Elektroschrott: Deutsche horten immer mehr Althandys

Published 16/04/2020 in Digitec, Wirtschaft

Elektroschrott: Deutsche horten immer mehr Althandys
Viele Menschen in Deutschland bewahren ihre alten Handys auf.

Jeder Deutsche hat im Schnitt 2,5 Handys oder Smartphones – aber nicht im aktuellen Einsatz, sondern ungenutzt in der Schublade oder im Schrank liegen. Das geht aus Zahlen hervor, die der Digitalverband Bitkom erhoben hat. Aus einer Umfrage und darauf basierenden Berechnungen horten die Bundesbürger insgesamt 199,3 Millionen Geräte. Das sind doppelt so viele wie vor fünf Jahren. 2010 waren es erst 72 Millionen alte Mobiltelefone, die ungenutzt herumlagen, 2018 schon 124 Millionen. Die Tendenz weist also kräftig nach oben. Aktuell besitzen dem Bitkom zufolge 85 Prozent der Deutschen mindestens ein unbenutztes Handy oder Smartphone. Bei 31 Prozent sind es zwei und bei 51 Prozent sogar drei oder mehr ausrangierte Mobiltelefone.

Die hohen Zahlen sind nachvollziehbar, wenn man die schnellen Nachkaufzyklen für Smartphones betrachtet. Die Lebensdauer der Geräte – genauer: der Zeitraum der Erstnutzung – ist in der vergangenen Zeit zwar etwas gestiegen. Er liegt aber im Schnitt bei gerade etwas mehr als zwei Jahren. „In den seltensten Fällen werden Smartphones wegen eines Defekts ersetzt. Viele Menschen kaufen sich ein neues Smartphone, um verbesserte und erweiterte Funktionen zu nutzen, und heben ihr altes Gerät für den Fall der Fälle auf“, sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder.

Dieses Horten ist der Industrie jedoch ein Dorn im Auge. „Die Altgeräte enthalten eine Vielzahl an wertvollen Materialien, darunter hochwertige Rohstoffe und Seltene Erden“, erläutert Rohleder. Deren Förderung gilt als energie- und ressourcenintensiv, kommt die Hersteller also teuer. Umso mehr setzen sie auf die ungenutzten Geräte. Die sollten möglichst wiederverwendet oder fachgerecht verwertet werden, sagt Rohleder. Das tun zwar viele Besitzer, aber längst nicht alle. Fast zwei Drittel geben an, schon einmal ein Handy oder Smartphone entsorgt oder verkauft zu haben. Mehr als jeder Fünfte hebt dagegen seine alten Geräte ausnahmslos auf. Die Übrigen nutzen ihr Mobilgerät aktuell noch oder besitzen generell keines.

Warum bleiben nun so viele Geräte zuhause liegen?

Häufig kommen hier mehrere Gründe zusammen. Jeder zweite will demnach ein Ersatzgerät zur Verfügung haben, falls das neue Telefon kaputtgeht. Mehr als ein Drittel plagt die Sorge, dass die Daten auf dem alten Handy gestohlen werden könnten, und ebenfalls mehr als einem Drittel ist der Aufwand für dessen Entsorgung oder Verkauf zu groß. Knapp jeder Vierte hält die Sicherung von Fotos und Daten an einem anderen Ort für zu kompliziert. Und fast jeder Fünfte weiß nach eigenen Angaben nicht, wie man alte Handys oder Smartphones richtig entsorgt.

Der Bitkom versucht sich an Aufklärung: Wie alle anderen Elektrogeräte könnten auch Mobiltelefone über Recyclinghöfe entsorgt werden. Die großen Netzbetreiber sowie Hersteller und Händler nähmen die Geräte ebenfalls zurück. „Auf keinen Fall dürften sie in den Hausmüll geworfen werden“, warnt Bitkom-Vertreter Rohleder. Ein Prozent gab an, das schon einmal getan zu haben. 5 Prozent haben ihr Gerät gespendet und 25 Prozent haben es verschenkt. Viele verdienen aber auch noch Geld damit. Jeder Zweite, der schon einmal ein altes Gerät ausrangiert hat, hat es an eine Privatperson verkauft – und 9 Prozent an einen professionellen Händler. Die langen Listen gebrauchter Geräte auf Internetportalen legen davon Zeugnis ab. Wer etwa den Begriff Smartphone auf Ebay eingibt, erhält fast 50.000 Treffer zurück.

In Sachen Entsorgung beziehungsweise Verkauf hat die Bitkom-Umfrage erhebliche Datenschutz-Defizite enthüllt. 91 Prozent haben demnach zwar zuvor Maßnahmen zur Datensicherung unternommen: 80 Prozent entfernten die Sim-Karte, 57 Prozent speicherten ihre Handydaten woanders. Gerade 29 Prozent setzten jedoch das Gerät auf die Werkseinstellungen zurück. Damit ist die Gefahr verbunden, dass Käufer grundsätzlich auf die Daten des Vorbesitzers zugreifen können.

Vor einer Weiter- oder Rückgabe sollten Nutzer private Daten wie das Adressbuch, Nutzerprofile von sozialen Netzwerken, Online-Banking-Zugänge oder auch Fotos und Videoclips löschen, warnt der Digitalverband. Am einfachsten sei es, alle Nutzerdaten des Telefons über Menüfunktionen wie „Zurücksetzen des Gerätes“ komplett zu löschen. Zuvor sollte das Gerät, wenn möglich, verschlüsselt werden. Bei neueren Smartphones sei dies schon voreingestellt, bei älteren Geräten lasse sich die Verschlüsselung im Menü nachholen. Und auch die SD-Karte solle man bitte nicht vergessen, mahnen die Fachleute.

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