{"id":17876,"date":"2013-10-16T14:13:29","date_gmt":"2013-10-16T14:13:29","guid":{"rendered":"http:\/\/de.newseurope.info\/?p=17876"},"modified":"2013-10-16T14:13:29","modified_gmt":"2013-10-16T14:13:29","slug":"die-meisten-menschen-haben-keine-phantasie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/de.newseurope.info\/?p=17876","title":{"rendered":"\u201eDie meisten Menschen haben keine Phantasie\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Eveline Hall, 68, ist eines der gefragtesten deutschen Models. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber den Laufsteg, Elvis, Angela Merkel, lange Beine, j\u00fcngere M\u00e4nner &#8211; und ihre Mutter, mit der Hall zusammenlebt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p class=\"First\">Eveline Hall ist eine Erscheinung: schwarze taillierte Lederjacke, lange silbergraue Haare, stechender Blick. Dazu kommt dieses Mundwerk. \u201eNicht alle werden mich sympathisch finden\u201c, verspricht die 68 Jahre alte Hamburgerin. Ihr Starrsinn f\u00fchrte sie als junge T\u00e4nzerin ans Thalia-Theater, in den sechziger Jahren zog sie als Showgirl nach Las Vegas, als Schauspielerin stand sie in den achtziger Jahren auf B\u00fchnen in Hamburg und Basel. Und nun das: Sie ist Deutschlands bekanntestes \u00e4lteres Model, ist auf der Berliner Fashion Week gelaufen und arbeitet mit Leuten wie dem Starfotografen Peter Lindbergh zusammen. Gerade hat sie \u00fcber ihr Zickzackleben ein Buch geschrieben.<\/p>\n<p><strong>Frau Hall, im Januar 2011 hat der Modedesigner Michael Michalsky Sie mit 65 auf den Laufsteg geschickt \u2013 zugleich der Start Ihrer Karriere als Model. Wer hat mehr gewagt: Sie oder er?<\/strong><\/p>\n<p>Er hatte nichts zu verlieren, ich alles. Wenn ich hingefallen w\u00e4re, h\u00e4tten die Zuschauer gefragt: Muss man eine \u00e4ltere Frau nehmen? Ich wusste das und hatte eine wahnsinnige Angst.<\/p>\n<p><strong>Sie haben doch schon in den siebziger Jahren gemodelt.<\/strong><\/p>\n<p>In getanzten Modenschauen, wesentlich interessanter. Da konnte ich mich als T\u00e4nzerin einbringen. Bei der Michalsky-Schau war das untersagt. Liniengetreu sollten wir den Catwalk entlanggehen, dauernd bekam ich Anweisungen.<\/p>\n<p><strong>Wie lauteten die?<\/strong><\/p>\n<p>Streng nach vorne gucken, ein Blick in die Kamera, umdrehen. Fisimatenten, wie der Berliner so sagt, h\u00e4tte man sich nicht leisten k\u00f6nnen. Ich kam mir pl\u00f6tzlich wie der erste Mensch vor, als sollte ich wieder laufen lernen. Dann bin ich rausgegangen, und in diesem Moment muss mich wohl der Hafer gestochen haben.<\/p>\n<p><strong>Sie haben ins Publikum geguckt, den Mund zum Kuss gespitzt, die H\u00fcften spielen lassen, im Grunde eine Ein-Minuten-Show.<\/strong><\/p>\n<p>Das wundert mich selbst im Nachhinein. Da kamen pl\u00f6tzlich alle meine Erfahrungen als Schauspielerin und T\u00e4nzerin zusammen &#8211; als h\u00e4tte mich eine Fee gestreichelt. Als die backstage gesehen haben, was f\u00fcr ein Erfolg das war, haben sie sich gefreut. Machen wir uns nichts vor: W\u00e4re das eine Pleite gewesen, h\u00e4tten sie mit Kritik um sich geschossen.<\/p>\n<p>        \t                        \t<!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/-->    <\/p>\n<p><strong>Klaus Wowereit nannte Sie nach der Schau \u201eunheimlich attraktiv\u201c. F\u00fchlten Sie sich so?