Konjunkturindikator: Die Autoflaute trifft die Zeitarbeitsbranche

Published 16/12/2019 in Unternehmen, Wirtschaft

Konjunkturindikator: Die Autoflaute trifft die Zeitarbeitsbranche
Arbeiter schweißen an einer Karosserie im Mercedes-Benz-Werks im Industriepark Jessipowo bei Moskau.

Schon jetzt bauen Autohersteller und Zulieferer Zeitarbeitskräfte ab – und jeder zweite Personaldienstleister erwartet eine weiter fallende Nachfrage.

Trotz aller schlechten Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft baut Deutschland weiter Beschäftigung auf. Nur in einer Branche gilt das nicht: der Zeitarbeit. Aufgrund ihrer klassischen Rolle als Flexibilitätspuffer bekommen es Zeitarbeitskräfte oft als erstes zu spüren, wenn die Konjunktur schwächelt. Aktuell trifft sie vor allem die schwierige Lage der deutschen Automobilindustrie. In den vergangenen Monaten haben mehrere Hersteller und Zulieferer angekündigt, Stellen abbauen zu wollen, und diese Pläne treffen zuerst die Leiharbeitskräfte.

Beispiel Daimler: Ende November kündigte der Stuttgarter Autohersteller an, bis Ende des Jahres 2022 rund um die Welt mindestens 10.000 von insgesamt rund 299.000 Arbeitsplätzen zu streichen. Als eine der ersten Maßnahmen sollen auslaufende Verträge von Zeitarbeitskräften in der Verwaltung „nur noch sehr restriktiv“ verlängert werden, hieß es in einer Mitteilung. Beispiel Volkswagen: Die Kernmarke des Wolfsburger Autokonzerns beschäftigt nach eigenen Angaben gut 2000 Zeitarbeitnehmer. Ein Großteil davon arbeite in der Produktion oder produktionsnahen Unternehmensteilen, sagt ein Sprecher. Wie viele es früher waren, lässt er offen.

Immerhin: „Wir haben die Zahl der Leiharbeitskräfte in den vergangenen Jahren stark reduziert“, heißt es von Volkswagen. Der BMW-Konzern wiederum will keine konkreten Zahlen nennen. BMW setze Zeitarbeit ein, um vor allem in der Produktion flexibel auf die sich ändernde Nachfrage reagieren zu können, heißt es von dem Münchner Unternehmen lediglich. Daher unterliege die Zahl der Zeitarbeitskräfte ohnehin starken Schwankungen und könne nicht beziffert werden, weil die Zahlen nur eine kurze Zeit lang Aussagekraft hätten.

Schärfere Regulierung

In welcher Größenordnung Zeitarbeitskräfte in der Autoindustrie abgemeldet werden, lässt sich deshalb kaum beziffern. Weder der Arbeitgeberverband Gesamtmetall noch die beiden großen Zeitarbeitsverbände haben darüber einen Überblick. Manchmal sickern aber doch konkrete Zahlen durch. So war im Sommer bekannt geworden, dass Daimler die Verträge von knapp 690 Zeitarbeitskräften in seinem Stammwerk in Stuttgart-Untertürkheim auslaufen lässt. Für Zeitarbeitsunternehmen, die von wenigen, großen Kunden abhängig sind – oder auch nur einem einzelnen – kann so eine Entscheidung schnell existenzbedrohend werden.

Die Entwicklung könnte noch eine Weile anhalten. Jedes zweite Zeitarbeitsunternehmen rechnet damit, dass die Nachfrage der Autoindustrie nach Leiharbeitern im ersten Halbjahr nächsten Jahres weiter zurückgeht, wie eine Umfrage der Marktforschungsgesellschaft Lünendonk zeigt, die der F.A.Z. vorab vorliegt. Unter den 25 größten Zeitarbeitsunternehmen rechnen sogar 71 Prozent damit. Auch im Maschinenbau, der Metall- und der Elektroindustrie erwarten sie einen sinkenden Bedarf. Von einer steigenden Nachfrage gehen sie hingegen im Gesundheitswesen, dem Handwerk und der Logistik aus.

Die 608 befragten Zeitarbeitsunternehmen rechnen dementsprechend auch mit einem Rückgang des Marktvolumens um gut 4 Prozent. Dafür gibt es neben der schwächelnden Industrie allerdings noch einen weiteren Grund: die schärfere Regulierung der Zeitarbeit, die vor etwas mehr als zwei Jahren in Kraft trat. Zeitarbeitskräfte müssen nun nach neun Monaten Einsatzzeit im Betrieb genauso entlohnt werden wie vergleichbare Stammarbeitskräfte und dürfen in der Regel zudem nur noch 18 Monate im gleichen Betrieb eingesetzt sein. Vor allem Letzteres ist aus Sicht der befragten Zeitarbeitsunternehmen für sie ein großes Hindernis – kaum ein Thema treibt die Branche so sehr um.

Weiterhin gute Lohnentwicklung

Beides zusammen – eine schwächelnde Konjunktur und die jüngste Regulierung – ist der Bundesagentur für Arbeit zufolge der Grund dafür, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Leiharbeitnehmer in Deutschland nun schon seit einer Weile klar rückläufig ist. Im September waren es rund 753.000 und damit 10,5 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Zwar gehen die von Lünendonk befragten Zeitarbeitsunternehmen davon aus, dass die Zahl der Leiharbeitnehmer im ersten Quartal kommenden Jahres weiter sinken wird. Zugleich verspüren sie aber eine steigende Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften. „Insbesondere der Mangel an Fachkräften und der demographische Wandel treiben den Personalbedarf“, sagt Marktbeobachter Thomas Ball von Lünendonk. Die schwache Industriekonjunktur werde daher durch andere Branchen weitgehend kompensiert. Hinzu kommt, dass hochspezialisierte IT-Fachleute oder Ingenieure bei den Kunden heute häufig nicht mehr als Selbständige eingesetzt werden, sondern wegen der größeren Rechtssicherheit im Rahmen der Arbeitnehmerüberlassung. Darüber hinaus schlägt sich auch die weiterhin gute Lohnentwicklung positiv in den Umsätzen der Zeitarbeitsunternehmen nieder.

So kommt es, dass die deutschen Zeitarbeitsunternehmen für 2020 unter dem Strich einen nur leichten Rückgang des Umsatzes erwarten. Allerdings rechnet ein Teil der befragten Unternehmen auch mit einer Steigerung des eigenen Umsatzes.

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