich der Architekt gewesen w\u00e4re. Perfektes Licht &#8211; \u00fcber uns dreien das ewige Blau der Nacht, und der warmt\u00f6nige Kalkstein leuchtet dagegen.<\/p>\n<p>Die St\u00e4dte Ragusa, Scicli, Noto und Modica geh\u00f6ren zum Weltkulturerbe-Kollektiv des Val di Noto. Diese sizilianischen Sp\u00e4tbarockperlen sind wie die Schwalbennester an die steilen Felsw\u00e4nde konstruiert worden und scheinen die Jahrhunderte im Tiefk\u00fchlschlaf \u00fcberdauert zu haben. Bis 18 Uhr liegt \u00fcber den St\u00e4dten eine hochsommerliche Hitzeglocke, die alles \u00f6ffentliche Leben ersterben l\u00e4sst. Aber pl\u00f6tzlich kehrt das Leben zur\u00fcck. Die der Sonne abgerungenen Pl\u00e4tze gehen wieder in den Besitz der ans\u00e4ssigen Gastronomie \u00fcber, die ihre flei\u00dfigen Mitarbeiter aussendet, bunte Tische hinauszutragen, Leinen darauf zu werfen, Stoffservietten einzudecken und feine Weingl\u00e4ser, die diesen Namen auch verdienen. Schnell haben die bunten Tischchen die barocke Treppenstra\u00dfe besetzt.<\/p>\n<p>Ein herrliches Spektakel, und durch gl\u00fcckliche F\u00fcgung sind wir mitten hineingeraten. Ganz ohne Recherche, Anmeldung oder Empfehlung. Die Kellner legen atemberaubend lange Wege zur\u00fcck, doch das scheint ihnen nichts auszumachen, denn je mehr Bestellungen man ihnen auftr\u00e4gt, desto zutraulicher werden sie. Sie scheinen Gefallen daran zu finden, dass man bei der Portion Spaghetti con Ricci di Mare &#8211; Seeigelrogen &#8211; lustvoll aufst\u00f6hnt, wobei der Stachelh\u00e4uter die bei weitem eindringlichste Essenz des Meeres in sich tr\u00e4gt, der keine Auster das Wasser reichen kann.<\/p>\n<h2>Dem b\u00e4uerlichen Charakter verpflichtet<\/h2>\n<p>Auch der Schwertfisch ist bet\u00f6rend, dessen schneewei\u00dfe Tranchen so frisch und saftig sind, wie man sie in Sizilien nur im Hochsommer bekommt. Das verpasst man leider, wenn man die k\u00fchlere Jahreszeit f\u00fcr einen Besuch der Insel vorzieht. Dann kommt er aus der Tiefk\u00fchltruhe. So ist die Gastronomie Siziliens zwar einfach und schlicht, aber auch pr\u00e4zise, direkt und von gro\u00dfer aromatischer Durchschlagskraft. Was fast noch wichtiger ist, mit dem Purismus der K\u00f6che bleiben die eindringlichen sizilianischen Aromen erhalten. Es wirkt so, als g\u00e4be es einen kulinarischen Gesellschaftsvertrag auf der Insel, der sich dem b\u00e4uerlichen Charakter verpflichtet f\u00fchlt und von einem \u00fcberschaubaren Kanon an Zutaten und Zubereitungsmethoden lebt.<\/p>\n<p>Essen gehen ist etwas Allt\u00e4gliches auf Sizilien. Vielleicht ist die Routine der Grund daf\u00fcr, dass die Einwohner Momente und Orte, die wir als au\u00dfergew\u00f6hnlich empfinden, selbst mit der gr\u00f6\u00dften Selbstverst\u00e4ndlichkeit hinnehmen und dabei ganz eigene Verhaltensmuster entwickeln. So ist es f\u00fcr die meisten einheimischen G\u00e4ste geradezu selbstverst\u00e4ndlich, das kulinarische Erbe der Insel mit Cola\/Fanta\/Sprite hinunterzusp\u00fclen, w\u00e4hrend sie \u00fcber die Touchscreens ihrer Handys und iPads Kontakt zur Au\u00dfenwelt aufnehmen &#8211; vielleicht gleich zu ihren Tischnachbarn? Wir beobachten f\u00fcnfk\u00f6pfige Familien, die beim Essen praktisch kein Wort miteinander wechseln, sondern sich gegenseitig die bl\u00e4ulich schimmernden Bildschirme vor die Nase halten, w\u00e4hrend das Essen serviert wird.<\/p>\n<p>Schalten wir nun um nach Frankreich, genauer gesagt in die Normandie, wo zwischen sanften K\u00fcsten, der Landschaft des Calvados und der La Manche der Sommerurlaub lockt. Eine bukolische Landschaft &#8211; leider auch au\u00dferordentlich appetitanregend. Und so beginnt die Reise in einem Restaurant in der N\u00e4he der Unterkunft im Calvados.<\/p>\n<p>Es ist das erstbeste Lokal, auf das wir gesto\u00dfen sind. Ein einfaches Restaurant in einem der typisch normannischen Fachwerkh\u00e4user. Nat\u00fcrlich, wir h\u00e4tten auch zu Hause recherchieren und einen Tisch in einem gut bewerteten Restaurant reservieren k\u00f6nnen. Aber wir m\u00f6chten wie jeder, der Spontaneit\u00e4t dem Termindruck vorzieht, lieber das Schicksal spielen lassen und keine weiten Wege mehr zur\u00fccklegen. Hinter den Glasfenstern hockt eine dicht zusammengedr\u00e4ngte G\u00e4steschar, die sich augenscheinlich fr\u00f6hlich \u00fcber das Essen hermacht. Also nichts wie rein!