<\/strong><\/p>\n<p>Nein. In dem Moment fand ich mich nicht sch\u00f6n, weil ich nicht ich war, sondern verformt in eine andere Person. Ich trage meine langen Haare gern offen, f\u00fcr die Schau musste ich sie mit einem Zopf oben zusammenraffen. Das war fast indianerhaft. Ich hatte nicht das Gef\u00fchl, ich habe nach 40 Jahren endlich meine Frisur entdeckt.<\/p>\n<p><strong>Wie fanden Sie die Kleidung, die Sie trugen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich lief in Stiefeln und einem kleinen Kombinationskleid, das sah ein bisschen wie ein Kost\u00fcm aus. Es fiel sehr locker, deshalb w\u00fcrde ich es mir nie kaufen &#8211; weil ich eine andere Statur habe: eine schmale Taille und endlos lange Beine. Etwas f\u00fclligere Frauen k\u00f6nnen das besser tragen. Nicht weil sie kaschieren m\u00fcssen, sondern weil es in der Proportion des K\u00f6rpers anders f\u00e4llt.<\/p>\n<p><strong>Sagen Sie das auch den Modesch\u00f6pfern?<\/strong><\/p>\n<p>\u201eVerzeihen Sie bitte, das sieht so furchtbar aus, das kann ich leider gar nicht tragen\u201c? &#8211; Nein, das w\u00e4re unprofessionell. Ich verk\u00f6rpere das, was mir aufgetragen wird. Bei Shootings ist das anders. Da gibt es ein Reservoir an Klamotten. Im Notfall kann ich zum Stylisten sagen: \u201ePass mal auf, nimm doch die andere Bluse, in der hier sehe ich aus wie ein nackter Lappen.\u201c<\/p>\n<p><strong>In Ihrem Buch schreiben Sie, Modenschauen seien heute karger. Wie sah eine Schau 1973 aus?<\/strong><\/p>\n<p>Da waren die Rhythmen ganz anders, Barry White, sp\u00e4ter Boney M. Wir Models trafen uns Tage vorher, \u00fcbten vorher die Choreographien, hatten Spickzettel, wer wann wo auftrat. Wir feuerten uns an: Toi, toi, toi, hoffentlich vergeigst du das nicht! Raus auf die B\u00fchne, Mensch, jetzt mache ich den Mantel noch mal auf, drehe mich und lege los. Heute darfst du gar nicht loslegen. Das ist was f\u00fcr Dussels. Rein, raus, derselbe Weg.<\/p>\n<p><strong>Ein Zeichen der Zeit?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Sie so wollen, ist Modeln ein schnelllebiges Ding geworden. Die M\u00e4dchen bekommen keine M\u00f6glichkeit mehr, Pers\u00f6nlichkeiten zu entwickeln. Nicht so wie die Models in den fr\u00fchen neunziger Jahren: Naomi, die Schiffer und die Moss.<\/p>\n<p><strong>Es wachsen keine jungen Supermodels nach?<\/strong><\/p>\n<p>Genau. Ist im Theater \u00fcbrigens dasselbe. Jutta Lampe, Conny Froboess, die m\u00fcssten einen \u201eTatort\u201c spielen, damit die Menschen sie wieder wahrnehmen. Nicht mal ich w\u00fcrde das machen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben in den Achtzigern viel Theater gespielt. W\u00e4re Ihnen lieber, Sie w\u00e4ren als Schauspielerin bekannt und nicht als Model?<\/strong><\/p>\n<p>Das h\u00e4tte nicht passieren k\u00f6nnen. Ich war ja davor nicht in Kyritz an der Knatter, sondern habe als T\u00e4nzerin am Thalia-Theater angefangen, sp\u00e4ter ging ich zum Lido nach Las Vegas. Erst wieder zur\u00fcck in Hamburg, mit 32, habe ich meine erste Schauspielstunde genommen. Nie h\u00e4tte ich gedacht, dass ich darauf eine Karriere gr\u00fcnde. Ich wollte einen Beruf auf der B\u00fchne aus\u00fcben anstatt eines Verwaltungspostens.<\/p>\n<p><strong>Sie sind eine Rampensau?<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht, ja. Nur, nicht jeder versteht solche Spr\u00fcnge, wie ich sie gemacht habe.<\/p>\n<p><strong>Am Basler Theater haben Ihnen die Kollegen die zweite Karriere missg\u00f6nnt.<\/strong><\/p>\n<p>Das hat mir zu schaffen gehabt. Ist doch so ein toller Job. Morgens proben, abends auf der B\u00fchne, man ist so eng beieinander. Wenn man dann allein nach Hause geht, weil du einfach den Kontakt nicht findest, ist das unsch\u00f6n. Die Hupfdohle aus Las Vegas haben sie mich genannt. Das hat mir weh getan.