<\/p>\n<p>Wir nehmen Platz an einem der kleinen Tische und sitzen auf kleinen St\u00fchlen mit einer Sitzfl\u00e4che aus Bastgeflecht und einer rechtwinkligen R\u00fcckenlehne, die die franz\u00f6sische Gastronomie wohl in einem gro\u00dfangelegten Feldzug zu Zigtausenden erobert haben muss. Nach einer halben Stunde setzen R\u00fcckenschmerzen ein, und dann stirbt auch noch das Ges\u00e4\u00df ab.<\/p>\n<h2>Sehnsucht der Ferieng\u00e4ste bleibt unerf\u00fcllt<\/h2>\n<p>Bleibt das Essen: Es wird durch normannische Einsprengsel aufgelockert &#8211; ein wenig Apfel und Cidre hier, ein bisschen Cr\u00e8me fra\u00eeche dort und auch ein eisgek\u00fchltes K\u00e4se-Trio aus der Region. Aber das Ganze ist so lieblos, so austauschbar und vollkommen uninspiriert, dass die wahren Gef\u00fchle auf der Strecke bleiben: n\u00e4mlich sich als Gast willkommen zu f\u00fchlen und zu sp\u00fcren, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort bei den richtigen Leuten ist. Dass unser Lokal im Fachf\u00fchrer Guide Michelin als \u201etraditionell, klassisch und normannisch\u201c empfohlen wird, wie wir sp\u00e4ter sehen werden, erscheint fast als zynisch und zeigt, wie weit das Bewusstsein f\u00fcr Authentizit\u00e4t erodiert ist.<\/p>\n<p>Dieses Erlebnis bleibt leider kein Einzelfall, sondern wird zur Urlaubsroutine &#8211; ganz egal, ob in D\u00f6rfern, St\u00e4dten oder in den gut besuchten Seeb\u00e4dern. In Letzteren ist es eine ganz besondere Herausforderung, einen halbwegs guten Fisch zu bekommen. Denn der Versuchsaufbau, Fisch in Meeresn\u00e4he anzubieten, bietet allerlei Gelegenheit, die Sehnsucht der Ferieng\u00e4ste nach regionaler Identit\u00e4t auszunutzen und den Preis f\u00fcr Fischgerichte in die H\u00f6he zu treiben, ohne eine entsprechende Gegenleistung zu bieten.<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Unsere Makrelen sind verkohlt, der Kabeljau ausdruckslos und der Rochenfl\u00fcgel matschig-verkocht. Und die Weingl\u00e4ser? Kleine, sto\u00dffeste Pressgl\u00e4ser mit winzigen Kelchen, die wohl auch einen Sturz vom Eiffelturm \u00fcberstehen w\u00fcrden. Ein Rundgang entlang der Restaurantpromenade mit Studium der Speisekarten zeigt, dass diese Eindr\u00fccke die Regel sind und das allgemeine Niveau repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<h2>Beharrungsmentalit\u00e4t der franz\u00f6sischen K\u00fcche<\/h2>\n<p>Die Normandie, einer der Markenbotschafter des kulinarischen Mythos Frankreichs, ist wohl nicht mehr in der Lage, die eigenen Grundprodukte rund um K\u00e4se, Butter, Cr\u00e8me fra\u00eeche, um Wurstwaren, \u00c4pfel, Cidre, Calvados, Fisch und Meeresfr\u00fcchte auf einem akzeptablen gastronomischen Niveau zu pr\u00e4sentieren. Hinzu kommt, dass die Beharrungsmentalit\u00e4t in der franz\u00f6sischen Gastronomie scheinbar immer noch oberste Maxime ist &#8211; aber genau das f\u00fchrt zu Stillstand in Form und Inhalt. Kann es sein, dass sie ihren G\u00e4sten keinen Bonus mehr gew\u00e4hrt, bei der Frage, ob man in Frankreich besser isst als anderswo?<\/p>\n<p>Vielleicht liegt es auch an der Selbstwahrnehmung einer Nation, in der der \u201eRepas gastronomique des Fran\u00e7ais\u201c seit 2010 von sich in Anspruch nimmt, zum immateriellen Weltkulturerbe zu z\u00e4hlen. Dabei sind gerade die Leistungen des wichtigen gastronomischen Mittelbaus entt\u00e4uschend, denn sie haben eine allgemeine Aussagekraft im Gegensatz zu Fast Food und Haute Cuisine.<\/p>\n<p>Das gastronomische Urlaubsdilemma der Normandie haben wir schlie\u00dflich auf andere Weise gel\u00f6st und uns f\u00fcr gro\u00dfz\u00fcgige Picknicks mit Blick auf die Streuobstwiesen oder auf Mont Saint-Michel eingedeckt mit Austern, Camembert, Pont-l\u2019\u00c9v\u00eaque, Livarot, mit P\u00e2t\u00e9, W\u00fcrsten und Bratenst\u00fccken, mit Tartelettes und Cidre. Denn zum Gl\u00fcck gibt es praktisch in jedem kleinen Ort einen exzellenten Traiteur, eine Boucherie und eine P\u00e2tisserie. Das ist immerhin eine wahre St\u00e4rke dieser Region.<\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/essen-trinken\/kulinarische-erkundungen-und-wie-war-der-urlaub-12595871.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/essen-trinken\/kulinarische-erkundungen-und-wie-war-der-urlaub-12595871.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Kulinarik-Autoren, zwei Reisen an gastronomisch bedeutende Orte. 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