<\/p>\n<p><strong>Finden Sie mehr Zuneigung in der Modewelt?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz sicher. Da erlebe ich eine Hochachtung. Junge M\u00e4dchen wie Toni Garrn schreiben zauberhafte Sachen: \u201eIch w\u00fcrde im Alter gern so aussehen wie du.\u201c Da geht bei mir der Vorhang auf. Ich wei\u00df, dass viele Frauen um die 50 in meinen Agenturen anrufen und da hinwollen, wo ich bin. H\u00e4tte ich meiner tollen Mama vor ein paar Jahren beim Fr\u00fchst\u00fcck gesagt: \u201eDu, ich habe eine tolle Idee, ich will mal modeln!\u201c Dann h\u00e4tte sie geantwortet . . .<\/p>\n<p><strong>\u201eP\u00fcppi, du bist verr\u00fcckt!\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Und das w\u00e4re noch vorsichtig ausgedr\u00fcckt. Sie h\u00e4tte mich eingesperrt und geglaubt, jetzt sei es um mich geschehen. Es ist mir passiert, und das finde ich toll.<\/p>\n<p><strong>Wie sah Ihre Lebensplanung zu dem Zeitpunkt eigentlich aus?<\/strong><\/p>\n<p>Es gab keine. Ich bin damals nach Hause zur\u00fcckgekehrt, weil mein Bruder sich das Leben genommen hat und ich meine Mutter nicht allein lassen wollte. Sehen Sie, davor habe ich in einer sch\u00f6nen gro\u00dfen Wohnung in Montmartre und dann in Aix-en-Provence gewohnt. Ich sag doch nicht: \u201eAch, adieu, Paris, jetzt ziehe ich in die 65-Quadratmeter-Wohnung mit meiner Mutter.\u201c Mein damaliger Freund wollte Kinder, ich konnte sie ihm nicht geben, ich habe ihm gesagt: \u201eSerge, es passt ganz gut. Ich muss zu Mami, du willst eine Familie gr\u00fcnden, das kannst du mit mir nicht, ich will nicht, dass du mir das eines Tages vorwirfst.\u201c Es f\u00fcgte sich. Mit meiner Mutter habe ich eine Freundschaft aufgebaut, die wir vorher nicht hatten. Sie war nur mit \u00e4lteren Leuten zusammen, die habe ich alle entsorgt.<\/p>\n<p><strong>Sie meinen, ihre Freunde?<\/strong><\/p>\n<p>Die redeten nur \u00fcber Krankheiten. Ich bin dazwischengegangen, diese Menschen haben uns nicht atmen lassen, die erz\u00e4hlten nur, wer wof\u00fcr welche Pille genommen hat. Im Moment f\u00fchlt es sich an, als ob wir das Leben einer 20-J\u00e4hrigen und einer 50-J\u00e4hrigen f\u00fchren. Ich kann ihr so viel erz\u00e4hlen, letzten Monat Paris, Amerika, wie ich mit Peter Lindberg gearbeitet habe . . .<\/p>\n<p><strong>Oder aus Ihrer Zeit in Las Vegas, als Sie Elvis Presley trafen.<\/strong><\/p>\n<p>Vegas war eine kleine Stadt mit lauter Stars. Die kamen zu uns, wir gingen zu ihnen, Karten brauchten wir nicht zu zahlen. An meinem freien Tag hat meine Freundin Tickets organisiert, die war mit Elvis zusammen. Danach sind wir hinter die B\u00fchne gegangen. Elvis sprach viel von seiner Mutter, die war ihm wichtig. Er war fast sch\u00fcchtern. Wir haben \u00fcber \u201eMuss i denn zum St\u00e4dele hinaus\u201c geredet, das kannte er aus seiner Zeit in Deutschland. Er sagte: \u201eMy goodness, I remember.\u201c<\/p>\n<p><strong>Mit all diesen Erfahrungen im Kopf, erkennen Sie sich da in gleichaltrigen Menschen auf der Stra\u00dfe wieder?<\/strong><\/p>\n<p>Nee, nat\u00fcrlich nicht. Ich finde, die meisten Menschen haben keine Phantasie.<\/p>\n<p><strong>In Deutschland?<\/strong><\/p>\n<p>Ganz besonders. Das f\u00e4ngt schon bei der Jugend an. Stellen Sie sich vor, ich h\u00e4tte eine Tochter, die w\u00fcrde verschwinden und ich ginge dann zur Polizei, um eine Vermisstenmeldung aufzugeben. \u201eLange blonde Haare, tr\u00e4gt Leggings, Turnschuhe, einen Rucksack und eine Windjacke von North Face.\u201c Da sagt doch der Polizist: \u201eHm, das wird schwer, die sehen alle so aus.\u201c Das liegt auch daran, dass es fr\u00fcher an der Ecke einen Laden gab, wo Menschen individuell Sachen ausgesucht oder gemacht haben. Heute muss ich nach Italien oder Frankreich, um etwas zu sehen, was es nicht in den gro\u00dfen Ketten gibt.<\/p>\n<p><strong>Ist das ein Grund, warum Sie jetzt eine Modelinie gr\u00fcnden?<\/strong><\/p>\n<p>Absolut. Ich bin keine Designerin, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich habe gelernt, wie man Dinge gut zusammenstellt. Michael Walter aus Hamburg hilft mir dabei. Er hat viel f\u00fcr Shows entworfen, ein bisschen wie im Lido fr\u00fcher, mit viel Strass. Ich habe ihm aufgezeichnet, was ich haben m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>So wie jetzt auf einer Serviette?<\/strong><\/p>\n<p>Jaja, ganz dilettantisch. Ein schwarzes Silhouettenkleid, was ich auch nach 24 Stunden im Flugzeug auspacken kann, und es sitzt. Da hat Lagerfeld recht: Wenn jemand kein Geld hat und schick aussehen will, muss er schwarz tragen.<\/p>\n<p><strong>Gilt das auch f\u00fcr Angela Merkel?<\/strong><\/p>\n<p>Angela ist richtig angezogen. Ich liebe sie. Die interessiert nicht, was die Zeitungen \u00fcber ihren Stil schreiben. Eine Sekunde stellt man sich vielleicht die Frage: Hm, h\u00e4tte sie nicht lieber . . .? Aber dann spricht sie, und schon ist das weg. Sie kann aus ihrer Figur nicht mehr rausholen. Warum sollte sie einen kleinen G\u00fcrtel umbinden? Um jemandem zu gefallen? Das finde ich ganz falsch. Ich will ja nicht, dass Menschen sich verbiegen, Juliette Greco, Edith Piaf, die haben sich auch nicht verwurschteln lassen und jedes Mal was anderes mit ihrem Aussehen ausprobiert.<\/p>\n<p><strong>Im Gegensatz zu Popstars wie Madonna und Lady Gaga.<\/strong><\/p>\n<p>Sie sind nicht wie Celine Dion, die kann noch nackt mit einer Feder im Haar besser singen. Ich w\u00fcrde Madonna als T\u00e4nzerin einen Klaps auf den Po geben: \u201eS\u00fc\u00dfe, du siehst jetzt schlimm aus.\u201c Sich in den F\u00fcnfzigern Muskeln anzutrainieren, das wird ein Desaster. Ich habe mal ein Foto von Schwarzenegger mit seiner Familie am Strand gesehen. Nur noch Wabbel. Diese Muskulatur ist unnat\u00fcrlich, nicht das, was der K\u00f6rper will. Er will aktiviert werden, aber nicht so.<\/p>\n<p><strong>Sie benutzen keine Faltencreme, rauchen nicht, machen jeden Tag Sport und bevorzugen j\u00fcngere M\u00e4nner. Das aktiviert Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Oh Gott, sind Sie gemein! J\u00fcngere M\u00e4nner doch nur, weil sich das bis jetzt so ergeben hat. Sie kamen zu mir, ich habe sie nicht gesucht. Ich lege Wert auf sportliche Menschen, ackere jeden Tag, und dann kommt einer mit dem Wabbelbauch? Nein. Wenn mir ein Richard Gere begegnen w\u00fcrde, der ist etwa mein Alter, bitte gern. Von der Sorte gibt es aber wenige.<\/p>\n<p>        \t                        \t<!--\/\/ End Fullscreen Foto \/\/--><\/p>\n<div class=\"source\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/eveline-hall-im-gespraech-die-meisten-menschen-haben-keine-phantasie-12615514.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/lebensstil\/mode-design\/eveline-hall-im-gespraech-die-meisten-menschen-haben-keine-phantasie-12615514.html<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eveline Hall, 68, ist eines der gefragtesten deutschen Models. 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